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Full text of "Die Textgeschichte der Griechischen Bukoliker"

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Die 

Textgeschich... 
der 

Griechischen 
Bukoliker 



Ulrich von 
Wilamowitz-Moel 



ASHMOLEAN LIBRARY 
OXFORD 

Ex Libris 
EDUARD FRAENKEL 
Corpus Christi Professor of Latin, 1935-53 

1970 



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p 



PHILOLOGISCHE 

UNTERSUCHUNGEN 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

A. KIESSLING und U. v. W1LAM0WITZ-M0ELLEND0RFF. 



ACHTZEHNTES HEFT: 

DIE TEXTGESCHICHTE 

DER 

GRIECHISCHEN BUKOLIKER. 



BERLIN 
WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG. 
1906. 

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DIE TEXTGESCHICHTE 

DER 

GRIECHISCHEN BUKOLIKER 

VON 

ULRICH VON WILAMOWITZ-MOELLENPORFF. 



BERLIN 

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG. 
1906. 



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FRANZ BUECHELER 

in herzlicher Verehrung 
gewidmet. 



Vorwort. 



In dem ersten Hefte dieser Untersuchungen habe ich eins 
unter dem Titel "Theokritos von Kos" in Aussicht gestellt. Das 
war vor 25 Jahren, als ich mich zuerst in die hellenistische Poesie 
hineingearbeitet hatte und in meinen Vorlesungen vielerlei vor- 
trug was ich gefunden hatte oder auch in jugendlicher Über- 
eilung mir einbildete gefunden zu haben; von beidem ist dann 
manches durch andere fortgebildet worden. Auch der Theokht 
von Kos gehörte zum Teil zu den Täuschungen. Denn so richtig 
es war, den Dichter in seiner poetischen Tätigkeit von Sizilien 
zu lösen, so irrig war die Leugnung seiner Herkunft und die 
Annahme eines koischen Dichterbundes. Ich habe mittlerweile 
durch den Nachweis der Koer Philinos und Aratos und die An- 
knüpfung auch der bukolischen Mimen an Sophron, also an 
Literatur, nicht an das Leben oder gar den Kultus, diese Fehler r : 
gesühnt. 

Dafs ich damals sowohl jenes Buch wie eine Ausgabe des 
Theokrit vorhatte, dankte ich der geistigen Arbeitsgemeinschaft 
mit Georg Kaibel, der den Alexandrinern schon früher unter 
Führung Büchelers intensives Studium zugewandt hatte und nun 
nicht nur parallel mit mir seine Forschung trieb, sondern meine 
Textkonstitution ebenso wie meine literarischen Konstruktionen 
prüfte. Falls er früher selbst au eine Ausgabe des Theokrit 
gedacht haben sollte, so stand es nun fest, dafs sie mir zufiel: 
ich besitze noch meine Abschriften mehrerer Gedichte, die ich 
mit dem Apparat für ihn angefertigt hatte, samt seiner Kritik. 
Er wollte dagegen die Epigrammatik der Tyrier, wie er sie 



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VIII 



Vorwort. 



nannte, Antipater von Sidon bis Philodem, behandeln, nicht ohne 
auch die gleichzeitige phoinikische Rhetorik heranzuziehen, die 
uns Berührungen zu bieten schien ; das war das Komplement zu 
den Ausläufern der Bukolik, die wir zutreffend beurteilten. 

Wir sind beide dann auf andere Arbeiten geführt worden, 
haben aber auch in unserem Verkehre die hellenistische Poesie 
immer gepflegt. Dafs ich aber jetzt in anderer Form das ver- 
sprochene Heft liefere, dem die Ausgabe der Bukoliker auf dem 
Fufse folgt (sie erscheint in den Ctassical Texts der Clarendon Press 
von Oxford), danke ich doch Kaibel. Denn als sein Tod mich 
dazu führte, seine Briefe nachzulesen, in denen immer wieder die 
Mahnung stand, den Theokrit zu machen, und mir die Energie 
und die jugendliche Siegesfreude entgegentrat, mit der wir 
damals ein Feld mindestens für unser eignes Verständnis urbar 
machten, auf dem das Unkraut der Konjektur wuchern durfte, 
während die gesunden Pflanzen von den Strophenschneidern er- 
bärmlich niedergesichelt wurden, da ward mir zu Mute, als 
müfste ich dem Toten den Wunsch erfüllen, und ich habe auch 
bei der Arbeit, die mir schliefslich sehr sauer ward, als besten 
Trost das Gefühl jener Gemeinschaft der Seelen und der Liebe 
gehabt, gegen die der Tod machtlos ist. 

Das Buch sollte eigentlich nur die Textgeschichte geben, 
also die Überlieferung erklären, deren Niederschlag mein 
Text ist, und zugleich die Beschränkung des Apparates recht- 
fertigen, die erreicht zu haben mir besonders wertvoll ist. Ich 
wiederhole nicht, was ich vor meinem Kallimachos über meine 
Auffassung von der Pflicht des Verfassers kritischer Noten gesagt 
habe. Aus der Rechtfertigung bestimmter Schreibungen sind 
dann die Beilagen erwachsen, wenigstens zumeist. Dafs einzelnes 
zur Erklärung auch anderer Dinge untergelaufen ist, kann man 
vielleicht tadeln. Ein Buch über die Person und die Kunst 
Theokrits würde ich ganz anders angelegt haben ; aber das wäre 
doch niemals zustande gekommen. 

Ich werde sicherlich getadelt werden, dafs ich mich mit den 
Meinungen anderer so selten auseinandersetze und Referenzen 
nach dieser Seite kaum gebe. Selbst dem sehr fleifsigen Buche 
von Legrand gegenüber habe ich die Rechnung gar nicht auf- 



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Vorwort. 



IX 



gestellt, wie weit er das gesagt hat, was ich für richtig halte. 
Gerade er hat durch die Belastung mit diesem gelehrten und 
gelobten Beiwerke sein Buch — ich will sagen, unfranzösisch 
gemacht, was ich als Verehrer der französischen Schriftstellerei 
bedauere. Mir liegt gar nichts daran, ob ich die Wahrheit zu- 
erst sage: ich bin Platoniker und denke nur an den Aöyog, nicht 
an die X&yovreg. Aber ich will gar nicht leugnen, dafs manchem 
Leser zu wenig Zitate gegeben sein werden; nur meine ich, in 
der Zeit, die mich das Nachschlagen kosten würde, besseres 
produzieren zu können. 

Schliefslich hat mir gerade auch die Erinnerung an Kaibel 
und an sonnigere Jugendtage von neuem nahe gebracht, wie viel 
auch ich aus der Ferne dem grofsen Gelehrten verdanke, dem 
ich dies Heft zu widmen wage. Die Sprache können (und er 
kann zwei), die Stile unterscheiden, die echte Überlieferung finden 
und verteidigen, aber auch ihre Schäden erkennen und anerkennen, 
und dann die Konjektur üben, nicht nur mit den lehrbaren Hand- 
griffen des Handwerks, die freilich gelernt sein müssen, sondern aus 
der freien Kunst der nachschaffenden, aber wahrhaft schöpferi- 
schen Divination: das war die Philologie, die Kaibel bei Franz 
Bücheler gelernt hatte; er weckte in mir die Sehnsucht, unter 
dieser Zucht gestanden zu haben, die mir sehr wohl getan haben 
würde. Ich habe mich bemüht, das nachzuholen, soweit es an- 
ging; aber das Gefühl, zu einem unerreichten Meister aufsehen 
zu müssen, ist durch die Jahre nur gesteigert worden. Und so 
möge der verehrte Mann die Widmung freundlich annehmen ; ich 
kann sie auch im Namen des Freundes aussprechen, und das 
wenigstens wird ihr Wert verleihen. 

Westend 14. August 1905. 

Ulrich von Wilamo witz - Moellendorff. 



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Inhalt. 

Seite 

Textge30h.ioh.te. 1 

Theokrit 1. 3—13 6 

Theokrit 14. 2. 15—18 39 

KvvCaxas Zqoüs 39 

c&aQ/uaxtvTQiai 45 

lUüjyiäCovocti 48 

IlTolt/iaTos 51 

Xagtres 56 

'Elirtj ßl 

Bltovoj tnnatftoe 66 

Die Sammlung i I> (>9 

Die Sammlung 77 84 

Mosch os' EvQWTir) 99 

Zusammenfassung 102 

Die Überlieferung im Altertum 106 

Beilagen. 

1. Eigennamen 133 

2. Strophische Gliederung 137 

3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrit 3 151 

4. Hyla8 und Aites 174 

5. Dioskuren 182 

6. Das vierte Epigramm 199 

7. [Theokrit] i) 202 

8. Lenai 209 

9. Herakles 218 

10. Einzelne Stellen. 

a. Thyrsis 29. 30 . . • 223 

b. Thyrsis 105 -107 229 

c. 5, 73 235 

d. Zum Herakliskos 237 

e. Epitaphios Bions 16 241 

11. Zu den Technopägnicen 243 

Berichtigungen und Nachträge 251 

Register 259 



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Die Vulgata der griechischen Bukoliker stammt von Henri 
Estienne'); sein Gutdünken hat, natürlich zum Teil nach dem 
Vorgange älterer ebenso willkürlicher Herausgeber, die Reihen- 
folge und die Zählung der Gedichte und auch die Dichternamen 
im wesentlichen festgestellt, die seitdem durch die Macht der 
Gewohnheit herrschen. Nur darin ist man, wiederum aus blofsem 
Gutdünken und tatsächlich mit Unrecht, von ihm abgewichen, 
dafs man die Technopägnien fortgeworfen hat. Es versteht 
sich ganz von selbst, dafs jeder, der in dem Texte auf die 
Überlieferung zurückgeht, vor der Anordnung und den erfundenen 
Xamen nicht Halt machen kann. Rede man nicht von Rück- 
sicht auf die Bequemlichkeit: es hat sich gezeigt, dafs die Träg- 
heit, die sich von Ahrens nicht hat belehren lassen, immer noch 
z. B. das Gedicht von Herakles bei Augeias mit Theokrit in Ver- 
bindung bringt, und dafs Ausgaben des Theokrit gemacht werden, 
die zwar den Erastes enthalten, der autorlos überliefert ist, aber 
nicht den Epitaphios des Bion, der seinen Namen im Titel trägt, 
ja die wohl gar seine Syrinx ignorieren. 

Es hat eben die einzige wirklich wissenschaftliche Ausgabe, 
die mit ganz unübertrefflicher Sorgfalt und mit bewunderns- 



l ) Ich benutze die zweite Ausgabe von 1579; angebunden sind mit be- 
sonderer Paginierung poemata variontm poetarum Graeeorrtm vel (ul Theocritus 
sua voeavit) IdylUa und in Vigilianas et Nasonianas Theoeriti imitationes Obser- 
vationen II. Stephani. Die Willkür dem grofsen Manne zum Vorwurf zu 
machen, liegt mir naturlich ganz fern: es war ein Segen, dafs er den Mut 
hatte und Sträufse band, nicht wie wir Herbarien anlegte. 

Philolog. Untersuchungen. XVIII. 1 



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- 2 



wertem Scharfsinn die Überlieferung erschlofs, keineswegs den 
Erfolg gehabt, den sie verdiente. Heinrich Ludolf Ahrens war 
überhaupt ein sehr viel bedeutenderer Forscher als die meisten 
seiner dazumal bewunderten Zeitgenossen, und seine Bukoliker 
sind ihres Verfassers durchaus würdig. Gottfried Hermanns 
Bio et Moschus hatte noch eben in wahrhaft abschreckender 
Weise gezeigt, wie man es nicht machen soll. In der grofsen 
Ausgabe von Ahrens war endlich zusammengefafst was sich nach 
dankenswerten aber unvollkommenen Ansätzen für den Text 
leisten liefs; es war durch den Begründer der griechischen 
Dialektologie die grammatische Form der Dialektdichtung be- 
reinigt, und in viel höherem Grade als es von irgend jemandem 
damals auch nur angestrebt ward, war an der Hand der Scholien 
die Geschichte des Textes im Altertume verfolgt. Wenn wir 
jetzt sagen müssen, dafs eine Anzahl gerade der schönsten Ge- 
dichte durch Ahrens bis zur Unverständlichkeit verstümmelt sind, 
so hat er darin gerade dem Lieblingsirrtum seiner Zeit, der 
namentlich durch Gottfried Hermann aufgebrachten strophischen 
Gliederung, seinen Tribut gezollt. Gewifs ist schon darum eine 
neue Ausgabe des Textes notwendig (die einzige billige ist ja 
die kleine von Ahrens). Eine knappe Konstatierung der Über- 
lieferung unter dem Texte ist auch nötig: man mufs vor Augen 
haben, wie verschieden die Bezeugung in den verschiedenen 
Partieen ist, wo die Konjektur zu arbeiten hat, wo nicht. Auch 
eine Darlegung der Textgeschichte ist notwendig; die stumme 
Sprache der kundigen Recensio wird zu wenig verstanden; das 
hat Ahrens nicht minder als I. Bekker erfahren. Seine sehr viel 
später erschienenen Abhandlungen im Philologus 33 ziehen neben 
viel richtigen auch Schlüsse, die niemand billigen wird, der 
die Handschriften selbst gesehen hat, und scheinen ihrem Erfolge 
nach die Einsicht, die man aus seinem Texte gewinnen kann, eher 
zu verdunkeln als zu erhellen. Wenn ich das Nötige zu leisten 
versuche, so bekenne ich gern, dafs ich je länger desto mehr 
auf Ahrens zurückgeführt worden bin, und wo ich meine, über 
ihn hinausgelangt zu sein, ist's nicht durch das Verlassen, sondern 
durch das Verfolgen seiner Bahnen geschehen. Dafs ich nicht 
von ihm ausgegangen bin, sondern mühselig hintenherum, eigent- 



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lieh erst als ich die Handschriften selbst las, die er nie gesehen 
hat, mich zu ihm hinfand, erhöht nur die Verpflichtung, anderen 
den rechten Weg zu weisen, aber auch die, in dankbarer Ehr- 
furcht seinen Ruhm zu verkünden. 

Dafs Ahrens so wenig durchdrang, lag zum guten Teile 
daran, dafs die Ausgabe von Christoph Ziegler sich ein gänzlich 
unverdientes Ansehen erwarb, weil man in ihr eine Anzahl 
wichtiger Handschriften besser verglichen fand (obwohl Ziegler in 
Wahrheit nicht einmal sicher zu lesen verstand 1 ) und es so schien, 
als wären die mafsgebenden aus der bei Ahrens erdrückenden 
Fülle ausgesucht. Auch ich habe mich in meiner Jugend ver- 
führen lassen. In Wahrheit darf Ziegler nur als Vermittler jener 
Lesungen betrachtet werden. Ein Herausgeber, der alle Hand- 
schriften ignoriert, die er nicht gesehen hat, und ihre Lesungen 
auf den Namen anderer Herausgeber setzt, kann überhaupt nicht 
ernst genommen werden, und wer den Vaticanus 1824 beiseite 
läfst und dafür seine Abschriften, ja sogar eine Abschrift der 
Aldi na vergleicht, von dem kein Wort weiter. 

Für eine Anzahl Gedichte hat Eduard Hiller ') die Über- 
lieferung mit ängstlicher Sorgfalt festgestellt, in allem Mechani- 
schen der Recensio ein sicherer Führer; aber weiter keinen 
Schritt. 

Das Endergebnis meiner Untersuchung über die Text- 
geschichte habe ich in meiner Ausgabe von Bions Adonis bereits 
ausgesprochen. Auf dieses Ziel strebe ich zu; die Nachwirkung 
Theokrits und ihre Ausnutzung für die jeweilig herrschende Aus- 
wahl und Gestalt seiner Gedichte zu verfolgen, ergibt vielleicht 
auch für diesen Zweck etwas; aber ich habe die Literatur 



*) Wie sehr das zutrifft, kann jeder au deu Stellen sehen, die Ziegler 
am Schlüsse seiner dritten Theokritausgabe faksimiliert gibt, und besonders 
in seinen Scholia Ambrosiana. Ich habe es vor K und M vornehmlich er- 
fahren. Ein Beispiel hebe ich hervor, weil 0. Schneider zu Kalliniachos Fgm. 
498 nun wieder das Zieglersche Faksimile falsch liest. Dieser hat ganz 
gut nachgemalt was da steht; es bedeutet dipaio //q fls reiua mtav {ivtulov. 
Den Fehler in ^ij tls kann ich nicht heilen, weil ich nicht ahne, wer „das 
letzte Blut getrunken hatte"; für /uiiralov tox«iov ist der Pentameter zitiert. 

-) Beitrüge zur Textkritik der griechischen Bnkoliker. Leipzig 1886. 

1* 



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- 4 



darauf nicht durchgearbeitet. Die Handschriften habe ich, 
sogar während ich sie in Händen hatte, lediglich als Vermittler 
des Bukolikertextes betrachtet, den ich möglichst zuverlässig 
geben möchte. Es wird sich ihnen von anderem Gesichts- 
punkte aus noch sehr viel abgewinnen lassen. Wir haben ja 
nichts Altes, sondern nur Zeugen jener Zeit, da die byzanti- 
nischen Gelehrten die Texte der Poeten, an denen das Interesse 
neu erwacht war, genau so behandeln wie die Humanisten Italiens 
die lateinischen Dichter. Gerade die wichtigsten Bukolikerhand- 
schriften enthalten noch sehr viel anderes und sind geradezu 
Gelehrtenhandschriften. Wer also die Studien der Byzantiner, 
ihre Hilfsquellen und Verbindungen, die Zentra der ganzen Be- 
wegung erforschen wird, gewifs ein dankbares Thema, dem mufs 
auch das von Wert sein, was für Theokrit schlechthin gleich- 
gültig ist, dem Leser der Handschriften, der Theokrit sucht, 
sogar unausstehlich. Jeder Schreiber betrachtet sich als Editor, 
I er zieht, wenn er kann, mehr als eine Vorlage heran, und 
bessert an dem Texte, den er vor sich hat, mindestens an dem 
Dialekte. Jeder Leser macht es ebenso. Überall rinden sich, 
wenn nicht Korrekturen, so doch Interlinearbemcrkungen. Steht 
z. B. über einer Vulgärform die dorische, so kann das immer 
ebensogut Vermutung sein wie Eintragung aus einer anderen 
Handschrift; steht die attische Form über der dorischen, so 
kann es sogar nichts weiter sein als Erläuterung. Die Aufnahme 
all dieses Wustes in die Adnotatio hat bei Ahrens das Wesent- 
liche geradezu verschüttet. Dazu ist eben der Herausgeber da, 
die Kollationen zu sieben; er selbst vor allem, aber auch der 
Leser, d$r die Adnotatio mitliest, mufs wissen, wie ein antikes 
Buch und eine Byzantinerhandschrift, die eben kein Buch ist, im 
allgemeinen aussieht, und alles, was zu ihrem allgemeinen Wesen 
gehört, ist im Einzelfalle Adiaphoron. Aber was bei der Kon- 
stitution der Adnotatio unter den Tisch fällt, ist dem, der die 
Recensio macht, unentbehrlich, und ich wollte, ich verfügte noch 
Über mehr Kollationen, sowenig ich glaube, dafs mir die bisher 
bekannten Handschriften etwas helfen würden. Ich selbst habe 
die italienischen geprüft und die wichtigen kollationiert, wo ich 
nicht die Zuverlässigkeit der publizierten Kollationen erprobte. 



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— 5 - 



Anderes haben mir freundlichst Herr Professor L. Rademacher, 
Fräulein M. Vogel und namentlich Herr Dr. F. Spiro verglichen. 

Die Bukoliker sind in den Jahrhunderten 4 bis 6 n. Ch. 
ganz besonders gern gelesen worden; die ägyptisch -gazäische i 
Dichterschule ahmte sie ebenso gern nach wie die asiatische 
Epigrammatik. Dann kommt die Zeit der Finsternis, und als 
die Photios und Genossen die Studien wiederbeleben, steht die 
Dichtung überhaupt im Hintergrunde, und vollends die Bukolik. 
Erst die Eustathios, Gregor von Korinth, Tzetzes, Planudcs 
finden wir im Besitze von Bukolikerhandschriften ; auf uns ist 
keine davon gelangt, und nur weniges aus dem 13. Jahrhundert. 
In jener Zeit fanden diese Gedichte sehr viel Anklang, wie ja 
auch im Occident die Pastorale gleich mit Petrarca stark in 
Aufnahme kommt. So sind' die Handschriften der Jahrhunderte 
14, 15, 16 zahlreich und schon durch die Menge verwirrend; 
auch an Drucken kann das 16. Jahrhundert nicht genug be- 
kommen. Es ist zu hoffen, beinahe zu erwarten, dafs aus der 
Masse noch ein wirklich nützlicher Kodex herausgefischt wird; 
aber obwohl ich namentlich in Rom Dutzende von Handschriften 
angesehen habe, ist mir nichts Neues von Bedeutung in die 
Hände gekommen. Dafs die Zeiten, die an dem Idyll und 
Schäferspiele so viel Gefallen fanden, weder für die Kritik noch 
für die Erklärung Theokrits Bedeutendes geleistet haben, darf 
nicht befremden: er ist zwar der Ahn dieser ganzen unwahren 
Hirtenpoesie, aber nur durch Vergil und Longus; innerlich steht 
er ihr ganz fern. Die sehr anerkennenswerten Bemühungen des 
18. Jahrhunderts um seine Handschriften (von St. Amand, dessen 
Papiere jetzt in Oxford sind, und von d'Orville) haben keinen 
Abschlufs gefunden; ihre Ausnutzung in Gaisfords Poetae minores 
lieferte gleichwohl den Engländern und Deutschen das Material 
für ihre Konjekturen, deren Ertrag der Natur der Sache nach 
nur gering war; aber doch ist das meiste emendiert, was sich 
emendieren läfst. Wertvoll ward die Beobachtung des Sprach- 
gebrauches und der formalen Kunstmittel; wie sollte man nicht 
immer bei Meineke lernen? Die individuelle Kunst scheint mir 
selbst jetzt, wo das sehr respektable Werk von Legrand vorliegt, 
eigentlich noch nicht erfafst; aber diese anmutigeren und be- 



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quemeren Pfade führe ich jetzt meine Leser nicht (oder erlaube 
mir nur zuweilen einen Ausblick): es geht in das Dorngestrüpp 
der Codices und der Varianten. 

Theokrit 1. 3-13. 

Wie Ahrens selbst richtig gesehen hat, bilden die Gedichte 
Theokrits 1, 3—13 eine Gruppe, die ihre besondere Überliefe- 
rung hat. Mit ihr mufs man anfangen. Die Handschriften, die 
sie enthalten, reichen aber fast alle weiter; sie werden passend 
gleich hier so weit beschrieben, als es für meine Zwecke über- 
haupt erforderlich ist. 

Der Ehrenplatz gebührt anerkanntermafsen dem Ambrosianus 
K 222. Das ist eine dicke inhaltreiche Gelehrtenhandschrift, die 
berufen ist eine grofse Rolle zu spielen, wenn die Studien, die 
an Tzetzes anknüpfen, einmal verfolgt werden. Dessen Aristo- 
phaneskomraentar steht ja darin, wie die Handschrift überhaupt 
t an rarem Gute reich ist: ist sie doch der Ambrosianus der 
j Olympien Pindars. Wohl möchte man den Ort kennen, der die 
Vorlage dieses Pindar und dieses Theokrit bot. Denn dafs die 
Abzweigung beider Texte von der übrigen Überlieferung noch 
dem Altertum (das für solche Dinge bis zum Anfange des siebenten 
Jahrhunderts reicht) angehören mufs, zeigen die Scholien beider 
noch deutlicher als der Text. Text und Scholien dieses Theokrit 
haben keine Deszendenz, keine unmittelbaren Verwandten. Der 
Schreiber hatte leider eine sehr schlechte Tinte, so dafs man 
oft nur mit Mühe lesen kann; auch ist die sehr flüchtige Ge- 
lehrtenhand nicht bequem, aber mit Geduld und Aufmerksamkeit 
kommt man durch; zu Zweifeln, wie sie Ziegler öfter bekennt, 
ist kaum je Veranlassung. Der Schreiber ist natürlich nicht 
ein blofser Kopist gewesen, er mag z. B. die Scholien selbst be- 
rücksichtigt haben, aber schwerlich hat er eine andere Hand- 
schrift zu Rate gezogen: die Varianten werden mit zu seiner 
Vorlage gerechnet werden müssen. Obwohl wir oft genug allein 
auf K bauen, wäre es doch unverantwortlich, nicht nur den 
Kultus mit ihm zu treiben, wie er zur Zeit des Einquellen- 
prinzips Mode war, sondern auch alle seine Schreibfehler im 



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— 7 — 

Apparate zu verewigen. Er enthält und zählt durch fortlaufende 
Nummern Theokrit 1, 7, 3-6, 8—14, 2, 15, 17, 16, natöixöv 
a', irnygafifiata, jtTigvysg, niXexvg. Ich habe die Lesungen 
yon Ziegler durchgehends revidiert und ergänzt. 

Neben K würden wir den Kodex von Padua stellen, den 
ich B nenne, wenn wir ihn noch besäfsen. Er gehörte dem 
Paduaner Gelehrten Paolo Capodivacca, den Markos Musuros 
gräzisiert Bukaros oder Bukephalas nennt 1 ). Musuros hatte 
die Handschrift benutzt und die damals noch nicht gedruckten 
Gedichte der Tradition 77 abgeschrieben, aber auch in den 
andern hier und da Lesungen in seine Aldina eingetragen. 
Sein Material ist je nach Gutdünken in den beiden Theokrit- 
ausgaben von 1516 benutzt, in der römischen des Zacharias 
Kallierges (Call) und noch ausgiebiger in der von Boninus be- 
sorgten Florentiner des Giunta (Iunt)'). So haben diese Aus- 
gaben früh sehr viel Gutes dargeboten, freilich im Dialektischen 
ganz unzuverlässig und vermischt mit Konjekturen des Mu- 
suros und anderer. Wie nicht selten ist im 19. Jahrh. ein 
Rückschritt getan, indem man zugunsten der schlechteren 
Handschriften, die man selbst hatte, das Bessere verschmähte, 
weil man den Drucken nicht traute. Für die Gruppe 1, 3—13 
kommt B, so wie wir ihn kennen, kaum in Betracht, obwohl 
die merklichen Übereinstimmungen mit K auf ihn zurückgehen 
müssen *). Nur hat die Iuntina die Gedichte gegen ihre Vorlage 
(das war, wie auch bei Kallierges, eine der im übrigen wertlosen 
Aldinen) umgeordnet und dabei mit 1, 7, 3—6, 8 — 13, 2, 14—18 
sich K in einer Hauptsache genähert: das kann nur auf Grund 
von B geschehen sein. Leider ist Stephanus dabei nicht geblieben. 

Es folgt eine Handschriftengruppe, welche besonders deut- 
lich zeigt, dafs die Gedichte 1, 3—13 nicht dieselbe Überliefe- 



l ) Über ihn Hiller, Beiträge zur Textgesch. der Bukoliker 3 und Val. 
Rose in der Vorrede seiner Anacreontea. 

9 ) Ich habe die Drucke zwar in der Hand gehabt, hänge aber ganz 
von Ahrens ab. 

3 ) Z. B. in 13, 31 uqotqu K Iunt gegen üqotqov der übrigen (falsch: zu 
einem Pfluge gehören zwei Ochsen), 51 trafyois K Iunt gegen ti«T()os (vichtig), 
52 nvtianxos K Call gegen nlevotixo; (falsch). 



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rung haben wie die folgenden. Sie hat folgende Änderung: 1, 
5, 6, 4, 7, 3, 8 — 13. Auf diese ist beschränkt Parisinus 2884, 
Q, vom Jahre 1298. Neben der guten Vergleichung, die Ahrens 
mitteilt und auf Grund deren ich mir das richtige Urteil ge- 
bildet hatte, verfüge ich nun durch die Güte des Herrn Dr. 
C. Wendel in Greifswald über dessen erschöpfende Kollation, die 
Q noch näher an seine Verwandten rückt. 

Vaticanus 38 vom Jahre 1322, 3 in dem Apparate des 
St. Amand und danach bei Ahrens, c in dem d'Orvilles; ich 
nenne ihn T und habe ihn durchverglichen. 1 — 13 in der an- 
gegebenen Folge, 2, 14, 16 als Eintrag anderer Herkunft kenntlich. 

Laurentianus 32, 37, P, 14. Jahrhundert. Er enthält auch 
Pindars Olympien und Pythien, wo er E heifst. Nichts zu tun 
hat mit der eigentlichen Handschrift was auf dem Vorsatzblatte 
steht, Syrinx und V. 1—18 der Dioskuren. Dann steht 17, 
durch leere Blätter abgesondert, 1 — 13 in der Ordnung von QT V, 
danach 14, 2, 'Emrayiog Bicovog, 16. 

Vaticanus 1824 ist ehedem einmal als zweites Stück mit 
1825 zusammengebunden gewesen, der auch den Thcokrit ent- 
hielt; dann lösten sich die letzten Lagen, viele sind verloren, 
und der Rest ist der jetzige 1824; der beginnt aber erst mit 
3, 51, was vorhergeht (1. 5. 6. 4. 7), steht am Schlüsse von 
1825, wohl zu sondern von dem Theokrit 1 — 18, der dort vor- 
hergeht und von mir als U bald besprochen werden soll. Ist 
hier schon eine Verwechselung sehr nahe gelegt, so wird es noch 
schlimmer dadurch, dafs die Handschrift von St. Amand bis Hiller 
23 genannt ist: ich sage V. Es ist eine flüchtige und häfslichc 
Kopistenarbeit aus dem 14. Jahrhundert, dem Ende, wie mein 
wenig mafsgebliches Urteil ist; Eintragungen späterer Hände 
fehlen nicht. Der Wert aber ist für alles, was auf 1, 3 — 13 
folgt, sehr grofs; doch das wird an seinem Orte behandelt werden. 
Die erste Gruppe stellt sich durch die Reihenfolge der Gedichte 
zu PQT; auch die Verwandtschaft des Textes läfst sich an der 
genauen Vergleichung von 3 bei Ahrens erkennen. Bedeutend 
kann also der Wert der Lesungen für die Recensio schwerlich 
sein; immerhin bedaure ich, namentlich um des Triklinios willen, 
nicht mehr verglichen zu haben. 



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In dem, was auf Thcokrit 1.3—13 folgt, ist die Handschrift, 
die sich Triklinios selbst geschrieben hat, ein Bruder von V und 
daher unschätzbar. Da er auch in der Ordnung von 1. 3—13 
zu ihm stimmt, ist anzunehmen, dafs die Übereinstimmung weiter 
geht; indessen hat Triklinios, der sich ja einen Text zu kon- 
stituieren ein Recht hatte, so gut wie unsereiner, sowohl anderes 
herangezogen (z. B. mehrere Technopaegnia) wie aus eigenem 
geändert. So wird man zwar gern seine Übereinstimmung mit 
B oder K einzeln notieren, aber bestimmend kann er auf die 
Recensio nicht einwirken. Sein Autograph ist der Parisinus 2832, 
M bei Ahrens und Hiller; ich ziehe vor Tr zu sagen. Eine ge- 
naue Beschreibung der Handschrift hat kürzlich Omont gegeben 1 ) 
(Rev. de Philol. 28, 128). 

>) Sehr merkwürdig ist es, dafs neben den Technopägnien sich Minia- 
turen fiuden, Theokrit dem Pan seine Syrinx überreichend. Omont hat sie 
aus dem Altertum hergeleitet, scheint aber in der Association pour les ctudes 
Grecques auf Widerspruch gestofsen zu sein (Rev. des Et. Grecques IG, 49fi). 
Der Text der Syrinx ist der gemeine der Bukoliker Überlieferung; das macht 
die Erhaltung Ton antiken Miniaturen wenig wahrscheinlich. In der Zeit, 
da Pediasimos und Ilolobolos an eben dem korrupten Texte der Gedichte 
fruchtlos ihren Scharfsinn übton, ist eine Illustration mit dem Pinsel sehr 
gut denkbar, und wenn man berücksicktigt, dafs jene Byzantinerzeit nicht 
nur in der Prosa so gut zu antikisieren verstand wie Theodoras Metochita, 
sondern auch so edel zu malen, wie die Grabkirche des Theodnros zeigt 
(die Kahrieinoschee), so kann man den Illustratoren auch etwas zu- 
trauen. [Seit ich dies schrieb, hat Omont die Bilder in den Monuments 
Piot XII 1 herausgegeben. Mein Urteil ist bestätigt. Die Syrirx ist 
eine Flöte mit sieben Löchern, Pan hat einen Stierkopf, Theokrit eine 
eng anliegende, unter dem Hals zugebundene Kappe; ich dächte, sie käme 
bei Bauern der Renaissance, auch in Deutschland, vor. Apoll, der übrigens 
recht gut steht, ist ganz bekleidet und scheint wie ein Heiliger ein Tempelchen 
in der Linken zu tragen. Dafs der Altar des Dosiades gar nicht geweiht 
wird und 'der Chrysa gehört, also mit Apoll gar nichts zu tun hat, ist 
dem Illustrator gleichgültig gewesen, der eine Parallele zur Dedikation der 
Syrinx machen wollte. Die Illustration wird zu der Erklärung des Holo- 
bolos gehören, die auch dabeisteht.] Übrigens bezweifle ich nicht im ge- 
ringsten die Existenz illustrierter Theokritansgaben, im Gegenteil, ich glaube, 
wir besitzen noch ein Titelblatt, übertragen auf den Psalter. Denn wenn 
David, ganz als antiker Hirt, unter Assistenz der JYltXoMa die grofse Leier 
(das ist freilich \puli riqiov statt av^iyi-) spielt, während die Herde ruhig 
grast, Echo aber hinter einer Säule mit Dreifufs darauf lauscht, so scheint es 



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— 10 — 



Endlich die Handschriften, die die Verwirrung der Ordnung 
dadurch vollenden, dafs sie die Pharmakeutriai an den zweiten 
Platz werfen; den Grund hat wohl die Länge und der Reiz des 
Gedichtes gebildet. 

Sehr wertvoll sind zwei nahe verwandte Handschriften des 
14. Jahrhunderts,- der Vaticanus 913, H (h bei d'Orville-Ziegler, 
6 bei St. Amand-Ahrens), eine recht unsauber und hastig ge- 
schriebene, vielfältig korrigierte Gelehrtenhandschrift, die nichts 
als Theokrit enthält, und zwar 1 — 15, 18, 'Emx. Blcov., 28 und 
die ersten Verse von 29, die bei der Tradition il behandelt werden. 
Es war sehr nötig, sie genauer zu vergleichen. Dasselbe gilt vom 
Lauren tianus 32, 16, S, am 4. Januar 1423 von Fr. Filelfo in 
Konstantinopel von der Witwe des loh. Chrysoloras gekauft und 
daher frtlh in Italien bekannt und Vater einer zahlreichen 
Deszendenz. Es ist eine umfängliche Sammelhandschrift: Hesiod, 
Oppian, Apollonios, Nikandros stehen darin, übrigens auch etwas 
so Rares wie Auszüge aus der Theosophia des Aristokritos, da- 
neben Auszüge aus Briefen von Planudes. Von Theokrit stehen 
zuerst 1 — 14, dann der Epitaphios Bions und nach einem leeren 
Räume 15 — 18. An einem ganz anderen Orte, vor dem Nikander, 
steht Moschos' Europa und ^Egcog dQajzitrfg y mit dem Namen 
des Dichters bezeichnet (aus der Anthologie, wie wir sehen 
werden), und die anonyme Megara. Es liegt an dieser ganz zu- 
fälligen Nachbarschaft, dafs diese dem Moschos beigelegt worden 
ist, an der Deszendenz dieses Kodex, dafs Ahrens von Codices 
Moschei geredet hat. Der Epitaphios Bions steht zwar auch in 
S, aber abseits, und seine Zuteilung an Moschos bei Stephanus 
hat nur den Grund, dafs der Name Theokrits, obwohl er 
überliefert war, aufgegeben ward: dann mufste eben Moschos 
der Verfasser sein. Übrigens hat Stephanus noch Moschos 
vor Bion rangiert, was dann wieder um des Epitaphios willen 



mir evident, dafs dies eine Erfindung, und schon eine recht alte, ist, die den 
ßovxolo; darstellen wollte. Ich kenne das Bild aus Wickhoffs Wiener Genesis 
S. 88. Bethes vorschnelle Deutung des Epigramms Silos 6 Xios auf ein 
Porträt scheitert an us xad* tyQttipa: das deiktische Pronomen zeigt das 
Buch, auf dessen Titelblatte das Gedicht steht. Wenn es für ein Porträt 
gemacht wäre, würde es heifsen os iviav&n ytyqttfi/Htt. 



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- 11 - 



geändert ward, bis Büchcler mahnte, dafs die überlieferte Reihen- 
folge Moschos vor Bion setzt, und zwar mit Recht. 

Diese beiden Handschriften gehen in Gutem und Bösem so 
oft zusammen, dafs für ihren gemeinsamen Bestand, 1—15, 18, 
'Emr. Blcw., gemeinsame Grundlage sicher ist; das Eigene wird 
aus Varianten der Vorlage stammen. Beide Schreiber dachten, 
während sie kopierten, änderten also auch aus Vermutung. Da 
beide Handschriften von Gelehrten nicht nur stammen, sondern oft 
gelesen sind, haben die späteren Eintragungen gar nicht selten 
das Wahre getroffen, wohl überwiegend aus Vermutung. Stimmen 
aber beide übereio, so mufs das in demselben Sinne als Über- 
lieferung gelten wie die Übereinstimmung PQT. 

Auch eine Sammelhandschrift, umfänglich und reich, ist der 
Vaticanus915 (m bei d'Orville-Ziegler, 9 bei St. Amand-Ahrens, 
bei mir M), 14. Jahrh. Es ist der 0 des Theognis, auch für 
Musaios, Ps. Phokylides u. a. von Belang, übrigens stehen auch 
Tzetzes' homerische Gedichte und Auszüge aus Eustathios zum 
Periegeten darin. Er enthielt einmal Theokrit 1—17, jetzt fehlt der 
Anfang bis 2, 4, dann 3, 7 bis 5, 58, und 13, 69 bis 15, 70. Auch 
sonst ist das Papier (s. g. Bombyx) sehr zerfasert, und er befand 
sich in der Handschriftenklinik, aus der ihn mir und noch später 
Dr. Spiro, der ihn für mich einsehen wollte, die grofse Güte des 
Padre Ehrle kommen liefs. Auf 17 folgen Theokrits Dioskuren 
(22) und das Gedicht von Herakles bei Augeias, aus der Familie 
$ entnommen. Dann stehen an anderem Orte, passend neben 
Musaios, die Europa des Moschos, endlich Syrinx, Altar des 
Dosiades und nvegv/eg. M darf in 1. 3—13 für die zweitbeste 
erhaltene Handschrift gelten. 

Ferner das älteste Bruchstück einer Theokrithandschrift, 
Vaticanus 40 (8 bei St. Amand und Ahrens; 0 von mir genannt) 
aus dem 12. Jahrhundert; nur 5, 62 — 8 ist erhalten. Der 
Text gehört ganz in diese Sippe, am nächsten zu den folgenden, 
und hat Fehler in Überflufs, weshalb er ganz verachtet war. Um 
seines Alters willen habe ich ihn genau verglichen; er gibt auch 
in ein paar wenig bedeutenden Fällen das Richtige. 

Die Gedichte 1—18 in der Reihenfolge, die auf unsere 
Ausgaben übergegangen ist, stehen in drei Handschriften. 



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— 12 — 



Zwillingsbrüder sind E, Vaticanus 42 (e bei d'Orville-Ziegler, 
5 bei St. Ainand- Ahrens) aus dem 14. Jahrhundert, und der 
Ambrosianus A (G 32) gleicher Zeit. Beide weichen aufser in 
Doppellesarten oder durch spätere Eintragung kaum ab; in allen 
Einzelheiten, wo ich den oder jenen eingesehen habe, stellte 
sich das heraus. E hat als Überschufs die Syrinx. U nenne 
ich den Vaticanus 1825 (4 bei St. Amand- Ahrens), über den 
oben bei V schon berichtet ward. Ahrens teilt nur wenig Les- 
arten aus U mit, aufser zur Helene, 'wo ich auf ihn zurück- 
komme. Auch ich habe nur einzelnes notiert, dann eine Anzahl 
charakteristischer Stellen aus dem Thyrsis und Ptolemaios 
durch die Güte von Dr. Fr. Spiro einsehen lassen. Danach 
stellt sich U mehr zu P Q T. Aber mit A E teilt er am Schlüsse 
das barbarische Gedicht als Unterschrift, das Ahrens Buc. II, 3 
gedruckt hat: 

Iifu/Jöa 8e6y.Qite ooyiöv öiojv xoifidwoQ 
xai xoxdöaw änvüv ahtole pr)>täöcov y 

vag 'EXixcovirldeg ßovdvai $Qiipav xa?Mouog, 
ov jieqI fidvÖQav Mvv rerfv, äkkä onooddag 
öo£(ov ovvü.E§a xal ig fäav rjyayov fxdvÖQav 
ßovxoXixäg fioloag, at yti>vtjiua aid-ev 

ov siXbiovcov d'taetvyov, inel ye [töfag xal rcövde. 
Das besagt also in Nachahmung des bekannten Gedichtes 
von Artemidoros, dafs der Verfasser dieser wilden Disticha (der 
sich toller Weise an ojtovöeid&vveg versucht 1 ), eine Sammlung 
von Theokritischen Gedichten angelegt hat, weil er die von 
Artemidoros angegebene nicht mehr vorfand. 

Stünde dieses Epigramm nur in A E U, so würden wir es 
ohne weiteres für den Urheber dieser Sammlung (1 — 18) in An- 
spruch nehmen. Nun findet es sich aber auch in P und zwar 
hinter 14, vor 2. P hat aber 1, 3—13 mit QT gemeinsam. 



l ) Die Silben sind nicht gezählt; der Verfasser weifs nicht einmal (so 
wenig wie Klopstock, Hebbel und die meisten Deutschen, die jetzt angebliche 
Disticha bauen), dafs die zweite Hälfte des Pentameters sieben Silben haben 
mufs. Fest ist der Accent auf der vorletzten im Hexameter und Penta- 
meter, der sechsten Silbe im Hexameter. Vielleicht wird die Kenntnis der 
verwilderten byzantinischen Metrik die Verse einmal datieren. 



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- 13 - 



Wir werden denselben P in 14. 15 mit K verwandt finden; auch * 
in 2 ist davon eine Spur. Meist aber hat er da wie in 16. 17 
denselben schlechten Text wie in A E U. Also mindestens drei 
Ingredienzien hat sein Urheber für seinen Mischtext verwandt, 
natürlich zuweilen auch in dem ersten Teile. Auch T hat über 
die erste durch Q vertretene Sammlung 2. 14 — 16, wie P, ohne 
sich mit dem zu decken. Auch M hat das Epigramm, am Rande 
neben dem schlechten Texte des Herakles, den er aus einer ganz 
anderen Sammlung (0) genommen hat; er hat es also ohne Zweifel 
von der Stelle, wo es in seiner Vorlage stand, an den Schlufs 
des letzten Gedichtes gerückt, das er hatte auftreiben können. 
Grundverschieden von AEU in 1.3 — 13, teilt er doch mit ihnen 
die Anordnung und bringt in 2. 15 — 17 im wesentlichen den- 
selben Text. Aber 18 haben weder P noch T noch M aufge- 
trieben, obwohl sie alle ein Plus über die Gruppe der zwölf 
Gedichte haben. So kann das Epigramm für die ganze Samm- 
lung 1—18 nicht in Anspruch genommen werden; es bleibt un- 
sicher, was sein Verfasser über 1. 3 — 13 und 2 (dem er seinen 
Platz hinter 1 gab) hinaus bereits hatte; ich denke 14 — 16. H S, 
deren gemeinsamer Bestand 1 — 15, 18 ist, teilen mit der Samm- 
lung des Epigramms den Platz von 2 und die Redaktion von 
18 mit AEU; unabhängig sind sie also nicht. S ist auch in 
16. 17 von dieser Familie. Wer sich dies klar macht, dem mufs 
einleuchten, dafs es in der früheren Humanistenzeit der Byzan- 
tiner, vom 12. bis 14. Jahrhundert nicht anders zugegangen ist 
als im 15. und 16. Jahrhundert, dessen Handschriften wir meist 
beiseite lassen, weil diese kontaminierten Texte nur täuschen. 
Es bemühten sich die Gelehrten auch vor Boninus, Kallierges, 
Musuros, Triklinios, den Bestand der Gedichte zu mehren und 
ihren Text zu reinigen. Es mag sein, dafs minutiöse Prüfung 
die Relationen unserer Vertreter der älteren Zeit noch genauer 
aufzeigen kann. So viel ist klar, dafs man im 12. Jahrhundert 
in den interessierten Kreisen für die Gedichte 1, 3 — 13 eine 
gröfsere Anzahl von Handschriften besafs und sich mit Erfolg 
nach mehr umsah; wir würden es sehr viel leichter haben, wenn 
wir wenigstens eine der damals zur Ergänzung aufgetriebenen 
Handschriften hätten. 



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- 14 — 



Man hat wohl bald mindestens 2 und 14 gefunden, dann 
15—18, aber der eine dies, der andere jenes, wenn auch im 
Grunde alles auf eine einzige Rezension zurückging. Sehr viel 
glücklicher, wem ein reicherer Kodex in die Hand fiel, der zu- 
gleich auch reiner war, wie K, der aber gar keine nahen Ver- 
wandten hat, oder der noch reichere B, oder die Vorlage von V. 
Diese hat auch dem Triklinios zu Gebote gestanden, daneben ein 
Kodex von 1, 3-13, der manches Gute mit KB gemeinsam 
hatte. 

Nehmen wir denn die erste Gruppe der zwölf Gedichte vor. 
Da fragen wir zuerst nach ihrer Anordnung, die ja schwankt. 
'* Indessen dafs der /utfiog ywcuxeTog der ^ag/mxevtQiai aus dieser 
bukolischen Reihe definitiv ausscheidet, ist schon eine wichtige 
Sache. Neben K B und dem Ahnen der Gruppe P Q T lehrt das 
auch Stobäus, der offenbar selbst Verse aus 1, 3— 14 ausgehoben 
hat, nicht aus 2, soviel ihm dieses Gedicht auch bieten konnte. 
Auch das vielbesprochene Zeugnis des Servius in der Einleitung 
seines Kommentars zu Vergils Bucolica erledigt sich einfach, denn 
die decem eclogae mere rusticae, von denen er spricht, sind eben 
die ersten zehn, die als ßovxofaxä an der Spitze stehen und der 
ganzen Gedichtsammlung des Theokrit ihren Namen verliehen 
haben; mit dem 'Alrrjg ändert sich der Charakter. Der Kyklop 
ist zwar ein mythischer ßovxöXog, aber bei ihm ist die rusticitas 
besonders stark aufgetragen. Aufser der Stellung des Thyrsis 
am Anfang 1 ) ist die Reihe 8—13 einhellig überliefert; 7 aber 
steht in KB, an sich den besten Zeugen, an zweiter Stelle, die 
ihm auch zukommt, da hinter dem Gedichte auf den Stifter der 
Gattung das persönlichste, übrigens auch längste Gedicht am 
passendsten Platz findet. Und zwischen den Wettkämpfen 6, 8, 9 



') Die Hypothesis des Thyrsis erörtert die Frage, warum er hierher- 
gestellt sei, nicht etwa von dem Dichter selbst, sondern von den Heraus- 
gebern, und bemerkt, hier stürbe Daphnis, 6iu M tov i$fjs <as {wtos uvtov juvrjuo- 
vtvti. Das kann nur auf G. 8. 9 gehn, in denen er Person ist. Meineke hat 
daher iwv ^^'geschrieben; das ist überflüssig, Jio iov i£f)s heifst 'im fol- 
genden 1 , der Artikel flektiert das Adverbium. In 7, dem in Wahrheit folgen- 
den Gedichte, wird Daphnis als der Vergangenheit angehörig, also verstorben 
erwähnt 73. 



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— 15 — 

darf es keinesfalls stehn bleiben. Wie 3, 4, 5 zwischen 7 und 
6, 8 — 14 unterzubringen sind, ist nicht so sicher, da PQT, SH 
nicht zu KB stimmen, aber diese werden doch den Vorzug ver- 
dienen: die Wiederkehr des TivvQog von 7 in 3, der Amaryllis 
von 3, wo sie lebt, in 4, wo sie tot ist, sichert diese Folge, und 
5 eröffnet passend als längster die Wettgesänge. 

Überblickt man nun die Varianten, so ist das wichtigste, 
dafs sie den Eindruck eines einheitlichen und durch grammatische 
Kontrolle aus dem Altertum gesichert überlieferten Textes machen. 
Die Scholien sind ja mitüberliefert, und ihr Wert ist gröfser 
durch die Garantie des Textes als durch die kontroversen und 
seit alters verdorbenen Stellen, die sie besprechen. Sie sind 
freilich ordentlich noch nicht ediert, da Ahrens das Material 
nicht hinreichend bekannt war, und besonders bedenklich sind 
gerade die oft auf geringe Bezeugung hin von ihm verzeichneten 
Varianten ohne weitere Besprechung, die schwerlich alle ins 
Altertum hinaufreichen 1 ); aber zumal seit die ambrosianische 
Redaktion K hinzugetreten ist, kann man doch bei einiger Vor- 
sicht gut mit den Scholien operieren; man mufs es freilich an 
anderen gelernt haben. 

Wenn ich den Text einheitlich nenne und zugleich darüber 
klage, dafs die Handschriften wegen der Masse von Abweichungen 
und Doppellesungen mühselig zu vergleichen wären, wenn die 
Herstellung der Adnotatio auch wirklich eine äufserst penible Sache 
war, so scheint das ein Widerspruch. Man mufs sich darüber 
klar sein: Was ist ein einheitlicher Text? Wenn man jetzt von 
den Varianten im Piaton viel Wesens macht, weil sich heraus- 
gestellt hat, dafs nicht nur von B und T die zweiten Hände 
genau so gut antike Überlieferung geben wie die ersten, und 
dafs nicht nur W hinzutritt, sondern manches andere, so be- 
einträchtigt das in keiner Weise, dafs wir einen wunderbar ein- 
heitlichen Piatontext haben, eine einzige Ausgabe des Altertums, 
der gegenüber Stobäus und die Neuplatoniker eigentlich auch 
noch nichts Verschiedenes geben, wohl aber wirklich alte Zitate 

l ) Auch in den Tragikerscholien, z. B. im B des Euripides, aber auch 
am Rande des Marcianus, z. B. in den Phönissen, findet man solche spätere 
Varianten, die teils Lesefehler, teils Konjekturen sind. 



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— 16 — 



und vollends die Papyri des 3. Jahrhunderts. Es wäre dringend 
zu wünschen, dafs sich die Kritiker Piatons daran gewöhnten, 
all das, was nur Deutung derselben Überlieferung ist, und auch 
die ganz pusillen Abweichungen, hier ein Artikel, dort ein Par- 
tikelchen mehr oder weniger, eine Haplo- oder Dittographie, bei 
der Frage nach der eigentlichen Textgeschichte beiseite zu 
lassen: für die Herstellung des Wahren macht ein ovv oder 6i 
sehr viel aus, für die Bewertung der Handschriften kaum je. 
Wortabteilung und Prosodie sind niemals Überlieferung, aber in 
dem Augenblicke, wo sie zugefügt wurden, brachte das ovi&iv 
unverweigerlich eine Anzahl Änderungen mit sich, da man doch 
eben durch das avitßiv einen Text konstituierte, den man ver- 
ständlich machen, also selbst verstanden haben wollte. Bei 
Piaton stehn wir sofort im 9. Jahrhundert: Theokrit hat diese 
Arbeit der byzantinischen Textmachcr mehrere Jahrhunderte lang 
erfahren, ehe wir eine Handschrift von ihm erhalten. Daher 
wimmelt es auf der Oberfläche von kleinen Abweichungen; aber 
der Grund, auf den es ankommt, ist einheitlich. Halte man da- 
gegen die Überlieferung der Europa, der Megara, die wir nach- 
her besprechen werden: da ist jede Handschrift zugleich eine 
andere Rezension; sehe man auch nur die Gedichte 14 — 18 an, 
die eben deshalb eine besondere Gruppe bilden, weil wir eine 
doppelte Überlieferung unterscheiden. Hier dagegen gilt die Regel, 
dafs man einer vereinzelten Lesung mifstrauen mufs, weil sie 
vereinzelt ist, obwohl auch das gilt, dafs jeder Zeuge der Über- 
lieferung allein etwas Echtes erhalten haben kann. Daher eben 
gehört Urteil zu der Recensio. 

Gesondert zu betrachten sind also die hin- und herschwan- 
kende, nicht fördernde, sondern nur verwirrende Tradition des 
Äufserlichen, wo die Aufgabe einer ordentlichen Adnotatio ist, 
wegzuwerfen, und die in das Altertum reichende Grundlage des 
Textes, wo es gilt, nichts umkommen zu lassen. 

In einem dialektischen Texte kann mit der Accentuation 
wenigstens einzelner den Grammatikern merkwürdiger Wörter 
und Formen gerechnet werden; dafs keine durchgehende Dori- 
sierung der Accentuation vorhanden war, entsprechend den 
Regeln, die wir sonst darüber hören, steht aufser Zweifel. Die 



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- 17 - 

Scholien geben nur zum ersteu Gedichte reichlichere Bemerkungen 
über die Prosodie (zu 1 die rare Psilose von äöv\ 50 (jzaidiov), 
83 (gpoo?/rcu), 110 (Tgcbag), 112 (Unterschied von avdarji Kon- 
junktiv und otaarji Futur); sonst noch 3, 10 yvidi, 51 xetpäXav; 
beides befremdlich. 

Auf die Accente, die die Byzantiner gesetzt haben, kann 
nicht viel ankommen, aber es ist doch nicht wohlgetan, z. B. mit 
Meineke nach Herodian Travel rovxel mit dem Circumflex zu 
versehen, wenn der Akut durchgehends geschrieben wird: seine 
Urheber können doch einen Kanon gehabt haben, den wir nicht 
mehr besitzen. Die Accente im Hesychios, die dieser nach 
Herodian gesetzt zu haben angibt (Diogenian gab also keine: 
die Dialektglossen sind ohne sie aufgezeichnet), werden auch nicht 
nur sehr verdorben sein, wie die Handschrift in allem ist, sondern 
gar manches vollkommen willkürlich, wenn das Wort bei Herodian 
nicht vorkam. Gleichwohl müssen wir konservieren was wir haben, • ^ " 
weil wir das Falsche nicht aussondern können. Nichts kann an i 
sich törichter sein als das dorische d>g übt zu behandeln als 
wäre es äg quam, das ohne Accent zu lassen eigentlich auch 
absurd und wider die antike verständige Grammatik ist, die 
keine Atona kennt; aber mindestens jetzt ist es geraten, den 
Byzantinern zu folgen, freilich mit der Einsicht, dafs man es tut. 
Vielleicht wird es einmal anders, wenn das wichtige und ganz 
vernachlässigte Gebiet der Prosodie von einem kundigen modernen 
Grammatiker bearbeitet ist. Die Theokritüberlieferung läfst dem 
Heta seine Kraft im Falle der Krasis und Elision. Das war 
nicht immer so, wie Apollonios mit einer Reihe Beispielen belegt. 
Ich habe gleich bei Entdeckung des Oxyrynchosbruchstückes des 
Hylas darauf hingewiesen, dafs dieses zu Apollonios stimmt im 
Gegensatze zu unseren Handschriften; das ist das einzige Wert- 
volle an dem Bruchstück, das sonst denselben oder einen schlecht 
variierten Text zeigt, ebensolche Varianten, wie wir sie zwar schon 
in 14—18, aber in dieser Gedichtgruppe nicht haben; worüber 
wir uns freuen können, wenn's keine besseren gab als die von 
Oxyrynchos x ). 

J ) Papyr. Oxyr. 694. v. 19 xw, #w unsere Codd. 30 itaw «T 5q/*ov 
?9(vto Codd., pquov Xxovio Ox. 34 Itiftwv yuQ tstfiv exeiro Codd., kUfttov 

Fhilolog. Untersuchungen. XVIII. 2 



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— 18 — 

Was nun den Dialekt uud die Wiedergabe seiner Laute in 
der Schrift angeht, so steht es hier für die Gewinnung des 
Wahren mifslich genug; sich im ganzen klarzumachen, was 
wir erwarten müssen, ist die Vorbedingung für die Behandlung 
des einzelnen. Rechnen wir zunächst mit dem, was später nach 
Ahrens gezeigt werden wird, dafs die Konstituierung des Textes 
erst zwei Jahrhunderte nach Theokrit stattgefunden haben kann, 
also eine ganz unkontrollierbare Zeit dazwischenliegt, in der 
aber der Volksdialekt aller Orten sehr stark heruntergekommen 
war, so dafs Theokrits Nachahmer eigentlich gar kein Dorisch, 
sondern verwildertes Theokritisch schreiben. Es ist schon sehr 
anzuerkennen, dafs dank der diplomatischen Konstituierung seines 
Textes der Unterschied zwischen Theokrit und Bion und Ge- 
nossen handgreiflich ist. Unser Ziel aber kann kaum je ein 
anderes sein als die Herstellung der so spät konstituierten Aus- 
gabe. Denn mit dem, was wir auf anderem Wege über die Doris 
seiner Zeit ermitteln, dürfen wir hier nicht in der Weise ope- 
rieren, wie wir etwa im Herodot oder im Alkman das trotz 
der Überlieferung für richtig halten, was echt ionisch oder 
lakonisch ist. Denn er schreibt nirgend naiv die eigene Sprache, 
sondern ist bereits Dialektdichter im Unterschiede zu der ge- 
bildeten Weltsprache, die er selbst im Salon redet. Er würde 
vielleicht gar nicht imstande gewesen sein, einen reinen Dialekt 
zu schreiben, gesetzt, er hätte das beabsichtigt. Er stammte 
aus Syrakus, also aus einer Stadt, die an ihrer Mundart fest- 
hielt; diese war längst durch Epicharm und Sophron literarisch 
ausgebildet, und zumal an Sophron hat Theokrit gelernt 1 ). Aber 
er hat die längste Zeit seines Dichterlebens im Auslande gelebt 
und für ausländische Kreise gedichtet. Kos war zwar dorisches 
Sprachgebiet, aber ebendarum mufste diese Doris unmerklich 
auf ihn einwirken. Aber er war auch durchaus Kunstpoet, der 

oytv nttQ&uto Oi. Die bösen Verse 23. 24 stimmten zu unserer Überliefe- 
rung. Vgl. die Beilage Hylas. 

l ) Auf Epicharm hat er das Epigramm gemacht, als Syrakus ihm eine 
Statue setzte; er lobt an ihm seine yvüixm ßmifiltTg, also das, was höch- 
stens bedingt epicharmisch war. Selbst deren Benutzung ist in den Ge- 
dichten nicht kenntlich. 



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— 19 



sich im Episch-ionischen (nicht im Dialektisch- ionischen, wie es 
nach dem Vorgange des Kallimachos sein Nachahmer Herodas 
später tat 1 ) und im Äölischen versucht hat, der auch das 
Lakonische des Alkman und die alte Lyrik, Pindar und Simo- 
nides studiert hatte. Selbst abgesehen von der Einwirkung der 
epischen Sprache, die in epischen Versen selbstverständlich und 
überall bemerkbar ist, ist von vornherein gar kein einheitlicher 
Dialekt zu erwarten, am wenigsten das, was in dem einen Ge- 
dichte zu finden ist, auf die anderen zu übertragen. Die Ver- 
suche, äolische Lieder zu machen, sind notorisch nicht besser 
gelungen, als in einer Zeit zu erwarten war, die kaum die ersten 
Anfänge zu wissenschaftlicher Dialektforschung machte. Man 
dürfte den Theokrit auch sonst für Mifsgriffe kaum schelten. 
Ein solcher liegt vielleicht in der Quantität des a vor, wenn er 
1, 78 igaoai, 2, 149 eoarat an den Hexameterschlufs setzt. Denn 
die Verdoppelung des o, mit der einige Handschriften helfen 
wollen, ist nur schlechter, und die jetzt beliebte Betonung igä- 
ocu igdtai (was eigentlich iQfjvai sein sollte) führt ein ganz 
befremdendes Medium igcöftai und eine noch viel anstöfsigere 
plebejische Form der zweiten Person ein; 7, 97 ist nicht egavti 
sondern Sgavtat das Angemessene, und das gegen KPQT auf- 
zunehmen steht vollkommen bei uns. 

Bedenklich sind einige Fälle, in denen Verba auf -ow in 
die auf -eco überspringen. Von ögäv ist das allgemein bekannt, 
und auch ävrigcbTevv 1, 81 wird man angesichts der Herodot- 



!) Diesem kann ich ein Schöpfen aus der lebendigen Rede nirgend zu- 
trauen; die las des Kyrenäers Kallimachos lag ihm ja vor Augen. Am 
wichtigsten sind die Formen xov xore u. dgl., die auch Kallimachos als 
plebejisch aufgegriffen hatte, nicht ohne das Gekrächze zu verspotten (Fgm. 
70). Diese Aussprache war in Ionien in die literarische Sprache aufgenommen, 
als man sich im 6. Jahrhundert mit radikalem Realismus von der epischen 
Konvention abwandte. Neben der Prosa redete auch die Poesie des Tages so, 
Anakreon, Hipponax. Allein die attische Herrschaft hat dem rasch ein Ende 
gemacht. Da die Athener ebenso sprachen und schrieben wie das Epps, er- 
kannte und verbannte man in Milet die plebejische Neuerung: die Schule 
hat bald Erfolg gehabt. Die Hippokratischen Schriften scheinen ncSg nute zu 
haben, wohl auch die Abderiten. Die Steinschriften stimmen dazu. Also 
ist das xmq xore bei Herodas dasselbe Kunstprodukt wie bei Aretaios. 

2* 



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- 20 - 



Überlieferung nicht bezweifeln. Aber öjirevfievog 7, 55, yaafiev- 
fievog 4, 53, xat^o/uu 5, 77 sind bedenklich 1 ). Denn 4, 53 
und 5, 77 geben HS die normale Form; aber sie sind geneigt, 
das Dialektische abzustreifen. Andererseits haben sie 2, 109 mit 
xvv^iövtai sicher recht: xw&vvrai geben da KMPTA(E)V; 
aber Triklinios und die alten Ausgaben gehen mit HS. Dagegen 
ist 6, 30 ixvv^elto nur in K 3 P ohne Gewähr 2 ); £xvv±ävo über- 
wiegt und gehört in den Text, da ixwgfjTo (HS) einen Dorismus 
bringt, den wir der Überlieferung nach im Passiv nicht haben. 
Ob ihr zu trauen ist, stehe dahin: xw£eloftat jedenfalls fällt 
fort, und ich traue seinen Gefährten wenig, obwohl ich die rho- 
dischen Analoga kenne. 

Am gefährlichsten sind die Übertreibungen des Dorismus, 
der den Spätlingen wesentlich in a für i) zu bestehen schien. 
Wir müssen dem Bion und Genossen selbst <plla}ia zutrauen, 
nicht nur notgedrungen, weil wir unsere allerdings ganz unzu- 
verlässige Überlieferung nicht aus eigner Machtvollkommenheit 
von Grund aus umwerfen wollen, sondern weil der Isishymnos 
von Andros, eine kaum viel jüngere und sicherlich gelehrtere 
Poesie, einen Fehler teilt, der bei den Nachahmern unzweifelhaft 
vorkommt und den die Grammatiker (Schol. 4, 10) auch dem 
Theokrit zutrauen, .udAov das Schaf für fifjlov^. Es ist da- 

l ) Epigramm 6, 5 liefert xXayytvpTt, obwohl neben xlayyalvw, xXayyäna, 
xkayyütu) nur xlayyav (besser aber xlayyäa&ut) denkbar ist. Allein das lehrt 
nicht mehr, als dafs die Nachahmer solche Formen für dorisch hielten: so 
hat ja Iqtivu im Herodot wie im Theokrit falsche Analogien erzeugt. 4, 57 
hat zwar die Lesart xo t u£ovit (-r«i Schreibfehler), die jetzt T bietet, bestan- 
den, da sie im Et. M. aontihtdoe steht; aber xouotovn ist die Überlieferung 
unserer Handschriften, und damit ist die Anomalie fort, wenn auch die 
homerische Distraktion bei dorischer Endung etwas Hybrides ist. 

*) P ohne QT ist an sich verdächtig; mit schlechten Lesarten von K 
wird er sich in den Gedichten 15 — 18 zusammenßnden. 

3 ) 164 ftulovofiots. Der streng dorische Vokalismus, immer w für ou, 
Äolismen, nicht nur -o«<j«, sondern auch mit trügerischem Äolisch xliji- 
Coiat clandentibus 159, dagegen keine Verbalform auf -w, sondern xnXttai 
139, alles zeigt eine gekünstelte Sprache, aber sehr verschieden von dem 
Kreise des Bion oder anch dem des Meleager. Theokrit ist aber bekannt: 
das lehren die (ftoXadts aQxtoi 46 aus 1, 115. Die Schilderung der ersten 
Schiffahrt 155 steht irgendwie iu Zusammenhang mit Catull LX1V. 



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- 21 — 



gegen sehr erfreulich, dafs im Theokrit Ähnliches so verschwindend 
selten einstimmig überliefert ist, dafs man mit Zuversicht nicht 
nur ihn, sondern auch die älteste Ausgabe von solchen Mifs- 
griffen freisprechen darf; dafs sie eindrangen, wenn sie im Bion 
zu Recht standen, ist verzeihlich. Gellius IX 9 hat 3, 3 jze<pua- 
fitve gelesen, wie wir es in allen Handschriften lesen, aber ruhig 
beseitigen dürfen. 

Einige Deutungen der Grammatiker zeigen, dafs ihre Sprach- 
kenntnis nicht ganz zureichte. Sie sind 1, 105 und 8, 49 geneigt 
das erstemal ov, das zwcitemal cd für ov und a> in der Be- 
deutung ubi zu halten, was doch nicht existiert und nicht exi- 
stieren konnte, da w unde in der Sprache lebendig war, auch bei 
Theokrit 3, 11. Da ist es nun sehr tröstlich, dafs unsere Hand- 
schriften dieselben Buchstaben geben; auf die Accente ov und co 
kommt ja nichts an. In der echten Stelle des Thyrsis ist ov vom 
Sinne gefordert 1 ); ob der Verfasser von 8 den Fehler o> begangen 
hat, läfst sich kaum ausmachen ; die Stelle wird später behandelt. 

7, 62 versuchen die Scholiasten cogia nicht nur als &Qia, 
wie die Handschriften richtig betonen 3 ), sondern auch gleich 

') Aphrodite hat zu Daphnis triumphierend gesagt: ovx avils "Egtoios 
in' äoyakfa ttiy//S>jff; Er flucht ihr und rühmt sich, auch im Tode dem 
Eros ein Schmerz zu bleiben, weil er sich nämlich nicht hat zwingen lassen, 
der Liebe nachzugeben. Die Begründung seiner Abweisung der Göttin mufs 
folgen. Er weist sie an Anchises, Adonis, Diomedes, denen sie allen erlegen 
ist, den beiden ersten in der Liebe. Die Pointe, die aufserdem in ihrer Er- 
wähnung liegt, geht uns nichts an, vgl. die Beilage „Einzelne Stellen". Hier 
genügt es zu zeigen, dafs allein die Aposiopese pafst: ov liytrai rt}v Kvngiv 
6 ßovxnXos; zu ergänzen ist dem Zusammenhange nach Xvy(Z«i\ das bekommt 
durch die Aposiopese den Stich ins Erotische, höchst geistreich. „Ich will 
nichts mit dir zu schaffen haben und ich bin dir über. Warst du's auch dem 
Anchises? Geh doch auf den Ida! Auch Adonis ist ein hübscher Junge. 
Wenn du mit mir fertig geworden bist, versucht doch einmal mit Diomedes!" 
Dagegen halte man das plumpe, durch die Wortstellung noch plumpere „Wo 
der Hirt die Aphrodite pp.; geh zum Ida!*. Und wenn man das glücklich 
erreicht hat, so pafst tont noi' lly/taav nicht mehr, und dann fängt das 
Athetieren an. 

2 ) Dem Ageanax wünscht er ujqiu nuviu ytvono, tempestiva, damit er 
trotz der Winterszeit glücklich nach Mytilene fahren kann. Die Jahreszeit, 
in der auf halkyonische Tage menschlicherweise nicht zu rechnen ist, eigent- 
lich also nanu äiona sind, bedingt die ganze Haltung dieses nQonettnrixov, 



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- 22 — 

ovQia zu fassen, obwohl ovQog mit dorischem co nicht vorkommt, 
vermutlich weil es überhaupt nur episches Lehnwort war. Mit 
einem ovgia sind die Texte hier verschont geblieben. Dagegen 
7, 116 steht olxevvvsg in fast allen Handschriften, olxevvtag in 
0, olxevvra mit der Glosse tojzog Mih)tov in S, K hat das 
Scbolion olxevma' kv Murjvcoi TÖJiog' Isqöv 'A^Qodinjg 1 ). Da 
ist die dorische Vokalisierung eingedrungen, nachdem der Name 
im Text zum Verbum verkannt war: es kann doch nur olxöeig 
zugrunde Hegen, • 'ein rönog auf dem Häuser stehen', wie ein 
anderes Dorf des milesischen Gebietes Teiyiovoaa heifst, 'eine 
ummauerte x&pirf. Zu 4, 28 notieren die Scholien die dorische 
Form iadfr = &n?fct>. Das hat K 1 PAETr, ind£a> K 2 QT, 
ejtrj&g H S. Ohne die Scholien würden wir das Richtige schwer- 
lich noch lesen. Gibt uns das aber ein Recht, 5, 6 Ixxäoa für &c- 
vdaco gegen alle Überlieferung mit einem Humanisten zu lesen, der 
es in seiner Handschrift konjiziert hat? Doch nur, wenn Theokrit 
konsequent sein wollte und konnte; von der Euphonie, die ihm 
vielleicht höher stand 8 ), ganz zu schweigen. Dann wollen wir 
doch <j(pe 15, 80 im Munde der recht platt dorisch redenden 
Praxinoa schleunigst in ye ändern, das die Grammatiker und 



das uns literarisch auch als Vertreter seiner Gattung vom höchsten Werte 
sein mufs. Daher wird Lykidas die Nachricht von der glücklichen Ankunft 
des Ageanax am Kaminfeuer feiern. Ageanax ist offenbar der wirkliche 
Name, ein sehr vornehmer. In Kos ist er bisher nicht aufgetaucht, wohl 
aber ein I4yrjva$ 'Poöios (49 a Paton); aus Lesbos kennen wir 'AyfyoQioc 
Uyaaog, andererseits Uqxi«v«$ EvavaZ Atoßüral Die Zukunft wird schon 
einmal entscheiden, wo Ageanax hingehört. 

>) Der Aphroditetempel zwischen zwei Quellen, 'YiUg (die also wohl 
nur von Regenwasser gespeist war) und BvßMs, mufs unweit Milets in der 
Ebene gelegen haben, da auch das Röhricht für die Gegend bezeichnend 
war (28, 4). Es gilt ihn zu suchen, denn die Anhaltspunkte sind nicht sehr 
vergänglich. Theokrit hat ihn natürlich kennen gelernt, als er Nikias in 
Milet besuchte. Aber auch Poseidippos A. P. 12, 131 kennt die Aphrodite 
von Milet, und die Lokalisierung der Geschichte von Kaunos und Byblis 
hängt an diesem Heiligtume. Sie ist eine der ältesten 'milesischen' Ge- 
schichten. 

2 ) Man darf wohl der Überlieferung trauen, die 14, 55 nUvaov^a^ nicht 
das häfsliche nltvatv^at gibt, wider den sonst beobachteten Dialekt: nlev* 
oovfitti sagte man eben neben nksvaopm in der attischen Sprache. 



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- 23 — 

Handschriften 4, 3 darbieten, und äff txev 15, 149 vertreiben, weil 
11, 42 das plebejisch syrakusischc ätpixevao steht. Wer weifs, 
zu welchem Fickschen fieTaxaQaxttiQtafiog wir gelangen, sobald 
wir uns auf diese abschüssige Bahn begeben. 

Nein, der Dichter setzt einen Vulgarismus ganz ebenso als 
ein einzelnes Licht auf wie einen Homerismus; er greift Sprich- 
wörter aus niederer Sphäre auf, wie er heroische Personen und 
alte Orakel zur Vergleichung heranzieht. Wie wir die epische 
Distraktion xofiöcovri fanden, trotz der dorischen Endung, so 
steht neben dem grobdorischen neivävn der Gorgo 15, 148 dis- 
trahiert, scheinbar äolisch yeXdotoa 1, 95, dicht davor im Munde 
des Priap das dorische ysXävri und das rein äolische f^axeiaa 
1,85'). Wie er 1,36 die dreisilbige Form, die dem yekdoiaa 
entspricht, gebildet hat, ist unsicher; ye?.oloa KAES 1 Iunt (da 
ihre Vorlage yeXevoa hat, wohl B), yeXevaa QTTr, yeXüoa HS 3 
also unglaubwürdig, yeXäoa P, das man aufgegriffen hat, das 
aber nur Konjektur sein kann, da sowohl QT als K abweichen. 
yeXevaa ist falsch und sekundär; ob er yeXdoiaa zu ysXolaa oder 
yeXmaa zusammengezogen hat, damit es äolisch würde, ob er 
das echte yiXaiaa gesetzt hat (was mir am besten gefällt), wird 
schwerlich festzustellen sein. Natürlich kann manches Dialektische 
verwischt sein, wie der Dativ afiävteoavv nur 6, 41 erhalten ist, 
wo der Vers interpoliert ist und in K fehlt, nicht 10, 17, wo er 
echt ist, und JzaQeXävva 5, 89 nur in QTV und bei Gellius IX 8 
steht, sonst -cövva KMHST 2 Tr, verdorben zu -Xevvta AE, in 
P recht übel zu -Xavvva, dasselbe bei dem Nachahmer 8, 72 in 
PTQTr, in den übrigen wieder -Xüvta -Xevvta 2 ). Aber da 

l ) Das ist sicher, nicht nur weil es die Scholien geben und K 1 , sondern 
weil die nach den Scholien vorliegende andere Lesart £«Toioa unglaublich 
ist: das würde Caifvaa sein. Charakteristisch ist übrigens die Überlieferung 
des Satzes, der in sich unverständlich sein mufs, damit der Hörer auf das 
Cdraoa lauert, das erst hinter dem Schaltvers kommt, « ök ü xtoga niioas 
«r« xQavag, navi' ttloea noaal if oothai — . Gefordert wird die orthotonierte 
Form des Pronomens; sie steht nur in S und bei Triklinios, aber H mit yt 
ist dasselbe; die übrigen haben in toi und n Trübungen von tu. 

*) Mit ttäv hat es eine eigene Bewandtnis ; da auf den koischen Steinen 
nur in diesem Verbum das « auftritt, sonst tu, und in Argos auch der Sin- 
gular TioitXüna vorkommt (Barth de Coorum tit. diakcto Basel 1896, 56), kann 



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— 24 - 

können wir nicht helfen : stehen doch auch solche Dorisraen wie 
xcogog, (SwAog, Möaai (10, 24, aber Movaai P) nur vereinzelt. 
voaarjvov steht 1, 54 ganz fest, es hat nicht einmal ein Scholion 
und in der Grammatikerüberlieferung nur eine schwache Spur 1 ). 
Der Zusammenhang lehrt, dafs es toaovtov bedeutet. Wenn nun 
P ganz allein 3, 49 og towr\v' ixÜQfjoe hat, alle andern töaacov 
haben, so ist es unerlaubt, darin mehr zu sehen als eine Re- 
miniszenz jenes kühnen Schreibers an die Stelle des ersten Ge- 
dichtes. Er kann richtig vermutet haben, aber solche Einfälle 
gehören nicht in einen wissenschaftlichen Text. 

1, 96 behauptet sich in unseren Ausgaben Xä&Qia piv 
yeMoioa 3 ), und doch ist das eine freche Änderung von P, dem 
einzigen Zeugen, während alle sonst M&Qrj haben. Man braucht 
es nur auszusprechen, dafs das nicht nur die einzige Überliefe- 
rung, sondern auch einzig richtig ist, und gern wird man die- 
selbe Bildung anerkennen, die uns aus duzXfj als dorisch nun 
geläufig ist. Bei Theokrit lesen wir so nij 'wo' 1, 66, 15, 33 
{jtä nur AEVTr), QTcr\ 4, 24 (KPHS, öxä die übrigen): an jiäi 
oder tibi wird keiner mehr denken. Jiäi heifst 'wohin', 2, 1. 19. 
7, 21. 11, 72. Sehen wir nun den Tatbestand für das jetzt 



das Verbum nur, wie Blafs gesehen hat, nach lorapi, flektiert sein, und wir 
müfsten eigentlich noitluvia betonen. 

1) Nämlich bei Arcadius S. 65 (74 M. Schmidt), wo unter den Aus- 
nahmen von der Regel, dafs die Wörter auf -nvos zu oxytonieren wären, 
steht ti naQtt Svqaxooiüis nagayoiTO xct&' ö/uoto/najiyJjv OTjuaoCav. % Das hat 
Lobeck Pathol. 191 auf Toaoijvos bezogen, dessen Accent übrigens nur auf 
den Theokrithandschriften beruht. Ahrens Diall. II 290 setzt im Anschlufs 
daran Hntelhge Tooofjvos loifjvos et 8imilia\ Lentz Herodian I 182 setzt mit 
Berufung auf Ahrens J<« ro rooarjvos jotfjvog in den Text des Arcadius, und 
II 854 steht der ganze auch sonst mit Ungehörigem verquickte Kanon wieder, 
ohne dafs der Leser davon erführe, dafs roirjrog nichts ist als exemplifikato- 
rische Fiktion eines modernen Gelehrten. 

2 ) In dem Gegensatze ßanvv cT uva dvftöv f^oia« ist «vfyttv mit der 
sehr seltenen Tmesis, soviel ich weifs, eine Singularität. Denn uvfy* tv X f 'Q t( Si 
ovs, ntvxas, kvqu, das alles ist sinnlich «in die Höhe strecken', und das 
selbst war zu Theokrits Zeit bereits aus der lebendigen Rede geschwunden. 
Ich bezweifele es gar nicht; aber ich würde ebenso wie Bücheler einen 
älteren Beleg für öoyrjv oder (qmtu uviytiv prae se ferre gern zur Verfügung: 
haben. 



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— 25 — 



herrschende xelöe 'hier' und 'hierher' an. 'Hier' bedeutet es 

I, 12: da haben alle einschliefslicb der Scholien K xijöe; auf K 
Vöde, Q Velde ist nichts zu geben. 5, 60: alle haben rfjöe. 
15, 118 xijöe alle aufser K. 5, 52 xelöe Klunt (gegen die 
Aldinen, also wohl B) AEQ 8 , xrjtöe OH 2 Tr, xävöe S (also wohl 
H 1 ), xelvöe PQ'T. 5, 118 xelöe K, xt)öe MOHSAETr, relvöe 
PT, xrjvöe daraus entstellt Q. 'Hierher' 5, 67 xelöe K, xelvöe 
PQT, xijöe die übrigen; dasselbe Verhältnis 8, 39, nur dafs QT 
relvöe mit H neben xijöe haben. Daraus ergibt sich erstens, 
dafs ein Unterschied nach der Bedeutung wie zwischen szij und 
jtäi nicht besteht; es ist wie mit aide, das schwerlich dorisch 
war; ferner dafs xelvöe auf PQT beschränkt ist: man versteht 
es leicht als eine Mischform, xelöe mit übergeschriebener Variante 

II, die als N genommen ward; xdvöe in S 5, 52 ist xäöe mit 
der Korrektur rj. Damit haben wir so gut wie durchgehend die 
beiden Formen xijöe und xelöe, und die Bevorzugung von xelöe 
in K ist nichts als die Bevorzugung einer Variante. Da jirj öjir) 
feststeht, gebe ich xijöe den Vorzug. Natürlich ist das keine 
Sicherheit; aber darin liegt der Fortschritt, dafs man den Grad 
der möglichen Sicherheit schätzen kann. Wie sie auch ist, die 
Überlieferung, die sich sorgfältiger Prüfung als solche ergibt (nicht 
die 'Vulgata'), hat zum mindesten das Recht des Besitzes für sich. 

Mancher wird die seltsamen aö überhaupt bezweifeln, zumal 
wenn er dasScholion 1,2 liest, das eine solche Schreibung ausdrück- 
lich als äolisch verwirft. Aber bei den Lesbiern und bei dem La- 
konen Alkman sind sie genau so befremdend, bestanden aber aller 
Wahrscheinlichkeit nach zu Theokrits Zeit, so dafs er sie über- 
nehmen konnte, als äolisch oder dorisch, das war ihm einerlei. 
Und jenes Scholion zeigt selbst, dafs das aö bereits geschrieben 
ward, da es dagegen polemisiert. Ahrens hat auf ganz schwache 
Indizien hin die so gut wie einheitlich überlieferten Pronomina 
äfifieg v/t/tieg u. s. w. ausgemerzt; in Wahrheit weil er nicht 
begriff, was Theokrit mit den Äolismen gewollt hätte. Das weifs 
ich auch nicht; aber ich respektiere die ganz überwältigende 
Überlieferung; Abweichungen ins Vulgäre sind eben Abirrungen, 
die gar nichts besagen. Ahrens bevorzugte den Infinitiv et/^ev, 
weil Theokrit zu seiner Doris milior inklinierte: da sind wir nun 



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— 26 — 



in der Lage, das besser bezeugte rjfim» zu rechtfertigen, denn 
so hat man zwar sicher nicht in Syrakus, aber regelmäfsig in 
Kos geschrieben. 

Das korinthische Dorisch, zu dem Syrakus gehört, hat schon 
sehr früh die Schreibung ov für das geschlossene o aufgebracht, 
das aus 0 + 0 und 0 + Nasal entstanden war. So stand bei 
Epicharm und Sophron. Dieselbe Praxis haben die kleinasiati- 
schen Dorer gehabt; bei ihrer Nachbarschaft zu Ionien nicht 
verwunderlich. Dagegen hat der Peloponnes, Argos und Sparta, 
ebenso wie die stammfremden Arkader, sich für w entschieden 
und das haben die Kyrenäer dauernd behalten, deren Sprache 
und ganze Kultur überhaupt keinesweges von Thera, sondern 
vom Peloponnes abhängt. So ist es ganz begreiflich, dafs der 
Kyrenäer Kallimachos die Sitte seiner Heimat in den Hymnen 
beibehalten hat, die er dorisch formte. Wir haben ja kürzlich 
sogar gelernt, dafs er mit dem -oiaa statt -ovaa -coaa in den 



') Ich fürchte, wir haben uns in der griechischen Dialektforschung 
noch zu viel auf die Buchstaben verlassen und die Gegensätze der Laute zu 
sehr mit den Gegensätzen ihrer Bezeichnung gleichgesetzt. Das Zeichen £1, 
in Ionien im 7. Jahrhundert erfunden, wird dort zuerst das geschlossene, 
nicht das lange o bezeichnet haben. Lesbos hat wohl immer die Schrift mit 
Ionien geteilt; aber dort hat man jedes lange o mit £1 geschrieben; ob Al- 
kaios schon, weifs niemand. Das mag auf den verschiedenen Klang des 
älteren gleichgeschriebenen 7/7770 in Lesbos und in Chios deuten. Schon auf 
den Kykladen übernahm man zwar das Zeichen, verwandte es auch zur Diffe- 
renzierung der O-Laute, aber ein bestimmter Lautwert wohnte dem Zeichen 
nicht inne. Nach dem Mutterland ist es durch die ionische Buchschrift ge- 
kommen; da hatten aber die Korinther bereits ov für das aus 0 + 0 und o ■+• 
Nasal entstandene lange geschlossene o. Sie haben also £1 nnr für das bisher 
O geschriebene naturlange o verwenden können. Die übrigen Peloponnesier 
standen anders, weil sie ov noch nicht hatten, Arkader so gut wie Lakonen. 
Sie gingen also konsequenter vor und setzten £1 für jedes lange o: ov bot 
ihnen wohl selbst die Buchschrift noch nicht, oder doch inkonsequent. Daraus 
folgt noch nicht, dafs man 777770 in Argos wesentlich anders sprach als in 
Sikyon. u sprach man es doch auch in Sikjon schwerlich, als man ov zu 
schreiben begann, und wenn man bei Epicharm rbs ardQtonovg schrieb, so 
bedingt o zwar die Kürze, aber nicht die Klangfarbe. Es ist auch kein 
Gegensatz der Aussprache, ob man ttfttv oder ^uv schreibt, oder doch nicht 
anders als 'Hoaxhtos und 'Hoaxtfog, das man zur gleichen Zeit schrieb, und 
nicht nur auf dem Gebiete der verwilderten Dialekte. 



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- 27 - 



Partizipien, die wir für äolische Beimischung hielten, kyrenäisch 
geschrieben hat 1 ). Aber wie Theokrit auf sein (o verfallen ist, 
läfst sich schwer sagen. Sein Landsmann Rhinthon schrieb es, 
weil er in Taren t eine tarentinische Gattung pflegte: das trifft 
auf die Theokritischen Gedichte nicht zu, die ja alle episch 
sind, mit Ausnahme der ganz äolischen fieXij, die freilich co 
haben mufsten, weil das lesbisch war. Einerlei wie er dazu 
gekommen ist, Theokrit hat das co in den Gedichten durch- 
geführt, die recht dorisch klingen sollten, während er schon im 
Hylas, weil er ihn mehr homerisch hielt, ov bevorzugte — wenn 
wir der. Überlieferung trauen. Und wenn wir das nicht tun, so 
ändert das zunächst wenig. Sintemal seine ganze Dialektpoesic 
ein künstliches, gelehrtes Gebilde ist, bleibt uns nichts zu tun 
übrig, als aus der Überlieferung nur das in ihr selbst Wider- 
sprechende zu beseitigen. Die peinliche Einsicht, dafs wir viel- 
leicht in sehr weiter Ausdehnung niemals erfahren können, was 
der Dichter schrieb, steht ganz unabhängig neben der erfreu- 
lichen, dafs wir die antike Ausgabe mit sehr grofser Sicherheit 
herstellen. Da haben dann die Einzelirrtümer der Handschriften 
gar kein Recht auf Erwähnung. Die grofse Zahl von Hand- 
schriften, die unabhängig nebeneinanderstehen, soll doch nicht 
dazu da sein, die Summe der Schreibfehler unter dem Texte zu 
vermehren, sondern das Richtige sicherer herauszuerkennen: die 
Überlieferung, nicht die ungewollten oder gewollten Abweichungen 
von der Überlieferung, ist der Herausgeber dem Leser schuldig. 

Von diesen Schreibfehlern, die bei einsichtiger Würdigung 
weder etwas lehren noch etwas schaden, will ich noch einige 
bemerkenswertere behandeln. Dafs ovöe nofttxei und oüöiaoti* 
ixbi keine Varianten sind, mufs man heute nur den Allerrück- 
ständigsten noch sagen. Wenn in dem ionischen Gedichte 12, 35 
&mßonä(i) so geschrieben und betont ist, so ist überliefert doch 
nichts anderes als das korrekt ionische imß&vai, das Ahrens 
erkannt hat; Variante ist erst imßaavQäi, imßcooTQeT, und zwar 
Interpolation aus dem dorischen Gedichte 5, 66. Das dorische 



i) Dittenberger Syll. Inscr. Or. 767: für fiktiv kann ich die Doris gerade 
in Kyrene nicht halten. 



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— 28 — 

xä entgeht kaum je der Verschreibung in xev und xal\ da Theokrit 
auch xe{v) anwendet, wenn er eine Kürze braucht oder elidieren 
will, kann man xa für die Länge ziemlich sicher einsetzen, vor- 
ausgesetzt dafs das Gedicht im ganzen den Eindruck strengerer 
Doris macht: sicher wird es nur durch die Varianten xev xai. 
ya ist sehr selten; man wird es nur setzen, wo es sich noch 
zeigt, aber glauben, dafs es einst viel weiter galt. Die En- 
dungen der Adverbia wie vovvö'&t. tovtöüe schwanken ziemlich 
überall: man hat also freie Wahl; für die einzelne Handschrift 
besagt das nichts. 8, 68 ist das richtige xatielofre, das hatte 
schon der Korrektor des ersten Druckes gefundeu; jetzt gibt es 

0, zweifellos aus Überlieferung, xd/noiade K, xdfirjod'E PQT M 2 , 
xänr)tie HS Iunt (d. h. Musurus korrigierte etwas Falsches 
hinein, vermutlich aus B), xd/ieifte M 1 T : das ist kaum für die 
Beurteilung der Handschriften von Wert, für den Text gar nicht, 
und ob 0 die Orthographie bewahrt, ist im Grunde einerlei. 

1, 152 steht ov firj axiQTaafjte allgemein: da ist die falsche 
Orthographie also dem ausgehenden Altertum zuzutrauen: im 
Klange war ja axigraaelvs nicht mehr verschieden. Dagegen 
8, 38 ist aiJiEQ . . . (xovaloÖEi bewufste Besserung eines Kor- 
rektors in der Vorlage von AE (E l stimmt noch zu den übrigen), 
die einzige, die als sein alleiniges Eigentum zu führen ist: 
f.oovalööot war überliefert, und oi und ei klangen mit nichten 
gleich; aber o und e werden immer verlesen und verschrieben. 
6, 24 hat 0 wie die ältesten Drucke yigoi Jiovi olxov richtig, 
K Tr haben noch q>egei novl, so auch A, sein Bruder E (f iooiw 
jzori: in der Vorlage stand also die Variante, die die andern 
Handschriften beherrscht, yeQoito zzox* olxov, eine üble Kon- 
jektur, die wir freilich ins Altertum hinaufdatieren müssen. 
1, 11 'du wirst die Ziege bekommen'; dafür steht in der Über- 
lieferung ägrjg; PETr mit d^tg fallen ohne weiteres fort. Aber 
das Bekommen ist für den Angeredeten immer im Medium be- 
zeichnet 1 ), bei den fernerstehenden Göttern auch im Aktiv, und 

') Interessant gegenüber dem sonst durchgeführten und eigentlich ge- 
forderten Konjunktiv des Aoristes ist das Präsens npnw 9. Auch die 
Steine, deuen ich früher öfter Haplographie zutraute, geben «yuv oft für 
(iyayttv: offenbar merzte die Sprache den reduplizierten Aorist aus, soweit 



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— 29 - 

äyeiv kann diese Nuance überhaupt nicht annehmen. Also haben 
H 2 S 2 mit d|i)t unbedingt recht; für Theokrit ist es einerlei, ob 
aus Konjektur oder Überlieferung, die sehr wohl in einer Variante 
stecken kann. Das läfst sich nicht entscheiden, aber wohl ist 
sicher HC aus HI in der Buchschrift entstellt Dieselben HS 
geben auch 5, 44 das grammatisch allein zulässige Futurum 
medii ßcoxokid^rii gegen -j-etg oder -fyg der andern: da ist die 
Erhaltung des Echten um einen Grad wahrscheinlicher, damit 
aber auch glaublich in 1, 11. 

Unvermeidlich war bei den des Dialektes unkundigen 
Schreibern die Verwechselung der dorischen Verbalendung -vxi 
mit ^vai oder -vto und weiter den Nominalendungen des Parti- 
zips -vva -wag. Es charakterisiert keine Handschrift besonders, 
wenn sie da abirrt oder auch wenn sie das Richtige bewahrt. 
1, 87 ßarevvvai PQTTr, -rag K, -rt HSAE; 3, 53 töovtai HS, 
•vn die übrigen; 7, 23 fßaivovn gegen -vtat, nur durch Galen 
erhalten. Ebenso unvermeidlich ist das Durcheinandergehen der • 
kleinen Wörtchen ti tv toi ve va. 7, 21 Jiäi di) tb fieoafttQioi' 
aödag eAxetg; xo nur in einem Zitate der ambrosianischen Scholien 
erhalten und in Q T, also Variante des gemeinsamen Ahnen von 
PQT, sonst rv toi av, also tv. 7, 59 Tai tci iiäfaoTa öqvI&cov 
£([Mr)&ev, nur H (der Tal erst ausgelassen, aber selbst nach- 
getragen hat) und Kallierges, der es also wohl aus B bekam. 
Da hat also in der gemeinsamen Vorlage von HS neben rri 
die Lesart der Vulgata ts gestanden, die S bevorzugt hat. 
10, 3 deddv tv nur KM, die andern ein ganz verwerfliches 
ts\ nur P erfrecht sich ÖeuaiE zu interpolieren, macht 
aber bei der Kritik Glück, deren Methode Variantenjagd ist. 
10, 14 ToiyäQ Tä Jtqb frvQttv PHSTr, die andern ToiydQ- 
toi\ ich ahne nicht, wie man das hat bevorzugen können. Hier 
können die Scholien das Richtige geliefert haben, das sie vor- 
aussetzen; aber das ist sehr unwahrscheinlich. Ganz besonders 

sie nicht das von den Ioniern schon im 5. Jahrhundert gebildete ?)£<c zuliefs. 
So ist blbixa, weil es perfektisch klingt, durch JlJcox« eingeengt, l^a hat 
praktisch kein unterschiedenes Perfekt neben sich; aber töty/.u hat über ?/- 
öijxu gesiegt; später hat man TtSttxa zu schreiben vorgezogen, um den Unter- 
schied stärker hervortreten zu lassen. 



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- 30 - 



mufste sich die Vermischung der dialektischen Pronominalformen 
zevg TSV rot re rv einstellen, vsvq hat Apollonios als besonders 
theokritisch ausnotiert; er las es noch öfter als wir, zweimal 
(11, 5 und 55) hat es K allein erhalten; es mag von Theokrit 
noch Öfter gesetzt sein, aber Normalisieren wäre unverant- 
wortlich. 7, 25 müfste man das solöke wg rot noai viaaof^svoio 
jiäaa Mftog maioiaa tzot' äoßvhideoöiv äelöet auch durch Kon- 
jektur ändern: nun hat H das richtige reu; dafs die Variante in 
der gemeinsamen Vorlage stand, zeigt in S die Glosse oov, und 
auch Triklinios hat das Richtige, ebenso Kallierges, also viel- 
leicht B. So etwas hat sogar P einmal, 7, 86 in' faev 'bei 
meinen Lebzeiten', gegen efioi (S ifilv). Es ist sein einziger 
positiver Vorzug; aber ich bezweifle es nicht. Ganz ebenso ist 
das beständige Wechseln von fiiv und /tetv, vvv und vtv, agäv 
und jhqIv; man kann das Richtige ruhig aus jeder Handschrift 
nehmen, wenn es not tut, auch aus KoDjektur. 

Das führt uns zu den Sonderlesarten der einzelnen Hand- 
schriften hinüber, die wir notwendig überblicken müssen, soweit 
sie Aufnahme fordern. Dabei mufs vor allem mit den Scholien 
gerechnet weiden, deren Varianten natürlich vom Rande ein- 
dringen konnten. Seine Scholien sind der Hauptvorzug von K. 
Sie bestätigen die besonders wichtige Auslassung der unechten 
Verse 13, 61 und (wenn der auch hier noch nicht hergehört) 
2, 61. Allein das geschieht nicht so, dafs wir etwa anzunehmen 
hätten, die Vorlage von K hätte die unechten Verse auch ent- 
halten, und sie wären dann auf Grund einer Athetese in den 
Scholien ausgelassen: ihre Existenz in den anderen lehrt also 
ebenso wie die besonderen richtigen Lesarten in K, dafs diese 
Tradition sich sehr früh von allen übrigen abgesondert hat, in- 
klusive der Scholien. Es mufs also zugestanden werden, dafs 
13, 61 schon im Altertum eingeflickt ist, um die spezifisch theo- 
kritische Einführung des Gleichnisses ohne Vergleichungspartikel 
mit der homerischen auszugleichen, und 2, 61, um eine alte Kor- 
ruptel zu heilen. Das ist ein schlimmes Ding; ich werde an 
anderer Stelle in 5, 73 eine Interpolation aufweisen, die aus ganz 
ähnlichem Grunde entstanden ist, aber allgemein überliefert. 
Sonst läfst K noch eine Wiederholung aus, 6, 41 = 10, 17; 



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- 31 - 



davon ist aber auch in M eine Spur geblieben ; der Vers mufs 
am Rande gestanden haben, da er jetzt an anderer unmöglicher 
Stelle eingeordnet ist. Eine gleiche Wiederholung hat Valckenaer 
richtig beseitigt, 8, 76 = 9, 7. Weiter kann ich im ganzen 
Theokrit keine Interpolation zugeben'); denn die unechte Strophe 
in 8 ist älter als die grundlegende Ausgabe. 

Sieht man von demjenigen ab, was unter die besprochenen 
Kategorien fällt, so gibt es selbst in K nicht sehr vieles, was 
er allein erhalten hat. Man kann die Form öaaa gegen oaa 
wirklich kaum rechnen, und doch zeigt sich, wieviel ein so ge- 
ringer Fehler anstiften kann. 10, 32 war das echte alfte /nov 
fjg öaaa KqoZoov jzoxa (pavtl jzejzäo&at. Das steht nur in K; 
aber PT geben dasselbe mit der unschuldigen Schreibung oaa. 
Was daraus ward, zeigt schon der Bruder von PT, Q: i)oav oaa 
Kqoioov eyeiv n. q>, n. Da hat er mit ijoav und dem Zusätze 
huv (den auch K l hat) die beiden verbreitetsten Ergänzungs- 
versuche vereinigt, mit öaaa, das er aus oaa macht, auch die 
richtige Verbesserung angemerkt. Die übrigen Handschriften 
haben ijoav oder $xeiv oder auch oaa top xqoioov. Wichtig ist 
o, 120 die Erhaltung eines durch Verschleif ung für den Vers 
nicht nötigen und daher sonst ausgeworfenen r\ durch K, und 
12, 36 yavlog gegen q>av?.ov, wovon an anderer Stelle. Sonst 
beschränken sich seine besonderen Vorzüge auf die Gedichte 4 
und 13; in den ersten, 1 und 7, ist er sogar nicht eben hervor- 
ragend, und wenn M nicht 4 verloren hätte, würde dieser wohl 
wie in 10 und 13 Öfter neben ihm stehn. Nun gibt aber K 
wirklich allein in 4 xe gegen rot n, woraus Ahrens xa gemacht 
und so Syntax und Vers geheilt hat 4, 12 aide gegen aide, 56 
m'jfajzog gegen dvrjktnoq; am wertvollsten, aber nur von erster 
Hand, 49 Jtdva^a gegen Jtavd^co. In 13, 8 vlia gegen via im 
Versschlufs, 19 d(pvubv 'I(okx6v gegen ig ayveiäv 'lacoXxöv 



0 8, 22 = 19 könnte fehlen, aber Köchly hat ihn wegen der Responsion 
getilgt, also aus nichtigem Grunde. Wenn zwei Jungen sich anrenommieren 
und der erste alle möglichen Vorzüge seiner Rohrpfeife aufgezählt hat, so 
wird der zweite vielleicht keine neuen finden, aber um so sicherer sagen, 
dafs seine Pfeife das alles auch besäfse und dann noch etwas Besonderes 
dazu, und es ist nur recht, dafs er einen Vers mehr sagt. 



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- 32 — 



wider den Vers, 69 t)i.dfteoi gegen fjtöeot. 73 'HgaxXef] (lies 
'Hgaxkrj) gegen 'Hgaxkir}v\ 51 teilt es das Richtige mit Iunt, 
d. i. B (vgl. S. 7), 33, 40 {&gua), 48 mit M 1 ), 41 mit MA, 
40 mit AE. Freilich hat er auch einen eigenen Fehler 58, 
ßagvg gegen ßativg, denn ßagvg /.aiixög kann unmöglich ßagv- 
(f ütvog sein. Wenn von dem Knaben ägcuä qxavd kommt, so 
brüllt Herakles ßadvg oaov rjgvye kai/iög, aus vollem Halse, ex 
imo pectore. Dies Gedicht, das letzte der ursprünglichen Samm- 
lung, war in dem Ahn von PQTHSAE so verwildert, dafs man 
sie ganz fortwerfen kann, KBM reichen aus, K als bester, aber 
es bleiben Korruptelen, und in 65. 66 nicht nur unheilbare, 
sondern auch selbst für die Byzantiner olfenkundige. 

Die andern Handschriften stehn natürlich ungünstiger. HS 
1, 130 ig äidog gegen äg ätöav, S allein 7, 106 xel gegen xrjv: 
so etwas konjiziert nicht leicht ein Byzantiner. M 10, 2 ovte 
röv öyfiov gegen K ovteov, woraus otf#' iöv in den andern 
werden mufste, da ovte durch sein Korrelat gezeigt war. Hier 
gehn aber Triklinios und die alten Drucke mit M. Dagegen 
ganz allein hat er 10, 53 iyx^ vta gegen exxevvta; 12, 28 Jtegi 
allwv gegen neglaXXa ist noch bedeutender und steht ebenso in 
dem Scholion zu Aristophanes Acharn. 774; wir wissen nur noch 
nichts über die Herkunft und Gewähr dieses Scholions. 5, 146 
hat M die schwache Unterstützung von AE für Ivßagvxlöog 
yvtti XlfjLvag gegen xgävag, das aus 5, 3 stammt. Man wird die 
Schafe nicht in der Quelle, sondern in dem Teiche waschen, den 
sie sich unterhalb ihres Ursprungs ausgespült hat. PQT liefern 
nur 1, 29 negl für notl, doch so auch UTr, und namentlich 
147 Jthijgeg öe gegen szhrjgeg toi, das aus dem vorhergehenden 
Verse stammt, aber auch bei Galen VIII 971 gelesen wird, 

] ) 48 lesen sie tSuf oflyotv gegen aufptxdlvxptv, das stammt aus 5 294, 
denn Theokrit hat das homerische fyw» nvxivas tf (>ivu<; ocfjuf*xü\v\ptv in tQtos 
ünalas <fQtw$ Ifrqoßrjotp umgesetzt. Ihm waren (fQÜe; kein Körperteil mehr, 
den die Leidenschaft umschattete, sondern (fQuvnoif, dafür aber die Leidenschaft 
eine Person, die dem Menschen die Selbstbeherrschung aus der Seele jagt, 
vertreibt: l^tu? tU^vfv avta; tnl nut"YXai konnte es ebensogut heifsen. Ganz 
ebenso 2, 13G vvjn(fav Ix &aX«uoio l$t<iofir]atv, wo wieder t&fATjvev stehen 
könnte, wie bei Euripides Bakch. 36 l&fitiva ötouäjoiv. Statt zuzugeben, 
dafs die Stellen sich stützen, hat man beide geändert. 



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— 33 - 



wenigstens jetzt noch. 11, 14 heifst es von dem Kyklopen avTÖg 
in' ätövog xatetdxexo, wo avrög 'allein' gefordert wird. Das 
steht nur in Q 1 VTr., nicht nur gegen die übrigen, sondern auch 
gegen die Scholien, die atizöftev paraphrasieren, also auch avrov 
gehabt haben. Trotz der schwachen Bezeugung ist hier die Er- 
haltung des Echten in einer Variante aufser jedem Zweifel. 
1, 17 ist allein möglich ean de mxgög; aber de gegen ys steht 
nur in HTA 1 ; wenn wir ihnen trauen, gab es also die Variante 
in der Vorlage von HS, und S verschmähte sie, in der von PQT, 
und PQ verschmähten sie, in der von AE, und E verschmähte sie; 
K und M kannten sie überhaupt nicht. Seltsam; aber die An- 
nahme von drei Emendatoren ist noch viel seltsamer, und eovi 
öi hat Stobäus 20, 23 gelesen l ). 

Die Varianten, die in den antiken Büchern standen, in denen 
mit gelehrtem Material am Rande natürlich vornehmlich, sind 
eben das Wichtigste; erst sie gestatten von der Textüberlieferung 
zumal der grammatisch behandelten Werke eine glaubliche Vor- 
stellung zu gewinnen. In der Auswahl der Varianten, die dem 
Herausgeber von der richtig gewürdigten Uberlieferung freigestellt 
sind, zeigt sich erst seine Kunst; aber obgleich ihre Zahl auch 
hier im Theokrit nicht klein ist, gibt es nicht viel Gelegenheit, 
die Kunst zu zeigen. Wir gelangen in diesen 12 Gedichten mit 
hinlänglicher Sicherheit mindestens in die letzte Zeit des Alter- 
tums. Lesarten, die die Scholien voraussetzen und die Hand- 
schriften verloren haben, fehlen gleichwohl nicht ganz. Von 
7, 116 war schon die Rede (S. 22), wo olxevvva in allen Hand- 
schriften mit Ausnahme von SO zu olxevvteg übel entstellt ist und 
0 auch schon olxevvvag hat, d. h. eine Vermischung von beiden, 
da der Accusativ sich nicht einfügt. 12, 12 zeugen die Scholien 
für /ierd nootegoioi; die Handschriften haben seltsamerweise alle 
fier' äfKporeQOiai; das kann nur eine alte falsche Variante sein. 
Interessant ist 5, 38. Da steht fast überall d'ge'yjai xal hvxtdelg, 
ÜQiyai xvvag, cbg rv (pdyovn. Die Paraphrase der Scholien ex- 

" • - 

!) Stobäus allein hat faxt gegen tvrt, und so etwas wiegt in seinem 
Texte leicht; aber glücklicherweise gehört hu als Singular zu den falschen < 
Dorismen, die wer die Überlieferung überschaut dem Theokrit ohne weiteres • 1 
abnehmen kann, während er sie bei den Nachahmern dulden mufs. 

Philolog, Untersachunrrcn. XVIII. 3 



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- 34 - 



tigitpetev äv ng lehrt, dafs xal aus xa entstanden ist, wie Ahrens 
bemerkt hat. Aber der Optativ mit äv pafst für die Verglei- 
chung nicht, auch nicht für das Sprichwort, auf das die Scholien 
deuten und das sie mit Aktaion in Verbindung bringen. Das 
ist nicht nötig: auch heute werden Hunde, die erst ganz artig 
waren, gerade durch gute Behandlung bissig 1 ); Theokrits Hirt 
übertrumpft das mit den jungen Wölfen. Nur fögstpe ng könnte 
stehn; dann aber schwerlich ibg (pdywotv. Der Imperativ ügiipai 
dagegen ist vorzüglich. Nun fehlt xai in PAE, unsicheren 
Gewährsmännern; aber es fehlt auch bei Stobäus Ecl. II 96, 7 
Wachsm. Also dürfen wir der Auslassung trauen und dürfen 
glauben, dafs Meineke die Lücke mit toi richtig ausgefüllt hat. 
Ganz dasselbe Heilmittel wende ich in demselben Gedichte 118 
an. tovto fikv ov f.itfivafi', öxa {.idv rtjdi tv 6i)aag Evfidgag 
txdfrqgs, xaXcög fidXa tovto •/' taafii. Die Lücke füllen Kyg 
PQTITS'Tr mit aoxa, d. h. der Versuch der Ergänzung 
stammt aus dem Altertum; aber wie soll Jtoxa neben öxa be- 
stehn? Das Scholion lautet r)vlxa fävToi drioag oe 6 Evpdgag 
£vTavfta emfiehüg xal evTÖXftcog (es zieht xa?.ä>g zu ixddrjge) 
oe ifidoTtgev, äxgtßcbg . (soll /xdXa sein) olöa. Er kann mit 
fjLBvroi auch fidv wiedergegeben haben; aber noxa kennt er nicht: 
das ist neben fjvixa so unerträglich wie neben ote. So vermute 
ich fidv toi, denn 8, 21 steht sogar fj fidv toi. 

Zum Schlufs nur noch zwei Stellen, deren Korruptel als 
solche von Interesse ist. 8, 49 

(b TQdys Tav kevxdv aiy(öv dvep, a> ßdftog vXag 
50 fivgiov (o) oi/iai Öevt' ly' vöcog egiyoi)' 

iv ti)v(M yäg Trjvog' td' oj xö?.e xai kiys MiXcoi, 
dtg ügcoTEvg <pcbxag xal fteög iov Evsfiev. 

So wie ich hier geschrieben habe, werden die Verse von 
dem Scholion vorausgesetzt Co xoXoßk Tgdye, äxEX&E exsX, otcov 
eotIv 6 Mlkoiv xal ?.6yE avTiöi, ort xai 6 ügcoTEvg fisög tov 
(f ibxag EVEf-iev, und dann wird die Pointe der Botschaft richtig 
erfafst, "wenn ein Gott sich vor den Robben nicht geekelt hat, 



*) "Mache deinen Hund fett, dann wird er dich beifsen!"' ist ein ara- 
bisches Sprichwort. 



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- 35 - 

kann dir auch ein Geishirt als Freund nicht zu schlecht sein". 
Im einzelnen wird noch cb Ms und der angebliche Dativ MIXcoi 
erläutert. Aber den haben, eben aus dem Scholion, nur QM J , 
Triklinios, die Iuntina, und gleich mit dem rangiert MIXcovi M' AE. 
Überliefert ist also MIXcov, und von einer Elision MIXcov' cbg hat 
man ehedem zwar geredet, aber das ist nicht mehr nötig. Also 
MIXcov ist Anrede; wenn es das ist, kann diese unmöglich mit 
MIXcov anfangen, dem letzten Worte des Verses, dem man zudem 
den Vokativ nicht ansieht, und es war direkte Rede, so dafs cbg 
nicht richtig sein kann. Nun liefert der Ambrosianus in der 
Paraphrase Jtgög vöv VQdyov q>i)olv cb xaXi. Die Anrede pafst 
zwar für den Bock nicht, aber W 'cb mXe" xal Xzye ( MlXcov\ 
liefert nicht nur die Verbindung von MIXcov mit dem Hexameter, 
sondern zeigt auch die Schönheit des Knaben, um derentwillen 
er sich für einen Hirten zu gut dünkt. Die Umstellung von 
xai, die in lateinischen Versen ein Schüler ohne weiteres er- 
kennen würde, und die doch aus der griechischen Kunstsprache 
stammt, pflegt mifsv erstanden zu werden; aber dafür können die 
Dichter nichts. Da hat also die Überlieferung sowohl in MIXcov 
so gut wie allgemein, wie vereinzelt in xaAe noch den besseren 
Text bewahrt, den die Scholien mifsdeuteten. Aber cbg im Penta- 
meter, entstanden, weil es indirekte Rede sein sollte, ist überall 
eingedrungen; 6 IJQcovevg hat Meineke richtig gefunden. Gewifs 
ist der Dichter nicht zu loben, dem sein Versuch, recht lebendig 
zu werden, ziemlich mifsglückt ist; dem Theokrit würde so etwas 
nie passiert sein. Er hat die notwendige Angabe, wo Milon sich 
befindet, sehr unklar gegeben, 'wo der Wald am dichtesten ist', 
und die Relation dieses Ortes mit Milon noch unklarer, da vijvog 
eher ausgesprochen wird als der Name. Er hat sehr richtig 
gefühlt, dafs die Herde der Ziegen eine Anweisung bekommen 
mufs, damit sie dem Bocke nicht folge, der in den Wald gehen 
wird; aber die lebhafte Anrede tritt störend mitten in die an 
den Bock; weswegen denn auch cb xöXe als eine neue Anrede 
an den konjiziert worden ist. Vorbildlich war 4, 46; es ist mir 
fast sicher, dafs auch hier al oifiai für cb aifial zu schreiben ist, 
vgl. 5, 100. 102. 147 u. a. Damit sind wir die täuschende 
Anapher von cb los. 6) möchte ich in wg, noch lieber in eg 

3* 



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- 30 - 



verbessern. Wie leicht die Verse mifsverstanden werden, lehrt 
Vergil Ecl. 7,7, also in dem Gedichte, das überhaupt von dem 

. ; , f l unsern inspiriert ist, huc vir gregis ipse caper dterraverat: er hat 
".'.'./" -T iv Ti)vcoi yäg rtjvog auf den Bock bezogen, w ßdftog gesprochen 

' ^ und verstanden 'Nun mein Bock — ach, wie tief ist der Wald, 
, hierher ans Wasser ihr Ziegen; da steckt er nämlich'. Dann 
werden also die Ziegen ans Wasser gerufen, wo die Knaben 
sitzen; sie kommen, und mit ihnen der Bock, der dann seinen 
Auftrag erhält. Das kann nicht richtig sein, denn die Haupt- 
sache fehlt, wohin soll der Bock gehen? Aber was Vergil mifs- 
verstand, mufs wohl mifsverständlich sein, und vor allem, es 
stand schon damals im Texte. 

1, 56 geben die Handschriften 

ahioXixöv u üdr)fia' rigag xi tv frvfiöv dtv^ai. 
Schreibfehler wie ftdvfia PQ, aber nicht T, oder toi für xv 
zählen nun nicht mehr mit. Aber #di)fia ist ein Palimbacchius, 
und wer Mafia aus dem Attischen oder d&rffia aus dem Ioni- 
schen herbeiholt, vertauscht den metrischen mit einem Dialekt- 
fehler. Wenn Hesych das Lemma aloXixbv Otrjfia hat, so zeigt 
das gerade, dafe Mrjfia nur ein gleichgültiger Fehler in seiner 
Handschrift ist. Sein Zeugnis schon vertreibt das anstöfsige rt, 
das natürlich aus einer Variante Mafia, dem Eindringen des 
Vulgären, entstanden ist. Porson hat n schon mit gesundem Sinn 
kurzerhand ausgeworfen. Aber es hat auch nicht nur im ersten 
Jahrhundert nicht bestanden, als Alpheios von Mytilene Anth. 
Pal. XI, 5 aljioXixbv fiijWfia schrieb, sondern noch das Ex- 
emplar des Theokrit, das Ausonius in Bordeaux besessen hat 
(denn, so wenig Griechisch er gelernt zu haben gesteht, er hat 
einen Theokrit und hat auch eine Epigrammensammlung gehabt, 
die für die Anthologiegeschichte nicht zu verachten ist), las das 
richtige: daher hat er Epist. 14, 33 oyvoQixöv Mrffia, mit der 
Variante Mafia; das n interpolieren erst die Modernen. So 
weit ist das einfach. Der Vers ist nun heil, denn sein zweiter 
Teil bedeutet: "das kann dich wohl als ein vtgag aufregen". 
Ein fidrfna sieht man sich mit Bewunderung an, zumal wenn 
man ein alnöXog ist; aber dies ist so schön, dafs es einen 
Hirten fast aufser sich bringt, wie ein rsnag: es ist "verblüffend 



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- 37 - 



schön", wie jetzt der Argot von Berlin W sich ausdrückt. Der 
Ätnaausbruch ist für die Beschauer ein veoag ftaviiäawv, für 
die, welche von ihm nur hören, ein #at),wa, Pindar Pyth. 1, 26. 
Nun gibt es aber die, Variante Alohxöv, die uns schon bei 
Hesych begegnet ist, auch in den Scholien, mit der gleichen Er- 
klärung, das wäre so viel wie ätolisch, und Hesych nennt geradezu 
Kalydon. Damit hängt zusammen, dafs nach den Handschriften 
der Hirt im nächsten Verse für den Becher den Preis aogtipet 
Kakvöcüvlm gezahlt hat. Wie in Kalydon eine Fähre über den 
Korinthischen Golf sein soll, das wird belächeln wer den Golf 
kennt, und wie dieser Fährmann zu Thyrsis kommen soll, ist gar 
ein tigag. Freilich Hiller konnte noch mit der überlegenen 
Plattheit, die er für die Force seines Dichterverständnisses hielt, 
aus Meineke abschreiben, dafs Heliodor den nooftfibg Kat.vöobviog 
bezeuge, ohne sich zu fragen, wie weit die Bekanntschaft des 
Emeseners mit Ätolien ginge, und ob er nicht vielmehr den 
jzoQ^ög KaXvöebvtog von dem jvoQÜfievg Kahvdcoviog des Theo- 
krit genommen hätte. Er konnte dann von sich hinzufügen, es 
wäre keineswegs unmöglich, dafs ein solcher Fährmann einmal 
nach Sizilien gekommen wäre (wohin er den Schauplatz des Ge- 
dichtes verlegte), und man brauchte sich darum nicht den Kopf 
zu zerbrechen. Heute ist es wohl nicht mehr notwendig zu be- 
weisen, dafs der Schauplatz des Gedichtes Kos ist und der Fähr- 
mann von Kalymnos, der abhängigen Nachbarinsel von Kos, kam 1 ). 
Die hat Theokrit mit gelehrtem Namen (B 766) bezeichnet, und 
echt ist allein die von den ambrosianischen Scholien mifsfällig 
beurteilte Variante jzoQ^fji KaXvdvim. Aber woher nur die 
Aoler und Kalydon und Ätolien? Das kann ich zeigen. Bei 
Euripides Phoen. 134 sagt der Pädagoge von Tydeus jialg fikv 
Olvitog £(f v Tvöevg, "Aot] ü" AlvcoXöv iv aregvoig £%£i. Da 
haben sich die Erklärer bei dem einfachen Sinne nicht beruhigt, 
dafs Tydeus die ätolische Wildheit, die den Athenern so viel zu 



') Bücheler (Rh. M. 48, 85) widerspricht zwar, aber er greift zu einer 
Hilfshypothese. Theokrit mache dem Alexander von Pleuron mit Kalydon 
ein Kompliment. Das beruht auf einer Ausdeutung der Thalysia, die selbst 
ganz in der Luft schwebt. 



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- 38 - 



schaffen machte, im Busen trüge, jenen Berserkermut, um desscnt- 
willen Ares auch als Vater ätolischer Helden eingeführt ist. 
Das Scholion lautet c5g eyovtog avvov im rtjg äanlöog zöv 
vov ovög nö?.e/iov. KaXM[ia%og "elfii tigag Ka/.vdävog, eya 
ö' AhcüXöv 'Agrja", Fgm. 226. Bei Schneider kann man 
lesen, wenn man Lust hat, was alles über die Worte hin 
und her geredet ist. Da bei Euripides alles einfach ist, kann 
die Auffassung, es wäre ein Schildzeichen gemeint, nur daher 
entstanden sein, dafs die übereinstimmenden Worte AlvcoXöv 
"Agr) bei Kallimachos wirklich eins meinten, und dazu stimmt 
ja auch "ich bin ein Wunderzeichen Kalydons, und ich führe auf 
mir den ätolischen Kampf", nämlich den Eber, denn mehr ist 
nicht notwendig. Also war das, wie Meineke allein richtig er- 
kannt hat, ein Epigramm, in dem ein Wahrzeichen von Kalydon, 
ein Schild mit dem Kalydonischen Eber darauf, redete. Der 
Genetiv bezeichnet gewifs nicht dasselbe wie KaXvötiviov, son- 
dern jedes tigag ist ein portentum für einen bestimmten Menschen 
oder ein bestimmtes Volk, dies natürlich für die Heimat des 
Meleagros. Ob das Epigramm für sich stand oder in einer Elegie 
der Aitia, können wir nicht wissen; aber man braucht den Vers 
nur einmal im Kopfe zu haben, während man die Varianten bei 
Theokrit überlegt, dann sieht man, wie ein Grammatiker, der auch 
an Kallimachos dachte, von regag (dessen Variante ysgag in einer 
Euripideshandschrift unschädlich gemacht wird) ausging und ver- 
mutete, hier wäre auch solch ein ätolisches Wunderwerk gemeint, 
wo sich dann Kalydon sehr leicht, die Ätoler aber nur auf dem 
gelehrten Umwege über die Äoler einstellten. Es ist eine Kon- . 
jektur, die wir nicht loben werden, aber im Stile der Einfälle 
von Bentley, Meineke, Schneider über den Kallimachosvers, und 
wie viele solche Konjekturen sind gemacht und haben Beifall 
gefunden. 

In unserem Zusammenhange ist die Spur gelehrter Experi- 
mente in unseren Scholien und in unserem Texte wertvoll: es 
zeigt sich, dafs es dem Theokrit gehn konnte wie dem Homer 
oder Euripides oder Vergil, dafs übel angebrachte Gelehrsamkeit 
ihn verdarb. Aber es zeigt sich auch, dafs das den Text nicht 
wesentlich geschädigt hat. Wir sehen, wie nicht nur Versehen 



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— 39 - 

der Schreiber, sondern auch allerhand Reminiszenzen ihm ge- 
schadet haben; aber daran ändert das alles nicht, dafs in der 
Gruppe der 12 Bukolika ein fester, einheitlicher Text samt den 
Varianten und Scholien einer gelehrten Ausgabe auf uns ge- 
kommen ist. 

Theokrit 14, 2. 15-18. 

Das Bild ändert sich, sobald wir an die folgenden Gedichte 
herantreten, wenn auch die Grundlage dieselbe bleibt. Hier be- 
ginnt V seine Rolle zu spielen, der 2, 14, 15, 16 hinter den 
andern, 17 und 18 zwischen Un theokritischem bietet; die Über- 
sicht gebe ich bei der Klasse dort auch mehr von Triklinios, 
der hier noch nicht Zwilling von V ist, aber sehr viel aus 
derselben Vorlage hat. Hinzu kommt ein Parisinus L des 
14. Jahrhunderts, 2831, der zwar schon mit 5, 55 beginnt, aber 
nur für 15, 17, Epitaphios Bions, 16, bekannt ist; übrigens auch 
sonst entbehrlich. Für die Charites ziehe ich auch den Parisinus 
D, 2726, heran, weil Ahrens da eine sehr genaue Vergleichung 
Dübners gibt; der Kodex spielt später eine grofse Rolle, ist auch 
hier mit B und K verwandt, aber er kann das Urteil nicht 
wesentlich beeinflussen. Ich will von 14 die Varianten in grösserer 
Ausführlichkeit geben; immerhin bleibt so manche vereinzelte 
Nichtigkeit, zumal Dialektisches, fort. Von der Prosodie und der 
Personenverteilung sehe ich überhaupt ab. 

Kvvloxaq egeog. 

4 äv atiakeoi steht jetzt überall, aber K scheint vor der 
Rasur äv atiovaMoi gehabt zu haben; in P ist von der ersten 
Schreibung übrig äv . . av . . kioi. Die Scholien (die ich mit 2 
bezeichne) wissen von dem unsinnigen äv nichts und erklären 
avy^Qol xaTd&iQoi mit denselben Worten, die zu t 327 die 
Scholien, Apollonios Archibiu, Hesyck als Erklärung von dvaraksoi 
haben. Also ist in allen Handschriften die Silbe töricht ergänzt, 
die fehlte, als man nach der jüngeren Praxis auataXioi sprach. 
Aber dies Wort selbst war in der Vorlage von K noch ganz, in 
der von P wenigstens noch in irgendeiner Spur erhalten. 



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- 40 — 



2 voi aövüj VHS edd. ant., voiavta die andern richtig. 
6 xdvvjtoörjvog V 2 THS (?) richtig — <5arog die andern. 
10 fiäv KP, fiiv die andern richtig. 

äovxa (d. i. -avy^q) ZKPV^Tr 8 richtig, äov%og die andern. 

14 tfogg. VLTr, x&QW die andern richtig. 

15 ßlßktvov KPT 1 V 1 , nach der grammatischen Regel, ßvßhvov 

die andern. 

17 xoxMag VTrlunt richtig, xolyiag die andern, aber X% in K 
auf Rasur. 

21 v&v PTr, vovv. Die andere Form ist 11, 74 sicher über- 

liefert. 

22 elns(v) die übrigen richtig, elsiov THS, sljtsg P. 

23 äyag (äipag, ätymg) KPTAEVTr richtig, äyaig HS. 

24 eavi KHLIunt, evtl die übrigen. 

25 ^djzaiög TAE, arcaAög die übrigen richtig. 
27 jto%' HS, 310$' die übrigen. 

datf^a (^a.) KVAETr, ijavy' T, dot^eog P, äov%ov HS. 

32 jre^t V 3 T edd. ant, naoa die übrigen richtig. 

33 i§a£vr)g KVL richtig, £%aivig die übrigen, 
xd^cov PHS, xöfazco die übrigen richtig. 

34 rijfiog KPTVL, täfiog die übrigen richtig. 

35 jtmXovg PT, ainlog die übrigen. 

36 djioixevo KP. 

37 rd ddxeva KD, rd od d. die andern, dem Sinne nach 

richtig, und den gibt Z Das echte red hat Ahrens ge- 
funden 1 ). 



>) Damit ist die Stelle aber noch nicht in Ordnung. Der eifersüchtige 
Jüngling schlägt sein Mädchen zweimal, weil sie durch Tränen ihre Liebe 
zu einem andern verrät. Dazu sagt er: "ist dir ein anderer lieb? geh zu 
dem andern; riy'iwt z« aa dax(>va pala (){ovit'\ Das erklärt 2.' 'ihm rinnen 
deine Tränen als Äpfel', d. h. als Liebeszeichen; 't« {tiovxa auv JtixQtvt urfta 
niniH\ Das ist zu kraus für die Ethopöie des Theokrit. Von den Kon- 
jekturen sind die meisten nicht einmal einen Fufstritt wert: oder wäre das 
für [iti/li statt fjrjla nicht zu hohe Ehre? Nur t<« daxQvoi fiiiXa (>(ovti ist 
sinnreich; aber die erneute Konstatierung ' für ihn bist du in Tränen 1 kann 
nimmermehr genügen, am wenigsten von einem Faustschlag begleitet. Den 
zwei Schlägen entsprechen zwei Zurufe, der erste 'du liebst einen andern — 
so geh', 'ihm fliefsen deine Tränen — so weine'. Das verlangen wir um so 



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- 41 — 



43 £ßa xai tavgog VTr edd. ant. tßaxe(v) tavQog oder zßa 
xivravgog die andern (£ßa vavQog T). Dem entspricht 
es, dafs die Scholien in K geben izagoifda ötä tö tovg 
xsvratiQOvg vhag imkafißavofievovg ätyntovg tfvcu, in 
andern aber vavgovg für xevTavgovg steht; wieder andere 
drücken sich mit tovvo tb qwXov um die Entscheidung 1 ). 

45 Tcovifteg HS richtig, noviftei die übrigen. 

övo xai öixa KVD, övo xal övo die übrigen richtig. 
/ijJvegKD, fiävveg (d. i. iiäveg mit übergeschriebenem ??) T, 
^cb>eg die übrigen. 

46 ov KPVD, <5 die andern. 

ovö* ei KP VTr D richtig, ovdi die andern. 



mehr, als sie zwar um Lykos weinte, aber nun unter dem Schlage ganz 
andere Tränen vergiefsen wird, iijjwt t« aä JaxQva; das genügt als Vorder- 
satz. Den Nachsatz meine ich mit dika (>toviu> zu geben. Der dorische 
Imperativ war der Korruptel ausgesetzt. Ebenso konnte der Hiatus An- 
stofs erregen, der an dieser Stelle bei so starker Interpunktion gerecht- 
fertigt ist, vgl. 2, 154. Die Metapher Äpfel für Wangen ist in der medi- 
zinischen Literatur geradezu technisch und hat (aber doch wohl spontan) 
in den französischen pommeties ganz ebenso die Geltung einer xvQt'a k£$ig; 
in der griechischen Poesie ist sie nicht häufig. Kaibel Epigr. 243, 13 
oiov <T vjivüovTos tgev&nai avSta pr^wv verdient Hervorhebung. Ver- 
dunkelt ist die Bedeutung in der Megara 56. Die Heldin hat lange ge- 
klagt, und als sie an Kinder und Eltern dachte, flaktQwrfQa Juxqvk 
kmv xoknov is iptootvTtt xaxu filitftiQtov t%iovui. Uber die Brauen fliefsen 
die Tränen nicht, sondern über die Wangen. ßkeff-tcQtov ist entstanden, als 
/uriXtav zu dem Komparativ dakiQtöiina gezogen war; verdrängt kann es also 
nur ein Adjektiv haben, ykntfiguv. Äpfel für die Brüste des jungen Mädchens 
ist häufig nur in der attischen Komödie. In der Oaristys sagt der Jüngling, 
als das Mädchen ihn fragt, weshalb er an ihre Brüste fasse, ftnka t* « zvouon« 
TfUf nqmiaia diJtt£tü, woran sie anstofsen und Scheufslichkeiten konjizieren 
'Deinen flaumigen Äpfelchen will ich meine Lektion zuerst geben 1 . Mufs 
man das noch näher erklären? 

l ) Dafs nur der Stier, das Haustier, nicht der Waldteufel in das Sprich- 
wort gehört, ist klar und anerkannt. Aber das Sprichwort bringt ja einen 
Fall der Erfahrung, der als Analogie zu dem vorliegenden angeführt wird. 
Also pafst xai vorzüglich ; "auch der Stier ist in den Wald gegangen", sagt 
man, wenn jemand auf Nimmerwiedersehen fort ist. "Der Stier ist einmal 
in den Wald gegangen" (noxa), ist eine Absurdität. "Murrjahn was en ollen 
Hund, und Murrjahn gaw sich ok", sagt Reuter. 



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— 42 — 



47 olöe- Avxog (so) JSKD Iunt richtig, d (^) <5e 4tfx<p (rd de S') 

die übrigen. 

48 ägid'firjTol HAE — (laxol die übrigen. 

49 dvoTrjvoi HSAEV, öuötcwot die übrigen 1 ). 
ftoigg. V 2 edd. ant. 

51 nöftev fivg KLD und neben dem andern VS, aö&ev «g fivg 
PTHAETr. 
Jilocrqg PT. 

53 jtA^v PHS vtioxä?jUQ K 2 aus 2 v. 1. 

54 hmXzvoag KD, ohne richtig die übrigen. 
jrdAw rjvfi' für inavfivd* K 2 . 

äXixKüTag PVTr, 17A. die übrigen. 
56 jrgdirog HT. 

58 djro<5a/4e?j> VLTrE richtig, -örj^slv HSAT, -öga/ieiv KP. 

60 fehlt SP, rd 6' dAA' äviqg Jtoiog ng HAE und so viel P' 

am Rande. In H ist iXevtie'gcoi öovtg ägiavog und 61 
von zweiter Hand ergänzt; boxig auch L', edd. ant. 

61 tpiXofxcooog STVL* edd. ant., (pilöfiovoog die übrigen richtig. 

64 ßaailia VL, ßaat?.tja die übrigen richtig. 

65 dgiaxot HS, dgiaxei die übrigen richtig. 

66 fäjiov PTAEV 2 Tr, Xümog die übrigen richtig. 

67 roXfiäg K 2 ), toXfiaoelg die übrigen richtig. 

68 jielö/ue&a K, neXd/neotia die übrigen richtig. 

69 sgjtoi PE (A?), ignsi die übrigen richtig. 

70 äg 2K l ? (richtig), d»s K 2 DLV 1 Tr, olg die übrigen. 

Wer diese Liste überdenkt, der mufs zuerst sehen, dafs die 
einzelnen Handschriften im Dialekt kaum etwas bedeuten. Im 
ganzen ist der Dorismus unverkennbar, aber Vulgäres ist auch 
in die besten gedrungen, 34, 46, Hyperdorismen auch 6, 48. HS 
wird man es zutrauen, dafs sie 27 das Echte allein erhalten 
hatten, und wenn ich früher auf tiod\ das Ziegler als allein 

>) Hier ist also doch der Ionismus in dem Zitate vollkommen kenntlich 
geblieben. 

2) xoluaau atntovia fand K (oder vielmehr sein Vorfahr) vor, hielt ets 
für die Präposition und liefs sie aus. Ziegler hat nicht lesen können. Der 
Hyperdorismus rofyinaijc PTAE gehört zu den Dingen, die ich prinzipiell 
unbeachtet lasse. 



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- 43 - 



überliefert gab, eine Konjektur gebaut habe, so ist das nun 
gegenstandslos. Aber auf das richtige vüv PT 21 kann sich 
nicht verlassen wer 34. 35. 46. 51. 53 erwägt, und eigentlich 
ist es einerlei, ob hier ein Kodex (die Vorlage von PT), wahr- 
scheinlich aus Vermutung, die dorische Form gibt, die in ri/ig?t- 
'dvgco 42 gegen alle von uns eingesetzt wird. Dann zeigt sich 
die Wertlosigkeit von Itazismen in den Verbalendungen 65. 69: 
das scheint nur eine andere Überlieferung; wir haben also das 
Recht, in solchen Dingen allein der Ratio zu folgen. 22 elnev : 
elnov ist wertloser Lesefehler, slneq späteste Konjektur danach: 
auch das keiner Erwähnung wert, fidv (bei Theokrit als reine 
Adversativpartikel gewöhnlich) wechselt innerhalb der Hand- 
schriften 6 (so auch 6, 46. 2, 159. 5, 122 u. ö.): auch das ist frei, 
und so hat Vahlen pev 57 hergestellt: das fidv der Handschriften 
ist eigentlich nur ein Hyperdorismus. Ferner sehe man K in 45. 
54. 58. 67. 68: das sind Versehen, die gar nichts lehren, K 
seinen Wert nicht nehmen, aber immerhin den Aberglauben 
widerlegen, dafs K in jedem Titelchen berücksichtigt werden 
müfste. Nun das Handschriftenverhältnis in den beweisenden 
Varianten. Dafs P mit K etwas gemein hat, in Gutem und 
Bösem, verraten 36. 46. 58. 70; aber im ganzen stellt er sich 
öfter zu den geringen, und selber hilft er gar nichts. Und vor 
allem: die Tradition, die in VLTr steckt; es macht nichts, ob 
einzelne jener drei zur Vulgata abgesprungen sind. Diese Tradition 
ist in noch höherem Grade als P geeignet, zwischen K und H S 
den Weg zur echten Überlieferung zu zeigen. Sie allein gibt das 
echte 17, vermutlich einst mit K 1 , und 43 Auch einen Fehler von 
K teilt V 45. Unentbehrlich sind neben KB und der Gruppe 
VLTr nur HS, die 27 (was allenfalls Konjektur sein könnte) 
und 45 allein das Echte bewahren, öfter ihm näher stehen als 
PTAE, freilich auch sehr viel eigene Sünden begehen. TAE sind 
irrelevant. Sehr bemerkenswert ist, mag es auch erst, wenn man 
den Bestand in den folgenden Gedichten kennt, ganz einleuchten, 
dafs die Iuntina eben in 17 und 43 mit VTr geht, also wohl B 
überliefert, und dafs D sich häufig zu K stellt. 

Die Recensio leistet aber mehr, als dafs sie die Schreibfehler 
der letzten byzantinischen Jahrhunderte abstreift. Sie. lehrt so 



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— 44 — 



verschiedene Zweige der Überlieferung kennen, dafs deren Spal- 
tung höher hinauf, wohl bis ins Altertum gerückt werden inufs; 
und sie kann doch mit Sicherheit auch hier einen jenseits jener 
Spaltung liegenden einheitlichen Text erreichen. Wie der be- 
schaffen war, lehren die Scholien, so karg sie sind. 23 steht 
ganz sinnlos xt}q)äv (nur in K ein besonderer Fehler x*)g>är' er'): 
die Scholien erklären £<pX6yeTO, lasen also noch xt)g>äjtt\ 39 
bieten die Handschriften ein ganz sinnloses d' ola\ die Scholien 
paraphrasieren unverkennbar dolaa. Damit ist bewiesen, dafs 
jenseits unserer so stark gespaltenen Überlieferung ein gemein- 
samer Archetypus liegt, in dem je ein Buchstabe verloren war. 
Wenn aber K sich im ganzen als so weit von den übrigen ent- 
fernt darstellt, dafs man die Abzweigung nicht erst in die Byzan- 
tinerzeit rücken kann; wenn VTr ähnlich stehen, so gilt das 
erst recht von dem Kodex oder besser der Redaktion, auf die 
K und VTr mit allen andern zusammen zurückgehn. Das be- 
stätigt sich in überraschender Weise durch ein Citat. 
V. 59, 60 haben in dem Archetypus gelautet 
/«fft?o<3drag Utoke^alog MewfriQCOi olog ägiorog. 
xföla ö' ävrjQ jvolög xig ilev^iom olog ägiatog. 
Auf die Versuche, das zu verstehn oder zu ändern oder auszu- 
schneiden, die in den einzelnen Handschriften gemacht sind, 
kommt nichts an. Es kann auch namentlich nach den Dar- 
legungen von Vahlen kein Zweifel sein, dafs der zweite Teil des 
Verses 60 durch Dittographie verloren ist. Als Thyonichos dem 
Aischinas gesagt hat "Für einen freien Mann ist Ptolemaios ein 
Dienstherr so gut einer sein kann" fragt der "Wie ist er im 
übrigen?" und ruft damit die nähere Schilderung hervor. Ob 
der fehlende Halbvers noch zu der Frage gehörte oder schon 
zur Antwort, wüfste ich nicht zu entscheiden. Ist es aber nicht 
wirklich seltsam, dafs Stobäus 48, 1 1 den Vers 60 bereits an- 
führt, und sogar mit der Korruptel vä d' äXX' ävrjg ng £Xev- 
ftiocoi olog aQiotog, also wie HAEP 1 ; das konnte allerdings in 
scriptio continua auch durch Zufall wiederholt entstehen. Also hat 
der Theokrittext im 6. Jahrhundert im wesentlichen so aus- 
gesehen wie im 12. Obwohl eine kommentierte Ausgabe, war 
sie bereits zugerichtet wie der Georgos des Menander oder die 



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- 45 - 

Berliner Sappho. Die Ausgabe können wir uns sehr wohl als 
eine Bearbeitung der alten Gelehrsamkeit denken und in den 
Jahrhunderten 4 oder 5 unterbringen, als man so viel Bukoliker 
nachahmte. Von ihr haben sich für diese Gedichte ein paar 
Kopieen in die Zeit gerettet, die wieder Interesse an der Poesie 
nahm. Sie zeigen so starke Differenzen, dafs sich Familien sondern, 
und doch haben sie eine gemeinsame Vorlage. Diese ist ganz gut 
herstellbar, aber sie war schon durch Zufallsfehler entstellt. Vier 
Jahrhunderte zurück wird der Text noch ganz rein gewesen sein. 

Bei den folgenden Gedichten glaube ich kürzer sein zu 
können; ich lasse die vereinzelten Fehler fort und gebe nur was 
für das Handschriftenverhältnis bezeichnend ist. 

$aQfjLa>tevTQiai. 

Gegensatz der Scholien zu dem Texte aller Handschriften 
ist, wie Toup bemerkt hat und durch die Scholien von K noch 
sicherer geworden ist, 3. 10. 159 vorhanden, wo I xaraöijoo/nat, 
die codd. xavafrvoofiai bieten. Dann läfst K in Übereinstimmung 
mit seinen Scholien den Vers 61 aus; in den andern Scholien 
scheint das Echte auch noch zu stecken: das Falsche ist jeden- 
falls scholienlos. So ergibt sich 

xa &Q6va ravti' tinöfiagov 
zag ztfvü) (pfoäg, xadvmQzegov äg fai xai vvv 
[kx tivfiö) dedefim, b de fiev /.oyov oudeva jioiel). 
Der letzte Vers steht zum Teil 3, 33 zb ö£ pev Xöyov ovdeva 
jzoif]i, und zwar nicht die Wiederholung, aber wohl die Verände- 
rung des Mediums richtet ihn, abgesehen von der Auslassung in 
2K. Aber die Erklärung ecog ezi ivö4%ev<u xatads^f/vai avzöv 
bringt kein Heil und ist schwerlich mehr als ein Versuch, das 
neben Zug unerträgliche hi xai vvv zu erklären. Die sinnreichen 
Einfälle xai vv% (wo xai unbequemes Füllsel bleibt), xaiQÖg (wo 
man in nicht begreift: droht denn bald ein Hindernis?) halten 
nicht stand, vor allem, weil das vnoiiäooeiv unmöglich oberhalb 
der Schwelle stattfinden kann. xafrvae'QTeQov gehört also zu dem 
Folgenden; es bedeutet nur 'mächtiger'. Eingefallen ist mir 
manches; aber ich mag nichts halbes sagen. Auf jeden Fall ist 
der unvergleichliche Wert von K deutlich, der sich hier auch 



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- 46 - 



sonst bewährt; doch das braucht nicht gezeigt zu werden; ich 
zähle diese Stellen nicht auf. 

50 ojg xai AiXyiv Uoifu, xai ig röÖe düfia xegdaai 

fiaivofiBvcoi Xxslog KH'Tr, die übrigen haben xegaoai 
(jceQfjoat) als Infinitiv genommen und geben daher 
txs/.ov. 

61 ix dv/icb VTrlunt. iv dv^Co die übrigen. 

65 ix rrjvco ö' äg^o) K, ex vivog die andern alle, äo^opat MP, 
a.Q^(a(xat HSIunt, äg . . . /tat T, äg^o/A,' iycb VTrAE. Da 
ist ohne weiteres klar, dafs äg^ofiai die älteste Lesart 
war, und dafs um des Verses willen drei verschiedene 
Änderungen versucht sind. Dafs der Conjunctivus des 
Aoristes (HS) zu ix xivog pafst, diskreditiert ihn nur, 
denn diese Frage gehört nicht her. Als ihr Dienst- 
mädchen fort ist, sagt Simaitha: ' 'Jetzt bin ich allein; 
von wo aus soll ich meine Liebe beklagen? Damit will 
ich anfangen, wer mir das Unheil zugeführt hat. Es 
kam Anaxo . . ." So gehört es sich. "Von wo aus soll 
ich meine Liebe beklagen? Womit soll ich anfangen? 
Wer hat mir das Unheil gebracht?" das würde nur 
passen, wenn sie wirklich fragte, zweifelhaft wäre. Also 
ist ix vivog auch Änderung. Hier behauptet K mit dem 
Demonstrativpronomen Recht. Aber sein aktivisches 
Futurum ist falsche Änderung. Auf sicheren Boden ge- 
langen wir, sobald wir uns klar machen, dafs das Futurum 
ja dg^ev/xm lauten mufs. Hat man das, so stellt sich 
vt)vib&£ auch ohne Schwierigkeit ein. 

74 täv gvorlda xäv K).eaqlavag KATr richtig, rag Kl. die 
übrigen. 

79 tv Zeldva KMIunt. Call, (also B, wie ich hinfort sage) 
richtig, tö aekdvag die übrigen. 

101 vfpayio B'V'Tr, dcpayeo die übrigen. Dafs die Liebesbotin 
den Delphis nicht stracks an den bestimmten Fleck ab- 
führt, sondern ihn allmählich, sachte hindirigiert, wird 
man nicht bezweifeln: man mochte nur nicht von 
KMPTSAE abweichen. 



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_ 47 — 

107 xoyvösaxev KB Eustath zu P 56, xoyveaxev die übrigen 
(xey. HS). 

142 <hg xa — &Qvkioifii KV, ^cog xa die übrigen. In dem 
Finalsatz ist xa beim Optativ unerträglich; daher haben S 2 
(xdt so zu deuten) und M 8 xa/ hergestellt, aus Konjektur, 
die doch y<hg xai nicht erträgt. Da zeigt sich der Wert 
Yon KV. (bg xai mit poetischer Inversion der Verbindungs- 
partikel ist das Richtige. 

144 xovrs xi HSB richtig, xovx&i die übrigen. 

inefjdfMpavo HSB, änenifiip. V, tnifixparo M'Tr, damefi- 
yaTo KPTV'AE. 

146 dpag STr, dx/tdg M (d. i. afyidg mit Korrektur e), e/tdg die 

übrigen (ye fytdg edd. ant., auch Iunt, Call ; Musurus hatte 
nichts notiert). Nach griechischer Sitte kann das Mädchen, 
das mit ihrem Delphis viele Symposia gefeiert hat, eine 
Alte sehr wohl bezeichnen als "die Mutter der Philista, 
unserer Flötenspielerin, und der Melixo". Eine Flöten- 
spielerin brauchen sie immer zum Symposion; das ist 
eigentlich ein untergeordnetes Wesen, aber der sozialen 
Stellung Simaithas entspricht es, dafs sie sich mit ihr, 
ihrer Schwester und Mutter auf Verkehrsfufs gestellt hat. 
Die Flötenspielerin ist aber auch am besten in der Lage, 
von den jetzigen Liaisons des Delphis zu wissen : sie hat 
ihm auch gestern beim Symposion gedient. Eine Konjektur 
wie Sapiag macht die Stelle ganz farblos ; d/tdg müfste 
auch als Konjektur Aufnahme finden, aber man hat keine 
Veranlassung, es so zu betrachten. 

147 BtQayov VTr, ezQoyov K, hgsyov die übrigen. 
159 fidv KVTrlunt richtig, ftiv die übrigen. 

163 nö&ov KPV, adfrog T, siovov die übrigen. Es haben also 
schon im Altertum Leute daran angestofsen, dafs sie 
"ihre Liebe tragen soll" und ein 'Leiden' oder eine 
'Mühe' dafür eingesetzt. Als ob sie nicht BQCota auch 
hätten sagen können. Wie Daphnis, indem er hinstirbt, 
ävve mxQÖv Zgcova, 1, 93. Gewifs greift der Dichter 
auf 143 zurück, wo in der ersten Liebesnacht ijZQdyjh] 
td fieyiota xai ig jzö&ov < i}X / dofi,eg äf-KfO) (dafs ich das 



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- 48 — 



einst angezweifelt, brennt mir auf der Seele): da liegt 
auf ä(jb(pco der Ton. Erst in ihren Armen hat sich auch 
in Delphis der jcöftog entzündet; damit begann die selige 
Zeit. Jetzt hat er den nö&og verloren: sie wird ihn 
tragen cögjzgq vjteava. 
Für das lange Gedicht ist das sehr wenig. Was heraus- 
kommt, ist der beträchtliche Wert von VTr und B; man ermifst 
es von den Stellen ausgehend, wo sie K neben sich haben. Da- 
neben gibt es in HS Gutes, zuweilen nur in einem enthalten. 
Aber sie und alle übrigen, selbst M (der 14 verloren hat), 
könnten ohne Schaden wegbleiben. Der einheitliche Text ist 
nicht stark variiert und nicht stark verdorben. 

'Aöcovid^ovoai. 

4 (UepdTO) Stephanus 1 ), dösfidTCo KVLTr, dd(s)t/.id(v)vov, 

dda(id{v)tov die übrigen. 
7 ixaatigco KV 1 gegen kxaototEQO) der übrigen, das den 
Vers füllen soll. Offenbare Korruptel. 

15 (5t fiQÖavK VLTr, ageoav die übrigen, dasTheokrit nicht kennt; 
offenbar gab er dorisch nur jrpöavund kontrahiert ngäv 2 ). 

18 rawäi Reiske, tarn KP, vavta y* die übrigen. 

20 frunov K VTr richtig, (waog die übrigen. 

27 aivöÖQvjive KSAE, aivo&QvxTe die übrigen, beides H. Das 
Schimpfwort kennen wir sonst nicht; aber man wird es 
nicht von dem anonymen dorischen Verse bei Apollonios 
de pron. 105 trennen dürfen alvoÖQvyi'ig de tdlaiva 
teov xavavvfißoxoriaa "). "Jämmerlich zerkratzt" ist die 

Das ist nicht 'das bifschen Leben', wie Ameis, Fritzsche, Hiller er- 
klären-, TjAfuctTog ist ftaiaios nach den Grammatikern; aber man lese nur im 
Ftymologicum weiter, wo diese Erklärung mit der Etymologie von yleug und 
ju«Tr t v (das erste richtig) steht. Eben yktög folgt, fulraiog, paivöutvog fuoftög. 
Gorgo schilt ihre eitele Tollheit, dafe sie sich auf die Expedition eingelassen 
hat; schon den ersten Gang hat sie kaum überstanden. Dabei schiebt sie 
die Schuld auf ihre il'v/tj, die nach allgemeiner Menschenart r)Uf4ttjog ist. 
In älterer Zeit würde sie den O-v/xog oder die jucuvo/n^iif x(tu6Ut angeredet haben. 

2 ) Daher ist 14,5 rotoviog Ttniöur ng (hfixtro verdorben; *«i ttquv fügt 
•ine sehr erwünschte Vergleichungspartikel ein. 

3 ) Den Vers sprach eine Witwe nach der Bestattung ihres Gatten, denn 



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- 49 - 



Sklavin nicht durch die eigenen Hände, sondern ihre 
Herrin mahnt sie daran, wie sie ihr mit den Nägeln ins 
Gesicht gefahren ist, als sie letzthin das Gespinst auf 
dem Boden und die stinkenden Wiesel darin gefunden 
hatte. 

30 di) jioXv K, ök JtoU VLPAES 1 (wenn nicht gar fii) drj), 
novXv HS 2 Tr. Von K ist natürlich auszugehen; dann 
sitzt der Fehler in dem letzten Worte änXr^ate. Mit 
einer glänzenden Konjektur hat E. Schwartz geholfen, 
der das im Herodas aufgetauchte Schimpfwort XtjiotqI 
erkannt hat, das dorisch XaiarQt lauten mufs: daher 
das a. 

38 xa etjieg KTrlunt, xev W 1 (Abschrift von V), xakov die 
andern. 2' erklärt tovto ähfökg eljteg, hatte also 
wohl xakov. Dennoch wird die Emendation nur von 
KTr (W) ausgehen. 

59 ö%kog Jtokvg KPIunt richtig, öaog öykog die andern aus 44. 

60 vixva. elta jvaoevftelv H^WTr, & vixva. elza jz. AEL, 

ü) vixva. si. KP edd. ant., und so liest man allgemein. 
Aber elva ist vortrefflich; wenn die Alte durchgekommen 
ist, kann es nicht schlimm sein. Und den Anlafs zur 
Änderung gab der erlaubte Hiatus. 

68 äftüv die übrigen richtig, dfioad K, öfifoig P. 

72 q>vkd£ofiai statt des dorischen <pvka£ev/j,ai, das schon der 

erste Mailänder Druck verbessert hat, alle, daher HS 

ä&Qoog ö%kog für öykog äftgcog der übrigen. Dies ist 

ganz richtig, und wenn K äfticog hat, so weist das nur 

auf eine unmittelbare Vorlage in ähnlicher Minuskel, wie 

er sie selber schreibt: bei ihm ist ein verbundenes q 
• 

nfvoJQvif^i ist nach «f<(/<J(»i"f »}? gebildet, das von Laodameia B 700 steht. 
0. Schneider hat den Vers als fgm. anonym. 262 in seine Callimachea aufge- 
nommen und wegen des Dorismus den Gedanken an Antimachos abgewiesen; 
das ist nicht sicher, vgl. S. 57, aber sein Gedanke an Kallimachos' Aitia ist 
damit abgetan. Der Vers steht überhaupt sehr seltsam bei Apollouios, gant 
verbindnngslos zwischen »} /{ftjois 7r«p« 'Eniytin^tMt x«< Z'oxfQori und den so 
angekündigten Belegen aus beiden. Wenn Apollonios ihn überhaupt zitiert 
hat, kann er es nur als Nachtrag getan haben. 

Philolog. Untersuchungen. XTltl. 4 



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— 50 — 



von einem verbundenen e oft schwer zu unterscheiden; 

ich glaubte auch hier zuerst ä&Q(og lesen zu dürfen. 
83 ävftQconog KP, bestätigt durch Schol. Soph. Ant. 343, <m>- 

ftgaszog (mnJ.) die übrigen. 
87 ävdvvTa PAETrlunt, ävr)vvva HSVL, äin)i>»y.za M, Ava 

vvxva K. 

107 äv&QOüJicov richtig die übrigen, fbv§Qo')jzo)v KAE. 

124 altTot KPW J L*Tr, atevoj die übrigen. Den Dual ohne 
Hervorhebung der Zweizahl würde Theokrit nicht ge- 
nügend gefunden haben, selbst wenn nur an zwei Bett- 
pfosten der Träger als ein vom Adler geraubter Ganymed 
gebildet gewesen wäre. Es steht auch allgemein (psoowsg. 
Minuskelverlesung von oi zu co. 

129 -dexetrjg H richtig, -dsxaEtijg P -dexav^g die übrigen. 

139 ysQalrarog HS- richtig, yenaiveoog die übrigen'). 

i41 xqotbqov MPVVLTr, nnovegnt die andern richtig. 

143 Ua&i vvv (pik' "Aötovi xai £g viov ev&vftetioaig 
xai vvv fjirfrsg "Adonu xai (')x%' dq>lxrjt (fllog rj&lg. 

So K, bisher noch nicht anerkannt, obwohl aHein dem 
Schlüsse zukommt ''Lieber Adonis, sei gnädig jetzt, und 
auf nächstes Jahr. Es war uns wohl, als du diesmal 
kamst, und wenn du kommst, wirst du uns willkommen 
sein". An ig veov wird man nicht mehr anstofsen, da 
Radermacher Rhein. Mus. 57, 480 den Gebrauch be- 
sprochen hat. Bv{h)(ielv, gemeiniglich Evdvfielofrai pflegt 
'lustig sein, sich ein Vergnügen machen', zu sein; zumal 



l ) Es ist gauz unausstehlich, wie oft man in allen möglichen modernen 
Texten die Komparative der Handschriften konserviert findet, wo die Gram- 
matik Superlative fordert. Ich sehe voraus, dafs iu unserer Zeit, die mangel- 
hafte Sprachkenntnis immer mehr mit der Achtung des überlieferten Buch- 
stabens verbindet, jemand ein paar Dutzend solcher Stellen aufrafft und 
damit den Sprachgebrauch dokumentieren will. Er mag es tun, wenn er Kom- 
parative anderer Bildung als -t«w<; zur Verfügung hat. In der Schrift, die 
Abkürzungen anwendet, ist -Koos -utTot durch sie vertauscht; vor allem aber 
soll man wissen, dafs der Superlativ wie iu den romanischen Sprachen durch 
den Komparativ mit dem Artikel auch im Griechischen ersetzt worden ist, 
also die Bildungen auf -mios immer mehr verschwinden mufsteu. 



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51 



beim Aktiv denkt man an die demokratische, d. Ii. ioni- 
sche evOt\uh). 149 entspricht fc yalgowag äqixBv. 
Lieber sähe ich hier Fvfripmi> aus dem späteren Ge- 
brauche der Münzen und Steine; aber ich hüte mich vor 
der Änderung, denn die Stimmung ist von Belang: 'es 
war uns wohl' ist feiner als 'es ging uns gut'. Wie 
freilich jemand evfrvjueZv von dem Gotte hat verstehn 
wollen, das wcifs ich nicht, und haben die andern auch 
nicht gewufst. Es ist sehr fein, dafs der volle Parallelis- 
mus nicht durchgeführt wird: denn das evftviielv läfst 
sich nur heute dankbar bekennen, für nächstes Jahr nur 
hoffen : aber das Fest kommt mit dem Kalender wieder, 
und das mufs willkommen sein, einerlei wie die Stimmung 
dafür ist. Und wenn wir dem Gotte unsere Treue ver- 
sichern, wird er schon für die Evihp>la sorgen. 

Nun die Varianten veov K, viw B, vecov(a) die übrigen. 
svO-v/ievaatg K Iunt E(A?), ^Mvftriaaig HSMP, svfrv- 
{iTjoeig WLTr. 
147 anav MWTr, äyap die übrigen {äyiov S')TrH. 

Hier ist abgesehen von dem überwiegenden Werte von K 
(ich habe die Stellen, wo er allein das Echte hat, nicht aus- 
geschrieben), dem aber doch eine so arge Interpolation wie 87 
zur Seite steht, wieder die Berührung von K mit P greifbar, 
zumal in dem seltsamen Lesefehler ö h ucod für äiiüv 68, von P 
weiter durch Konjektur entstellt. Den Wert von B zeigt 59. 
143. 144. Die Gruppe V(W)LTr geht ganz oder in einem Ver- 
treter allein mit K 15. 20. 60; sie hat mit M allein das Richtige 
147, mit IIS, die wie in der Kyniska ihre Sonderart nicht nur im 
bösen zeigen, 60. M (nur von 71 ab erhalten) geht 147 im 
guten mitWTr allein; aber entbehrlich sind MP eigentlich und 
sind ganz AE, wenn wir ihnen auch zum Lobe anrechnen, dafs 
sie 143 mit KB, 60 gegen sie stimmen. 

Hrokef.ialog. 

Hier ist der allen gemeinsame Archetypus gesichert, da v. 90 
hinter 110 wiederholt wird; dafs S das aus eigenem Urteile 
unterläfst, wird nach seiner Behandlung von 14, 60 nicht ver- 

4* 



— 52 — 



wundern; H fehlt für dieses Gedicht. K hat durch Vermischung 
von 110 und 90 eigne Konfusiou gemacht, stellt also für sich 1 ). 
Der Text ist im ganzen fest; er erfordert auch keine Besserung, 
die mehr als Deutung der Überlieferung oder orthographisch 
wäre 2 ). Mit den rein dialektischen Varianten ist kaum etwas an- 
zufangen, da das Epische dorisch abgetönt ist. Ich hebe hervor 
48 w/a K, väa (das ungebräuchlich ist) S LWTr, väfia MPAE, 
daher das zugehörige Adjektiv -/.navEav in diesen zu 
xvavea wird (auf Berenike bezogen). Man sieht die zu- 
nehmende Entstellung. 
57 dglgaXog BegsvUa SPAE, dgl^/.og die übrigen. Für be- 
zeugt mufs danach das Gewöhnliche gelten. Nun hat 
Kallimachos Epigr. 51 dieselben Worte, auch doly^kog, 

1 ) Er hat auch 131 eine starke eigene Verderbnis, ein Glossem aduvuiior 
aviüiv für tt&arajtav im Verse. 

*) Abgewiesen sei Bergks »Qovot für «ro.uo? V. 17, weil er die Texte 
behauptet. Sagt man denn von einem Stuhle MJutjjai? Ich dächte, das 
pafste zu dem Hause tv /libs avlijt. In der hellenistischen Zeit kann der 
Olymp nicht so pauvre sein, dafs der Gott nur sein Zimmer hat: es ist ein 
Hof, in dem jeder sein Haus hat. Und Ptolemaios wird nicht schlechter ge- 
stellt sein als Herakles, der 29 f/? oww« «Ao/oio geht. Es sind däkayot um 
einen Hof, wie auf Pergamos im Z. Dafs 19 von dem Sitze des Ptolemaios 
an der Tafel gehandelt wird, ist ein neues Bild. Sehr viel Verkehrtes ist 
über 133 geredet, obwohl es doch die äyve(a des Ehebettes der Geschwister 
wahrhaftig erhöht, wenn die Dienerin, die das Bett macht, sich zu diesem Ge- 
schäfte erst die Hände ayyt&tv mufs und doch selbst noch Jungfrau ist, 
wobei das ganz gleichgültig ist, wie sie hiefs und ob sie später mal ge- 
heiratet hat. Ganz unerträglich sind die Athetesen und Änderungen 08. 
Kos sagt zu Apullon "Liebe mich wie Delos ; gib aber Knidos dieselbe Ehre, 
indem du meinen dorischen Nachbarn gleichen Rang verleihst (wie mir): 
Apollon hat ja auch Rheneia gleich geliebt". Gleich, natürlich wie ibre 
Nachbarin, also Delos. Was man auch streiche, die Proportion Kos : Knidos 
= Delos : Rheneia, kommt zu kurz, oder es kommt zu kurz, dafs neben Kos 
nicht Knidos allein, sondern die dorische Hexapolis steht. Übrigens ist die 
Vergleichung mit Rheneia für selbständige Gemeinwesen, Knidos Rhodos, 
kein Kompliment: denn Rheneia steht zu Delos wie Kalymnos zu Kos oder 
noch schlechter. Also hat Theokrit die Verhältnisse von Kos her beurteilt; 
also hatte er bereits zu Kos Beziehungen, als er das Gedicht machte. Es 
ist nicht für ein bestimmtes Fest, etwa Ptolemaia, verfafst, denn es gibt 
seine Huldigung nicht nur als etwas Eigenes, sondern auch als etwas Ge- 
wagtes. 



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- 53 - 

und er hat das ganze Epigramm dorisch gehalten. Sein 
Gedicht kann nur die Berenike feiern, deren Locke er 
verherrlicht hat, denn die Frau des Ptolemaios I, der 
Theokrit huldigt, war selbst in der Jugend des Kalli- 
machos nicht mehr in dem Alter, sich als vierte Gharis 
zu präsentieren. Folglich nimmt Kallimachos das Wort 
auf, das der älteren Berenike gehuldigt hatte; er sagt 
ja auch evcUiov ev näaiv ägl^tj/^og Begevlxa; dafs diese 
Trägerin des Namens es mit den Chariten aufnehmen 
kann, ist in der Tat eine Steigerung gegenüber der 
alten, die Aphrodite ward, und auch das erst nach ihrem 
Tode. Der Dorismus ist bei Kallimachos im Epigramm 
Ausnahme: so beweist er Anschlufs an Theokrit; aber 
die Überlieferung zeigt, dafs wir das eiue Wort nicht 
dorisieren dürfen. 
Den gemeinsamen Archetypus und seine zunehmende Ent- 
stellung mögen folgende Stellen zeigen: 

20 edQaxEvavoo(p6voto verschieden geteilt KMLW (xsv als Par- 
tikel Tr. lunt: das v ist Zusatz), re für xe PAE, rov S, 
K allein hat das Wahre: 

34 -xkeizd K edd. ant. -xlvxd. 

74 aiöolo ßaoilfjsg K\ -Ifjog K 2 wie die übrigen, die aldoiov 

geben; alöoloi Casaubonus. 
89 (fdojiToksfioiat re xaoal K gegen -fitnoi xagnoai. 
103 t-avftoxotiag K, -xo/tog. 

121 TExecov K gegen roxkov; ve xai cov Briggs, vielleicht 2'. 
K mit Iuntina (B): 
6S xavftüo Klunt, xataihlo die übrigen. Wohl nur Schreib- 
fehler, da der Dialekt nicht streng ist und der helle- 
nistische Hexameter die Daktylen vorzieht. 
72 ahxoq atwoglunt, ahvug öoiogK, at'aiog akvög die übrigen. 
Da diese für lunt. in ihrer Vorlage gegeben waren, hat 
ß sicher die Umstellung gehabt; aber die Korruptel K 
reichte für Musurus, das Wahre zu finden. 
K mit der Gruppe LV(W)Tr: 
72 äjzo K richtig, äaai (geändert, weil vBq>£<ov folgt) LWTr, 
vjto die übrigen mit weiteren Interpolationen. 



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— 54 - 



84 ivptddeg KWL, irdexadsc die übrigen. 
95 xt xavaßgi froi K L W Tr, -ftn die übrigen, yt für xt. S, aus- 
gelassen M. 

126 ö y£ Tr, wohl Verbesserung aus o te KAEL, öds die übrigen 
128 dgelcov KTr, dgelü) die übrigen. 

137 dQETtjv yt fiev ix zkrig altw KLWTr, ?$Etc die übrigen. 
Das mufs erst gerechtfertigt werden. 
Der Dichter schliefst mit %aiQe äva£ IltoktfiaU und spricht 
die Zuversicht aus, die Nachwelt werde es billigen, dafs er den 
König wie einen Halbgott besungen hätte; das entspricht auf 
das beste dem Proömium. Dann das letzte Wort u um die dgert) 
mufst du Gott bitten'', dgexi) ist in erster Linie Gedeihen 1 ); 
aber nun, seit die Sokratik die Begriffe umgeprägt bat, Tüchtig- 
keit, dldov d' dQEti)v re xai okßov hatte der homerische Dichter 
formelhaft am Schlüsse der Hymnen gebeten; da waren das kor- 
relate Begriffe. Jetzt ist materielle Macht und materieller Reich- 
tum zum Glück freilich auch noch unentbehrlich; aber der Mensch 
braucht die ägevr) dazu, in dem Sinne, in dem man sie erwirbt, 
wenn man das Leben darangibt, wie die Athener des Epigramms 
tyvyao, dvvioQOJza frevteg ^A/d^ovr' ägETrjv, aber auch in dem, 
dafs die svdatfjLOvia ein Erfolg der individuell betätigten dgETt) 
ist. Der Philosoph mag sich die Kraft zutrauen, sich beides 
selbst aus der eigenen Seele zu schöpfet] : es ist des Königs und 
des Dichters nicht unwürdig. Gott darum zu bitten. Und nun 
sehe man, was Theokrit an dem Könige rühmt, yevog, also Vater 
und Mutter, yovai, o/.ßog 75. 95, und den rechten Gebrauch, den 
er von seinem oXßog macht. Taten, Erfolge, Ruhm kann er eben 
nicht besingen, weil der junge König davon noch nichts aufzu- 
weisen hat, der nur eben als alzfiavdg Ägypten vor jedem Ein- 
falle schützte. Wie passend und schön ist das Gebet; wie ver- 
blafst z^eig davor! In dem Festzuge von 277 hatte die AgEXt) 
neben Ptolemaios Soter gestanden (Kallixeinos bei Athen. 20 Id), 
der eben in die Göttlichkeit zu Alexander erhoben war. Für 
seinen Sohn konnte man das nur hoffen: Gott mochte es geben. 

') Ich lege Wert auf meine Behandlung des Wortes, Skolion des Simo- 
nides «ött. Nachr. 1898, S. 214. 



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- 55 - 



Verständlich ist alles aus sich: aber wie hatte Kallimachos zu 
Zeus gebetet, auch am Schlüsse seines Hymnus? Weder ätpevog 
ohne aQsvrj, noch doerr) ohne äqpevog genügen: öiöov d' aQetrjv 
te xal okßov. Ist es ein Lesen zwischen den Zeilen, wenn ich 
sage, das hat Theokrit vor Augen? Kallimachos sagt von seinem 
Zeus, nachdem er dessen Thronbesteigung erzählt hat und dabei 
verweilt, wie besonders Zeus seinen König gesegnet hätte, "von 
deinen Taten will ich schweigen; die kann doch keiner besingen". 
Dann kommt das Gebet. Das Gebet gilt dem Dichter selber und 
jedem, der es mitbetet: wir brauchen alle ägerrj und oÄßog. Von 
Theokrit wird der König direkt gefeiert; dafs er noch nichts 
getan hat, wird klug verhüllt, und so eilt Theokrit zu dem fein 
nuancierten Schlüsse. Ist die Anregung nicht deutlich? Dafs 
das Gedicht an Zeus, das dessen Succession, die auf die Erst- 
geburt nicht zu gründen war, auf ßty und xdgvog des Würdigsten 
baut, auf die analoge Succession des Philadelphos deutete, sollte 
niemand leugnen, wenn auch dadurch der Zeus des Kallimachos 
nicht im entferntesten zu Ptolemaios wird. Datiert wird das 
Gedicht dadurch, dafs es die Geschwisterehe des Zeus nicht er- 
wähnt, die Theokrit geflissentlich heranzieht. Es ist also früher, 
aber nicht viel früher verfafst. Die zeitliche Nähe und die Ab- 
folge der Gedichte steht ohne Rücksicht auf ihre innere Beziehung 
fest; aber sie pafst zu ihrer inneren Beziehung. 

LWTr allein geben das Echte oder führen darauf: 
100 f^Tjkazo LWTr, £§d?.avo E sffl.Xavo die übrigen. Irrelevant; 

der Aorist ist nötig; der Vokalismus ungewifs. 
117 17 TrW (? ich schliefse ex silentio), fehlt in den übrigen. 

Zu dieser Gruppe tritt S: 
112 hQovg WTrS, tegd>g M (in Wahrheit dasselbe), ieoög P, 
lenevg KAE. 

S hat das Echte: 
109 aUv S, aiei die übrigen. 

Als Konjektur, in der verschiedene zusammengetroffen sind, 
ist kenntlich: 

41 mivQmoi ELIunr, -mi (-Jifj) die übrigen. 

Eine entsprechende Konjektur von Musurus oder Boninus ist 

42 ßidvtji Iunt, ßaivu KL WTrS, ßcüvoi S, P in Rasur. 



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— 56 — 



Unklar bleibt 

78 öyeXXöfiev K, 6(pE).k6fiBvox die übrigen, ötpeXköfiepov D J Al- 
dina. Die Verse sind 

fivQiai äjtuQoi re xal Zfrvea fivgia gmvcöv 
Arjtov äXdrjoxovoiv öyelkoiisvov Aibg öfißgcoi. 
Dafs Gottes Regen das Saatfeld fördert und nicht die Länder, 
die zudem durch die Völker getrennt sind, sollte keines Wortes 
bedürfen: das konnte aber auch ein Humanist sehen, und da die 
Aldina nicht aus D stammt, vielleicht D 3 aus einem Drucke, hat 
es einer gesehen, vielleicht zwei. Doch die Auslassung der Silbe 
rechne ich in Wahrheit zu den Vorzügen von K, mag auch ein 
anderer nur eine Auslassung (von -cu) annehmen. 

Das Ergebnis ist hier ganz klar. MPAE sind ganz über- 
flüssig. Und S hat, wie früher, wohl etwas, das nicht Konjektur 
zu sein braucht, nicht Konjektur sein wird, aber es ist eine 
Bagatelle; im Grunde ist S auch entbehrlich. Die Recensio 
ruht auf K und VLTr; B würde von Wert sein, wenn wir ihn 
hätten. 

Xagireg. 

Hier stellt sich die Sache noch viel einfacher. K hat Eigenes 
gar nicht, sondern geht überwiegend mit den Geringen SMPTAE; 
die Hauptsache ist sein Verhältnis zu V (W 1 — 22) LTr. B würde 
auch hier von grofsem Werte sein. VLTr treten aber noch viel 
klarer als eine besondere Rezension hervor. 

4 ßgovoi ßgovovg für ßQovovg ßgatol KD'L, zufälliges Zu- 
sammentreffen in einem Fehler, der überhaupt keine Er- 
wähnung verdient; die Doppellesart in D zeigt die Kon- 
tamination dieser Handschrift. 
(Uld(Ofiei> Call., -öiojueg K, -öo t ueg L, -dovrtg W, -dot'u die 
übrigen: d. h. -dmfieg hatte die gemeinsame Vorlage von 
K und LW(Tr); die der andern aus V. 3 -dorn, was in 
der gemeinsamen Vorlage von VTr als Variante ein- 
gedrungen war. Der diesen Gedichten sonst fremde 
Dorismus der Endung von Kallierges mit Recht entfernt. 
9 (Uii)(i]v Iunt. Call, (wohl Musurus) S J : ä?.t]0tip> KPSD, 



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- 57 - 



daraus korrumpiert dka&etr)v MT, äXr}&eir)v AE, d/.Ao- 
voirjv WLTr. 

)2 eögr) KPAED, Bgat WLTr MST. Angemessen ist der 
Singular; die Verwirrung wird die dialektische Variante 
söget gebracht haben. 

1(5 imö xöXjtov AE, imö xohzto die übrigen. Da der Dativ 
wider den Sprachgebrauch ist, liegt ein Dorismus vor, 
den jene schlechten Handschriften vielleicht nur zufällig 
beseitigt haben; aber sie haben Glück gehabt. 
oiaezat KWLTrD, avastai die übrigen. 

18 xvdfia 2K'W (xvd/xai) LB, xväftag (xvrj^ag) die übrigen. 

23 oöx äds KBD, ov'/i ö* (d. i. oi>x ijde) VL, ov% coöb die 

übrigen, auch VygTr. 

24 Was soll der Reiche mit seinem Oelde machen, damit es 

övaaig sei? 

rö fiev ipvxäi, vö öt aov tivi Öovvai äoidüv 
jio?>/.ov$ ö' e$ ££>fcu mjcbv, jzokhovg ök xai ä?Mm> 
dv&Qcbnxov usw., besonders aber soll er die Dichter 
bedenken. 

Hierin haben VLTr 24 jiov, die übrigen xai, 25 jzjjcüv, die 
andern jza(bv\ das mag zweifelhaft sein '), aber jiov ist gewählter 
und entspricht weit besser dem Verhältnis: nicht zusammen- 
scharren soll er das Geld, sondern sich dafür den Genufs ver- 
schaffen, den er mag; etwas aber soll er auch an die Dichter 
abgeben. So direkt övaoig ist das nicht, wenigstens nicht auf 
den ersten Blick, daher wird es mit jiov bescheidentlich ein- 
geführt. Nun hebt es ausführlicher an 'nämlich die necessarii 
müssen das Ihre bekommen, und die Götter ebenso, *), vor 

') Den Dorismus hat Nikandros Ther. 3 mit den Scholien, die ihn ent- 
schuldigen, weil er als Nachahmer des Antimachos Dorisraen einmischte. 
Für nidöv beweist das nichts; aber die aligemeine Tatsache dürfen wir 
glauben. Ks ist für die Künstelei des Antimachos sehr bezeichnend, dafs er 
die Vokalisation der Lyrik (so i6t's natürlich) zur Veredlung des epischen 
Dialektes benutzte, vorbildlich auch für diese Gedichte des Theokrit und für 
das Epigramm. 

2 ) Die Mahnung "er soll aber auch kein böser Wirt gegen seine Gäste 
sein, sondern sie, sobald sie wünschen, fortlassen'', angeknüpft an Homer 
o <!8, Theognis 469, trilt störend ein, wenn sie nicht eine Beziehung hat. 



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- 58 



allem aber die Dichter'. Das wird mit Beispielen belegt, und 
am Ende kommt heraus, dafs damit eine nvaaig erreicht wird 
57: wo freilich just die Pointe, &vaoav, beanstandet worden ist. 
Dafs dies der Bau ist, also 25 dotdcöv allein möglich, so viele 
falsche Konjekturen auch von bedeutenden Männern gemacht 
sind, hatVahlen gezeigt; ich finde auch, dafs er die Beseitigung 
von 66 hinter nolXovg schon erwogen hat, die mir als not- 
wendiges Rettungsmittel für den Satzbau erscheint; am liebsten 
würde ich die Streichung auf seinen Namen stellen, wenn er sie 
auch nicht verlangt hat und ich sie nicht von ihm entlehnt habe. 
nov hat er nicht besprochen, vermutlich weil es bei Ziegler gar 
nicht erscheint. 

28 ijirfv VSM, endv KLTr und die andern. 

30 dxomj VLTr, dxovoyg die andern und V a . 

33 dyi)v KV (dort jetzt zerstört, aber in W erhalten) S Iunt, 

eö/j v MPTLTr. 

34 nokkol 6' iv 'Ävv. VL falsch (noA/.oi d' 'Avx. Tr, Konjektur). 
39 fj,ä?.a VLTr falsch. 

42 äfxvaavor tä öt jio?./A VL falsch gegen ä/ivaazoi de vä 
jv. der übrigen, eine falsche Lesart, aber wirklich eine 
verschiedene Lesart, kein Schreibfehler. 
xslva (gegen vfjva) VL. 

44 6 frslog VLTr. Syrian zu Hermogenes I 85 Rabe Igxeov 
övt iv tolg vvv (f EQOfifvotg SsoxQitdoig "el jttr) dslog 
äotdog" yiyqajzvai' noXh Ö' kxü vb "duvög" olxetövegov. 
Nämlich mit öuvög hatte Hermogenes den Vers zitiert. 
K und die übrigen lesen xelvog. 

47 rjkfrov VSPI), rjvd'ov die andern. 

48 xofioä>vtag K und die andern gegen xo^tdowag MST, 
aber VLTr notieren die verwerfliche Variante dt xa/uovrag, 

eine wirkliche Variante. 

Es mufs Gefahr sein, dafs der Reiche die Liberalitat zur Knebelung der 
Freiheit macht. So haben es Piaton und Philoxenos bei Oionysios erfahren; 
Horaz hat auch von Mäcenas manches gelitten. Wenn Theokrit, der sich 
hier dem Hieron anbietet, die Mahnung, bei der er seine Zukunft im Auge 
hat, nicht erst bei den Dichtern vorbringt, so ist das berechtigt: jeder, der 
sich einem Mächtigen attachierte, lief diese Gefahr. 



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- 59 



40 x(u VLTr, besser als i} der übrigen. 

ZQoirjg VL, XQOiäg die übrigen, 
öl elxatt KTr, eixon VMSPT, eixool LAE, wohl richtig. 
. r )2 (5' sig V'L, r' KD, r' eZg die andern und V 2 richtig. 
54 ö' äv ixpoQßöq KV LD richtig, (5' 6 ovyooßög V'TrMST, 

<5' dv 6 giogßög PAE. 
57 oyeiag V'L, ogodg die übrigen: ayf'ag nach homerischem 

Gebrauche Brunck. 

59 d/iaAdwoiri VLTr, -vovot die übrigen. 

60 ?)tdn VLTr MS, diovi die übrigen. 

63 ytXoxEQdetat, KEygDL, -deiy die übrigen. 
ßeßh]fievov MSTTr, ßsßXafifiEvov KVLPAE. 

64 öavig volog VLTrD", bang voiovvog KPTAED', hg zoi- 

ovvog MS. 

68 eXtio) nur L, aber evftco der andern doch falsch. 

69 TsÄ&ftovTi trotz Hiat VLTr, -ovatv die übrigen. 
dot(5o?g KVLTrD, äoiöäv die übrigen. 

70 xovgdcov V L Iunt unbezweifelt richtig, /wvad(ov die übrigen. 
,afc'-/a VLB Eustath. zu vi 175, (iBydXov oder daraus ent- 
stelltes die übrigen. 

72 xivqoevvti VLTr, -aovai die übrigen; wie 69. 

73 ifiev VLTr MS, Efiov die übrigen. 
äoiöov KVLTrBD, äoiöy die übrigen. 

76 dcXia) VLTr, fjsXio) die übrigen. 

77 oixovvteg VLTr, oixevvteg die übrigen. 
Aißvrjg VLTr MS, Atßvag die übrigen. 
ifQQiyavvi VTrMT, EQQiyavn S, -yaai die übrigen. 

81 ojadowatv VTr, oxidfrvoiv L, oxendovm die übrigen und 

Eustath zu T337, viel schlechter. 
83 xovQa &\ ä VLTr, xovqv i)' ry die übrigen. 

85 xaxai ntfi-ipeiav dvdyxai die meisten richtig, xaxd (oder 

xaxä) — dväyxa KTMD, weiter verdorben Jt^mei ^vKD 1 
(ntfiipav M gleichgültig, ebenso jiifiJtovoiv V v. 1.). 

86 (fUov für f/fArm' KPV'D gleichgültig. 

dr/ßAAovrag BTrPSTE, dyyiXovvng KVLMA: XI oder A ist 
überall gleichgültig. 

87 diHÖftriTorg Kl), -,/a/rd P, -^laroög falsch die übrigen. 



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- 60 - 



88 ö£ VL, ve die übrigen falsch. 

valoivo V J DIunt, valoive L, vaioivvo die übrigen. 
00 ai d' KLD, ai v' die übrigen falsch. 

02 ßXaxolvvo VLTr falsch. ßXqx. die übrigen, ßXr)%cövvo 

verbessert S a . 

03 axvmalov und oxvi<paiov .2 V, die andern eins oder das andere. 

94 ExreÄioivTo xard ojiöqov V/oTr, ixjtXeoivvo L weist auf die 

Entstehung aus dem exjuoveoivvo Jiovi der übrigen. 

95 vy>6&i 2 VLTr, £vdo&i die übrigen. Daher zu 32 ivöofti 

als Variante vipofii V und so L. 

98 äoiöal MT gegen do«5o/ der andern kommt nicht auf, ob- 

wohl an sich gefällig. 

99 ö&t KVLTrD, öjzt) die übrigen. 

100 ifißaalkevoEv VTrL (ißaoj, efißaailevEv die übrigen. Der 
Aorist ist für das historische Exempel das Angemessene. 

103 Jiäat fii/.oi KLS'DIunt, Jtäat fitAsi VygTrP, Jiäatv ixot 

die andern. Das -ei also spätester Itazismus. 
"ÄQE'&ovoav VLTrP, 'Agiftoioav die übrigen. 
aiXfiaTdv VLTr, alxfii]trjv die übrigen, vgl. 17, 56. 

104 'EvEOxlfjog VTr, 'Evsoxlrjo L, 'EteöxXeioi die übrigen richtig, 

davon in L eine Spur. 
XäQitsg VTrD marg., frvyavEQEg die übrigen. Das ist eine 
gelehrte Variante, deren Beziehung ich in den Göttinger 
Nachrichten 1894, 194 aufgezeigt habe. Ich verkannte da- 
mals den Wert der Überlieferung. Es zeigt sich, dafs Vahlen 
allein im Rechte war, der XdQweg vertrat. 

105 Jioxa VLTr, jiote 

106 sycoys yivoifu KD, iytjv fjiiv. VL, iycayE fiifiv. Tr, Eyib 

lufiv. MST. £y6) fiEv. PAE, pycoyE fiiv. edd. ant. aus 
richtiger Verbesserung. 

107 txoifiap ES 2 , iolfiav die übrigen. Mit diesem neuen Medium 

durfte Ahrens die Grammatik nicht bereichern wollen ; aber 
was verbietet uns das simple loip äv'? xe in 103 wahr- 
lich nicht. Und gehen pafst besser als kommen, vgl. 68. 

108 v^(/j,)£ag VLTr, vfifie die übrigen richtig. 
dyajtatov KBTrW 1 , dyajzrjvöv MPSTDLW 2 . 

Wer das übersieht, dem springt die gesonderte Überliefe- 



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— 61 — 

rung von VLTr entgegen, in bösem 9. 42. 48. 94. 104 und in 
gutem 24. 64. 70. 81. 88. 90. 100. 104; er sieht ihre Neigung 
für den Dorismus, dem er nicht trauen kann, und die Wert- 
losigkeit jedes einzelnen der andern. ' So karg sie sind, 
stimmen die Scholien 9") zu VLTr: da ist die gemeinsame Va- 
riante der übrigen also eine junge Entstellung. Nun ist aber 
unschätzbar, dafs eine der unterscheidenden Lesarten 44 durch 
Syrian als zu seiner Zeit herrschend bezeichnet wird; so alt ist 
die Spaltung. Denn was die andern haben, ist nicht aus dem, 
was Syrian kennt, verdorben, sondern aus dem, was Hermogenes 
hatte, und das erst gibt die Hand des Theokrit. Seltsam ist 
freilich, wie viel zahlreicher und stärker hier die Abweichungen 
der beiden Familien sind als z. B. in den Pharmakeutriai, 
seltsam auch, dafs hier K fast ganz zu den Geringen rückt; 
aber über diese Seltsamkeiten der byzantinischen Codices zu 
simulieren trägt nichts ein: seien wir froh, dafs wir durch diesen 
Nebel hindurch das praktisch Wichtige leidlich klar erkennen. 

c Ekevt]g isti&ahdfitog. 

Für die Helene fällt K fort; auch M, der immer noch einen 
Grad besser war als die andern, und P: es bleiben also AE, 
die elendesten, und S, der aber hier wieder seinen Begleiter H 
erhält, und gut bekannt ist hier U, der im allgemeinen nach 
AE gravitiert, aber durch die Auslassung von 46. 47 mit HS 
verbunden ist (sie sind nur in jenen nachgetragen). Von D ist 
genug bekannt, um ihn als ganz interpoliert wegzuwerfen. Die 
andere Familie hat V und L verloren, und für den Verlust von 
V entschädigt die Abschrift X nur von V. 51 an: daraus folgt, 
dafs Tr hier dieselbe Rolle zu spielen hat, die sonst VLTr 
spielte; ja, er mufs noch mehr bedeuten, da er ja die Ver- 
bindung jener Familie mit K auch ersetzen mufs. Was sich 
für B erschliefsen läfst, ist vom ersten Range; dafs es öfter zu 
Tr stimmt, ist normal, bestätigt aber die Diagnose. So seltsam 
das klingt, zumal wenn man mit dem Texte des Sophokles und 
Pindar Bescheid weifs: hier gilt die Regel, wenn eine der Aus- 
gaben von 1516 und Triklinios zusammenstimmen, kann man 
alle Handschriften ohne weiteres wegwerfen, und selbst wenn 



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— 62 - 

Triklinios aliein steht, hat er die Piäsuinption für sich, das 
Echte zu liefern. Die Übersicht wird das bestätigen. 
2 bdxiv&ov TrluntS", vaxivd<ivov die übrigen. 

5 dyajzazdv Trlunt, dyanr)tdv\ TvvöaQiöav Tr, -da die 

übrigen (-öi S l , -dij S a ). Da soll man über das para- 
sitische v des Akkusativs sich nicht ereifern, in 
der Zäsur für - . - ist ganz unanstöfsig. Es ist gar 
keine Variante. 

6 6 ved)TSQog 'AtQeog vioyv Tr, gewählter als viög der übrigen. 
8 jzoooi JiSQuiAixroig, vjzö 6' m/e öäfi' v[ievaicot Tr, die 

übrigen JieQuzAsxvotg .Teo/. Darin ist negi durch me- 
chanische Wiederholung entstanden. Und die Mädchen 
flechten die Beine nicht, sondern sie spreizen sie, sie 
machen lange Schritte. Es genügt auf Pollux II 172. 
173 und was Bethc dazu bemerkt zu verweisen. Dar- 
unter ist die Hesyehglosse neouTEJTAiyiieva, jieQuu-JzXey- 
fisva, dafs man sehe, wie die Vulgata entstanden ist. 
Für athenische Mädchen wäre ein solcher Reigen unan- 
ständig, für koische ohne Zweifel auch: daher gibt ihn 
Theokrit den Spartanerinnen; es hat Lokalfarbe. yv{i- 
vaddofiat yäg xai Jiovl Jtvyäv älkofiai sagt die Lam- 
pito des Aristophanes. 
!) Jtgcbige Tr, nocbifr die übrigen ; das steht auch bei Hesych, 
wohl aus Homer B 303, wo es Theokrit auch herhat. 

10 Ztav TrB, (pike ((pÜ.og S) die übrigen aus dem w <piXe V. 9. 

12 evÖEiv fiäv ojzevdovva xaft' ägav avvöv $%gf]v vv Tr, evö. 
fih> xQyi&vva x. (o. i/of)p avvöv vv. die übrigen. Die 
Adversativpartikel ist nötig; der Versschlufs spricht für 
sich selbst; die Verse passen beide. 

14 ivag TrBS, svvag die übrigen. 

16 dyaftöc voi Tr falsch, dya&ög vig die übrigen. 

20 oia 'A%audÖG>v yalav ovdefit' äXXa TrluntS'. Aufsei- 

äX'Ar), das gleichgültig ist, haben die übrigen 'Ayatlöa 
yalav oder führen doch sicher darauf, nur U hat 'Ax ai ~ 
tÖav, das auch Versehen sein kann. Nur das Mifstrauen 
gegen Tr, der doch hier B neben sich hat, kann ent- 
schuldigen, dafs viele Konjekturen gemacht sind, alle 



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83 - 



schlechter als das, was nun als Überlieferung zu gelten 
hat, zumal alle die das Monosyllabum yäv vor die Zäsur 
stellen. 

22 äfifiBs d' ai Jiäocu Tr, yda für ö' al die übrigen, ganz sinnlos. 

23 Xoevgm Tr, Schreibfehler, XoetQotg die übrigen. 

28 ötatpaivsT' iv dfilv TrS (mitr), dteqncuW h> iffilv die 

übrigen, falsch. 
32 ix rakaga) Tr, ev r. die übrigen, falsch. 
35 ov fiäv ovdk /.vgav Tr, ov xtftdoav die übrigen, ovde ist 

notwendig: das entscheidet. 
41 veovg Iunt. U, reov STr, ved HAE. 

47 kagvfievai Iunt, Xa^öfievai die übrigen. Die Formen 
wechseln, ka^vfievat steht bei Hesych (aus Cyrill), kayo- 
t im>ai Apollon. Rh. 3, 1394. Aber kd^vadai ist gewählter; 
schwerlich hat es sicli Musurus ausgedacht. 

50 vfifitv TrBS', äfi/uv die übrigen sinnlos. 

52 Zevg öi TrB richtig, <5e fehlt den andern. 

53 £A»fy TrXB, tvtfy und -#ot S, &>(A)#»?? oder -tfotg die 

andern. Nötig ist die dritte Person und die dorische Form. 

57 deiQdv TrX, deioiiv die übrigen 

58 fy^i» S-, vfidv B, /) /wfr XTr, iyuv HA EU, S': die 

Korrektur >/ zu a ist in XTr falsch auf die erste Silbe 
bezogen. 

Also BTr vereinigt sind immer im Rechte, B gegen Tr 41 
(mit U) und 58. Wo B fehlt, hat Tr die Führung, und er hat 
gegenüber den anderen das Falsche nur 9. 16. 23. Die Ab- 
weichungen der Handschriftenfamilien sind hier sehr stark, aber 
methodische Handhabung der Recensio führt doch auf einen 
nicht minder einheitlichen Text als im Ptolemaios und der 
Kyniska. Dieser Text trägt auch so schlimme Wunden wie dort 
n)(päz' und öola, oder wie sie die Kreuze in den Adoniazusen 
zeigen. Aber hier fehlen die Scholien, die in der Kyniska 
halfen. Folglich mufs alles, was diese sonst Gutes lieferten, und 
was etwa K bis zum Ptolemaios darbot, durch Konjektur ersetzt 
werden, wenn die es vermag'). 

>) 29 hat eine blinde Henne ein Korn gefunden, Eichstädt, der Jenenser 
Flachkopf, den man so ungern von Goethe gut behandelt sieht, nämlich u(yu 



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— 64 - 



Überschauen wir nun die Ergebnisse unserer Prüfung dieser 
Gruppe. Es hat sich die Familie VTrL so stark abweichend 
gezeigt, wie es in der bukolischen Gruppe der zwölf Gedichte, 
die wir zuerst besprachen, gar nicht vorkommt, und Syrian hat 
eine Zeitbestimmung für diese Familie geliefert. Neben ihr 
steht K und dann B, der zwischen beiden vermitteln würde, 
wenn er noch existierte, und vielleicht könnte man dann die 
übrigen fortwerfen. So bringen wenigstens HS noch einigen Gewinn. 
Dagegen MPTUAE sind entbehrlich, und der Leser Theokrits 
wenigstens braucht mit all ihren Fehlern wahrlich nicht behelligt 
zu werden. Aber wie in der ersten Gruppe der einheitliche 
Text sich aus der Wolke gleichgültiger Einzelfehler klar heraus- 
hob, so ist auch hier schon durch die gemeinsamen Korruptelen 
ein nicht minder einheitlicher Text jenseits der Spaltung unserer 
Familien unverkennbar. Dem entspricht es, dafs diese Gedichte 
ja alle noch einige und zuerst noch recht reichliche Scholien haben. 
Also zugrunde liegt doch dieselbe antike Ausgabe wie in der 
ersten Gruppe, demnach auch derselbe Text. Man kann nicht 
einmal sagen, dafs er schlechter bekannt wäre, weil die Zeugen 
zum Teil verstummen oder weiter auseinandergehen, und noch 
viel weniger, dafs er wesentlich schlechter wäre: es fehlt nur 



Xüior in utyuku ( Aij Tr.) «i\ Es ist die Vergleichungspartikel in die theokri- 
tische Form des Gleichnisses gedrungen, Interpolation ganz gleicher Art 
wie der Vers 13,61. Die Vergleichung davor lautet in der Überlieferung (nur 
tiutfmtt von Ahrens verbessert) 

üvljg antHoio« xitk'uv Jtfyai'f itQuatxinov 
710111« vi<i, ait itvxbr *«p ^tiuwvui uriytog. 
Es liegt auf der Hand, dafs die Nacht oder die Morgenröte fort mufs, und 
da der Anbruch der Nacht eben das Signal zu dem Hymenäus gegeben hat, 
ist die Wahl nicht schwer. Diese Nacht ist verglichen mit dem Erscheinen 
des Frühlings nach dem Winter. Das pafst schlecht für die Nacht im all- 
gemeinen, obwohl man sie in der südlichen Hitze als tvtfpori) empfindet, aber 
für diese Nacht, die Uochzeitsnacht, darf auch der Jungfrauenchor so weit 
gehen. Das ist dann freilich etwas Pretiöses. Und was wird mit «w?? Ich 
denke, das kann auch bleiben, nur als Genetiv. Die Nacht hat aufsteigend 
ein schönes Eosgesicht leuchten lassen: das Abendrot führt Theokrit statt 
des Abendsternes der Sappho ein. Es ist schon richtig, dafs die Griechen 
sehr selten von ihm reden (Herrn. 18,420; ich könnte mehr geben), aber danu 
ist dies nur ein Vorzug Theokrits. 



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- 65 - 



immer mehr die Hilfe der Scholien, die allerdings sehr viel be- 
deutet. Die Handschriftengruppe VLTr ist scholienlos; die 
andern aber gehören ohne Zweifel genau in dem Sinne zusammen 
wie in den ersten 12 Gedichten. 

Wenn wir also in dieser Reihe nichts anderes als die Fort- 
setzung der Theokritausgabe haben, so hat die Frage der Reihen- 
folge eine Berechtigung. Da zeigt sich doch trotz aller Ver- 
wirrung der Handschriften, dafs die Helene an das Ende gehört: 
daher fehlt sie in K; die Adoniazusen in die Mitte, zwischen die 
beiden Paare, Kyniska und Pharmakeutrien. Chariten und Ptole- 
raaios; unsicher ist nur die Anordnung dieser Paare in sich. 
Für das erste Paar darf die Umstellung des langen schönen 
Gedichtes an die zweite Stelle der ganzen Sammlung in HSMAE, 
also den schlechten Handschriften, nichts ausmachen, denn sie 
ist eben um seiner Bedeutung willen von später Willkür gemacht 
worden. Dagegen scheint mir die Erwägung durchschlagend, 
dafs die weiblichen Mimen zusammenstehn müssen, vor ihnen 
der männliche, der zwar auch nach Sophron gebildet ist, aber 
eben zu den anderen männlichen Mimen hingravitiert. Die 
Scheidung männlicher und weiblicher Mimen in der Sophron- 
ausgäbe Apollodors war vorbildlich. Hiermit folgen wir zugleich 
der Reihenfolge in K, der die so wie so bedeutende Autorität 
beanspruchen kann, gegen V Iunt, also wohl B. K stellt auch 
die Chariten hinter den Ptolemaios (gegen Iunt und die ge- 
ringen; V hat mehr verrückt). Das wird ebenfalls richtig sein. 
Denn mit den Chariten beginnt die Dorisierung des Textes in 
VTr, die wir in den folgenden Gedichten dieser Familie (Dio- 
skuren, Herakles) antreffen werden, während der Ptolemaios 
davon noch ziemlich frei ist. 

Der Dialekt ist in Charites und Ptolemaios sehr unbehaglich. 
Streift man auch die übertriebene Doris der einen Familie rasch 
ab, so gelangt man doch nicht zu einem reinen Resultate, wie 
es die Angaben über die las vor dem Aites und vor den Dios- 
kuren gestatten. Denn eine Mischung, wie sie durch die Hand- 
schriften geht, konnte weder durch reine las noch durch reine 
Doris entstehen. Man mufs sich also durchlavieren, ziemlich wie 
in dem auch unbehaglichen Hylas, und anerkennen, dafs der 

Philolog. Untersuchungen. XVIII. 5 



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- 66 — 

Dichter selbst nach seinem Geschinacke um der Klangwirkung 
willen den epischen Dialekt dorisch temperiert hat. Es ist ein 
merkwürdiges Problem, und ich glaube recht getan zu haben, 
wenn ich hervorhob, dafs der ältere Zeitgenosse des Theokrit, 
Isyllos, es ebenso gemacht hat, wo die Erhaltung uns Sicherheit 
gewährt'), so dafs wir hier gewaltsame Experimente unterlassen 
sollten. Fraglich ist mir nur, ob ich mit Hecht die beiden Dorer 
von der epischen Praxis ihrer Landsleute, wie sie die inschrift- 
lichen Epigramme zeigen-), aHein abhängen liefs, wenigstens 
wenn das S. 57 angeführte Zeugnis mit Recht dem Ionier Anti- 
machos Dorismen zuschreibt. Wir haben wohl eine allgemein 
verstattete literarische Freiheit des künstlich erneuten Epos an- 
zuerkennen, die zu dem kyklischen Schlendrian und dem gramma- 
tischen Ilomerisieren, mit dem Apollonios beginnt, im Wider- 
spruch stand. Die damalige Lyrik treibt es ganz ähnlich. Wenn 
es denn aber keine Gesetzmäfsigkeit gibt, sondern der Wille 
des Dichters nur aus der Tat erkannt wird, so hängt praktisch 
alles an der Zuverlässigkeit des überlieferten Textes. Dafs wir 
hier selbst die Fassung der antiken Ausgabe nicht mehr sicher 
erreichen und, wenn wir sie erreichten, immer noch weit von 
der Sicherheit entfernt bleiben würden, die Hand Theokrits zu 
haben, ist praktisch für die Konstituierung des Textes wertlos; 
aber auch der Leser darf es niemals vergessen. 

'Ejztväy 10g Blovog. 

Ehe wir die nunmehr in ihrer Sonderstellung erfafste 
Familie VLTr in den Gedichten verfolgen, die sie über die 
rein theokritischen Handschriften hinaus erhalten hat, sei ein 

'•) Ich dehnte den Zweifel damals auch auf Aites und Dioskureo aus; 
das war unberechtigt, und Ahrens hatte ganz richtig geurteilt. 

2 ) Kirchhoffs Aufsatz, Hermes über den Dialekt der inschriftlichen 
Epigramme ist sehr folgenschwer geworden ; die ganzen Fickscheu utiuyQuuua- 
uauo( sind nur eine Übertreibung seines Prinzipes. Angesichts der Funde 
namentlich aus dem Perserschutt mufs zugegeben werden, dafs Kirchhoffs 
Induktion aus ganz wenigen Indizien die Verallgemeinerung nicht vertrug. 
Wer Bescheid weifs, kann den Dialekt Findars und der alten Tragödie nicht 
mit geringerem Mifstrauen betrachten als den des Theokrit. 



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— 67 - 

Gedicht besprochen, das die Überlieferung durchaus mit der 
eben besprochenen Reihe echttheokritischer Gedichte zusammen- 
fafst, der 'Emtdyiog Biayvog. VTr können das zwar nicht 
zeigen, da sie noch sehr viel anderes daneben haben, alles 
anonym; aber L hat ja nur Theokritisches, in P steht der 
Epitaphios vor dem Ptolemaios, dessen Überlieferung er 
teilt; H hat auch nur Theokritisches, also mufs die Nennung 
Theokrits in der Überschrift von S auch für ihn gelten: sie ist 
gemeint auch in PHL, falls sie wirklich überall fehlt. Die 
beiden Familien VLTr und SHP sind auch hier ganz deutlich 
geschieden, aber man mufs mit freiem Urteil zwischen ihnen 
wählen, und das tatsächliche Verhältnis liegt nicht so ungünstig 
für HSP wie in der Helene. Übrigens spielt manchmal eine 
Lesart der einen Familie in einen Vertreter der anderen hin- 
über, was auf ursprüngliche Doppellesarten führt. Davon ist 
98 ein guter Beleg. Das Echte ist, wie Briggs gesehen hat, 
dt fie. Die Handschriften haben a^e mit verschiedener Pros- 
odie, aber V (vielleicht auch Tr) afi/Liea. Was ist das anders 
als afifie mit der übergeschriebenen richtigen Variante «? 

Der gemeinsame Archetypus ist gut kenntlich. 2 ist die 
Überlieferung xaldoive oder xAodotre, was dasselbe ist, also ein 
ganz gemeiner Schreibfehler, den erst Musuros berichtigt hat: 
das erweckt zu der Treue der Abschriften einiges Vertrauen. 

37 hat Bücheler das Richtige gefunden, aeiQi'iv^ das ist 
kaum entstellt in VLH 1 oe jzq(v, natürlich in Buchschrift. Kon- 
jekturen daraus in den übrigen Handschriften beider Familien, 
di jzqIv P, yi jiqIv Tr, dtfaplv, am frechsten und sinnreichsten 
SH\ 

55 hat Kallierges (oder Musuros) äx<» d' sv richtig ge- 
geben, ayedcov hat L, d%BÖvi) VTr, dyedovEt die andere Familie, 
aus der Lesart von L interpoliert. Die sinnlose Lesart VTr 
deutet auf etwas Übergeschriebenes in der Vorlage. 

121 ist scheinbar eine schwere Abweichung "ich möchte in 
den Hades, zu hören, vi neklodeai. xai jtaoä Kcbgai ItxeÄtxov 
n /.iyaive". So VTr, unmöglich wegen des Versmafses. d//.' im 
xmqcu HS. Darin ist im grammatisch unmöglich, dk/.d jräoa P, 
y.ai jzäoa L. Das bringt iu seiner UnVerständlichkeit die Vermitte- 

5* 



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— 68 — 



lung. Der Archetypus hatte dAAd jiaod; das ist in der einen 
Überlieferung durch die Änderung der Partikel in x<u, in der 
andern durch die Änderung der Präposition in &xl zurechtgemacht. 
Echt ist aber sicherlich die Partikel der Aufforderung dAAd: sie 
fordert der Gedankenfortschritt. Ich denke, es ist ein guter 
Einfall, naqd mit der bekannten Abkürzung geschrieben zu 
denken, die über dem n einen Haken, ziemlich wie £ hat: das 
ergibt fast ohne Änderung dAA' äye, xwqcii . . . /.iyaive. Der 
blofse Dativ ist auch viel angemessener als jede Präposition. 

Der Überlieferung nach mufs man das Gedicht zu der 
zweiten Gruppe der Theokritischen rechnen, mufs auch denen, 
die es hier hergestellt haben, zutrauen, dafs sie es dem Theokrit 
beilegten. Anderseits gibt es kein antikes Zitat daraus; ja, auch 
keine Nachahmung ist mir bekannt. Daher ist es unwahrschein- 
lich, dafs es in der kommentierten Ausgabe gestanden hätte; es 
eröffnet also die Reihe der Zusätze, zu denen wir nun übergehen, 
ohne sich jedoch in eine der Gruppen zu stellen, die ich mit 
den Zeichen <P und // zusammenfasse. Dann kann es aufge- 
nommen sein, weil es durchaus bukolisch ist, von dem Thyrsis 
Theokrits und dem Adonis des Bion vor allen beeinflufst; auf 
Theokrit ist es erst geschoben, als V. 95 die leichte Verderbnis 
erfahren hatte, die ich Herrn. 39, 141 gehoben habe; seltsamer- 
weise hatten die Modernen die Lücke immer noch als gegeben 
betrachtet, obwohl sie wufsten, dafs sie eine Hypothese des 
Musuros war. Wie sich die antiken Leser mit iv dt Ivgaxooloioi 
toeöxQitog avzäg sycoye abgefunden haben, dürfen wir dahin- 
gestellt sein lassen: die Zuteilung kanu so spät sein, dafs sie 
avtdQ verdauten. 

Das Gedicht ist auch um der Verwendung des Schaltverses willen 
recht merkwürdig, so schlecht, es ist. Er sondert hier sozusagen 
die Kapitel, in die der Verfasser sein Carmen ganz verstandes- 
mäfsig zerlegt hat, Vielleicht ist es ein täuschendes Gefühl, 
jedenfalls kann ich es nicht begründen, aber mir ist, als spürte 
ich die italische Art des Dichters, als klänge es schon nach 
Statius'). 

l ) Es wäre verwegen, die Beherrschung der griechischen Sprache durch 
den Verfasser zu beanstanden; aber in einem ist er mindestens bis an die 



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- 69 - 

Die beiden Handschriften VTr, deren Lesungen sich von 14 
bis 18 als immer bedeutender herausgestellt haben, enthalten 
eine weitere Reihe von Gedichten, die sie uns zum Teil allein 
überliefern. Es ist wohl nicht unbedingt sicher, dafs sie un- 
mittelbar aus derselben Vorlage abgeschrieben sind, aber es liegt 
am nächsten, und praktisch kann man es nur so behandeln. 
Hiller hat diese unmittelbare Vorlage 0 genannt, was nicht nur 
unpraktische Häufung von Zeichen im Gefolge hat, sondern das 
Urteil leicht verwirrt. Ich bezeichne also mit 0 die Hand- 
schriftenfainilien, die den Anhang der Theokritischen Gedichte 
erhalten hat, der in VTr vorliegt, hätte ihn also schon vorher 
brauchen können. V selbst ist hier stark beschädigt, und 
nur zum Teil liefern seine Abschriften Ersatz, Vaticanus 1311 
(11 von St. Amand bis auf Hiller; ich sage X) und Laurentianus 
Conventi soppressi 15, aus der Bädia di Firenze, W. Dieser hat 
für die Gedichte, die es auch in anderen Handschriften gab, 
weiteres Material zugezogen (was übrigens, wie die Doppelles- 
arten zeigen, auch in V geschehen war), X ohne Zweifel auch, 
da er sogar den Bestand um Theokrit 28, 29 aus H und um 
Herakliskos 1—87 erweitert hat; davon später. Aber für die 
Gedichte, auf die es wesentlich ankommt, gab es für WX keine 
andere zugängliche Tradition. Die alten Ausgaben kommen hier 
gar nicht in Betracht, denn B enthielt eben diese Reihe nicht, 
und die Drucke gehen auf Tr zurück. Anderes ehedem fälsch- 
lich Herangezogenes hat Hiller richtig beseitigt. Ich gebe zunächst 
eine Übersicht des Tatbestandes, bei der ich die Reihenfolge 
von V zugrunde lege, zu der Tr in dem, was von Belang ist, 
stimmt. In eine rechte Kolumne setze ich die Zeugen der Über- 



Grenze des Solöken gegangen. 23 ßvts tu nor) juv^oi; 7ik«CÜf.itk«i 52 ris 
noTi oai aimyyi titMStrat, 48 xaftfZoutmt 7101t TTQhurut; txwxvov, 16 norl 
XttUotv ... «ftJfr. Dafs die Stellen einander schützen, ist klar; aber noil, 
das überall räumlich nahe Verbindung bezeichnen soll, ist überall ungewöhn- 
lich gesetzt; man erwartet 23 «u«, IC und 48 etwa tnt\ 52 den blofsen 
Dativ, noti ist die Liebliugspräposition des Theokrit, und ihr Gebrauch 
reicht viel weiter als im Attischen; aber dies ist doch noch ganz anders. 



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— 70 - 



lieferung; das Zeichen // umfafst eine Handschriftengruppe, die 
später behandelt wird. 

'Hgaxk^g V (lückenhaft) WX Tr M II 
Meydga V (1-13) W Tr // S 

Iho?.€(ialog W Tr L ! KB SM PL' A ED 

J3tWog€mra^ogV(36-Ende)W(l— !6)TrL ! H S P 



AiöaxovQoi V (92— 1 85) X ( 1 — 44) Tr M P ( 1 - 1 8) 
'EMvr) X (52-58) Tr 
Bovxokloxoq X Tr 
'Abels X Tr 

"Egcog ÖQajiivrjg V (18- Ende) X 

Kr}QioxXijzvrjg V 

'Adcovtg V Tr 

sig vsxqöv "Aöfoviv V 

EQaotrjg V (1-55) X Tr 

Axdknog emftaXdfiiog X Tr 



II 

BHSUAED 



S Anth. Pal. 



Triklinios hat also drei Gedichte weniger, das Anakreon- 
teum auf Adonis und die beiden kleinen Erotika. Mit Recht 
sieht Hiller in ihrer Auslassung eine bewufste Kritik des Tri- 
klinios. Das Anakreonteum schien ihm als lyrisch überhaupt 
nicht hierher zu passen; Ahrens hat ebenso geurteilt. Den 
"Egcog dganivrig konnte er aus der Anthologie kennen, dann auch 
seinen Verfasser Moschos; er gab aber alle Gedichte dem Theo- 
krit, dessen Namen er überall, wo er fehlte, zugefügt hat; dann 
gehörte Moschos nicht herein, und so hat er auch dessen Europa 
nicht aufgenommen, die ihm doch leicht zugänglich war. Den 
xrjQioxXemyg hat er wegen seiner Nachbarschaft und inhaltlichen 
Verwandtschaft zu dem dgan&Tyg gerechnet, also dem Moschos 
zugetraut, was ja auch später vielfach geschehen ist. Natürlich 
weisen diese Urteile die Gedichte nicht aus <f> aus, und wir 
müssen uns an V halten; aber mit dem Anakreonteum hat Tri- 
klinios doch richtig gesehen. Schon wenn man die Handschrift 
selbst vor Augen hat, bemerkt man den Unterschied seines Textes, 
dessen Reinheit zu der Verwilderung seiner Umgebung in grellem 
Kontraste steht. Es sind zwar auch hier ein paar Korruptelen, 



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- 71 - 



allein die liegen tief 1 ). Die Oberfläche ist ganz glatt und alles 
fast ohne Korrektur-). Der Schlufs liegt ja auch so nahe, dafs 
das Gedicht irgendwann um seiner inhaltlichen Verwandtschaft 
willen hinter den Adonis des Bion eingestellt ist. Wann soll 
man sich diese siebensilbigen Anakreonteen, die allerdings auf 
den Accent keine Rücksicht nehmen, aber in vXav 44 die Schlufs- 
silbe bereits kurz brauchen, anders entstanden denken als in 
der frühbyzantinischen Zeit, dem vierten bis sechsten Jahr- 
hundert, als das Mafs so sehr beliebt war? Der Inhalt ist so 
ganz leer, dafs man aus ihm wie bei den sympotischen 
Anakreonteen gar keinen zeitlichen Anhalt gewinnen kann. 
Wir müssen das Gedicht natürlich an dem Platze lassen, den 
es in V einnimmt; es wird auch dem Leser gegenwärtig 
halten, wie jung die Tradition ist, in der wir die Bukoliker- 
sammlung überkommen haben. Und doch war zwischen der 
Handschrift, in der das Anakreonteum Aufnahme gefunden hat, 
und der Vorlage von V und Tr noch eine breite Distanz. Diese 
Vorlage war nicht einmal identisch mit dem verstümmelten Kodex, 
der mitten im Verse des 'EmüaAäfuog 'Ayükhog abrifs, also 
vielleicht noch sehr viel mehr enthalten hatte; dann haben V und 
Tr gemeinsame Fehler, die also in der Vorlage standen, und zeigen 
ganz grobe Ergänzungen unlesbarer Buchstabenkomplexe. V und 



'J 32 xt<( ,un xuttoivuCf scheint hoffnungslos; schwerlich reichte eine Zeile 
hin, den geforderten Sinn, wenn auch noch so kurz, zu geben 'und da hat mein 
Hauer das Unheil angestiftet'. Als dann der Eber begnadigt wird und in den 
Thiasos der Göttin eintritt, heifst es zum Schlüsse xui it (tüi Heinsius) Ttvfil 
itnoaiXOtöv fxitif roii hhotu*. Da haben die ältesten Erklärer offenbar mit 
Recht gefordert, so absurd das ist, dafs der Eber seine Hauer sich selbst 
verbrennt; es konnte ihm sonst im Verkehr mit Eros und ähnlichen Schön- 
heiten zu leicht dasselbe Malheur passieren. Aber dann auch das einfache 
Heilmittel, uJövi«; statt (nun«;: das letzte Wort war verstümmelt. Übrigens 
kann die Anregung dem Poeten von der bildenden Kunst gegeben sein, die 
bis in späteste Zeit Eroten bei allen möglichen Verrichtungen zeigt. Hier 
ist das einzige lebendige Bildchen, wie sie das gefangene Wildschwein her 
antreiben. 

-') Es ist aber ein Verschen von Hiller, dafs er die Emendation i>'"» 
V. 19 der Aldiua zuschreibt: sie steht in V, wie Ahrens zutreffend angab. 
Auch IJ gibt dieser eine Korrektur richtig an; aber sie ist gleichgültig. 



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— 72 - 



Tr selbst sind auch weder sorgfältig genug gewesen noch recht 
ehrlich. Beide machen alle Arten Abschreibefehler, beide korri- 
gieren nicht nur sich, sondern auch ihre Vorlage während des 
Schreibens und während sie das Geschriebene überlesen. Tri- 
klinios ist gar nicht so viel willkürlicher als V. Hillers Ab- 
druck, der im wesentlichen die Vorlage gibt, ist dazu sehr brauch- 
bar, dieses Verhältnis zu zeigen. Leider läfst sich die Adnotatio 
gerade hier, wo nur zwei unzuverlässige Kopien vorhanden sind, 
nicht so vereinfachen, wie es sofort möglich ist, wenn ein dritter 
Zeuge die Einzelsünden überführt. Wer die nur in V Tr ent- 
haltenen Gedichte, also vom Bukoliskos ab, zuerst in der hand- 
schriftlichen Überlieferung ansieht, dem kommt das Gefühl der 
Verzweiflung; gar manche Stelle ist auch noch immer verzweifelt, 
und würde eine unabhängige Fassung irgendeines Gedichtes ent- 
deckt, so könnte mich auch die stärkste Abweichung von dem 
nicht überraschen, was ich jetzt geduldig hinnehme. 

Dafs die Orthographie im weitesten Sinne bei solcher Über- 
lieferung ganz verloren ist, also auch auf das Dialektische nicht 
der mindeste Verlafs, liegt auf der Hand, und wenn die Ver- 
fasser der Gedichte unbekannt sind, mufs man sich wirklich be- 
scheiden: desinas ineptire, et quod vides perisse, perditum ducas. 
Ich will den Zustand des Textes an einigen Beispielen der letzten 
Stücke zeigen, wo mir die Verbesserung gelungen scheint'): in 
den Fischern zumal harren noch mehrere Verse auf eine glückliche 
Divination, die sich aber nicht kommandieren läfst. Epithala- 
mios des Achilleus 14 "Kein Grieche (telvev tbv xavä dco/xa 
<p£Qü)v diooiv aväv (so Tr, Övaiv dyvov interpoliert X) dorn": 
(puya)p övovavov Bentley, äQrja Scaliger. Davon hätte man 
nicht abweichen sollen und, weil es leichter schien, (ptgov d' 

') Für richtig halte ich 17 nu{ti>tvixlv xöyov was einen Gegen- 

stand bezeichnen mufs, mit dem junge Mädchen hantiereu. Das ist (»in 
Besen; es ist das Wort, zu dem hxuQtir xootipu usw. gehören. Bei He- 
sych stehn uoch andere Bedeutungen für x<no±: xio.Xu'ioor, n).tytnt ^noaitr^ 
7itnou}u(i'o}\ dies geht auf eineu Vers des alten Kumikers Lysippos xu) 
xöqqvs nXtxutii üx{iuiti\tii uKQn(r>,$, Et. M. xo{)v!UtXd\. Das Wort gehört zu 
xovgus (IG. JI 841) von xtinw; die Grammatiker sind mit der Zusammen- 
stellung mit xo(tt>; }><tr, auf falscher Kühlte. 



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- 73 - 



dvd vtjvoiv ägrfa vermuten, mit bedenklicher Präposition und 
Verkennung des Fortgangs Xdvdave d' £v xcogaig Avxofirjdlot 
ßovvog Ay&Xevg. Das pafst zu dem Fliehen vor dem Kriege, 
nicht zu dem Hinüberschiffen des Krieges. Ebenso hat man 24 
eine vorzügliche Heilung von Lennep unbeachtet gelassen und 
ganz Schlechtes statt dessen gesetzt (ich fand Lennep erst, als 
ich mich der eignen Emendation freute): Achill sitzt neben dem 
Mädchen, trägt ihr ihren schönen Webstuhl, td d' ddta öoxqv' 
infivet. Da sind die Tränen unsinnig, von dem Schreiber so 
gewaltsam und so pervers hineingebracht, wie er in demselben 
Verse ovätiova in aTÖfi' ävä geändert hat. Loben wird Achill 
nur das Gewebe, das Deidameia auf dem Webstuhl augefangen 
hat: rä öaidaka d' ärgi' emjivei. Auf die Frage des Lykidas, 
vi fitXyw, antwortet Myrson 

5 2xvqiov Avxida QaX&v /Uvog dövg epcora, 
XdfrQia IltjXeidao (piXrj/jtava, kd&qiov svvdv, 
jifbg Jialg eaaaro (fägog, öticog ifisvaavo fWQ<fdv, 
xt)v ÖJiiog iv xcoQaig Avxofir)dlotv djtaXiyoiaai (v. 1. -oa) 
dr)ö (deiö. X) rfvrja td Jtaatöv A%ihkia ArjiÖd/jieia. 
In V. o ist fitXog ein unbrauchbarer Einfall : weder ist das Lied 
ein skyrisches, noch pafst Qol'mo oder auch mit weiterer Ände- 
rung £arc5: man sagt nicht, ich suche ein Lied, wenn ich 
wünsche, dafs es mir gesungen wird. Sinnreich hat Ahrens 
nach Theokrit 1, 19 ^aX(b(xevog dtdeg vermutet; aber was Theo- 
krit angibt und hier fehlt, macht die Wendung allein erträglich, 
die Gelegenheit, bei der der Aufgeforderte das Lied früher vor- 
getragen hat, und sein Erfolg: in ^aXcbfavog kann der nicht 
liegen. Und schliefslich fehlt das Wichtigste, die Aufforderung 
zum Singen; das führt zu der Änderung dioov; aber da ist 
wieder frXtinsvoc unerklärlich. Also gar kein Verbum erfinden, 
sondern den unverkennbaren Akkusativ Sxvqiov egiora von dem 
fie?.ti)(o des Lykidas abhängen lassen, was dann nur die Her- 
stellung der an Avxiöa angeglichenen Akkusative kostet. £ako>- 
fievov ist gesagt wie von Geminus Anth. Pal. 6, 2(50 Ktingidog 
if vtyvt), L!)Xovf.i£vov ovx imjuefKfkg düoov. An der skvrischen 
Liebe des Achilleus kennte mancher, so süfs sie war, Anstofs 
nehmen. <<<?/<</ tot/a/ . während der Hirt nur ^ij/.og für sie hat. 



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— 74 — 



In der Ausführung ist ganz untadelig, dafs der thessalische 
Knabe, der die ykafjLvg trug, statt ihrer das weibliche lange 
ipägog antat, und in ijievoaxo hat W. Canter ohne Mühe eipev- 
aavo erkannt; die Nachahmung bei Nonnos 44, 289 ist leider 
nicht verwendbar, weil sie ihrerseits in iioQ<päv auf Konjektur 
beruht. Dann folgt xt)v önwg sv xi'ooaig, dem Sinne nach "und 
unter den Mädchen", aber yomcog £v xcbgaig ist nicht die Form, 
auf die die Überlieferung führt, und diese Poeten setzen mög- 
lichst wenig Spondeen. xr)v weist den Weg; es ist nur umzu- 
stellen, xi\v xtooaioiv ÖJtrog Avxofnjdlaiv djzaXiyoioai. Da das 
letzte Wort sich als dAeyo/öcuc ohne weiteres ablöst, hat Ahrens 
an; in ovx sicher geändert: also eine Korrupte] aus Minuskel. 
u Unter den Lykomedesmädchen , ohne dafs diese sich darum 
kümmerten, ni]dt]vt]ata jcaovov den Achilleus Deidameia". Nun 
mufs doch die Hauptsache bezeichnet sein, und das xatä szaavov, 
das Ahrens aus rjava Jiaatoi' gewonnen hat (Korruptel der Buch- 
schrift) zeigt es noch deutlicher. Was hat Deidameia im Bette 
mit Achilleus gemacht, der so tat als wäre er ein Mädchen? 
Worauf deutet der Zusatz, dafs ihre Schwestern sich darum nicht 
kümmerten? Das ist doch eine Szene, die an Dudus Benehmen 
in Byrons Don Juan ihre Parallele hat. Als Mann hat sie die 
Gespielin erfunden, und das ist ihr sehr recht gewesen, ävda' 
rjivsi. 

Offenbar ist es so zugegangen. Ein sehr übel zugerichtetes 
Exemplar eines antiken Buches, geschrieben wie wir das jetzt 
sattsam kennen, ist in späterer byzantinischer Zeit gefunden und 
in die damalige Schrift umgeschrieben und dann nach mehreren 
Etappen die Vorlage von VTr geworden, die beide nicht treu 
kopierten. Vor so verwahrlosten Texten sitzt man schlimmer 
als vor einer schlechtkopierten Inschrift, da die Korruptelen 
aufser den Lesefehlern gegenüber der Buchschrift auch in solchen 
gegenüber der Minuskel beruhen; Ausdeutungen einzelner sinn- 
loser Zeichenkomplexe schaden hier wie da"). Natürlich ver- 

') Ich notiere noch eine Stelle, die ich durch Zurückführung auf die 
Buchschrift geheilt zu haben hoffe. Der Bukoliskos rühmt in Nachahmung 
von Theokrits l'olyphein seine Schönheit. Seine Augen sind trotziger als 
die Athenes . . . seine Stimme süfser, yXwxtnoutn«, als Honig. Dazwischen 



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— 75 — 



langt man zu wissen, ob wenigstens die zugrunde liegende 
antike Schrift leidlich war. Dazu helfen uns zwei kleine Zitate 
wenig. Aus dem 'EoaoTiig sind V. 28-32 in dem Baroc- 
cianus 50, einem sehr wertvollen gelehrten Miszellankodex des 
zehnten Jahrhunderts, als Blaadvulling ausgeschrieben : es ist der- 
selbe Text, abweichend nur in Gleichgültigem oder Falschem, und 
einen Fehler nehme ich in beiden Überlieferungen an. 

"Auch die Rose ist schön, und die Zeit macht sie verdorren; 
auch das Veilchen ist schön im Frühjahr, und bald welkt es. 
30 Xevxöv t6 xglvov kavi, f^agaivevaL ävixa JiljiTt/t, 
ä de yloiv kevxä xai tdxntai ävlxa jza%frf}i, 
xai xdkkog xaXöv inri vö Jiaidixöv, alV ö/Uyov £>> ')". 
Vielfach hat man das zweite Paar der Vergleiche ausgeworfen; 
allein dafs neben der vergänglichen Schönheit auch die den 
Griechen so reizvolle glänzend weifse Farbe hervorgehoben 
wird, ist bei dem Knaben, dem Uvxönvyog, nach der Ästhetik 
dieser Liebespoesie (man denke an die Karnation der iotofiFvoi 
in der Malerei) besonders angemessen: eon xai iv ykovvolg 
(pvofitvr) vefteatc. Dafür ist die Lilie ein Bild, die stolz auf- 
ragt, aber Neigen und Welken ist für sie dasselbe; vom Schnee 
weifs jeder Schulbube, dafs er schmilzt, wenn er backt: beides 
ist der unentrinnbare, der Entfaltung des meisten Glanzes nur 
zu nahe Moment; die Lilie wird erst ganz glänzend weifs, wenn 
sie sich voll erschliefst, und dann neigt sie sich schon; der 
Schnee bleibt in Griechenlands Städten nicht liegen. Dafs in 
der Apodosis des Gleichnisses nur auf das allgemeinere xaköv 

Steht T(> arä/iu J' nv nttxfai yXixfmouoov Tr, iu arüuu rj xtt) im' nxtiii X. 
Das Jaurti, die mtxtd, hat Triklinios in Erinnerung an 11, 20, Inxoiin« 
nuxiäs, erkannt; <T «v ist falsche Deutung, also unglaubhaft gegenüber >/*«'» 
oder vielmehr rjxc, oder auch ij und x sind ebenso verschiedene Leseversuche 
eines undeutlichen Zeichens wie J«. Ich denke, da stand MY d. i. uoi. Nun 
ist Jaurti alles andere als süfe; ylixfoontouv stammt aus dem fulgenden Verse; 
also ist keine Bnchstabenkonjektur zu suchen, sondern die Ähnlichkeit zwischen 
Jaurti und den feuchten (9) Lippen des Tölpels : yltuf votoxtnor. Recht feste 
dicke Milch, die stehen bleibt, wenn man einen Löffel voll herausnimmt, wird es 
denen deutlich machen, die die türkisch-griechische Delikatesse nicht kennen. 

') 150 xai uuoniriiiit ijv/xu ftintt^i Bar. u«t>. <«r. nt'rtjn XTr. 31 fii<- 
otthtrai >/»/>« Bar. 



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— 76 — 



Bezug genommen wird, ist inkonzinn, gewifs: aber sollte der 
Dichter etwa hinzufügen 

xai Xtvxog %Q(og eortv 6 naidtxög, dXXd ka%vovxai'i 

Solche Kongruenz ist ein Pedantismus, über den selbst diese 
geringe Dichterei erhaben ist. Nur eins: wenn in dem ersten 
Paare die antithetischen Glieder durch die Kopula verbunden 
sind, in dem Schlufsverse die Adversativpartikel steht, so 
würde es nach Versnot aussehen, wenn in dem zweiten Paare 
einmal die Kopula stünde, das anderemal Asyndeton: daher 
ändere ich xai xdxExai in xaxaxdxExai. 

Die ersten vier Verse des Bukoliskos stehn auch ohne 
Verfassernamen, den es eben nicht gab, in der Anthologie 9, 136. 
Es gibt lediglich dialektische wertlose Varianten. Das einzige 
Wichtige ist die Doppelüberlieferung des "Egtog dgajiixrjg. Er 
steht mit dem Verfassernamen in der Anthologie 9, 440 und in 
derselben Rezension, also wohl aus der Anthologie, in S neben 
der Europa des Moschos. Für die Verse 7—10, 16, 17 kommt 
noch Stobäus Flor. 64, 20 hinzu. Ich lasse alles fort, was nur 
orthographisch ist, dann bleiben doch folgende wichtige Varianten. 
V ist erst von 18 ab erhalten; bis dahin ersetzt ihn X. 

2 öaxig X 1 : ei xig ASX J , schlechter. 

3 fiavvoag X 1 : [ia%>vxdg ASX", schlecht. 

4 dydyi]i X: dydyt)tg AS, geändert wegen der Konzinnität. 
6 toxi öe xai X': toxi d' ö Jtalg ASX*, richtig. 

(i&dQto X': /trf#otc -tfyc) vtv ASX S , richtig. 

10 (hg öt %okä vöog evxi, dvdfiegog X: rjv dt: %ohäi, vöog kaxiv 

dvdfiEQog AS Stob. B, kv ö. %. Stob. A. Wenn X über- 
haupt Glauben verdient, ist die Entscheidung für ihn 
auch hier sicher. 

11 müaöoiv X 1 : nalodei ASX-', falsch. 

12 fiexconov X': ngdaastov ASX", falsch., 

14 xai sig diötjv ßaauija X, xai dlöao A 1 , dlÖECo A"S, ßaoü.ffa, 
sehr bezeichnend: ßaoi/.eia ist gemeint, was Ahrens er- 
kannt hat ; wie man die vorletzte Silbe vokalisiert, ist ganz 
gleichgültig. Daraus folgt, dafs die eine Überlieferung 
den Genetiv erhalten hat, dafür aber die Präposition 



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- 77 - 

ausgeworfen, weil sie ihn in falscher Form gab: eig 

'Aida ßaoiXna ist das Echte. 
15 yofivög öXog vo ye ocbfia X', yvfivög [tir vöye acdfia ASX', 

viel schlechter. 
ev jiejzvxaotai X": efimenvxaoTai ASX 1 , unmöglich. 
10 dXXov Stobäus: äXXot ASX, falsch. 

19 vvv&dv fikv tö ßeXefivov V: vvv&öv est A, r. dd S, sinnlos. 
22 fikv VA: de S, falsch. 

yo. rai5ra V: ndvva ASV, falsch. 

xdvva fisv äyQia ravva' JtoXv nXtov (5' dei avrioc 

ßaid Xa/njtäg iotaa röv "AXiov avtöv dvaid'ei. 

So V mit yq. nXtov deei, Ji?.elov (rcXdaiv S) öi ot 
avTüi und 23 ivolaa und ival&ei AS. Es ist evident, 
dafs schon 22 die Fackel des Eros bezeichnet sein 
mufs: das ist aus daei leicht zu gewinnen: d datg; die 
Interpolation AS ist übrigens klar, auch wenn man die 
Emendation verwirft. Dafs jtoXv nXiov dem ftfv respon- 
diert, halte ich für zulässig und habe daher tö ös nXiov 
aufgegeben. 
25 yiv V: ijv AS, richtig. 

28 yfh'W 1 : i}v AS, richtig: meine paläographischen Kenntnisse 
reichen nicht zur Erklärung des Fehlers. 
Diese Übersicht lehrt evident, dafs V trotz seines verwahr- 
losten Äufseren im Grunde einen sehr viel besseren Text gibt, 
so stark abweichend, dafs eine sehr frühe Sonderung der Familien 
anzunehmen ist; das bestätigt sich dadurch, dafs Stobäus in den 
Bukolika des Moschos (auf welche die Anthologie doch auch zu- 
rückgehen wird) in V. 10 dieselbe falsche Lesart fand, die AS 
liefern. Aber nun kommt noch ein böses Stück für V. Nach 
dem guten Schlüsse u hüte dich vor seinen berückenden Gaben: 
sie sind alle in Feuer getaucht" bringt V den Vers 

alal xai tö oidaQov, o xbv miQÖevva xa#e$£<. 
"Ach, so ist auch noch das Eisen, das den Glühenden niederhalten 
wird." Ich verstehe das nicht ganz; ob der Verfasser gemeint 
hat, es gäbe schon ein Mittel gegen die Liebe, aber nur mit 
glühendem Eisen könnte man ihre Glut bezwingen, d. h. mit Tod 
oder Entsagung, Askese, die schlimmer ist als Tod? Jedenfalls 



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— 78 — 



hat er sich nicht klar auszudrücken vermocht, und jedenfalls war 
er ein Byzantiner: denn vb oiörjQOv ist dem Moschos nicht zu- 
zutrauen, aber aus Byzantinern belegt es der Thesaurus. 

Also selbst mit Zusätzen ist zu rechnen; ich halte freilich 
sonst keinen Vers von 0 für byzantinisch und weise nur zwei aus, 
aber als eine alte Variation. Im Bukoliskos weist die städtische 
Schöne den Bauern ab 

(J ota ß?Jjzeig, ÖJtJtola ?.aXelg, öjg aygia JialoÖeig, 
[<bg TQV(pEQ6v xa/Jeig, (bg xcoriXa §rjfiara (fQdadeig, 
ibg fiakaxöv xb yevetov exeig, (hg äöta yairav] 
yeiled xoi vor&vrt, X^Q € 9 X01 £ ^ ai pehaivai 
nah y.axbv i^öoöfig. 
Sie konnte ihrem Abscheu ebensogut höhnisch den Ausdruck 
geben "wie elegant du mich aufforderst, wie witzige Worte du 
sprichst, wie weich dein Kinn ist, wie anmutig dein Haar", wie 
andererseits "was du für Augen machst (gierige), wie du sprichst 
(ungebildet), wie plump deine Späfse sind. Deine Lippen sind 
nafs, deine Hand braun, du riechst aus dem Munde". Aber 
durcheinandermischen durfte und konnte sie das nicht: das Ethos 
ist ja verschieden. Und der Dichter war derjenige, der die 
Situation festhielt. An die feine Hetäre ist ein Bauer heran- 
getreten, hat sie angepackt, ihr plump einen Antrag gemacht, 
ist ihr mit dem lüsternen Munde nahe gekommen, sie hat seinen 
Atem und die Nässe seiner Lippen (d. h. seines nicht abgewischten 
Bartes, Eurip. Kyklops 569) gespürt. Dagegen kommt die Nach- 
dichtung nicht auf. 

Die ausgiebigste Kontrolle für deu Text zu <P haben wir in 
Herakles, Megara, Dioskuren, die in einer, die Megara sogar in 
zwei, verschiedenen Handschriftenfamilien stehn; das Ergebnis ist 
dort viel ungünstiger als wir es in Chariten und Helene und 
eben im Eros des Moschos gefunden haben. So dürfen wir uns 
darüber nicht täuschen, dafs die sechs Gedichte, die <P allein 
hat, möglicherweise auch in ihrer Grundlage einen gefälschten 
Text haben; nur hat das praktisch keine Bedeutung für die 
Kritik. Der Kunst der Dichter treten wir vielleicht zu nah: 
aber wir müssen sie nach dem beurteilen, wie ihre Gedichte sich 
uns darstellen. 



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79 — 



Wer sind diese Dichter? Die Dioskuren kennen wir durch 
die Handschriften MP, die selbt zu 4> gehören, und durch antike 
Zeugnisse als theokritisch. Herakles und Megara sind auch in 
der anderen Überlieferung anonym; es kann ernsthaft kein Prä- 
tendent für ihre Verfasserschaft ins Feld geführt werden, aber 
hellenistisch sind sie, der Herakles sogar noch aus dem dritten 
Jahrhundert, stark unter dem stilistischen Einflüsse sowohl 
von Theokrit wie von Apollonios. Es ist durch die Art, wie er 
die Rhapsodie der Odyssee, die ja kein sv ist und weder Anfang 
noch Ende hat, nachzubilden versteht, ein eigentümliches und 
sehr interessantes Kunstwerk. Die Megara, die Hiller auf den- 
selben Dichter zurückführen wollte, weil sie in // und <f> neben 
dem Herakles steht und er selber nur für äußerliche Indizien 
Empfindung besafs, hat keine Spur von Ähnlichkeit mit dieser 
epischen Weise; sie ist überhaupt nicht mit dem Epos zusammen- 
zufassen, sondern höchstens mit der Kitharodie. Direkte Rede 
der Heroinen, Gefühle, Stimmungen, Reflexe der Heroentaten in 
weiblichen Seelen, das wäre nichts Geringes; aber das Talent des 
Dichters reicht dafür nicht hin 1 ). Der hellenistischen Lyrik, 
die er vermutlich in seiner epischen Form reflektiert, traue ich 
es besser zu. Während im Herakles genug steckt, was seine 
Aufnahme in eine Bukolikersammlung begreiflich macht, ist hier 
nichts davon. Aber die Alkmene des Herakliskos konnte diese 
Alkmene leicht zu sich ziehen. Den Adonis weist das Gedicht 
auf Bions Tod diesem zu. Der Eros ist von Moschos. Es liegt 
nahe, diesen beiden Bukolikern mehr zuschreiben zu wollen, aber 
das ist nicht nur unerweislich, sondern unwahrscheinlich. Das 
Gedicht von Achilleus in Skyros ist dem Bion aufs Geratewohl 
beigelegt worden: es hat die Namen Myrson und Lykidas von 
ihm entlehnt (Fgm. 8. 17), deutet wohl auch auf seinen Kyklopen 
(Fgm. 15), ist also von einem Nachahmer. Der Bienen- 
dieb ist ebenso willkürlich bald dem Bion auf seiu Konto ge- 
schoben, bald dem Moschos. Beide haben solche egwrvAa ver- 
fafst, wie sie Bion nennt (Fgm. <J, 13); aber dies Gedichtchen steht 
denn doch sehr tief unter ihren Produkten. Die alte grofsartige 



M Vgl. Herakl. P 84. 



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— 80 - 



Konzeption, in der Aphrodite selbst fiehaaa oia rig jzsjzövavcu 
(Eur. Hipp. 564), die hinaufreicht bis zu dem vorgriechischen 
Biencnkult, ist hier in entwürdigender Spielerei mit einem 
lustigen Motive des Theokrit (4, 55) auf Eros übertragen; der 
Ausdruck bleibt ganz konventionell. Wie viel besser knüpft 
Moschos an die Annoncen verlorner Sklaven an 1 ), die man auf 
den Strafsen ausrufen liefs, und zieht Bion in dem Gedichte 
vom vogelstellenden Knaben, der den Eros fangen will (Fgm. 12), 
die erotische Moral 2 ). Der Bienendieb hat in den Anakrconteen 
eine Parallele*), keine Imitation : er rangiert mit diesen, und ich 
könnte mir bei ihm am ehesten denken, dafs er erst in später 
Zeit in die Sammlung eingedrungen wäre. 

Der Bukoliskos und die Fischer tragen in $ den Namen 
des Theokrit; in der Anthologie aber ist der erstere anonym. 
Es wäre eine arge Naivität, der Bezeugung des Namens Gewicht 
beizumessen, und es bedarf der Erwägung nicht erst, dafs diese 
bukolischen Gedichte (die Fischer sind bukolisch in dem Sinne 
wie die 'Egyartvat 12), in der vorderen Reihe stehen würden, 
wenn der Ordner der Theokritausgabe sie als dessen Werke ge- 
kannt hätte. Der Bukoliskos ahmt den Theokrit ganz grob nach; 
in der Behandlung von Zäsur, Elision, Vokalverkürzung ist er aber 
so peinlich wie Bions Adonis (übrigens auch der Erastes), aber die 
Tendenz ist ganz untheokritisch: Theokrit sympathisiert innerlich 

') Ihn hat schon Meleagor 5, 177 nachgeahmt: von Theokrit habe ich 
bei ihm und in seinem Kreise keine Spur bemerkt. 

2 ) Das hat dann Longus 2, 3 breit, aber nicht ungeschickt ausgesponnen. 

3 ) 35, nachgeahmt von Niketes Eugenianos 4, 315. Da stiehlt Eros 
keinen Honig, sondern die Biene safs in einer Blume, die er pflückte, und 
er hält die Biene für eine geflügelte Schlange. Aphrodite sagt ihm recht 
mütterlich: wenn dir das so weh tut, stelle dir mal vor, wie es denen tut, 
die du stichst. Alles viel natürlicher als hier, wo er sich über das Mifs- 
verhältnis der Gröfse des Tierchens und der des Schmerzes beschwert, und 
die Mutter sagt ''du bist grade so, denn du bist klein und die Wunden so 
grofs wie du sie machst", d. h. "ich kann gar nicht sagen, wie grofs, und 
brauche es dir nicht erst zu sagen". Besser dichten als dies t« TQttvftaiu 
allxa nouif ist leicht: aber die Worte bedeuten doch vulnera sunt qualia ea 
facis: es steht nicht nallxu da und pafst nicht in den Satz. Und woher 
weifs man, dafs der Poet das nicht fein gefanden hat? o?r* yt 5 ist erst 
recht geflickt. 



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- 81 - 



mit den Landleuten, er ist kein Salontiroler, sondern der Simi- 
chidas der Thalysia. Hier aber liegt der Reiz der Erfindung 
darin, dafs sich der Bauer durch seine Selbstschilderung so 
blamiert wie der Kyklop des Theokrit. Der Dichter teilt durch- 
aus den Geschmack der städtischen Hetäre. Bezeichnenderweise 
gehört zu den Anzeichen mangelnder Politur, dafs der Bauer das 
Haar lang trägt und sich einen Bart stehn läfst 1 ). Unter den 
mythologischen Beispielen fallen auf Kybele und Attis, dieser als 
Hirt, und Dionysos, nicht mehr als Stier, sondern als ßovxö?»og. 
Beides deutet auf Entstehung in Asien, also in demselben Kreise, 
in dem Bion der Smyrnäer erwachsen ist, der freilich selbst nach 
dem Westen gegangen zu sein scheint, wo er seinen ausonischen, 
d. h. italischen Schüler fand. Der Erastes steht dem Bukoliskos 
nahe; inhaltlich gibt er die episch-bukolisch stilisierte ^oe/a, die 
der Schlufs als Sentenz zusammenfafst, nicht mehr an den Mythos 
(etwa Anaxarete) angelehnt, sondern an den ßiog. Es ist be- 
zeichnend, dafs es ein ähnliches Thema in der Rhctorenschule 
gab 2 ). Die Rache der Bildsäule kennt man aus alter Zeit z. B. 
von Mitys aus Argos. Formell ist das Gedicht voll von Remi- 

*) 21 tpol tnav&tev ttJv n xdkkog, tos xiaabg 7üqI (noxl * verbessert 
von Meineke) nQifivov. Da die Schönheit am Menschen nicht als etwas 
Fremdes aufsitzt, wie der Efeu am Stamme, kann die Vergleichung nicht 
hierher gehören, sondern zum Folgenden, ist also dort die Adversativpartikel 
eingeschwärzt, ifiäv [<P] lnvxa£tv inijvav, und die Haare liegen mir um die 
Schläfe wie krause Petersilie {ovka u>s aikiva). Dafs der Bart mit Efeu 
verglichen wird, ist treffend; aber wo ein Subjekt für tnvxa&v hernehmen? 
nvxa&tv bedeutet seiner Herkunft nach dicht machen, erst übertragen be- 
decken, wenn dies, oretfävots, jawtaig riv xtif aktiv nvxdCuv auch der ver- 
breiterte Gebrauch ist. Schuhe mit Filz füttern ist dem Hesiod n(6ika 
nikotg nvxdfrtv (Erg. 541); also ist t*iv v^^vijv nvxa^uv den Bart dicht 
wachsen lassen. Das tut niemand als der Träger dos Bartes; also tnvxaCov; 
nun natürlich xtoaöv. Dem Dichter war Vorbild Theokrit 3, 14, wo der Ver- 
liebte in die Höhle kommen möchte, Efeu und Farne durchdringend, «(0 rv 
nvxaodti -öets -(T»j* überliefert, nvxufrod-at ist nur passivisch und vorwiegend 
im Perfekt gebräuchlich; nngriechisch ist, was Meineke empfiehlt, « rv nv- 
xctWa, oder safs das Farnkraut an dem Mädchen? Nur das Aktiv gibt 
Sinn, wie im Bukoliskos. Theokrit dachte nun wieder an den Homerischen 
Gebrauch, P 551 vapik^i nvxäaaau kavier; da kommt die Nuance des Ver- 
bergens hinein. 

2 ) Sopater, Walz V 59. 63. 

Philolog. UntoMUohungon. XVIII. 6 



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— 82 — 

niszenzen aus Bion, die Schlufssentenz stammt aus Moschos'): 
der Nachahmer ist auch hier zu fassen, und auch er mufs in die 
Zeit bald nach Bion gehören. 

Die Fischer fallen dadurch aus der ganzen Bukolik heraus, 
dafs sie eine moralisierende Tendenz haben. Hier wird die 
Thesis probanda an die Spitze gestellt, xgeia diödoxei xäv äfiov- 
oos ootpöv (Eurip. Fgm. 715), nevia de ooytav £Ac#e (Fgm. 
641). Und der Traumdeuter zitiert und bewährt das Euripi- 
deische (idwig <5' aQiatog öong elxd& xaXüg (Fgm. 973) s ), 
auch der vovg als Lehrer stammt aus der Euripideischen An- 
schauung. Der Traum von einem gefundenen Schatze wird in 
eine Mahnung zur Arbeit umgedeutet. Die Fischer sind dafür 
ein Exempel; ihre Schilderung ist realistisch, auch in dem Aber- 
glauben dessen, der geträumt hat 3 ). Sympathie hat der Ver- 
fasser gar nicht mit ihnen. Den Typus der Fischer kennen wir 
aus der Epigrammatik, vorwiegend des Philippischen Kranzes, 
und aus der realistischen Plastik, die für hellenistisch gelten darf; 
er war also dem Poeten gegeben. Die Einführung solcher Typen 

1) 19: B. 1, 52. 25: B. 1, 48. 40: B. 1, 45. Schlufs x«*?* 1 * ™ l 
ifiX(ovt(S . . . orioytte <T ol /uiotvvtts: Moschos 6, 8 oi(Qyex( rovs tftUonae, 
%v\ riv ifiltyK, <f,iXf\o&(. Auch 3 (itau xbv tf*teovxa stammt aus jenem Ge- 
dichte 5 tpiote xbv (fiXiovxa. 

2) Wenn der Fischer, der geträumt hat, den Kameraden fragt, oh er 
Trauradeuten gelernt habe, so erwartet er eine andere Sorte von Deutung 
als die, deren ötdäoxaXos 6 vove ist: der gesunde Menschenverstand wird 
nicht gelehrt, und er hat die Traumbücher wahrhaftig nicht geschrieben. 
Also spricht diese Worte der andere Fischer, der ja nach dem vove deuten 
wird, und er setzt auch allein passend 31 ein ''teile mit von deinem Traume, 
wie du's von dem Fange zu tun pflegst". Danach mufs sich die Verbesse- 
rung des Folgenden richten: ov yag wx«|q xma xbv vo'oi-, und zwar so, dafs 
das asyndetisch folgende ovrog «ntatöe toitv bvttgoxQixae, b öttiäaxalöe 
ton nao' ou vove Anschlufs findet. Also ti y«q x' tixa^m. Er mufs ja auch 
die ihm zugetraute Kenntnis der Kunst ablehnen. 

3 ) Der Skrupel, den er hat, ist in den zumeist durch Konjektur unver- 
ständlich gemachten Worten enthalten 52 'der Fisch war ganz mit Gold be- 
deckt; er hatte aber ein Zeichen (atjfitt)\ also wie ein Herdentier ein Braud 
mal als Eigentumsstempel hat. Daher die Frage "gehörte er vielleicht dem 
Poseidon oder der Amphitrite? war er also ein ttnbs ix&üs t den ich nicht 
fangen, geschweige denn behalten durfte". Ob man das überlieferte pijtt 
. . . nikot in nO.tv oder n&ti oder niliav ändern soll, ist nicht ganz sicher. 



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— 83 — 

des ßlog ohne innere Teilnahme, aber mit minutiöser Schilderung 
des Äufserlichen, war die Force des Leonidas von Tarent ge- 
wesen: dessen schwülstige Epigrammatik steht dem Theokrit 
besonders fern. Von Schwulst ist hier nichts; die Aufzählung 
ist dürr, dafür aber eine rhetorische Antithese: "sie hatten nicht 
Verschlufs, nicht Tür, nicht Hund: ihre Armut war ihr Wächter"; 
Murredius könnte das sagen, oder auch Ovid, und das trauen 
sie den Theokrit zu. Dagegen die Widmung des Gedichtes durch 
die blofse Anrede an einen gewissen Diophantos ist in der Art 
des Theokrit, freilich auch des Horaz und Properz. Imitationen 
fallen nicht auf; der Versbau stimmt, soweit die Korruptel es 
beurteilen läfst, zu hellenistischer Technik in Zäsur, Vokalver- 
kürzung, Daktylenhäufungen, ohne die Feinheit ganz zu er- 
reichen 1 ); aber mit ihm kontrastiert die Sprache. Da haben 
wir das prosaische firjn und firjaore "vielleicht" 54, wohl 
auch 57. Auf Xqitcqv 59, ganz in der späten und heute noch gel- 
tenden Weise gleich einem dXXd neben dem Imperativ, habe ich 
schon Vorjahren aufmerksam gemacht; heute ist es nicht mehr 
anstöfsig wie damals, ein späthellenistisches Gedicht in der 
Sprache mit dem Neuen Testamente zu vergleichen ; aber für die 
Datierung kommt etwas auf dies Xouröv an. rga^egög 44 im 
Sinne von rgö^itiog kennen wir nur aus Hesych, als eine der 
Deutungen, die zu dem einzig lebendigen Gebrauche für die 
Erde im Gegensatze zur dtgvyexog ftdXaooa ersonnen sind. Es 
ist also Katachrese. 49 lesen wir evgov äy&va acog xev eXco 
fieyav Ix'&vv dqxxvgozegoioi atddgoig. Da ist nicht nur der 
Konjunktiv mit xev sehr anstöfsig, sondern auch der Sinn: er 
hat den Fisch gefangen, elXev, nur das Herausziehen macht 
Schwierigkeit. Ich zweifle nicht, dafs xev falsche Dorisierung 
ist für äv, dies aber anders zu verbinden, ncog dveX6>, das seit 
der hellenistischen Zeit gebräuchliche Futurum. Wer dies Ge- 
dicht dem Theokrit zutraut, der soll über hellenistische Poesie nicht 
mitreden; es wird recht weit herunterzurücken sein, aber immer 

l ) Das Enklitikon am Versanfang 33 ist nicht hübsch; 47 der Artikel 
in der Zäsur sehr hafslich, vgl. Gerhard lectiones Apollon. 135. Gerhards 
archäologische Arbeiten sind veraltet: seine Dissertation lohnt immer noch 
das Lesen. 

6* 



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— 84 — 



noch in die Generation um und nach Bion. Am interessantesten 
ist es als Parallele zu den moralisierenden Erzählungen der 
römischen Satire. 

So repräsentieren diese Nachahmer, zu denen auch die für 
uns auf anderm "Wege erhaltene Oaristys gehört, die griechische 
Dichtung um 100 v. Ch., während Meleagros uns die Blüte der 
phönikischen Epigrammatik derselben Zeit repräsentiert, eine 
poetisch höher zu bewertende, aber innerlich verwandte Erschei- 
nung; zwischen beiden Kreisen gibt es keine direkte Berührung. 
Das römische Asien und das römische Grofsgriechenland und 
Sizilien scheinen diese s. g. Bukolik gepflegt zu haben. Der 
Italiker, der um Bions Tod klagt, hat am ehesten Anspruch, 
einer der unbekannten Verfasser zu sein. Wie diese gering- 
wertige Poesie sich erhalten konnte, ist eine Frage, die man 
immer wieder stellen müfste, auch wenn sie nicht ihre Lösung 
finden könnte, wie das unten versucht wird. Die bildende Kunst 
bietet in der Plastik des spätem Hellenismus Asiens wohl un- 
erfreuliche Analogien; erfreulichere die pompejanische Malerei. 
Wesentlich ist, dafs von dem Streben auf die klassische Kunst 
zu, das in der. Malerei schon bei Timomachos hervortritt, in den 
neuattischen Reliefs sogar früher, noch gar keine Spur in dieser 
Dichtung zu finden ist. Diese Poeten stehen auf dem Standpunkt, 
den die Römer von Valerius Cato lernen. Aber die Poesie ist 
an dem Stilwandel zuerst überhaupt unbeteiligt; der Strahl, der 
zu Theokrits Zeit stark sprudelte, tröpfelt hier nur noch, und 
unter Augustus versiecht er. 

n. 

Das Zeichen IT ist auch von Hiller eingeführt, der damit 
die präsumptive Vorlage von BCD bezeichnete ; ich lasse diese 
Vorlage, mit der wir wenig gewinnen, dahingestellt und ver- 
wende das Zeichen für die Familie, die uns diese Handschriften 
repräsentieren. 

Praktisch für uns am wichtigsten ist D, Parisinus 2726, von 
dem schon oben S. 39 die Rede war. In dieser Handschrift hat 
sich ein jüngerer Zeitgenosse des Triklinios einen möglichst 
vollständigen Theokrit zusammengestellt; tf> war ihm unerreichbar. 



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- 85 - 

Er hat auch, da er mehr Material hatte, kontaminiert, vielleicht 
noch stärker als Triklinios, daher hat die Handschrift nur in 
den Gedichten Wert, wo sie zu 17 gehört. Hüten mufs man 
sich vor den Eintragungen letzter Hand, die aus der Iuntina 
abschreiht; es ist das leicht, da Dühner die Hände überaus 
genau unterscheidet. In D folgt auf 1—14. 16 gleich als ob sie 
dazu gehörten Üaidixov a' 1 ), 'Ernygä^iava , IlTiQvysg. Eine 
zweite Reihe bilden 17. 18. 15; eine dritte 'HgaxAtöxog, leere 
Blätter, Atöoxovgoi von 69 ab, Ar)val, 'HAaxd.Tr), Meydga, 
'HgaxAfjg, 'Emtdg>iog Blcovog, leere Blätter, 'Oagiavvg, II6Ae- 
xvg. Die leeren Blätter bezeichnen Lücken der Gedichte, die 
der Schreiber bemerkt fand oder selbst bemerkte: es fehlt der 
Anfang der Dioskuren und der Oaristys. Ein Eindringling ist 
der Epitaphios auf Bion, nach Ahrens kopiert aus Paris. 2802, 
ganz wertlos. Offenbar hat der Schreiber die Ordnung selbst 
gemacht, also kann er die Epigramme und ihre Nachbarn an 
dem gleichen Orte wie die Reihe 'HgaxAloxog ffg. gefunden 
haben. Ein Prinzip der Ordnung ist freilich nicht kenntlich; er 
hat auch den Herakles, dessen Teile Einzelüberschriften tragen, 
für zwei verschiedene Gedichte gehalten und daher 1—84 hinter 
den Rest gestellt. 

Ganz nahe verwandt mit D war in diesen Teilen der Pata- 
vinus B, aber schon durch die Verstümmelung des Paidikon ge- 
sondert Auf dem Umwege über Musuros und die beiden Drucke 
von 1516 ist uns das Dialektische ganz verloren und überhaupt 
sehr vieles unsicher geworden, vollends in den Gedichten, die 
schon in den Aldinen standen, Meydga, 'Hgaxlr)g, Atöoxovgoi, 
kennen wir nur einzelne Lesarten. Die Anordnung der Gedichte 
in B läfst sich auch nicht erschliefsen. Kallierges hat nämlich 

l ) Es ist begreiflich, dafs man naiötxti für synonym zu airijg nahm, so- 
lange man nur eines kannte. Jetzt ist klar, dafs es natöixä (uopaja sind, 
wie sie mit diesem Namen Chamaileon bei Athen. XIII G01 a erwähnt. In der 
Hypothesis des ersten steht naititxa aioltxd in CH, dasselbe vor ß in C, und 
naiSixa ebenda bei 'UXaxäitj. In D steht "tjlaxaTtt, ntttJtxct aioltxd" vor der 
'nXttxuTti (es beweist nebenher, dafs die richtige Ordnung der jetzt weit ge- 
trennten Gedichte in der Vorlage gewahrt war). In K in der Hypothesis 
Tlaiöixa itagioii, oi öe atoliori; das Gedicht selbst trägt den Titel fiävXltov 
iQtSvTos, in D iQtoviog. 



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- 86 — 



im ganzen die Anordnung der Aldina behalten; dahinter gibt er 
'Hgaxlioxog, 'HQOxXfjg, Aqval, 'HXaxdtr), Jlaidixov a', 'Oagi- 
otvg, 'Ernygafifiava, üiXexvg, ntiQvysg, Bco/xög. Er hat also 
den 'Hgaxkijs, obwohl er schon in den Aldinen stand, hinter 
'Hgaxklaxog um des Inhaltes willen geruckt. Seine Ordnung 
ist die Grundlage für Stephanus und dadurch für die Vulgata 
geworden. 

Die Iuntina hat mehr nach B geneuert; wir sahen schon, 
dafs sie die Thalysia an ihren Platz hinter Daphnis gerückt hat. 
Dann folgen 2—18, Aiöoxovqoi, 'Hgaxhloxog: offenbar schien von 
diesen der Theokritische Ursprung dem Herausgeber so unzweifel- 
haft wie von den ersten 18. Danach steht die Europa des 
Moschos, also ein Gedicht mit einem festen Verfassernamen. 
Danach Ilaidixov a', Arjval, 'OaQiotvg, 'Hlaxdvr), MeyäQa, 
"Hqclx?^, dann die lange Reihe aus $, die auch den Epitaphios 
Bions umfafst, 'Ernyga/tfiaTa, 2vgiy£, Jlr^ovyeg, üiXsxvg. Da 
die Syrinx schon bei Aldus stand, auch bei Kallierges ihren 
Platz behauptet hat, ist die planmäfsige Versetzung dieser An- 
hänge an den Schlufs kenntlich, also auch die der Epigramme. 

Ein vielleicht erst Anfang des 16. Jahrhunderts von einem 
Italiener geschriebener Kodex ist der Ambrosianus 75, C. Er 
beginnt mit den 'Ernyga/nfiara , hat dann 'Hgaxkloxog, Arjval, 
'OaQiavvg. Dann folgt, wie Hiller sehr breit bewiesen hat, eine 
Abschrift der Theokritsammlung des Triklinios unmittelbar aus 
dessen Autograph kopiert. Dann das Ei des Simias, 'HXaxdvr) 
und die beiden Ilaidixd. Schliefslich EvQcbJir), "Egcog Aganiriyg, 
Kt]QioxXejtT7]g, also was Triklinios fortgelassen hatte, aus der 
Aldina kopiert. Am Rande von Aiöoxovqoi, 'HQaxXfjg, Meydqa, 
auch am Rande oder im Texte von 'EXevrj uud IlvoXefiaiog 
finden sich Varianten, die sich durch die Übereinstimmung mit 
BD als zugehörig zu dem Kodex erweisen, aus dem C den Trik- 
linianischen Theokrit ergänzte; sie haben eigentlich keine prak- 
tische Bedeutung. Dafs die Vorlage weder mit B noch mit D 
oder ihren unmittelbaren Vorlagen identisch sein kann, zeigt ihr 
Plus, das zweite IIcuöixöp und das Ei des Simias, die sich über- 
haupt nur hier finden. Es ist sehr seltsam, dafs die Vorlage 
von C spurlos verschwunden ist; man mag mit ihr die Hand- 



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schrift zusammenbringen, in der Stephanus das Ei für seine 
Editio princeps gefunden hat, ebenso die Handschrift, in der 
Portus das erste üaiöixöv vollständig fand. Es ist wohl zu er- 
warten, dafs eine oder die andere dieser Handschriften noch 
einmal ans Licht tritt. 

Zwar nicht im engeren Sinne mit 17, aber doch mit dieser 
Reihe der Gedichte gehört der letzte Teil von K zusammen, der 
hinter Theokrit 1 — 17 Ilaiöixov a', 'ErnygamiaTa, nrigvyeg^ 
IliXsTcvg führt und zählt, endlich H mit 'HXaxdvi] und Haidixov 
a' 1 — 8. Da hier Reste von Scholien sind, die Technopägnia 
auch Scholien haben, ist die Zugehörigkeit dieser Gedichte zu 
der kommentierten Ausgabe Theokrit 1 — 18 aufser Zweifel. 
Selbstverständlich gehören auch die andern Technopägnia und 
Ilaiöixöv ß' dazu: das zu bezweifeln stünde auf derselben Linie 
wie die Helene von 15—17 zu trennen, weil sie in K fehlt. 
Diese Reihe ist auch in G noch leidlich zusammenhängend, im 
übrigen lohnt es sich in einer Übersicht zu zeigen, wie die 
Handschriften oder Drucke ordnen. 
Düatö.a' imyg \'HgxXiox Aiöox Aqv HXaxMeyHg Oag Texv 
C imyg 'HgxXiax Ar\v Oag \ 'Qiöv HX JJaiö. a' ß' 

Call 'HgxXiax Aqv HX Haid, a' Oag Emyg Teyv 

Iunt Aiöax.HgxXia\ Ilatö.a' Atp> Oag Hl Mey Hg EmygTeyy 

Dafs D für 'Hgaxkloxog und Aiöoxovgot allein die über- 
lieferte Anordnung gibt, folgt aus dem, was oben über CCall 
Iunt gesagt ist. Eine feste Position haben dann die Atjval; 
dahinter wird es verwirrt, und ich wage nicht, die Ordnung von 
B durch Vermutung zu erschliefsen. Aber für iT hilft die Er- 
kenntnis, dafs 'HXaxdtT) naidixd zusammengehören, und zwar 
an den Schlufs der kommentierten Ausgabe: das lehren RH. 
Ferner gehören Meydga und 'HgaxXfjs immer zusammen, und 
sie stehn mit den Dioskuren auch in Dadurch rücken die 
beiden einzigen Gedichte, die H noch allein überliefert, Ai^val 
und 'Oagiavvg nebeneinander, und so stehn sie wirklich in 
Clunt. Da die Oaristys vorn verstümmelt ist, besagt das aller- 
dings für noch frühere Zeit wenig. So haben sich statt eines 
einheitlichen II eine Anzahl Gruppen gezeigt, deren Zusammen- 
gehörigkeit wichtiger ist, als wie sie aufeinander folgten. Hera- 



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kliskos und Dioskuren (diese vorn verstümmelt), Megara und Hera- 
kles, Lenai und Oaristys, die äolischen Gedichte und Epigramme 
und Technopägnia; nur Arjval, 'Oagtovvg lassen sich vereinzeln. 

Für die letzte Gruppe garantieren EH die Zugehörigkeit 
zu der kommentierten Ausgabe. Es zeigt sich auch in den 
äolischen Gedichten hinter einer dünnen Wolke gleichgültiger 
Schreibfehler ein einheitlicher, reiner, grammatisch behandelter 
Text 1 ), dies letzte besonders aufser den Resten der Scholien 
durch die häufig erhaltene Barytonese z. B. 28, 18 [iveXov, 20 
Xvyqaiq, 21 igdvvav, 22 8evyevig dafiöriöi. Seltener in 29, aber 
doch 25 djtdXco K, 30 ovXXdßrjv C 1 , 32 avvigav C\ 29 (pogr). Auch 
in 30, 2 xdXco, 9 i/nsdev, 7totlör}v, yögei u. a. Wäre das ganze 
System klar, so gebührte sich, dies Zeugnis antiker Theorie zu 
konservieren; aber in der Vereinzelung kann es den Leser nur 
verwirren, und restituieren soll man doch nur was des Dichters 
ist. Da mufs doch aber der Wahrheit die Ehre gegeben werden : 
Theokrit setzte keine Accente, er kannte gar keine. Wenn er 
sang oder rezitierte, hielt er sich dann an das, was er über die 
lesbische Betonung wufste? Was wufste er davon? Was wissen 
wir davon? Diese moderne äolische Accentuiererei ist ein ab- 
scheulicher Zopf, freilich im Theokrit nicht zopfiger als in der 
Sappho und den äolischen Inschriften, verwerflich nicht nur, 
weil es Spielerei ist, sondern auch, weil die Spielerei unbedingt 
täuschen mufs. Die wenigen, denen sie nicht schaden, brauchen 
überhaupt keine Accente. Für den Archetypus, der für KH der- 
selbe ist wie für JI, ist 28, 24 hübsch, iget tü) szoasidcov HC, 
iget reo jioöiög) mit Lücke D; B hat noaiöcov gehabt; seine Be- 
tonung kennen wir nicht. Das ist ganz das antike Buch, keine 
Worttrennung, aber äolische Accente: eget x&xoo, löcov. Der 
Itazismus und der Poseidon sind sekundär. 



l ) 29,4 ov X SA«5 KBD, axölas C»H: das ist einfach ovx6Xas>, das* ist später 
Irrtum, von mehreren begangen, als sie Mag erkannten; die Verschreibung 
von ov zu « gar erst in der Minuskel entstanden. 29, 15 uarug B (jtaietv 
Cyittv Hesych.), /u«tt] K, dahinter ein verblafstes Zeichen, gemeint nur als 
Interpunktion, ^«r« D, ftridtte C, der dasselbe wie B halte und interpolierte. 
Das sin^ Entstellungen erst aus der Zeit unserer Handschriften, wirklich 
nicht der Rede wert. 



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89 - 



Die Epigramme, über deren Herkunft die gemeinsame 
einheitliche ünd ganz vortreffliche Überlieferung in KBCD keinen 
Zweifel läfst, stehn auch in der Anthologie; aber deren Fassungen 
vergleichen wir besser in einem späteren Stadium der Unter- 
suchung. 

Von den Technopägnien stehn Flügel und Beil in KBCD; 
ich verfüge nur über die Lesungen von KB, die ausreichen. 
C liefert allein das Ei, das dritte Gedicht des Simias, und zwar 
ähnlich mifshandelt wie das üaidixöv ß'. Die Syrinx fehlt in 
unsern Handschriften von II, und auch $ hat sie nicht gehabt, 
aber die Theokritcodices MPETr reichen aus. Um die Er- 
klärung der byzantinischen Humanisten Holobolos und Pedia- 
simos braucht man sich in keiner Weise zu kümmern : sie hatten 
nur die Überlieferung, die wir aus jenen Theokrithandschriften 
kennen. Dafs die Syrinx aber ursprünglich zu der Theokrit- 
ausgabe gehörte, ist an sich klar, wird auch durch ein Zitat in 
den Scholien (auch K) zu 7, 83 gewährleistet. Sie zieht ihre 
Nachahmung, den dorischen Altar, nach sich und dieser die 
seine, den ionischen Altar. Für diesen haben wir nur den jungen 
Vaticanus 434, der auch den dorischen leidlich liefert; das Beil 
hat er sehr viel reiner, d. h. der Anthologie ähnlicher als KB. 
In dem Ambrosianus B sup. 99 steht der ionische Altar vorge- 
zeichnet und ein paar Worte daraus, neben den beiden kleinen 
Simiasgedichten (ich habe diese leider nicht verglichen). Das 
ist aber nicht der alte gute Kodex, den wir bei der Europa F 
nennen werden, sondern ein sehr yiel jüngerer Bestandteil der- 
selben Handschrift. Alles in allem ist die Zusammengehörigkeit 
aller Technopägnien und ihre Herkunft aus einer sehr korrupten, 
aber kommentierten Ausgabe unzweifelhaft. Wir würden aufser- 
stande sein, vieles zu verstehen, wenn die ganze Reihe nicht 
auch in der Anthologie stünde, in dem 15. Buche, das in Wahr- 
heit eine planlose Vereinigung aller möglichen Dinge ist und 
mit Kephalas gar nichts zu tun hat. So läfst sich die Zeit nicht 
genau fixieren, wann die Technopägnien aus der kommentierten 
Ausgabe in die Anthologie aufgenommen sind, die auch ihre 
Scholien bis auf die zu dem dorischen Altare mitbewahrt hat. 
Aber nur so kann das Verhältnis sein. Unsere Theokrithand- 



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Schriften geben den Text um sehr vieles verstümmelter, aber 
dafs derselbe zugrunde liegt, zeigen solche Verderbnisse wie 
Pteryg. 4, wo Anthologie und II schreiben jvdvta d* exvdoei 
xal, die Scholien aber deutlich bezeugen was ihnen Salmasius 
abgewonnen hat ndvta ök yäg slxs 1 ). 

Lenai und Oaristys stehn nur in BCD: da müfsten sie 
wohl dasselbe Aussehen zeigen. Aber die Lenai sind fast ganz 
unentstellt, die Oaristys ist vorn verstümmelt, hat einen total 
verwüsteten Dialekt, zahlreiche Schreibfehler, und mehrere Verse 
waren ausgefallen und am Rande nachgetragen, ein Distichon in 
allen Handschriften verstellt (von Haupt berichtigt), ein Vers 
steht in CD vor dem, der mit ßaXX&vo) anfängt (18, man kann 
aber noch nicht sicher zählen, da die Bezifferung der Ausgaben 
schwankt), in B hinter ihm und zerstört dort die Stichomythie. 
Einen anderen hinter 8 hat B (oder Musuros) ausgelassen, und 
seltsamerweise ist er darum aus CD nicht rezipiert worden. Es 
ist eigentlich selbstverständlich, dafs er mit dem anderen, an 
seinem Orte unerträglichen zusammengehört. Ich habe vor vielen 
Jahren die Partie in Ordnung gebracht'). Die weitaus merk- 
würdigste Abweichung steht am Schlüsse. 



1 ) Um die Handschriften bat sich, da Ahrens leider die Zagehörigkeit 
der Technopägnien nicht erkannte, erst Bergk bemüht, dann Haeberlin in 
seiner Ausgabe und Philologus 49. Die Bukolikerhandschriften sind noch 
ungenügend bekannt; das ist mir in diesem Zusammenhange bedauerlich; für 
den Text selbst und seine ältere Geschichte hat es nicht die mindeste Be- 
deutung. 

2 ) Herrn. 13, 276, im wesentlichen richtig; ein paar jugendliche Über- 
treibungen fallen fort. Es ist Gleichmacherei, wenn das Mädchen sagt naltv 
"Agre/uis itjupw «pijyo/, zu verlangen, dafs sie vorher povov "AQiepi; tkaos ttt] 
gesagt hätte, nicht llaos "Anitas. An der zweiten Stelle mufs "4qti(us zu 
naXiv vorrücken; an der ersten ist TXaog mindestens ebensogut an erster 
Stelle. Verkannt hatte ich die Pfiffigkeit des Knaben, der ihr Wort "Hoch- 
zeit bringt Sorgen" beantwortet "bewahre, Hochzeit bringt Tanz, keinen 
Schmerz" (oöwt) xal itlyog, physischen Schmerz): er tut so, als sollte yäfxos 
nur die Hochzeitsfeier sein, und das Mädchen an die Tänze denken, die sie 
bisher bei solchen Gelegenheiten getanzt hat Der Titel 'OttQiatvs kann aus 
B nicht stammen, weil der Anfang verloren ist: Subskriptionen gibt es in 
diesen Handschriften nicht mehr; übrigens ist er gut erfunden. Schliefslich 
war ich in der Hauptstelle zu erpicht auf die Verfolgung des Bildes, das ich 



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— 91 — 



%r\ fikv äv8yQ0[iEvr) aly f EOTi%e (läka votierten' 
öfifiaaiv aldofievoig, xgadlr) de ol evdov Idvxh]. 
bg ö' bil vavQelag dyikaq xexagqfie'vog evväg 
rjiev. 

öixwoo täv cögiyya recbv näXiv ö%ßi$ aoifiidv, 
%(bv xai Jioifiaiyvlcov ht^gr^v oxetpcbfied'a tiofozrjv 1 ). 
Das einzelne Wort haben so BD, G den gleichgültigen Schreib- 
fehler xiev. Dafs es eine Glosse ist, das Verbum zn liefern, das 
man sich in Wahrheit aus ^anxev zu holen hat, liegt auf der 
Hand. Die beiden letzten Zeilen stehen nur in G D. Unleugbar 
sind sie nicht nur entbehrlich, sondern das erste Gefühl ist, weg 
mit ihnen. Es hat sie noch niemand aufgenommen. Sollte dann 
aber nicht Musuros so wie die Modernen gedacht und sie ver- 
worfen haben? Jedenfalls darf man sie auf sein Zeugnis hin nicht 
für unsicherer überliefert halten als das ganze Gedicht. Sie stehn 
keineswegs als Subskription, sondern als die letzten Verse. Wenn 
die Worte auch verschrieben sind, so weit ist der Sinn unver- 
kennbar "Nimm die Syrinx, Hirt, wir wollen andere Gesänge 
prüfen". Ahrens hat darin eine Subskription gesucht mit dem 
Sinne "Hier ist eine Gedichtsammlung zu Ende, nun wollen wir 



erkannt hatte. 'Bedenke, die Jugend flieht', 'Die Traube ist (schon) Rosine: 
sie ist nicht dahin wie eine verwelkte Rose'. "Die hier soll (schon) trocken 
werden? Das ist doch Milch und Honig, was ich trinke." "Fafs mich nicht 
an, xal tlain x^os dpvfa (so überliefert)." Dafs er sie küssen will, folgt 
aus seinen Worten; dafs er sie vorher gekfifst hat, aus V. 3. Nichts haben 
wir aus ihrer Drohung "ich werde dir auch noch die Lippe zerkratzen" ab- 
zunehmen, als dafs sie ihn bei dem ersten Kusse gekratzt hat: sie mufs sich 
ja auch seiner erwehrt haben, sonst wäre er gleich weiter gegangen. 

l ) Ahrens schreibt rav avqiyya itav, evident. Die übele Wortstellung 
hat ihre genaue Parallele 59 jdftn^xoyov . . . tuöv, und das schützt einander. 
Wir wollen die Solözismen des Dichters nicht loben, aber auch nicht ver- 
treiben: er hat mit </i)c /<cm nävta Soptv (sollte ätliouv sein)- id/a J' vaxiqov 
ovö' SXa 6o(i\s (sollte av bei sich haben) Madvigs gerechten Zorn erregt. 
Dafs er dicht hintereinander «^tt^oVij und d^niyovov braucht, ist dagegen 
nicht einmal zu tadeln: zu wechseln ist hellenische Kunst. Im letzten Verse 
schreibt Ahrens tag xa noi/Atvttov htQ« axnpaf/ut&a polnav. Das ist billiger 
zu haben, notfxtvtov die Herde, nach dem Homerischen alnohov, wäre un- 
tadelhaft, auch wenn es die Lexika nicht aus Oppian und ähnlichen Versen 
belegten. Also riu xtä notutvtov h^Qtov axttyüfitda pükm)v. 



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- 92 - 



zu einer anderen Übergehn". Ich kenne keine ähnliche Sub- 
skription, und der Versuch mufs doch gemacht werden, die Verse 
als das zu nehmen, was sie vorstellen, als Schlufs der Oaristys. 
Diese beginnt jetzt als Mimus, Knabe und Mädchen agieren; aber 
die Erzählung des Schlusses zeigt, dafs der Mimus auf keinen 
Fall einer in der Form von Theokrit 4 und 5 war, sondern 
höchstens in der Form von 8: es mufs vor dem Gespräche der 
Liebenden eine Einleitung gestanden haben, die dieses als Vor- 
trag einer dritten Person erscheinen liefs, also etwa des Dichters. 
Denken wir uns aber einmal, von dem Thyrsis wäre so viel ver- 
loren, dafs er in dem Liede begänne. Dann würde uns der Schlufs 
zeigen, dafs vorn eine Unterredung zwischen Thyrsis und dem 
Ziegenhirten stand, in dem dieser die Belohnungen aussetzte, die 
er am Ende dem Thyrsis übergibt. Das Gedicht ist zwar mimisch, 
aber das Daphnislied ist eine Einlage. Wenn wir nun hören, 
dafs auf den Vortrag eines Liedes, das einen Dialog gibt 1 ), die 
Verse folgen: "nimm deine Syrinx, glücklicher (reicher) Hirt; wir 
wollen die Lieder anderer Herden prüfen", so gibt das ein ganz 
genügendes Bild des Mimus, in den der Vortrag des Schäfer- 
stündchens eingelegt ist. Ein Hirt hat eine schöne Syrinx und 
läfst andere Hirten auf ihr blasen und dazu Lieder singen; ver- 
mutlich wird die Flöte geblasen zwischen den einzelnen Reden 
der eingeführten Personen, anders als im Daphnis, wo Flöten- 
vortrag und Gesang Gegensätze sind. Als dieser eine Hirt ge- 
sungen hat, soll die Prüfung bei anderen Herden gemacht werden. 
Natürlich kann das noch viel ausgeführter gewesen sein; es ist 
nicht unsere Aufgabe, die Möglichkeiten zu erschöpfen, geschweige 

*) Die unmittelbare Einführung eines Dialogs im Vortrage des Dichters 
hat an den Dioskuren des Theokrit 54 — 74 eine Analogie. Das Daphnislied 
verbindet die Reden durch Erzählung. In dem Wettgesange 6 nehmen die 
Sänger ohne Vorrede die Maske einer Person an. Im Kyklopen 72 — 76 
unterbricht die Zwischenrede eines Anonymus den sorgfältig eingeführten 
Gesang Polyphems. Diese virtuose Abwechselung ist eine spezifisch theo- 
kritische Kunst. So beurteile ich auch die Thalysia: Einleitung des er- 
zählenden Dichters, zwei Konkurrenzvorträge, Schlufserzählung. Der Dichter 
ist diesmal nur eine der agierenden Personen, was dem Ganzen frisches 
Leben gibt; aber formal ist doch nur der Rahmen des Wettgesanges be- 
sonders reich ausgestattet. 



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— 93 — 



das Wahre zu raten: es genügt zur Rechtfertigung der über- 
lieferten Verse, dafs sich eine Geschichte denken läfst, in die sie 
passen. Die Oaristys ist also ein recht viel umfänglicheres Ge- 
dicht gewesen. Sie steht durch ihren rein bukolischen Charakter 
und die Theokritimitation, die bis zur Entlehnung eines ganzen 
Verses geht 1 ), in Gegensatz zu der Sammlung 17, wie wir diese 
kennen, obwohl wir sie nur dieser verdanken. Wenn sie durch 
ihre Erhaltung und Stellung zu den Arpal zu gehören scheint, 
so spricht ihr Erhaltungszustand für eine andere Geschichte ihres 
Textes. 

Die drei Gedichte, Dioskuren (von 69 ab) 2 ), Herakles 
und Megara teilt II mit tf>. Das Verhältnis des Textes ist 
aus dem Abdrucke bei Hiller leicht zu entnehmen, nur kann es 
täuschen, dafs er lediglich für die gemeinsame Vorlage von 
VTr verwendet, nicht für die ganze Familie. V ist für die 
Dioskuren selbst in Abschriften nur teilweise vorhanden, und 
Hillers Verdienst ist es, dafs er zeigt, wie wenig die scheinbar 
verschiedene Bezeugung für die Qualität des Textes ausmacht 3 ). 

>) tau xal (v xtveoiat ifiX^aaiv aöta ?^i//t? = 3, 20. Bei Theokrit 
heifat das "lafe dich küssen: wenn das auch fit) ixnXijQui ilp IntSipCav, 
so ist es doch ein Genufs", also "lafs dich küssen: ich will mich ja dabei 
bescheiden". Bei dem Nachahmer Bagt das geküfste Mädchen "Renommiere 
nicht; man sagt, ein Kufs ist xtvöv, hat nichts zu bedeuten", worauf der 
Koabe den Yers ganz zitiert, anf den sie anspielt, der nun aber den Sinn 
erhält "meinethalb xtvov; schmeckt aber doch gut". Es ist beschämend, dafs 
das Zitat hat verkannt werden können, zur Athetese des Theokritverses be- 
nutzt ist, und was der Plumpheiten und Sophismen mehr ist. 

3 ) Dafs die ersten 68 Verse in den Vorlagen von B und C auch fehlten, 
wird mit hinreichender Sicherheit daraus erschlossen, dafs Musuros und C zu 
ihrem auf * beruhenden Teite keine Varianten geben. 

3 ) Natürlich ist es in dem Teile, der in 77 fehlt, unumgänglich, die 
Abschriften anzuführen, die sonst hinter </' verschwinden, und in 45—68, die 
nur in MTr stehn, ist* nicht immer sicher herzustellen: die Fehler von </', 
die uns II berichtigt, mufs hier die Konjektur heben, wenn sie überhaupt für 
uns kenntlich sind; manches wird uns sicher entgehn. V. 66 fragt Poly- 
deukes, wie er kämpfen soll, nvyuäxog % xal noaal dtvtov axüog, ö^«r« cT 
6n&6g. So Hiller. teva>p Tr, M; ÖQ&dg M, b Q öd Tr. Da Ühqov 
das Verbum ist, zu dem nvj>nü%og als Apposition gedacht wird, ist es schwer- 
lich angemessen das Treten auch zu subjungieren. Alis der Überlieferung 
gewinnt mau ebenso leicht den dubitativen Konjunktiv Qivfa. Die Augen 



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— 94 - 



So viel hat er auch richtig gesehen, dafs M 1 ) in Megara und 
Herakles einfach die Tradition von VTr gibt; aber indem er es 
von $ sondert, erweckt er doch den Eindruck, als bedeute 
MVTr: JT mehr als VTr: II; VTr: M II kommt kaum vor. In 
Wahrheit steht immer Familie gegen Familie, und den Ausschlag 
gibt allein unser Urteil: mechanische Regeln sind nicht vor- 
handen, denn dafs II im ganzen besser ist, hilft in dem Einzel- 
falle nicht das mindeste. Das entspricht vielmehr dem Ver- 
hältnis von $ in den Theokritischen Gedichten vorher: JT mufs 
ja K und B und die geringen jetzt mit vertreten. In einem 
Punkte hat Hiller nach dem Vorgange von Ahrens $ ganz und 
gar verworfen: $ dorisiert oft, während II den epischen Dialekt 
gibt. Entscheidend ist von der inneren Wahrscheinlichkeit ab- 
gesehen, dafs selbst die Bemerkung rrji xoivrji *Iädi im 
Titel trägt. Uns ist diese dorisierende Neigung von $ keine 
Überraschung: wir haben dasselbe in den Charites gegenüber 
allen andern Handschriften gefunden 8 ). 

gerade zu halten gehört nicht zu den Bedingungen des Kampfes; Amykos 
schlägt sie in der Sonne nachher nieder, 90. Die Worte bedeuten offenbar: 
mein Blick ist gerade, ich ducke mich nicht vor dem Kampfe, sondern sehe 
der Gefahr ins Gesicht. Das gehört nicht zur Frage. Dann ist aber auch 
0Q9d das Echte. So Ahrens. 63 sagt Amykos auf die Anfrage des Polydeukes, 
ob er ihm aus der Quelle zu trinken gestatten wolle, yvtöaeat el aov Sltyos 
«rupiva x*tte« rtgofi. So MTr; auf Stya von M kommt nichts an. Da ist 
ifQoet allenfalls verständlich, wenn es Präsens ist, obwohl man neben dem 
Futurum etwas anderes erwartet. Aber Buttmann, Gr. Grammatik 2, 299 (ich 
bin so unmodern, das Buch gern und oft nachzuschlagen) hat es für Futurum 
erklärt und den Aorist trigoa aus Nikandros mit vollem Rechte verglichen. 
Für ein Präsens t^qocj ist Ttnotrat ij 124 freilich auch ein Beleg (in der 
Schilderung der Alkinoosgärten, also der jüngsten Schicht). Nun ist aber 
die Bedingungspartikel auch nicht bequem, wenigstens sl; man erwartet iav 
mit dem Conjunctivus Aoristi, ich denke, tvr( ot Mxpos . . r^oijt gibt die 
Hand des Dichters. 

') Am nächsten zu M stellt sich P, der auf dem Vorsatzblatte die ersten 
18 Verse hat, aber so liederlich geschrieben, dafs es unverantwortlich wäre, 
von ihm weitere Notiz zu nehmen. 

2 ) Dafs die Übereinstimmung eines Vertreters von * mit J7 die andern 
richte, ist im Prinzip richtig; die Möglichkeit, dafs * eine Doppellesart 
hatte, die von n und seine eigene, ist aber vorhanden. 22, 11 owtyvQt 
richtig die Randlesart von C und M, owttffQt VTr, avvi^vqat D, d. h 



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— 95 — 

Höchst belehrend ist es, dafs in derMegara zwar M fort- 
fällt (das ist kein Schade ; wir kennen # auch so genug), aber S 
dafür eintritt, und zwar mit dem Werte einer dritten gleich- 
berechtigten Familie. Hier steht es denn auch so, dafs die 
Übereinstimmung zweier Familien gegen eine in der ganz über- 
wiegenden Masse der Fälle das Echte bietet; die Einzelfehler 
aller drei Familien sind recht stark, die von $ so offenkundig, 
dafs ich ihnen nicht einmal einen Platz in der adnotatio zu- 
billigen kann. 

27 alvovöxeia (plkov yövov (röxov 36 &t)ßrjv innoTQÖ- 
(pov (xovQOTQÖyov 0), 46 ix Aiög rj/Aaft' bn6aoa (ijfiaTa Jtdvta 

53 äxwvai (äx&erai 94 elaaro (lozavo 121 <pai- 
vöfog ijcbg (qxtidifiog $) sind bezeichnende Beispiele: sollte man 
deren Gedächtnis konservieren müssen? Am Ende könnte man 
auch die Einzellesarten der beiden Familien fortwerfen: aber 
die Methode reicht doch nicht für alle Fälle. 32 xXavaavte 
(plh)to ' h> z s Q°i toxfjeg . . . nvQ^g iaifirjoav. Da hat h> nur S, 
evi C, teü DTr, in W fehlt die Präposition. Die Eltern werden 
die Leiche ihres Kindes nicht auf, sondern in den Armen halten. 
77 (jL7)'&ev D, firjöiv S<2>. Die hellenistische Form ist in der 
Kaiserzeit von den Attizisten möglichst ausgemerzt. Es wäre 
Pedantismus, sie gegen die Überlieferung einzudrängen, aber wo 
sie steht, stammt sie aus dem Altertum. 83 "Du mufst nicht 
sagen, ich kümmerte mich nicht um dich (vergäfse dich in meiner 
Trauer), wenn ich auch wie Niobe weine, otid' cbg yäg vefieorjTöv, 



owitfvQt mit übergeschriebenem t : also die Variante stand sowohl in // wie 
in *. 114 xal XQ 0l V n t * ai X(f ot v l «V »' *• also xal und öi i' Varianten. 
Also könnte Tr 69 mit ov yt a,uo f gegen yiwig ta>v 77M (V fehlt) eine 
möglicherweise richtige Variante erhalten haben, und es war sinnreich, das 
verschollene Pronomen «fiel? heranzuziehen, das zu duüütv gehört. Nur gibt 
ov yvvviq rte x«xAij<r«£' o nvxir\i keinen Sinn. Was soll denn tu! ov yvvns 
iüv läfst sich allenfalls verstehen. "Du siehst den Kämpfer vor dir. Nicht 
als einer der ein Weichling ist wird er aufgerufen werden". Aber es ist 
sehr hart, gar nicht von der präzisen Verständlichkeit, die der Dichter sonst 
bewährt, und xixlr,atai steht gleich darauf in dem einfachen Sinn 4 du wirst 
heifsen'. So glaube ich, dafs der Vers verdorben ist; aber Triklinios hat 
gemeint "raein wird der Kämpfer heifsen", unbedacht das Folgende herein- 
ziehend. 



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— 96 — 

dafs eine Mutter um ihren unglücklichen Sohn klagt, vvv de 
fioi or/ETai". Der ganze Aufbau verlangt, dafs sie sage, auch 
ohne den jetzt besonders beängstigenden Zustand ihres Sohnes 
dürfte sie durch die Sorge um ihn okkupiert werden; also hat 
S mit ovö' ö>s recht, nicht D$ mit ov&iv; aber das ist sicher 
eine sehr alte Variante, und wegwerfen dürfen wir nur die by- 
zantinischen Entstellungen. Immerhin sind Stellen der Art sehr 
selten. Das ist der grofse Wert der durch S kontrollierten 
Überlieferung von il und # in der Megara, dafs man lernt, wie 
so sehr viel, wohl das meiste der scheinbar so starken Diver- 
genzen erst in der Byzantinerzeit, während der Sonderentwicke- 
lung der Familien entstanden ist. Aber das ist uns auch nichts 
Neues mehr: Theokrit 14. 2. 15—18 haben dasselbe Bild gezeigt, 
und auch da hat # bald sehr Gutes, bald sehr Schlechtes ge- 
liefert 

Den Herakliskos 1 ) wird man schon um seiner Stellung 
willen geneigt sein in eben diese Reihe zu stellen; aber er fehlt 
in Da tritt in befremdender Weise eine der Abschriften 
von V ein, der Vaticanus X, der sich bemüht hat, den Bestand 
von Gedichten, die er übernahm, zu ergänzen. So hat er aus H 
die 'HXaxdtrj und den Anfang des ersten Ilaiöixöv genommen 
und Gott weifs woher die ersten 87 Verse des Herakliskos. 
Ich sehe von allem ab was sich ohne weiteres als Korruptel 
der Lesung von // ergibt, auch von den zahlreichen Auslassungen 
und gebe folgende Übersicht: 

6 aalöwv II ndvxcov X, sinnlos. 

8 evooa II, äooov X, sinnlos. Korruptel erst aus Minuskel. 

9 da> ixotofte II, dd> idoite X. 

12 diiqsalvu II, ifKpalvEi X, falsch. 



x ) BCD repräsentieren wie immer eine Handschrift; also ist es schon 
an sich unverantwortlich, 34 tjiidQtipt C gegen IniyQtxo BD aufzunehmen. 
Aber es ist auch gedankenlos: bei Pindar läuft Alkmene selbst barfufs zu 
den Kindern; Theokrit läfst sie im Bette bleiben und ihren Mann schicken, 
dem 6ie verbietet Stiefel anzuziehen: bewufste Umbildung. V. 74 fehlt in B, 
in CDX lautet er unvollständig &t<Qatr fttli-ouuv öi rö kunov lv <fQta£. Da 
hat es gar keine Gewähr, wenn D 3 einen höchst unbequemen Infinitiv 9£o&ai 
zufügt. Die richtige Ergänzung liefert das Homerische hl (f (i( at ßäklto oyoiv. 



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- 97 — 



28 T8TVXT(U 11, XtXQVJlTCU X. 

29 vä xai B, u xai DX, om C. 
36 veolg II, tolg X. 

43 xeÖQlvo) BCD corr., öeÖQivco D 1 , ÖevÖQivü) X falsch. 

51 e/ovaa CD, f./otatv X sinnlos (in B fehlt der Vers). 

52 dcuofi&voioi n, xatofUvoig X falsch. 

53 dfJL&eg II, öptb(ov X sinnlos. 

62 tin* dfivßlav II, vre' dyvoftu X sinnlos. 

63 xolvov II, xoira sinnlos. 

64 äeiöov II, aeioav X falsch. 

66 ZQtog Iunt, zgecog Call, om CD, vigag X. 
68 votovTi II, voioivvo X falsch. 

71 .advrt II, fidvvtv X, beides falsch. 

72 rwg J7, rdoo' X richtig. 

83 (wyßovg II, fioyßoig X sinnlos. 

Es ist beachtenswert für die Vorlage, dafs die Varianten 6. 
9. 28. 51. 63. 64 im Versende stehn. Eine Verbesserung ist nur 
72, rein graphisch'). Zu besprechen sind die, welche Liebhaber 
gefunden haben. 3 'Schlaft wohlbehalten 2 ) meine Kinder und 
kommt wohlbehalten bis zum Morgen'; da wird die Mutter 
wieder ans Bettchen treten und nach den Kindern sehen; viel- 
leicht schlafen sie noch weiter. Viel besser als 'und erblickt 

1 ) 7, 90 /<w fniv röaa' tlmov cmtnavamo, ebenso 1, 142. 7, 128 ruaa 
ttfnuav mit der Variante MP tu; (tfnfmv aus 42 i<fä[iav tm'tnäts- 

2 ) Bechtel (Herrn. 36, 422) deutet tvoou (vxivriru, nicht «<x</«,Uü? awfd- 
utvu; die Hesychglosse, die beides liefert, zeigt, dafs die beiden zu ntitCtafhai 
und oovo&ai gehörigen gleichlautenden Wörter existiert haben, dvaaoa sind 
bei Theokrit 4, 45 Ziegen, die sich verlaufen, von aovo9«t ; aber der Hirt, 
der über die Härte der Geliebten verzweifelt, nennt sich Si-aaoog 3, 30 doch 
wohl als xttxüq anolov ftfvog. Hier geben die Scholien, besser im Etymologicum 
erhalten, beide Ableitungen; zu 4, 45 nur die von oovaOat. fiaoia ev&tjt'ia 
[tv&tvi'a ist Variante dazu; tva&tifut immer wiederkehrende Korruptel) So- 
phokles OC. 390 natürlich nur zu aiöi^aOai gehörig. Denn wenn Bechtel 
tüooos mit laytlav oQurp nQvg avsqaiv f/wy erklart (nach Hesych a6og), so 
liegt die «v^atq doch in dem Worte nicht. Heftige Bewegung liegt in allem, 
was mit aoZo&at. zusammenhängt. Die Mutter wünscht nicht, dafs die Kleinen 
sich blofs strampeln; aber den Wunsch, dafs ihr Kindlein die Nacht in Ge- 
sundheit und Gedeihen durchschlafen möchte, hat manche Mutter, auch wenn 
sie keine bestimmte Gefahr von Drachen oder Bazillen wittert. 

Philolog. UntettuohuDjfeD. XVIIF. 7 



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— 98 — 



glücklich den Morgen'. 66, erzählt Alkmene dem Seher veo/- 
/toa' xtgag oder /.geög? Gewifs geht an sich beides; veoxfiöv 
xegag selbst steht bei Aristophanes Frösche 1371; aber schwer- 
lich 'erzählt man', xavaHyst, ein xegag y das immer geschaut 
wird. Wer von der Tragödie her xl xmvöv dü)ßaaiv xq£°* 
und ähnliches im Gedächtnis hat, oder dafs bei Homer Odysseus 
Tsigsaiao xatä y.gtog, %getav eyiov avxov in den Hades geht, 
wird nicht zweifeln. Zu dem zgetüdeg jzgäyfia (wie die Gram- 
matiker glossieren) pafst xaxaXiyeiv. Hier hat man unbedacht 
aufgenommen was 'handschriftlich' beglaubigt war, weil das 
andere nur in Drucken stand; wir kennen den Wert von B jetzt 
besser. 28 "der Schlund, in dem bei den Schlangen das Gift 
sitzt," ist das xixgvaxai oder rtvoxrcu? Beides geht natürlich, 
aber Theokrit liebt xixvyiiai und das ganze Verbum sehr; in 
diesem Gedichte steht noch 135 evvä fjv xexvyfiiva, "bereitet", 
22 q>äog d' dvä olxov kxv%{hi, "es ward". Und so steht xi- 
xvxxai gleich yeyevrjxat 3, 26. 2, 20. Und wenn bei Homer 
steht E 446 ö#t ol vrjög ye xexvxxo (eigentlich "erbaut war"), 
so wird man über die Wahl zwischen xexvxxai und xixgvnxat 
nicht im Zweifel sein. Meineke, der im übrigen X verworfen 
hat (sogar 72), hat 36 §olg aufgenommen, damit eine alexandri- 
nische Katachrese entstünde; aber ohne Not und Zweck wird 
die doch nicht angewandt, blofs um unverständlich zu werden. 
So ist denn X eigentlich ganz unbrauchbar und kann aus dem 
Apparate ausscheiden; aber man wird doch Bedenken tragen, 
ihn als einen verwilderten Deszendenten von II anzusehen: es 
liegt so sehr nahe, den Gegensatz von 0 und J7 auf ihn zu 
übertragen, zumal der Herakliskos in U vor den Dioskuren 
steht, als erster der ganzen Reihe. 

Bei so dürftiger Überlieferung ist es nicht leicht, über den 
Dialekt zur Klarheit zu kommen; da das Gedicht theokritisch 
ist, mufs man andere Anforderungen machen als etwa in der 
Oaristys. So viel scheint klar, dafs der epische Dialekt nicht 
glaublich ist; die Ionismen sind spärlich -rjiot 30, 91, aber nur 
in einem von zwei zusammengehörigen Dativen; "AÖQijaxog 131 
mag man dulden wie 'Afj,g)idgr)og bei Pindar 1 ). Andererseits 

>) Ich glaube nicht daran, denu im Hylas führt die Überlieferung auf 



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- 99 — 

sind starke Dorismen wie tvftelv, das allerdings allgemein über- 
liefert ist, und (o für ov, das ein paarmal in den Handschriften 
steht, schwerlich zu dulden. Die dritte Pluralis geht immer auf 
-vxi aus, aber da sie 77 einen Hiatus hineinbringt, der diesem 
allerfeinst polierten Gedichte gar zu schlecht steht, so wird 
sie auch 29. 68. 112 nicht original sein. Das zeigt aber, wie 
unsicher der Boden ist: es ist eben zwar sehr bequem, aber 
auch ganz müfsig. da zu normalisieren, wo die Überlieferung 
versagt, und die Praxis des Dichters je nach seinem künstleri- 
schen Belieben schwankt. 

Von den Gedichten in 11 kann man, da auf Musuros für B 
kein Verlafs ist, nur sagen, dafs sie sämtlich anonym waren, 
aufser den Technopägnien vielleicht. Die äolischcn gehören dem 
Theokrit auf das Zeugnis der nur von ihm Gedichte enthaltenden 
K und H, die Dioskureu auf das Zeugnis von MP, das nicht 
eben schwer wiegt; Triklinios hat so wenig Gewicht wie Mu- 
suros. Da nun für die in <P erhaltenen dasselbe gilt, mufs die 
Echtheit, nicht die Unechtheit in jedem einzelnen Falle bewiesen 
werden Sie wird es für den Herakliskos durch die ganz zu- 
verlässigen Zitate der Grammatiker 1 ). Das Gedicht trägt frei- 
lich innnerlich den Stempel der spezifisch Theokritischen Kunst 
in ihrer höchsten Vollkommenheit, so dafs es der Zeugnisse 
nicht bedarf. 

Es mag hier kurz noch die Überlieferung der Europa des 
Mosch os besprochen werden, die nirgend passend stehen kann, 
da das Gedicht gar nichts mit der Bukolikersammlung zu tun 
hat, obwohl zwei seiner Handschriften uns schon wohl bekannt 
sind. Der Sammler von S hat sie neben den "Eq(o$ dganirrig 
gestellt, den er in der Anthologie finden konnte; für beide Ge- 
dichte war der Verfasser überliefert, die Zusammenstellung lag 
also nahe. Ebenso hat M die Europa vereinzelt gefunden und 



7«<j<ü»', ist aber daneben '/»jann- eingedrungen, wie denn die epischen Namens- 
formen natürlich den Schreibern besonders nahe lagen. 

') V. 105 steht jetzt ganz und richtig zitiert in den Scholien zu Dio- 
nysios Thrax S. 447 Hilg. Die mythographische Überlieferung der Pindar- 
scholien reicht mindestens bis ins erste Jahrhundert n. Chr. zurück; anderer- 
seits zitiert Choiroboskos V. 1 wohl noch aus erster Hand. 

7* 




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— 100 — 



ganz passend neben das Epyllion des Musaios gestellt. Die 
gleiche Überlieferung wie M zeigt ein Bruchstück in einem 
Baseler Kodex, nicht aus M kopiert, aber neben ihm kaum von 
Belang 1 ). Um so wertvoller ist die dritte Redaktion in dem Am- 
brosianus B99, aus dem 13. Jahrhundert, wo die Europa allein 
steht; er ist die einzige Quelle von Sallustius jieqI ftem>, also 
ein rares Stück. Sehr gut und alt ist, dafs die Abschnitte des 
Gedichtes durch eio&eoig bezeichnet sind (21. 28. 63. 72. 108. 
125. 131. 146. 153. 162), und eine Subscriptio Verfasser nennt 
und Verse zählt. Den Verfasser nennt auch eine Subscriptio 
in S. Beides zeugt für die gesonderte Überlieferung des Ge- 
dichtes. Alle drei Handschriften weichen mindestens so stark 
ab wie in der Megara 0J7S, aber keine ist ganz entbehrlich, 
wenn auch S gewaltig zurücksteht (schon weil viele Verse 
fehlen) und nichts Wesentliches beibringt: man darf M allein 
ebensogut wie F allein trauen. Auch hier aber werden die Kor- 
ruptelen erst später Verwilderung angehören , denn wenn . sonst 
die Konjektur auch nur wenig zu tun findet, der Schlufs ist in 
FMS gleich und ist unerträglich. 

rj ök ndgog xovgr) Zrjvöc y6vav' avvixa vvfMfr) 
xai Kgovlörjt texva rlxve xal avrixa ylvsvo firjtrjQ. 
Dafs der zweite Vers Unsinn enthält, liegt auf der Hand, drei- 
fachen Unsinn; so rasch wie mit der Geburt von Fausts Eupho- 
rion ging es um so weniger, als Minos, Rhadamanthys und Sar- 
pedon nicht Drillinge waren. Aber ganz verwerfen kann man 
den Vers nicht, sondern mufs sich mit der zweiten Hälfte be- 
gnügen, die eine Lücke flickt. Da Zeus eben (161) das Ver- 
sprechen gegeben hat, dafs alle Kinder Könige werden sollen, 
mufs mindestens gesagt gewesen sein, wer sie waren. Hermann 
hat änavTsq freilich wegkonjiziert; dafs Moschos zur Zeit von 
Philometor und Euergetes II, der Deszendenz des Antiochos III 
und des Attalos I lebte, ist ihm ganz gleichgültig gewesen : dafs 
Zeus von keiner Sterblichen sonst eine Anzahl Kinder hat, also 
mit keiner andern ein dauerndes Verhältnis, pflegt überhaupt 
nicht gewürdigt zu werden, und doch stand es in Hesiods Kata- 

') Das einzig Richtige ist 85 t noyluvoeaxt, wo M das a zu d verlesen 
hat; vnoylai'xioxt F; S hat den Vers nicht. 



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- 101 - 



logen. Aufserdem aber ist ja der Eingang, die Erscheinung der 
beiden Weltteile, noch ganz ohne Beziehung: die Benennung des 
Erdteils nach der Heroine mufste den Schlufs machen, nur nicht 
im nackten Chronikstil, wie Horaz sein Europagedicht mit dem 
kahlen tua sectu* orln« nomina ducet schliefst (es ist wirklich im * 
ganzen und in jedem Zuge geschmacklos und absurd; er selber < 
hätte sich's nicht verzeihen dürfen; mit Moschos hat es nichts 
zu tun). Vermutlich war die zukünftige Herrschaft der Söhne 
mit dem Namen des Erdteils in Verbindung gebracht. Also ist 
doch ein zufällig verstümmeltes Exemplar der Archetypus unserer 
so stark abweichenden Fassungen, und die Verszählung in F 
setzt diese Verstümmelung voraus; die Subscriptio konnte gar 
nicht miterhalten sein. 

Gemeinsam ist den Handschriften auch eine Interpolation, 
denn ich kann nicht umhin, den Vers 140 für unecht zu er- 
klären; auf die abweichende Fassung in S ist freilich nichts zu 
geben. Aber wenn Europa auf einem Stiere so über das Meer 
reitet, dafs des Stieres Füfse nicht einmal nafs werden, so ist 
es in der Ordnung, dafs sie ihn einen Wunderstier nennt, #eo- 
tavgoQ, dafs sie das Unbegreifliche hervorhebt, wie das Land- 
tier über das weite Meer läuft, dafs sie denkt, er könnte am 
Ende auch Hiegen. Aber dazu hat sie keine Veranlassung, in 
ihm einen Gott zu sehen (der Pegasus ist kein Gott), oder zu 
sagen "du tust etwas, was Götter tun". 

// cum tiq deÖQ iaar Ömlc evaUyxta Qt&ig. , 
Was ist darin den Handlungen der Götter ähnlich, dafs der 
Stier sich benimmt wie ein Delphin? IlaQa tpvaiv ist das, wie 
die Sprache des Xanthos zu Achilleus, die Menschenfresserei 
der Diomedesrosse: soll die auch auf den Verdacht der Göttlich- 
keit führen? Und wenn sie deu Gott in dem Stiere ahnte, wie 
konnte sie gleich danach in Klagen darüber ausbrechen, dafs sie 
ihm gefolgt wäre, und die Hilfe des Poseidon anrufen: da war 
doch der Gott, auf dem sie ritt, der nächste. Der Vers unter- 
bricht einen geschlossenen Zusammenhang; man hat ihn daher 
versetzen wollen; aber nirgends läfst der Zusammenhang ein 
Loch. Da hilft es nichts. Das Motiv, das der Vers anschlägt, 
hätte sich wohl verwenden lassen; dann durfte Europa nicht 



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- 102 - 

klagen und um fremde Hilfe rufen, sondern so tapfer auf ihrem 
geliebten Stiere reiten, wie sie die Mosaiken zeigen. Wenn es 
in einem Verse angeschlagen wird, so stammt der von einer 
anderen Hand. 

Zusammenfassung. 

Wir haben die einzelnen Zeugen verhört, ziehen wir die 
Summe der Rechnung. Schon in Theokrit 2. 14 — 18 haben wir 
die Gruppe von Handschriften im Gegensatz zu allen übrigen 
fassen können, die wir später tf> genannt haben. Sie ist sehr 
reich, aber keine Spur davon, dafs sie die äolischen Lieder und 
die Epigramme Theokrits oder die Technopägnien enthalten hätte. 
Ebensowenig gibt es Spuren, dafs sie je Scholien trug; die 
Existenz von Hypotheseis oder kurzen Vorbemerkungen wie 
AiöaxovQoi Ttji xoivijt lädt sind damit nicht ausgeschlossen, wie 
die unkommentierten Euripideshandschriften lehren. Sie enthielt, 
wie es scheint mit Theokrits Namen, die Dioskuren, dann anonym 
den Epitaphios auf Bion, der in anderer Überlieferung theokri- 
tisch ist, Megara und Herakles anonym, vielleicht auch den Hera- 
kliskos des Theokrit. Die Ordnung dieser ganzen Reihe, inklu- 
sive Theokrit 2, 14—18, ist unsicher. Hinter ihr hat 0 die 
Reihe, die mit dem Bovy,o?Uaxog beginnt, allein sie reifst im 
'EmüakdfiioQ 'A%äXt(x)<; mitten im Verse ab: es konnte also 
wer weifs wie viel folgen. 

Die Sammlung J7 können wir von der kommentierten Aus- 
gabe nicht sondern, denn unsere Handschriften geben zwar die 
Sicherheit, dafs die ersten 18 und dann die äolischen Gedichte, 
die Epigramme und die Technopägnien der kommentierten Aus- 
gabe angehören, aber was sonst da ist erscheint ganz ebenso als 
ihr Anhang in den Vertretern von //, Ii CD, die unkommentiert 
sind (mindestens für uns. falls etwa B Scholien hatte). Es liegt 
auf der Hand, dafs noch mehr aus der kommentierten Ausgabe 
stammen kann und wird, und wenn wir am Anfange der Zusatz- 
reihe in Jl Herakliskos und Dioskuren finden, so ist ihre Her- 
kunft aus ihr sehr wahrscheinlich, denn diese beiden Gedichte 
sind als theokritisch den Grammatikern bekannt. Damit hört 
es aber auf. Der Epitaphios Bions heifst zwar gerade in der 



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— 103 



Tradition theokritisch, die neben <P für ihn und neben 0 und /7 für 
die anonyme Megara noch existiert, aber er gerade ist für Tl nicht 
nachweisbar. Nun haben <I>II abgesehen von dem für 0 nicht 
ganz sicheren Herakliskos noch Herakles und Megara gemeinsam: 
dann bleiben für // als sein eigener Sonderbesitz nur Lenai und 
Oaristys, deren Verbindung bei der Verstümmelung des Anfangs 
der Oaristys nicht sicher ist. Aber die Oaristys ist. sowohl 
ihrer Art wie auch ihrer Textverderbnis nach wirklich mehr mit 
Bukoliskos und Fischern vergleichbar als mit ihrem Nachbar, 
den Lenai. So kommt man zu der Annahme, dafs zwar die 
Familien 11 und <I> sich wohl schon im Altertume getrennt 
haben, wie das für </' ja gegenüber allen anderen Handschriften 
in den Chariten und ähnlich auch im "Egcog des Moschos be- 
wiesen, ist; aber dafs die Sammlung in Wahrheit identisch war, 
also einstmals auch die beiden Gedichte Lenai und Oaristys in 
beiden standen. Das war denn eine Sammlung unkommentierter 
Gedichte der Bukoliker, die weit über Theokrit hinausgreifend 
neben der gelehrten Ausgabe, deren sich die Grammatiker be- 
dienten, herging. Sie umfafste auch Theokritisches, und es bleibe 
dahingestellt, ob sie seinen Namen ebenso wie die übrigen Ver- 
fassernamen verschwieg. Sie hatte den Adonis aus den Werken 
Bions, den "Eq(o$ ÖQuntTtig aus denen des Moschos genommen; 
die waren aber anonym geworden wie die der übrigen Bukoliker, 
deren sicherlich eine Anzahl hier vertreten waren, soviel wir 
wissen nur hier, und nur auonym. Wir können uns die Samm- 
lung gut und gern noch weit umfassender denken. In der By- 
zantinerzeit ist dann der Bestand der Theokrithandschriften in 
verschiedener Weise durch Stücke aus dieser Bukolikersammlung 
bereichert worden. Für die letzte Zeit zeigen das unsere Sammel- 
handschriften MPS, die wir noch selbst einzelne Gedichte 
ihrer Theokritreihe hinzufügen sehen. Je nach dem was sie für 
eine Handschrift finden, stellen sie sich in den Zusatzgedichten 
zu <P (wie MP in den Dioskuren, M im Herakles) oder sind selb- 
ständiger, wo dann S in "Kgtog dganetiig ganz schlecht, in der 
Megara sehr gut sein kann. Dagegen war ein Vorfahr von BCD, 
den wir zeitlich nicht bestimmen, nur dafs er weit zurückliegt, 
auf die Gedichtreihe in dem Texte geraten, den wir II nennen. 



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— 104 — 



Er verband sie mit einer sehr reichen und guten Handschrift 
der kommentierten Ausgabe, während das ganze <P auf die sehr 
viel geringere Theokritüberlieferung gepfropft ward, die nur 
1. 3—13 enthielt. Denn es ist weder erweislich noch wahr- 
scheinlich, dafs diese Gruppe ursprünglich zu 4» gehörte. Es 
steht ja analog mit den kommentierten Euripidesstücken, die 
uns in den Handschriften der unkommentierten Reihe entgegen- 
treten. 

Wir müssen uns nun umsehen, wie weit wir die Existenz 
der Sammlungen zurückverfolgen können. Die ausgezeichnete 
Sammlung der Testimonia bei Ahrens gibt das Material. Eusta- 
thios hat eine Handschrift von FI gehabt, denn er zitiert aus 
eigner Kenntnis neben 15 und 16 (nicht 17. 18) Dioskuren, 
Herakliskos, Lenai, alle drei unter dem Namen Theokrit.. Dies 
ist der einzige Grund, der Ahrens dazu Veranlassung geboten 
hat, die Lenai unter die Werke Theokrits zu stellen. Wir 
haben gesehen, sie stehen in 11 auf der Grenze zwischen den 
anonymen Gedichten, die wir als theokritisch kennen, und den 
ebenso anonymen, die sicher nicht von ihm sind. Dafs Eusta- 
thios Theokrit sagt, hat natürlich an sich nicht mehr Gewicht, 
als wenn es Triklinios und Musuros aus eigner Machtvollkommen- 
heit tun: ob zwölftes oder vierzehntes oder sechzehntes Jahr- 
hundert, das kann keinen Unterschied machen. Aber da Eusta- 
thios keins der untheokritischen Gedichte von II anführt, so ist 
die Möglichkeit nicht abzuweisen, dafs er eine rein Theokritische 
Handschrift, nur reicher als KH, gehabt hätte. Dafs Dioskuren 
und Herakliskos einst in der Ausgabe standen, beweisen uns die 
antiken Grammatikerzitate. Wenn für die Lenai keine vorliegen, 
so reicht das bei der Kürze des Gedichtes nicht aus, es zu dis- 
kreditieren. So bleibt hier die Entscheidung allein der inneren 
Prüfung des Gedichtes. In der Anlage wird die Uncchtheit er- 
wiesen. Dann ist das nächstliegende wahr: Eustathios hat eine 
Handschrift 11 gehabt. Natürlich war sie um so viel reiner als 
die Masse der unsern, wie sie älter war; aber zur Bestimmung 
einer besonderen Familie reichen ein paar Zitate nicht, und 
Übereinstimmung im Richtigen kann keim* Verwandtschaft be- 
gründen. 



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— 105 — 

Bei Gregor von Korinth, der für die Überarbeitung der alten 
Kompendien über die Dialekte seinen Theokrit fleifsig exzerpiert 
hat, reicht die Kenntnis nicht über 15 hinaus; schon 18 würde 
sonst nicht fehlen. Dagegen hat Niketes Eugenianos (Ende des 
12. Jahrh ) aufser Theokrit 1 — 1 4 1 ) Ptolemaios, die beiden 
tlatöixd 2 ), 'EQaavtjg, "Eqmq dQaji£Ttjg"). Er hat also gerade den 
Teil der kommentierten Ausgabe, von dem wir für 4> keine Spur 
nachweisen konnten, neben 0. Auch wenn eine Spur der Oaristys 
bei ihm zu unsicher ist') um auf sie zu bauen und natürlich 

l ) 4,410 WS uvi Jiaöi vyoas tfintomr niaatjs /vtQar nach 14,51 ui'S 
... ytvfte&tt nfaat;;. Ich könnte die Sammlungen von Ahrens auch sonst 
vermehren, aber für Theokrit kommt nichts dabei heraus. Es sollten diese 
byzantinischen Romane auf ihre Entlehnungen genauer durchgearbeitet wer- 
den, namentlich solche, die unbekanntes Material liefern. 1), 23 steht das 
xvuaia nQi9/utii von Margites auf Koroibos übertragen; es ist mir nicht 
sicher, wem von beiden es ursprünglich gehörte. 3,82—100 wird Dionysos 
in einer Platane verehrt: für die Schilderung ihres Kultes wird direkt auf 
Herodot 7,31 verwiesen ; aber Dionysos im Baume, wie in Magnesia, das 
hat sich der Spätling nicht ausgedacht: wo hat er es her? 8, 110 tfOt 
Ctif VQos vor ytvoutjr, nanSfrt, ai J* tvxQtüi fll/novaa ngoanviona ut iit 
atfava yvuvtuonaa ntioakußots fpf Das stammt aus dem Distichon, das wir 
als Anth. Pal. V 83 führen fifr' unuoi ytrout^v, xai ai arti/ovaa nag avyta 
atrjdut yvprtüGnK xai fit nvfovia Xaßot* (das Mädchen geht in der Sonne, 
da ist ihr warm und sie öffnet den xulno$). Dasselbe Distichon hat Arethas 
zu Dion Chrysostomos 2, 65 an den Rand seines Exemplares gesetzt (Reiske 
II 556); er hat xai av für ai M der AP erhalten. Niketas hat eine Reihe 
solcher Wünsche 2, 332 zum Teil mindestens selbst geformt (Spiegel, Hemd, 
Wasser, Parfüm, Sandale); aber es ist auch bei den Griechen ein rünu; der 
ältesten Liebespoesie, in den attischen Skolien, Athen. XV (Leier und (Jold- 
schmuck), und bei Dion 2, 63, wo eben Arethas das angeführte zuschrieb und 
aufser ihm dasjenige, welches neben diesem Anth. Pal. V 84 steht, und auch 
bei dem Parömiographen des Parisinus 1773 (Cohn zu deu Parömiographen 53), 
t(8t (toifop ytrouqr etc. Das ist nachgeahmt von einem Theophanes aus Hyzanz 
A. P. XV 35, von Planudes neben seine Vorlage gestellt: tiHt /mvor ;<fi/.u>ji. 
In Pompei steht an der Wand <jemma relim jieri Hücheler Anth. Lat 359. 

-) 4,411 Juxti <JY um ns. uv nagflStji xai t/.cyijt "kmoiu tot Jv(tair»r 
fyi imtoud ui xai iiä«; ftf t'i.'.'or; fxunnijam anifitas nach 30, 27. 

A ) 4, 313 geht, nicht auf den Krjgioxifniii;. sondern auf das Anacreonteuin. 

*\ t!, 545 wird der Heldin ein lieiratsvorschlag gemacht, wobei auf den 
Kyklopen Theokrits ein Seitenblick füllt Etioxouu^ ngiutiom* fr tm ^oxhmi. 
i, Kc.M.iJtjuü, ovx i't/aoti dfav tujv tvytrtZp ti\ fori xai twf t-inoautv, du 
tn-d-yfioa* in utraufloi k«ßr t t Agöadkav. Das erinuert au die Nennung der 



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- 106 - 

die Möglichkeit besteht, dafs er zwei Handschriften des Theokrit 
besessen hätte, bleibt doch die überwiegende Wahrscheinlichkeit, 
dafs wirklich 0 ganz ebensogut eine Erweiterung der rein Theo- 
kritischen Sammlung ist wie J7, von dem. hier nichts zu finden 
ist. Das bewährt sich denn am Ausgange des Altertums bei 
Nonnos, aus dem Ahrens sichere und schlagende Imitationen an- 
gemerkt hat aus <P von Bovxokioxoc, "Emd-akäftiog L4^AAewc, 
"Adoavig, aus ü von der 'Oaoiorvg, aus den ihnen gemeinsamen 
Gedichten von 'HQaxXyc, daneben aus dem ersten Ilaiöixöv*). 
Damit ist die Brücke von 0 zu II geschlagen. Es darf als er- 
wiesen gelten, dafs eine grofse umfassende Bukolikersammlung 
gleichzeitig mit der kommentierten Ausgabe des Theokrit be- 
stand, die allein in den Händen der Grammatiker war. 

Es existierten damals auch noch die BovxoXtxä des Moschos 
und Bion, vermutlich beide in einem Bande, denn die Zitate des 
Stobäus legen nahe, dafs er sie wie die des Theokrit (1,3—14) 
selbst ausgehoben hat und dafs er die Gedichte beider zusammen 
fand*). Nonnos ahmt auch die uns erhaltene Europa und nach- 
weislich ein anderes Bruchstück des Moschos nach ! ); vieles werden 
wir nicht erkennen. Wie das Verhältnis jener Gesamtausgabe zu 
den in die Bukolikersammlung aufgenommenen Stücken Adonis, 
"Kgcog ÖQCLJitvrjg war, entzieht sich unserer Kenntnis; nur ist 0 
auch gegenüber Stobäus einmal im Rechte, vgl. S. 76. 

Die Überlieferung im Altertum. 

Von unseren Handschriften aus sind wir bis an den Aus- 
gang des Altertums gediehen. Damals gab es erstens eine kom- 
mentierte Ausgabe des Theokrit mit den Technopägnien als An- 
hang, zweitens die Bovxo/jyA des Moschos und Bion für sich, 



Eltern und die Erörterung der Lebensstellung bei der Werbung des Knaben, 
Oarist. 40 — 42 *:/«</ rif iy">, ./i'Xi'd«? Tf nui^n , . . tvr\ytv(tar. 

') Ich habe bei Nonnos auf die Theokritnachahmung nicht geachtet; 
man mufs auf Spuren des zweiten /TmJixov aufpassen. 

-) Darauf führen die Nester von Zitaten beider in Fluni. C3 und 64: 
allerdings steht aber ein Bionzitat im Florilegium des Orion 

'■<) 37, 172 aus dem offenbar berühmten Gedicht auf die Arethusa, Fgm. 5. 



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— 107 — 



drittens eine Sammlung Bovxo/uxd, die sicherlich auch von 
Moschos und Bion manches enthielt, aber daneben anonyme 
Gedichte, deren Ursprung teils in ältere hellenistische Zeit reicht, 
meist aber in die gleich nach Bions Tod Nach Mafsgabe ihrer 
Erhaltung ist anzunehmen, dafs sie als Anhang der Theokrit- 
ausgabe gelesen ward. Von dieser Ausgabe läfst sich nichts 
weiter sagen, da irgendwelche verläfsliche Spuren von ihr nicht 
nachgewiesen sind. Nur mufs die Sammlung jener besonders 
geringen Gedichte nicht gar lange nach ihrer Entstehung ange- 
setzt werden : so etwas wäre in der Vereinzelung notwendig ver- 
kommen, und selbst die ganze Sammlung kann nur dadurch, 
dafs sie sich dem Theokrit angesetzt hatte, erhalten sein, falls 
er nicht immer darin stand. 

Für die kommentierte Ausgabe helfen uns die Scholien 
weiter. Die Hypothesis des Aites trägt in anderen Handschriften 
den Namen des Eratosthenes, nicht in K, obwohl sie auch in 
dem steht. Diesen Eratosthenes hat Ahrens mit Sicherheit in 
dem Epigrammatiker der Justinianischen Zeit gefunden '). Seine 
Hypothesis gibt aufser dem was sich entsprechend in allen andern 
findet, eine Nacherzählung des Inhaltes. Daraus folgt, dafs der 
Spätling die ältere Fassung überarbeitet, und was er von Eignem 
gibt ist wertlos. Man beginnt jetzt wieder zu vergessen, was 
Hypothesis ist, obwohl die Rhetorik das doch lehren sollte. Sie 
unterscheidet sich von der iHaig dadurch, dafs ein konkreter 
Fall vJioxsiTat. So ist die Hypothesis einer Tragödie das, was 
der Dichter als Voraussetzung seiner Erfindung übernimmt oder 
auch fingiert. Die Ausführung, also der Inhalt des Gedichtes, 
gehört keineswegs dazu. Die Gedichte sind zwar auch sehr früh 
nacherzählt worden; die Umsetzung des Epos reicht wohl bis 
ins sechste Jahrhundert. Aber das ist etwas ganz anderes. 
Will man das benennen, so sagt man imTOfitj 2 ). Dafs wir uns 
über eine solche Nacherzählung sehr freuen, wenn sie die ilvxhr\ 
oder den liowoa/.6£avÖQoc des Kratinos betrifft, und dafs sie 

l ) Sein Gedicht A. 1\ (I, 78 variiert Theokrit Ep. -\ Ob der Theätet der 
Scholien der Spätling gleicher] Namens in der Anthologie ist, bezweifle ich. 

*) Z. B. hat Agatharchides eine iniiqui, r^g "Arnuäyoi uiiih^ gemacht. 
Phot. Bibl. 171 a. 



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- 108 - 



uns ganz gleichgültig ist, wenn wir die Gedichte haben, hat mit 
dein eldog nichts zu tun. Den Aristophancs von Byzanz und 
den Dikaiarchos wollen wir mit so etwas nicht behelligen. Die 
haben gelehrte Arbeit getan, analog derjenigen, die uns auch in 
den Hypothesen der Theokritgedichte so Wertvolles überliefert: 
Eratosthenes übt müfsig seine Feder. Was er sonst gemacht 
hat, entzieht sich unserer Kenntnis, und wir beklagen es nicht. 
Wohl aber zeigt es, wie spät unsere Scholienredaktion ist, wenn 
selbst K die Eratosthenische Überarbeitung gibt. Indessen, dieser 
Redaktor und nicht minder Eratosthenes sind eben gleichgültige 
Kompilatoren wie Phaeinos in den Aristophanesscholien, in denen 
wir kurzer Hand trotz ihm auf Symmachos überspringen. So 
tun wir es hier auf Amarantos, den Zeitgenossen des Galen. 
Dafs die Scholien in ihrer Masse in das zweite Jahrhundert ge- 
hören, lehrt das Fehlen der späteren Grammatiker: Vereinzeltes 
beweist in solcher Literatur nie etwas, die nur beurteilen kann 
wer vieler Schriftsteller Scholien durchgemacht hat. Da nun 
der Verfasser unserer Scholien gegen Munatios von Tralles pole- 
misiert, den wir auch als Zeitgenossen des Herodes Attikos 
kennen, bestätigt sich die Zuteilung. Den Namen des Amarantos 
lasen noch späte Vorlagen des Etymologicum in ihrem kommen- 
tierten Theokrit'). 

Ganz denselben chronologischen Schlufs geben uns die Techno- 
pägnien an die Hand, die im Anhange der Ausgabe standen, 
offenbar um der Syrinx willen. Unter ihnen sind drei Gedichte 
des Simias, und das Grundbuch der Metrik, auf das Hephästion 
zurückgeht, wird sie wie andere Gedichte des Simias aus dessen 
gesammelten Schriften, den Symmeikta, kennen : diese beweisen also 
nichts. Dagegen das Studium des Altares von Dosiadas belegt 
für jene Zeit Lukian Lexiph 25, und ohne Paraphrase ist er 
nicht verständlich. Sextus \adv. yrammatico* 314) operiert mit 
einem Verse ovot? o fldv, avQiyy' lyoyv iv v>)i /toi, der aus der 
Paraphrase ißnoßagi^ ro "0?.ov, iAxog f%0)v iv rrji /eqI geraten 
werden soll: das ist klarlich aus der Syrinx entwickelt. Durch- 

') Dies habe i»h Herakles I 1 187 ausgeführt: ich mag mich nicht ab- 
schreiben 



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- 109 - 



schlagend ist freilich allein die Aufnahme des ionischen Altars, 
dessen Akrostichon O/.v^utu JtoXXolg freot tfvoetag, zumal der 
Angeredete ein Dichter ist, von Häberlin (wie auch von mir) mit 
Sicherheit auf Hadrian bezogen ist. "Dies ist ein Altar, den 
die Musen gebaut haben; kein materieller, für materielle Opfer 
bestimmter, wie der der Chryse (der des Dosiadas, der immer 
noch einen wirklichen Altar voraussetzt, während dieser nur in 
der figura carminis besteht). Hier darfst du opfern, der du aus der 
Hippokrene getrunken hast". D. h. du bist Dichter; wir wollen 
aber den Reisekaiser Hadrian nicht vergessen, von dem wir ein 
Gedicht aus Thespiä haben (Kaibel, Epigr. 811); also auch 
wirklich hat er aus der Musenquelle getrunken. Er ist auch in 
Samothrake gewesen: sehr glaublich, dafs ihn das Problem der 
Niai bei Lemnos und der Altar der Chryse antiquarisch inter- 
essiert hat'). In dem Dichter, dessen Name Btjaavvlvog un- 
sicher und unverständlich ist, hat Häberlin gescheit Iulius Ve- 
stinus vermutet, der vom Vorsteher des alexandrinischen Mu- 
seums zum ab epistulis avanciert ist und eine Etappe der Lexiko- 
graphie zu repräsentieren scheint. Leider liegt Ovrjorivog etwas 
zu weit ab, als dafs man sich darauf verlassen könnte. Passen 
würde er besonders gut deshalb, weil es beinahe so aussieht, als 
wäre dies Gedicht allein von den Technopägnien im Hesych be- 
rücksichtigt 2 ). Wie dem auch sei, die Aufnahme eines Gedichtes 
an Hadrian in unsere Sammlung beweist schlagend, dafs die 
Ausgabe Theokrits, deren Anhang die Technopägnien sind, bald 
nach Hadrian gemacht ist. Unter Konstantin hat Optatianus 
Porfirius diese Ausgabe in Händen gehabt, denn er ahmt gerade 
den ionischen Altar nach. 

') Die Epiphanie des Hermes von Imbros verherrlicht die Akrostichis 
des Dionysios Periegetes: es mufs in der weltverlassenen Gegend durch den 
Besuch des Kaisers allerhand Spuk entfesselt sein. 

2 ) oXog: to fiilav rt){ oqniaf. lißoöv: oxoutvbv, uiknv. uaO.ig: uü- 
%nton. Votöoai: u^vrtu. loiyvog: aitXfyo;. yloroog: XQ 1 ™*. Die abweichen- 
den Formen, namentlich &owom (im Altar Ooovutvut), sprechen freilich eher 
dafür, dafs der Verfasser seine Glossen aus dem Lexikon nahm. Er ist die 
mühsame Arbeit bald satt geworden; von V. 7 ab hat er nichts Besonderes 
mehr, nur manches aus Dosiadas. 



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- 110 - 



Über Amarantos und Munatios hinausgehen heifst die Quelle 
unserer Scholien suchen. Dazu helfen sie selber wenig; nur das 
Mythographische zeigt dieselbe Doktrin und Methode wie in den 
Scholien zu Apollonios, Nikandros, Lykophron, und da es sich 
um Zitate und Varianten handelt, nicht um Erzählungen, ist ein 
Appell an ein Handbuch nicht zulässig. Diese Varianten sind 
ersichtlich für die Erklärung der hellenistischen Dichter ge- 
sammelt, und da derselbe Theon als Erklärer ziemlich aller 
dieser Dichter bekannt ist, liegt der Schlufs nahe, dafs er der 
Urheber dieser Scholien ist; es ist allerdings der gewichtige Ein- 
spruch Scheers mitzurechnen, dessen Ausgabe der Lykophron- 
scholien die gauze Untersuchung hoffentlich in Flufs bringt. Ein 
Lmofivrjfia Theons zu Theokrit hat noch Orion in Händen gehabt 1 ). 
Eine sehr wertvolle Erweiterung unserer Theokritscholien kann 
und mufs einmal aus den Vergilscholien samt ihrer Dependenz 
gewonnen werden 2 ) Servius selbst verhält sich zu der alten 
Grammatikertradition, die er exzerpiert, wenn nicht wie Erato- 
sthenes, so doch wie Sextion zu Theon. Wenn ich von dem 
Leben der Grammatik während der Kaiserzeit irgend eine zu- 
treffende Vorstellung habe, so kann die Überleitung jenes reichen 
! Stromes griechischer Gelehrsamkeit in die lateinische Schule nur 
■[ im ersten Jahrhundert stattgefunden haben. 

Am wichtigsten ist Vergil selber. Er hat unsere Ausgabe 
der Bukolika, aber auch 2 und 18 so gelesen, wie wir sie haben, 
und kein Verständiger kann bezweifeln, dafs er gelehrte Er- 



'} Orion ygtnog, vollständiger erhalten im Et. Sorbonicum (Gudianum). 
Den Artikel setzt Orion zusammen aus den Autoren, die er zitiert, Uerodians 
Orthographie und Theon zu Theokrit 1, wo zu 39 unsere Scholien im wesent- 
lichen dasselbe bieten. Anderes mehr bei Ahrens. 

2 ) Thilo und seine Helfer haben keine Ahnung davon gehabt, was sie 
zu tun hatten. Diese schauderhaft splendide Ausgabe sollte durch eine nach 
dem Rezepte billig und gut ersetzt werden, die das gesamte Material bereit- 
stellte, also ein gutes Stück Macrobius und aus den abhängigen Scholien zu 
: Lukan, Statius etc., endlich eine Menge Referenzen auf griechische Scholien 
und entsprechende Literatur (Doxo-, Puradoxographen) enthielte. Innerhalb 
der überlieferten Vergilscholien müfste der richtige Herausgeber das Weg- 
werfen verstehn, damit für Wertvolles Raum würde. Aber auf einen solchen 
Herausgeber ist heutzutage nicht zu hoffen. 



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— III - 

läuterung nötig hatte und gefunden hat 1 ). So bezeugt er auf 
das unzweideutigste die Existenz einer Ausgabe und einer Er- 
klärung, und eben diesen Text, wenn auch natürlich entstellt, 
und diesen Kommentar, wenn auch stark verdünnt und verkürzt, 
besitzen wir in unsern byzantinischen Handschriften. Er hat das 
so viel angetastete neunte Gedicht genau so gelesen wie wir es 
lesen, einschliefslich des Aoristes rjipdfirjv von faeoftai. Denn 
3, 58 incipe, Damoeta, tu deinde sequere, Menalca garantiert für 
9, 2 die Lesart cbidäg oq/bo ngätog, Eysipaaftw dt MevdXxag-). 
Er hat auch die unechte Strophe vor Augen gehabt 8, 57—60 
öevÖQEOi fiEv xetficbv yoßeoöv xaxov, 3, 80 triste lupus stabulü etc. 
Und überhaupt ist die Bestätigung des Textes im ganzen noch 
wichtiger als die Berichtigungen 1 , 136 yaQvoaivvo für öijQlaaivto 
(Scaliger nach Ecl. 8, 55 certent et cycnis ululae), 7, 8 nveUai 
ä?.aog Eg>aivov für vcpcuvov (D. Hein^ius nach Ecl. 9, 42 te.mut 
umbracula vites) 3 ), obwohl auch das von Wert ist, dafs wir die 

1 ) Natürlich enthielt der Kommentar auch Prolegomena rrfpi tvvfKto; 
,-toixuhxäiv, aber reichere, wie wir ja die unsern aus den Prolegomena von 
Vergils Bucolica (Diomedes gehört dazu) erweitern. Da hat Vergil die Ab- ' 
leitung der Bukolik aus Arkadien gefunden, das durch ihn aus dem Lande , 
der Bären und Wölfe zum Paradies der Schäfer geworden ist. Bei den ' 
Griechen sind nur geringe Spuren davon: Erykios A. P. VI 96 % AQxafas d^ö- 
TfQoi kann ich nur aus Vergil direkt ableiten. Theokrit selbst hat y A<>xuöixd 
gelesen, denen er sowohl die gelehrten Lokale (EUxtjs n(ov, Ainviov jvußog) 
im Thjrsis, wie die Züchtigung des Pan in den Thalysia verdankt. Vermut- 
lich hat aus denselben Kallimachos im ersten Hymnus die yoml Aiös. Aber ! 
eine arkadische Bukolik kann ich nur so weit glauben, als selbstverständlich 
auch dort die Kuhhirten gesungen und gepfiffen haben. 

2 ) Er entscheidet also gegen KPQ (T geht nicht mehr mit) Jdyn 
avvtopüaübi, was auch an sich schlechter ist. Für die alte Ausgabe, den 
Ahnherrn unserer Handschriften, und wohl auch für die Vorlage von PQT 
ist die Doppellesart anzunehmen. Eine Kontamination nQarog (<f«\i>uaüto 
liefern MVTr. Natürlich stiefs die attisistisch geschulte Grammatik an 
dem Solözismus an, den sich der späthellenistische Poet erlaubt hatte. 
m/»«o fnov und tipctro fixolovätjotr liefert Hesych, vermutlich aus gleichartiger 
Poesie. Bei Nikander könnte man sich über so etwas nicht wundern; auch 
dem Euphorion traue ich es tu. 

3 ) II, 48 hält sich der Kyklop elf Rehe, näaas tifjvotfvotos, welche gro- 
teske Albernheit! Die Scholien liefern die Variante ««JTo^o^wf. Pollui 
5, 99 unter den Namen für Halsschmuck. txuXtiio J* rt x«i udnos r t itörvot, 



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- 112 — 

Berechtigung zu solchen kleinen Verbesserungen erhalten. Für 
die Reihenfolge der Gedichte ergibt Vergil nicht mehr, als dafs 
die Bukolika eben eine Gruppe bildeten. Aber Properz konnte 
II 34, 68 die Bukolik nur mit Thyrsis et attritis Daphnis arun- 
dinibus bezeichnen, wenn das eiste Gedicht Thyrsis hiefs und 
von dem Syrinxbläser Daphnis handelte. 

Also um 40 v. Chr. gab es unsere kommentierte Ausgabe 
; Theokrits. Jenseits ist keine Spur von ihr. Catull, der den 
Adoniazusen die raren Kultorte Aphrodites Golgoi und Idalion 
entlehnt hat (64, 9G und 36, 12. 14 nach Theokr. 15, 100) und 
(Plin. N. H. 28. 19) die Pharmakeutrien nachgebildet haben soll, 
kann die beiden filfioi yvvaweloi in der Ausgabe vereint ge- 
funden haben; sie konnten ebensogut irgendwo sonst zusammen 
oder vereinzelt stehen : denn natürlich, wenn es diese Sammlung 
der Werke Theokrits noch nicht gab, so gab es doch gewifs so 
und so viele Rollen, in denen mehrere der kleinen Sachen zu- 
sammen standen. Nicht lange vor Catull hat Laevius das sive- 
Qvyiov (polvixog als Technopägnion nach dem ntBQvyiov "Egcotog 
des Simias verfertigt (Charisius p. 288): aber er konnte ja dessen 
SvfifAeixTa benutzen. Wir haben so wenig von der hellenistischen 
Literatur, dafs es nicht angeht, auf die geringen vorhandenen 
Spuren des Theokrit in ihr zu sagen, er wäre wenig bekannt 
gewesen 1 ). Wenn König Philippos V seinen Daphnis anführen 2 ) 



xul fiiikiOTa TtKQtt JwQitvoi. Calpurnius 6, 37 von einem weifsen Hirsche 
radiant redimicula collo. Nebenher ein Beweis, dafs Calpurnius den Theokrit 
selbst gelesen hat: das ist einem gebildeten Römer der Neronischen Zeit 
genau so sehr a priori zuzutrauen, wie man es dem Afrikaner Nemesianus 
zur Zeit des Carus nicht zutraut. 

l ) Herodas ist auch ein Nachahmer Theokrits: in der Richtung konnte 
er zum «MW 0 * H l M<ov werden. Und wer an ihn 'HQaxlrji und Meynga ge- 
schlossen hat, dem galten die treulichen heroischen Erzählungen für seine 
spezielle Force. Ähnlich hat ihn der Dichter des Epigramms alXos 6 Xtos 
eingeschätzt, wie wir bald sehen werden. 

a ) I'iodor 29, 16 ^'f/.innoi ürttdiCt toi's Omakoii wf — loiäanaCni rovi 
7i noytyovoTfts xvq(ov; oüx tMortt oft ovnut nag «i'tcmc [6] iqliog ö(Svxt. Livius 
39, 26 nondum omnvim diertnn solem occidisse. Natürlich sagte er '»/<f»j yä(i 
(foäa&rjt ntirtt' «hov üftfu foövxtiv'. Prächtig von Mommsen in der Geschichte 
verwandt. Den Thyrsis ahmt auch der Isisbymnus nach, s. oben S 20. 



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■ 



— 113 — 

konnte, also auch Polybios, der unpoetischste der Sterblichen, 
ihn kannte und als bekannt voraussetzte, so ist das ein grofser 
Erfolg. Die bukolische Nachahmung bei Bion und seiner Schule 
(denn Moschos zeigt wenig davon) besagt ja auch etwas, und 
sie hat ohne Zweifel bewirkt, dafs Theokrit wesentlich als Buko- 
liker gegolten hat, wozu seine Werke gar keine Veranlassung 
boten. Aber als ein grofser Dichter der Nation, was Arat und 
Kallimachos immer gewesen sind, kann er nicht wohl gegolten 
haben. Die phönikische Epigrammatik, von der wir so viel be- 
sitzen, hat mir, obwohl ich sie noch eben daraufhin durch- 
gesehen habe, keine Spur von ihm geliefert, während man sie bei 
den Epigrammatikern der augusteischen Zeit nicht selten antrifft. 
Ihr einflufsreichster Vertreter, der Gadarener Meleagros, hat 
gerade in Kos gelebt, und doch kennt er in der Vorrede seines 
Kranzes den Epigrammatiker Theokrit nicht, und er hat auch 
nichts von dessen Epigrammen aufgenommen. Falls die Sammlung 
schon existierte, hat er sie nicht gekannt: absichtlich konnte 
er solche Perlen nicht verschmähen. 

Hier ist der Ort, von den Epigrammen zu handeln. 
Wir haben gesehen, dafs sie uns in K und II (BCD) überliefert 
sind, also der kommentierten Ausgabe, wenn auch von Scholien 
keine Spur ist. Daneben stehn sie in der Anthologie; Musuros 
hat aus dieser (Planudes) zuweilen interpoliert. In der Antho- 
logie stehen sie versprengt, aber doch meist in Gruppen. 6, 336 
—340. 9,432- 437. 598-G00 gehören keinenfalls in einen der 
alten Kränze: das sind also Zusätze aus der Ausgabe: aus der 
stammen ja auch die Technopägnien in der Anthologie, sogar 
mit ihren Scholien. Dafs 13, 3 unter den ' Ernygafi^ava öta- 
<pÖQO)v fiitQov steht, die fast nur alten Dichtern gehören, weil 
die Polymetrie das dritte Jahrhundert nicht Überdauert, spricht 
nicht dagegen: das Buch beginnt mit einem Gedichte des Phi- 
lippos, in dem ich nur den von Thessalonike sehen kann. Auf 
das versprengte Gedicht 9, 338 ist nach keiner Seite Gewicht 
zu legen. 7, 262 scheint aus Meleagers Kranz, aber gerade das 

Der Titel Erotopägnien bei Laevius stellt sich zu den tQturvJLit des Bion. 
Aber auch die einzelnen Gedichte waren benannt, tiövXXtn; das galt ver- 
mutlich auch von den Symmeikta des Simias. 

Philolog. OoteMuchungou. XVIII. 8 



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- 114 — 

fehlt in der Bukolikersammlung: eiu ganz elendes Distichon, 
irgendwo vom Grabe einer beliebigen Glauke abgeschrieben, dem 
Theokrit beigelegt, weil er 4, 31 der Kitharodin Glauke huldigt 1 ). 
Diese Zuteilung kann also zu beliebig später Zeit in der Antho- 
logie, auf Grund der Bekanntschaft mit dem Theokritischen 
Gedichte geschehen sein; wir sollten das Epigramm eigentlich 
ausschliefsen. Merkwürdig ist nur die Reihe 7, 658 — 664. Beim 
ersten steht noch HeoxQitov oi de AecoviÖov ToqovtIvov, dann 
gilt nur der letztere Name. Von ihm gehen voran 654 — 657, 
es folgt 665. Also ist zu schliefsen, dafs der Name aus dieser 
Nachbarschaft stammt, eingedrungen, als die ganze Reihe, mit 
Theokrits Namen nur am Anfange, mitten in einer Reihe des 
Leonidas Aufnahme fand. Das unerträgliche Gerede, mir riecht 
dies oder das mehr nach dem einen oder dem andern oder 
keinem von beiden, ist also Gerede. Übrigens trägt keines der 
Gedichte den Stempel der bombastischen Gedankenleere, die für 
Leonidas zeugt. Alle Gedichte der Theokritausgabe stehen in 
der Anthologie und noch eins mehr, denn das Gedicht, das in 
einer ganz Theokritischen Reihe an 9, 435 (Theokrit 14) klebt, 
kann nur aus der Sammlung stammen und ist von Ahrens mit 
vollem Rechte aufgenommen. 

'ÄQXaXa td>nöX?.covL väva'&Ti^axa 
ffnfjQxev. r) ßdaig de votg pev eixoai, 
rolg d' imd, votg de Jtevte, votg de öobdexa 
rote de dtrjxooiotm veütriQt} ijö' eviawolg. 
5 toaaöaöe ydg viv &£ißf) i-ieTQOvtievog. 
Im ersten Verse habe ich gleich die Emendation T(bjtö/.XcDvi 
für den überlieferten Genetiv eingesetzt. Also wird ausgesagt, 
dafs die Anatheme an Apollon, unter denen die Inschrift steht, 
alt sind. Die Basis aber und das Gedicht ist neu, und offenbar 
werden die Jahre gezählt, um welche die einzelnen Anatheme 
älter sind. Dann kostet es wohl nur etwas scharfes Denken, 
bis man einsieht, dafs überall xolg in vov zu ändern ist Die 
Korruptel ist von tov de Öirjxooloioiv, wo sie nahe lag, hinauf- 



') riuvxr}i n]s 6vouaiofxh'f]i, das ist nicht etwa rijg ntnißoriiov, sondern 
ganz prosaisch Huvxrjg orou«. Diodor 4, 84 iov dvo/iatfutw Jtttfnr. 



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gestiegen. Also das Gedicht ist gemacht, als eine Anzahl wert- 
voller Weihgeschenke bei einem Umbau auf eine Basis zu stehen 
kamen; alt war eigentlich nur das eine, für das die runde Summe 
200 angegeben wird. Schwer verderbt ist die letzte Zeile. Was 
beim Messen (das den Griechen so sehr oft gleich Zählen ist) 
herauskam, war doch wohl eben die Zeitangabe, die hier gemacht 
wird. Ich sehe dann keinen andern Weg, als */do viv an- 
zutasten. Da konnte wirklich kaum etwas anderes als dgi- 
0-fiög stehen. Wie dem auch sei, dies ist eine alte gute Inschrift, 
kopiert in einem Apollontempel, gut, weil sie klar und schlicht 
sagt, was zu sagen war, alt, weil sie den Zahlwörtern gehorchend 
einen Hexameter unter die Iamben mischt. Theokrit brauchte 
sich ihrer nicht zu schämen; aber von der Echtheit gleich. 

Erst noch die Frage, wie stellt sich hier der Text der 
Theokrithandschriften im Verhältnis zur Anthologie? Keines- 
wegs wie in den Technopägnien, die sie eigentlich allein rettet. 
Vielmehr ist im ganzen die Übereinstimmung sehr grofs, und 
die kleinen Differenzen lassen sich meistens befriedigend schlichten, 
indem man bald diesem, bald jenem Zweige der Überlieferung 
folgt. Nur in dem Dialektischen bleibt natürlich die Unsicher- 
heit: da hat man zu lernen, dafs jede Sicherheit trügt, die nur 
auf einer Überlieferung ruht. Interessant ist etwa 5 = AP 9, 
433 6 ßovxolog ä/ujMya fo'PJ^t K/7, iyyv'&ev äioet AP aus 
Theokrit 7, 72 interpoliert. Gegen die übereinstimmende Über- 
lieferung zu ändern hat man selten Veranlassung. 4, 11 ävva- 
X,evoi für ävvta%evoi (Scaliger) ist Bagatell. 11,4 ist avvfjg K/7 
nur Itazismus für avvolg AP; aber nicht leicht war die leichte 
Emendation avrüi zu finden (liecker). Das Gedicht ist vorn 
Stein kopiert "Grab des Eusthenes, der ein vorzüglicher Physio- 
gnom war; seine Gastfreunde haben ihn in fremden Lande be- 
stattet, %v[xvo$£Taq avvolg daifiovixog q)i?>og rjv. So hat der 
weise Mann alles was ihm gebührt im Tode: so schwach (äxixvg) 
er war, an Fürsorge hat's ihm nicht gefehlt". Nicht um einen 
schäbigen YQiyog zu machen (äxixvg — äodevrjg) und dann mit 
dem Eigennamen Eusthenes zu spielen, sagt das der Dichter, 
sondern Eusthenes war äoüevqg, weil ein Physiognom von Pro- 
fession selbst im Kreise der fahrenden Sophisten oder besser 

8* 



- 116 — 



Charlatans eine kümmerliche Figur war und, wenn er irgendwo 
starb, nur auf ein Begräbnis von Sklaven oder Armen zu rechnen 
hatte. Dieser dagegen fand fürsorgende Freunde und erhielt 
Grabstein und Grabgedicht. War das nicht ein Beweis für seine 
Kunst, "die Gesinnung aus dem Gesichte zu erschliefsen"? Die 
er für seine Freunde hielt, waren's wirklich. Zu ihnen ge- 
hörte der Dichter; aber nur dem Toten, avvm, nicht diesen 
Freunden öaiftovicog (p(?.og rjv. darum hat er das Gedicht bei- 
gesteuert. viivoMtag für den Epigrammatiker ist nicht zu be- 
anstanden, falls ein Epigramm vftvog heifsen kann. Das ge- 
schieht z. B. in dem parischen Gedichte I G XII 5, 229 : vfivelv 
'durch das Wort verherrlichen' ist seit Euripides ganz gebräuch- 
lich: diesen Sinn hat das Nomen in dem parischen Gedichte und 
hier ebenso: es ist äoge statt i/.eyelov. 18, 7 oogxov soixe in 
acogov ei%e (so A P, o(0qw yäg Eixe K II) zu erkennen erforderte 
die wahre divinatio, die darum nicht aufhört divina zu sein, dafs 
die Schächer sie im Prinzip und in jedem einzelnen Falle leugnen 
müssen. Schwerlich würde das Kaibel gefunden haben, wenn er 
uicht an die Emendation von Inschriftkopien gewöhnt gewesen 
wäre: acoQÖv in aoq>6v zu ändern dürfte man sich selbst einer 
guten Abschrift gegenüber getrauen, wenn sie von einem ver- 
dorbenen Steine genommen ist. Diese Korruptel ist älter als 
die Spaltung der Überlieferung; aber anzunehmen, dafs sie gleich 
bei der Kopie der Inschrift vom Steine begangen wäre, ist nicht 
nötig; denn die Buchschrift bietet ziemlich dieselben Zeichen. 

Für die Echtheitsfrage ist die Anordnung der Sammlung 
nicht unwichtig; natürlich kommt nur die in den Bukoliker- 
handschriften in Betracht, die in der Anthologie noch Spuren 
hinterlassen hat. Die phantastischen Umordnungen der späteren 
Herausgeber sind Unordnung. 1-6 haben bukolischen Inhalt 
oder scheinen doch so; 7 — 16 sind Weih- und Grabinschriften, 
wie sie die Menge der Gedichte auf den Steinen bilden; in sie 
pafst die nur von der Anthologie erhaltene Inschrift von der 
Basis eines Apollontempels vortrefflich hinein: wir müfsten sie 
eigentlich hinter 14 stellen. Den Schlufs bilden Gedichte auf 
Dichter in verschiedenen Mafsen; unter sie ist um des Vers- 
mafses willen 20 eingeschoben, eine sehr elegante Umschreibung 



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- 117 - 



der einfachen Inschrift KXeivä Ogäiaaa /„alge. Gestört ist die 
Ordnung nur darin, dafs von den beiden Gedichten auf das 
Grab des Eurymedon das eine als 15, das andere als 7 steht. 
Die Anthologie hat sie noch vereinigt: da war also ursprünglich 
auch beste Ordnung. Wer mit den Steinen Bescheid weifs, 
wird die Anbringung von zwei Tetrasticha auf demselben Grab- 
male nicht beanstanden: das ist ganz gewöhnlich, und die be- 
rühmten Epigramme 'der Erinna auf Baukis (AP 7, 710. 712) 
sind ein leuchtendes, von der Unkenntnis des wirklichen Ge- 
brauches natürlich auch beanstandetes Beispiel. 

Ist so eine verständige Ordnung vorhanden, so stellt sich 
die letzte Gruppe durch die Polymetrie ganz deutlich als Eigen- 
tum eines Dichters dar. Die Gedichte auf Epicharm, Anakreon, 
Peisandros geben sich als stehend unter Statuen, die von den 
Städten der Dichter gesetzt sind: es ist nichts als unwissende 
Willkür, das zu bezweifeln. Unter einer Statue will auch das 
Gedicht auf Archilochos gestanden haben, und wieder ist jeder 
Zweifel unstatthaft: wer kann bezweifeln, dafs Statuen der Art 
im dritten Jahrhundert massenhaft errichtet sind, und dafs man 
dann sehr gern einen guten Dichter für das Epigramm gewonnen 
hat? Dagegen hat das Gedicht auf Hipponax die Form einer 
Grabschrift als Einkleidung der Charakteristik des Mannes, zu- 
gleich in Anwendung seines Mafses und seiner Sprache. Das 
ist der Stil der übrigen auch. Also kein Zweifel, dafs der Ver- 
fasser von jenen auch einmal einen Dichter hat charakterisieren 
wollen, für den er keinen Auftrag von aufsen erhielt. In diesem 
Dichter Theokrit zu sehen, der denn also zu Syrakus und zu 
Rhodos und Teos Beziehungen gehabt haben mufs, ist unsere 
Pflicht, wenn nichts dagegen spricht: nun hat er aber in Syrakus 
und in Kos gedichtet; also pafst alles vollkommen. Die Ge- 
dichte sind so fein und eigenartig, dafs wir diese Seite seiner 
Tätigkeit besonders hochzuschätzen haben. Schwerlich hat sie 
erst jemand in den weit auseinanderliegenden Orten kopiert; 
nur mufs ihre Sammlung im verborgenen geblieben sein, da 
nicht nur Mcleager nichts von ihnen weifs, sondern die ganze 
Art keine Nachfolge gefunden hat. 

Von den Grab- und Weihgedichten gehört ihm dann das 



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— 118 — 



polymetrische auf Kleita um der Form willen ; 8 auf ein Asklepios- 
bild, das sich sein Freund Nikias aufstellte 1 ), und 13 auf eine 
Aphroditestatue im Hause des Amphikles 1 *) sprechen für sich: 
Amphikles kennen wir als koischen Namen (Paton 404), und das 
Gedicht ist so recht der Ausdruck der Familien freundschaft, die 
auch die Gattin des Freundes umfafst, wie wir sie in Kos dem 
Simichidas zutrauen. Andererseits ist in 12 das attische Ge- 
dicht des Choregen Demomeies von Paiania (Kirchner, Prosopogr. 



') Ein feines Gedicht fordert mehr und andere Erklärung als dies und 
seinesgleichen bei Fritzsche- Miller finden: die bringen nur ein Zitat bei, 
damit man belegt hat, dafs das Zedernholz auch im Altertum gut roch. 
'/litte xal ig Alii-tjiov o rov lltttijovos viug IrjrrjQi voGtov arögi ovvoio6//erog 
Nu(ai. So greift es gut in das nächste Distichon über. Asklepios besetzt 
damals Stadt um Stadt; jetzt kommt er durch den Privatkult eines Arztes 
nach Milet, der ihn verehrt nicht als Spender des Zaubers, sondern als 
«QXVyttW- Wer den ersten Vers hört, hört mit Paieon und lt)T*)Q Homeri- 
schen Klang; der neue Gott erhält alte Würde. AW«t og utv in' u/uao atl 
ttvftootv ixvttittt xal Tf<J' u7t' tvfodov; y).v\pui üyalfitt x{tf()ov, '//fn'wj'i %(t(>H' 
yXitq-votig uxqov vnoaiag uia&ov, ü d' tig toyov nitoav fafijxe if'/rav. 

Wie schön das Enjambement von Hexameter und Pentameter! ti-ui^e ist 
kein leeres Schmuckwort: das harmoniert mit dem Dufte des Weihrauchs, 
den Nikias alle Morgen streut. Und so nimmt die ylmf.v(iu /</p das ylvquv 
auf (wie schön das Medium), und als * Dank für die glättende Hand 1 ver- 
spricht Nikias hohen Lohn, der Künstler aber wendet alle seine ii^vu 
daran". Den Erfolg sollen wir erkennen, wenn wir das Werk sehen. Wie 
fein stehn /n\> und rf>;i'i}; die Prosa hätte r^vt/g und tntfalte jijv x*'Q tt 
ufiä ni'earjs rfj? eaviov ylcuf vQÜTTjrog sagen können. 

-) Ebenso schön; gleicher Stil. « KvnQig ov nuväauag IXaaxui jäv 
titbv hlntov ovQKviitv. Der vielbesprochene Gegensatz dringt auch in diese 
Bürgerkreise; aber aufser an vulgivaga soll man auch an Jnpuadi denken. 
äyväg (was das erste abweist) «i#*u« Xnvooyüvug otxtoi ii ■ l-i ruft xltotg, wi xut 
ifxrtt xai ßior tlyt $vruv. es ist auch hier das Bild der Hauskapelle, und 
die keusche Chrysogona hat die wahre Keuschheit, die der Gattin und Mutter. 
iui uY otf.iv Xo'nov tig iiog t^v tx oid-tv anynutvoig, to nuin«: sie brachten ihr 
jeden Morgen Weihrauch, aber ihre Liebe war auch die Grundlage ihres ge- 
segneten Lebens, xydoutvoi yün (((><cii'ait>r «vtoi TtJ.ttw tyovai /fyoroA Der 
fromme Spruch ist au dein Hausaltare keine Trivialität. Diese Aphrodite ist 
himmlisch, weil sie der Exponent der natürlichen Menschlichkeit ist: dafs 
eine koische Hausfrau die Göttin so auffafst und ihr Leben auf diesem Glauben 
aufbaut, bedeutet für das, was Aphrodite ist, viel mehr als alle Spiele der 
l'oeten und alle Mythologeme der Theologen. 



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- 119 - 

3554, wo dies nachzutragen ist) hineingeraten 1 ), das allerdings 
mit dem stoekprosaischen, fievQiog t)v iv Jiäm, /opcöt d' ixvrj- 
oato vlxrjv dvdgcov, xai vö xakbv xai vö dlxatov ögcbv die rhe- 
torische Trivialität, die in Athen im vierten Jahrhundert grassiert, 
im Gegensatz zu der hellenistischen Poesie zeigt. Mit der Auf- 
nahme dieses attischen Gedichtes, das herrenlos war, wie es der 
Dreifufs bot, hat der Sammler sich ein übles Zeugnis ausgestellt, 
und natürlich müssen wir nun jedes Stück an sich prüfen: die 
Sammlung enthält Echtes und Unechtes; aber wirkliche Stein- 
schriften sind sie alle. Es ist nur kaum möglich, objektive Kri- 
terien zu gewinnen. Die beiden Gedichte auf das Grab des 
Eurymedon, sicher aus dorischer Gegend (tifiaaevvTt ist eine 
Form, die über den konventionellen Dorismus geht), das auf die 
TQcuzE^a des Kaikos '), ganz besonders anmutig das auf einen 
Altar, der ein Relief der neun Musen enthielt (10), ganz wie 
wir einen solchen aus Halikarnafs besitzen (Winckelmannspro- 
gramm 36), sind ohne Zweifel aus bester Zeit und des Theokrit 
ganz würdig: die hat ein Dichter gemacht, der jedesmal das 
Besondere besonders zu sagen wufste. Das Gedicht auf Orthon 



') Er weiht joinod« xu\ Jtövvoov. Das ist nicht ein Dreifufs und eine 
8tatue, also Doppelweihung, sondern im Dreifufs stand die Statue. Das sollte 
bekannt sein. 

-) *Aorois xut Stivotoiv iaov viuti tiöt loiirtfiw 
9tii itftXtv >l>rji/uv Tt obg XöyoY t(t%Oft(vas. 
iiXXos Tis uoöifaatv Xtytoio' i« *V ö&niu Ktaxo; 
/nrjutn« xai vvxi'os ßovloptvotf 
Was sich wohl Kritzsche Hiller dabei gedacht haben, als sie nur hinzu- 
schrieben 'auf den Wechseltisch des Kaikos'? Hatte der sein Exchange office 
auch bei Nacht offen? Der fremde Bankier hat das freilich über seinem 
Kontor stehen; aber die TQttnfCiuu waren längst nicht mehr Wechsler, wie 
sie hiefsen, und safsen nicht an einem Tischchen auf dem Markte wie ehe- 
dem oder jetzt in der ödö? AlöXov Athens. Kaikos erklärt, er gebe für die 
Depots an Fremde und Einheimische dieselben Zinsen (was begreiflicherweise 
nicht immer galt), und jeder bekäme sein Depot zurück und könnte die 
Rechnung auf dem äßa$ nachprüfen. Er wäre nicht wie die andern, die 
n QoifuoiZovTtti, sondern auf Wunsch stünden die Depots selbst bei Nacht zur 
Verfügung: seine Kasse könnte nie in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Das 
ist an sich klar und gut ausgedrückt; aber so ganz selbstverständlich ist es 
wahrhaftig nicht. 



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120 - 



aus Syrakus, der in fremdem Lande begraben war (das nicht 
genannt ist, weil das Grab ja dort stand), kann ebensogut von 
Theokrit dem Landsmanne gemacht sein, wie ihm zugeteilt, weil 
er Orthons Landsmann war. Ganz auf dem gemeinen Niveau 
der Anthologie und der Steine hält sich nur 16, auf ein sieben- 
jähriges Kind, mit den konventionellen Klagerufen: das kann 
man dem Dichter der übrigen nicht zutrauen. Aber das steht 
auch als letztes der ganzen Reihe. 

Die beiden letzten der bukolischen Reihe sind offenkundig 
unecht, ö variiert das Motiv des Thyrsis so, dafs die Hirten, 
darunter der ganz vermenschlichte Daphnis, musizieren sollen, 
gerade um Pan zu stören. Ein Epigramm will es gar nicht sein ; 
der Hirt redet: es ist ein Impromptu, wie die Theognidea, die 
ja auch zuweilen aus einer bestimmten fiktiven Person heraus- 
reden. Gleichen Schlages ist 6, die Anrede an einen Hirten, 
dem der Wolf eine Ziege gefressen hat. Andererseits sind 1 
und 3 sowohl Epigramme wie ganz vortrefflich, wenn man sie 
nur versteht 14 Da liegen Rosen und Herpyllos für die Musen, 
Lorbeer für Apollon, und der Bock, der die Terebinthe benagt, 
ist für das Opfer bestimmt." Was ist das? Beischrift eines 
Bildes; Stilleben, ein Altar, daneben die Zweige und Blumen, 
ein Busch, an dem ein Bock frifst: das kann man sofort mit 
den Augen der Phantasie als Bild sehen, wenn man sich an die 
pompejanischen Bilder erinnert. 3 "Daphnis schläft in einer 
Höhle, er hat eben Dohnen gestellt (das kann man leicht aus 
dem Beiwerk entnehmen, das neben ihm liegt). Da schleichen 
sich Pan und Priapos heran" 1 ). Da haben wir das Motiv der 

') Im letzten Verse steht fitthi* vtii'ov xwuu xmity^uittruv, wovon 
xaiayoptvov in der Anthologie offenbar Entstellung ist. Das ist anstöfsig, 
daher eine Menge Konjekturen, aber keine, die selbst ihren Urheber recht 
befriedigt haben kann. Dafs der Zufall einen Äolismus erzeugt haben soll, 
ist wenig wahrscheinlich; man mufs sich mit v7not xmu« xmukn^ßaio^ov 
auseinandersetzen. ' Lafs los die Schlafbetäubung, die du gefafst hast': ptHtirm 
und xaialaßtiv korrespondieren, sichern sich also. t>nt{> nt xait'lafit wurde 
besser gefallen, und wenn man auch ebensogut sagen kann, dafs der Mensch 
eine Krankheit bekommt und dafs die Krankheit ihn fafsr, so würde man für 
das erste schwerlich xarulftin'r sagen statt oiXkafm: Dafür ist aber xmv- 
)Q>i% ein»» Solische Vokabel, die der Verfasser bei Sappho auflas Fgm. 43 



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- 121 — 



Malerei, wie Ariadne von Dionysos oder Hermaphroditos von 
Satyrn beschlichen werden, das bis in die neue Malerei fortwirkt. 
Nicht ekphrastische Gedichte in dem üblen Sinne, wie sie massen- 
weise in dem Kranze des Philippos stehen, sind das, sondern 
Unterschriften: das kennen wir doch nun aus Pompei, wo das 
bekannte xrjv fie <pdyr}ig km ni£av auf dem Bilde wiedergefunden 
ist, für das es bestimmt war. Wer diese Gedichte gemacht hat, 
war ein Meister der Stimmungspoesie, der auch für Stilleben 
etwas übrig hatte, nicht um blofser LichtefTekte willen, wie es 
die Maler des Vart pour l'art treiben, sondern weil es in die 
engen Zimmer des Stadthauses etwas Natur und Waldluft hinein- 
bringt. Gerade so etwas mögen wir dem Theokrit gern zu- 
trauen, dessen Force solche Naturbildchen sind. 2 ist zwar 
auch allenfalls möglich als Beischrift eines Bildes "Daphnis 
weiht hier dem Pau seine Syrinx, seinen Stab und Rucksack"; 
aber so etwas gibt es zu oft, schon bei Leonidas und seinen 
Nachfolgern, wo es rein epideiktisch ist, und es erinnert so sehr 
an die Weihung der Syrinx im Thyrsis, dafs ich es ohne 
Schwanken preisgebe. 4, eine längere Elegie, ist so merkwürdig, 
dafs ich sie in einem Anhange erkläre. Man kann nicht garan- 
tieren, ich kann nicht glauben, dafs sie von Theokrit ist, aber 
sie ist ein kostbares Stück, und seines Geistes ist mehr darin 
als bei Bion und Moschos. Jedenfalls aber ist sie kein Epi- 
gramm, sondern hat nur literarisch existiert. Das ist also die 
Hauptsache: der Ordner kopierte nicht selbst die Steine, sondern 
fand, so wie er die übrigen Gedichte Theokrits fand, auch Epi- 
gramme in Gruppen oder einzeln von ihm oder auf seinen Namen, 
hier und da; das sammelte, sichtete, ordnete er. Es gab keine 



Lei Apollonios </. protunn. 126 Um /lanv/os «07 1 xumynti ist nicht ganz 
verständlich, nur gebt es offenbar grade den Schlaf an. Aber an einer 
andern Stelle, Fgm. 4 bei Heimogenes Id. 358 Sp. ist überliefert ntavaaofiirtav 
Ji ifvUm> xioua xaia(toti. Diese Form kann man Sappho nicht zutrauen, 
aber xitootvii ^Ahrens) hat keine Wahrscheinlichkeit: das Fliefsen an sich 
ist keine glaubliche Vorstellung, xtttaynti liegt so nahe, zeigt dieselbe Im- 
personale Verwendung wie in dem andern Fragmente (wo itoqi nur bedenk- 
lich ist:, es ist begreiflich, dafs dem Nachahmer das genus verbi anstofsig 
war: was er gibt, ist freilich nur erträglich, weil er ein Nachahmer ist. 



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— 122 — 

authentische Sammlung, die der Dichter selbst veranstaltet hätte, 
sondern hie und da waren Gedichte bewahrt worden, von denen 
man noch wufste, dafs er sie gemacht hatte; bei den öffentlich 
gesetzten Statuen konnte das auch urkundlich im Gedächtnis er- 
halten werden. Wir sind ja nicht in den Zeiten des Simonides. 
Aber es traten auch ganz unberechtigte Dinge zu, deren Auf- 
nahme uns befremdet. Eine gewisse Kritik verrät die Anord- 
nung. Im ganzen dürfen wir der Tatsache, dafs Echtes und so 
ganz Privates wie die Weihungen aus den Häusern des Amphikles 
und Nikias erhalten blieb, ein starkes Gewicht beilegen. Mele- 
ager hat die verstreuten und vereinzelten Gedichte des Theo- 
krit leicht übersehen können: die Sammlung, die wir haben, 
kann noch nicht erschienen oder wenigstens noch nicht verbreitet 
gewesen sein, als er seinen Stephanos zusammenstellte. 

Genau denselben Charakter trägt die Sammlung der grösseren 
Gedichte des Theokrit. Da haben wir vier ßovxoAiaoßoi hinter- 
einander, 5, 6, 8, 9. Die beiden letzten sind unecht, wieValckenaer 
zuerst gesehen hat, und wer das nicht empfindet, mit dem soll 
man nicht über Poesie reden. Das neunte Gedicht ist ganz er- 
bärmlich, nachgestümpert nicht sowohl dem Theokrit als dem 
■ ^ - achten Gedichte. Das achte Gedicht hat grofsen Reiz; Vergil 
fand seine eigne weiche Natur darin viel mehr wieder als in den 
Theokritischen Hirtenmimen 4 und 5. Ein Dichter hat es ge- 
macht, der die knospenden Knabenseelen viel wahrer und reiner 
verstand als der Verfasser der mehr als halb konventionellen 
Tlaidixd mit ihrer fauligen und nicht einmal heifsen Sinnlichkeit. 
Aber der Verse hätte sich Theokrit geschämt. Diese Hiate, diese 
Vokalverlängerungen in der Hebung, eiu vierter Fufs el u jid&otg, 
ein Sprachfehler wie Jioxa äfivöv, wo das Vau von äotjv auf das 
Synonymon übertragen ist, wie Bakchylides log den Pfeil mit 
dem Vau von log das Gift ausstattet, das alles wäre bei Theo- 
krit undenkbar, der doch Dorisch zur Muttersprache hatte. In 
der Tat ist der Verfasser von 8 schwerlich ein Dorer gewesen, 
da seine ganze Doris einfach von Theokrit übernommen ist. Aber 
ein kenntnisreicher hellenistischer Poet war er: er hat den 
Menalkas, wie die Scholien' wissen, von Hermesianax genommen. 
Die Distichenpaare, die er zuerst seine Knaben singen läfst, ge- 



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mahnen an die sympotischen kleinen Elegien, die 'Theognis'. 
Asklepiades usw. machen: davon zeigen Theokrits Epigramme so 
wenig etwas wie seine Eidyllia. Also diese beiden Gedichte hat 
der Veranstalter unserer kommentierten Ausgabe aufgenommen, 
wenn auch als die letzten der Wettgesänge. Unmöglich konnten 
ihm die Gedichte Theokrits in einer verläfslichen Ausgabe, also 
gewifs nicht in einer von des Dichters eigner Hand vorliegen. 
Aber er fand selbst diese Gedichte nicht mehr unversehrt. Wir 
sahen oben, dafs Vergil das letzte Distichenpaar, 57—60, vor- 
gefunden hat, das doch die Symmetrie des Wettgesanges zerstört 
und daher von G. Hermann ausgewiesen ist. Die beiden ersten 
Paare entsprechen sich ganz genau. Dann singt Menalkas eine 
Anrede an seinen Leitbock, den er zu Milon in den Wald schickt. 
Diesen Altersgenossen schwärmt er an und läfst ihm bestellen, 
er möchte nicht vergessen, dafs Proteus Robben weidete, die 
noch viel mehr stänken als die Ziegen. Also eine bescheiden 
scherzende Mahnung "verachte mich nicht". Darauf singt 
Daphnis: "Ich nehme alle Schätze nicht, wenn ich nur dich, 
mein Freund, im Arme haltend die Aussicht auf das Meer ge- 
niefsen kann." Das unechte Stückchen entbehrt des Individuellen : 
es steigt von den Gefahren, die den Bäumen und Wassern und dem 
Wilde drohen, zu der gröfseren auf, die die Frauenliebe dem Manne 
bereitet, gibt diesem aber die Entschuldigung, dafs Zeus selbst 
dieser Leidenschaft unterliegt. Gewifs pafst das nicht her; hier 
ist gar kein dvrjg. Aber man sieht, das sollte die letzte Strophe 
des Daphnis so ersetzen, dafs wieder Frauenliebe der Knabenliebe 
entspräche (die in der Schwärmerei für Milon im Grunde gar 
nicht liegt, so wenig wie das Verhältnis von Daphnis zu Menalkas 
erotisch ist). Ist denn aber das Vorige passend? Gewifs; der 
Dichter hat wohl empfunden, was wir in Theokrits fünftem Ge- 
dichte nur mit Mühe auffinden 1 ), und was doch ganz in die 

l ) Lakon ist uach Theokrit ein Stümper gegen Komatas. Ich schäme 
mich, dafs ich seinen Versen das nicht hinreichend abnehmen kann, wenn 
der Unterschied tiefer liegt als in der mangelnden Erfindsamkeit. Lakon 
bringt allerdings nichts als Parallelen zu den unerschöpflichen Einfällen des 
Komatas, so dafs dieser am Ende selbst abbricht und sich als Sieger bezeich- 
net; der Richter hat das nur zu bekräftigen. 5, 13«. 



- 124 — 



Augen springen soll, dafs der den Preis verdient, der ihn erhält: 
daher zuletzt keine Aufnahme desselben Motives, sondern eine 
Ablehnung der Konkurrenz "wozu mehr als wir haben, wozu 
Konkurrenz: unsere Knabenfreundschaft und unser unschuldiges 
Dasein ist ja das schönste". Da kann es nicht weiter gehn. 
Dieser Gang ist zu Ende, und wir wissen, wer gewonnen hat. 
Es folgt der zweite Gang, in hexametrischen Disticha, wie im 
Lityerses des Theokrit, der für die rein dem Haudwerke des 
Hirten geltende Partie des Menalkas das Vorbild geliefert hat, 
nicht einer sklavischen, sondern voll berechtigten Nachahmung. 
Aber Daphnis siegt wieder: er weist die weiblichen Verlockungen, 
für die er noch kein Herz hat, zurück; was er dagegen sagt ist 
dasselbe wie in den Disticha: sein Hirtenberuf füllt ihn ganz aus. 
Ich mufste das beiwege erläutern; hier brauchten wir eigentlich 
nur den Nachweis, wie es zu einer Eindichtung, nicht als Zusatz, 
sondern zum Ersatz kommen konnte. Aber das lag vor der Auf- 
nahme des Gedichtes in die Theokritische Sammlung. 

Epigramme und Eidyllia lehren genau dasselbe. Eine be- 
trächtliche Zeit nach Theokrit, aber vor Vergil, sind sie ge- 
sammelt; die Epigramme schwerlich vor dem Anfange des ersten 
Jahrhunderts. Das werden wir doch vereinigen. Genau zu der- 
selben Zeit schien die umfassende Sammlung der Bukoliker ent- 
standen zu sein, die Gedichte von Schülern Bions enthält Das 
werden wir doch auch nicht trennen. Diese Gedichte sind ihrer 
Bedeutung gemäfs unerklärt geblieben; die Theokrits las Vergil 
bereits kommentiert. Folglich ist der Theokritische. Bestandteil 
jener Sammlung ganz kurz nach ihrem Erscheinen ausgesondert 
und erklärt. Als den Erklärer kennen wir Theon, den Sohn des 
Artemidoros. 

In unseren Scholien, als ein Teil ihrer Prolegomena. und 
daraus in der Anthologie IX, 205 steht das Epigramm 

'AoTeßidd)Qov "/Qafifiatty.ov 
ßovxofay.ai Molaai ojtOQäöeg Jioxd, vvv (V u/*a jzäoat 
fvzi /mag fidvÖQaQy irvi /niäg äyeXag. 

Da haben wir die grofse Sammlung bezeugt genau für die Zeit, 
die wir erschlossen, denn Artemidor kanu das spätestens um 70 



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- 125 - 



gemacht haben Da haben wir den Vater eben des Theon, der 
dies Werk fortsetzt. 

Zusammen mit diesem Gedichte ist das folgende überliefert, 
daraus Anth. IX 434 mit dem wertlosen Autornamen Theokrit 

äkkog ö Xlog' eyd) de ÜeoxQiTog, ög xdd' byoaipa, 
elg öjtb von' JtoV.üv elfü 2vQoy.oaicov, 

vlög IJoa^ayÖQao JteQixlelvrjg te <PtXlvr)g' 
fiovow 6' öftveiav oyrtv' ig)edxvodf.ii)v. 
Das mufs erklärt werden, da so unglaublich viel Torheit darüber * 1 '' i '^ r 
in die Welt gesetzt ist. Was uns das wichtigste ist, liegt zu 7j 7 n t - 
Tage: "ich, der dieses hier geschrieben habe, bin Theokrit, Sohn , v - ; ' 

von Praxagoras und Philine aus Syrakus"; das steht nicht unter Y^, 'tj' 
einem Bilde, oder wo wäre von seiner Leiblichkeit eine Spur, 
sondern auf seinen Werken. Es ist ein Gedicht als Aufschrift 
auf das Buch, wie sie seit Kallimachos so zahlreich und schön 
verfertigt sind. Also das stammt von dem Titelblatt der Ausgabe 
seiner Werke, eben der Ausgabe, an deren Kopfe wir es lesen. 
Der letzte Vers könnte an sich die Erklärung enthalten "hier 
steht nichts Unechtes drin". Doch nicht gut; denn der Dichter 
selbst zieht keine fremde Muse in sich, wenn ihm andere Leute 
fremde Gedichte beilegen. Man mufs die so eindringlich an die 
Spitze gestellten Worte hinzunehmen: ä/.Xog 6 Xlog. Es ist zu 
dumm, das auf Theokrit von Chios zu beziehen, als ob der in 
den Verdacht kommen konnte, das Buch verfafst zu haben. 
Natürlich ist der Chier Homer, wie ihn Theokrit 7, 44. 22, 218 
nennt, und aus Theokrit 16, 101 stammen ja auch die jtoXXoi 
Svgaxöotot. Diese Deutung ist die des Altertums: in der Homer- 
vita, die zu der Ausgabe der s. g. Didymosscholien gehört, steht 
unter denen, die Homer aus Chios ableiten, xai ßeöxgivog iv 
volg imYQdfipaotv, Piccolomini Herrn. 25, 453. Derselben An- 
sicht ist Welcker gewesen, und es bedarf keines Wortes mehr. 
Dann gehört aber auch das letzte Kunsturteil dazu: Homer ist 
ein anderer; ich bin zwar Epiker, aber nicht Homeriker, sondern 
habe meine eigne Muse. Auch darin hat der kundige Verfasser 
des Epigranimes nur Theokrit selbst richtig zu hören verstanden. 



') Hermes 35, 543. 



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— 126 — 



Dieser sagt ain Schlüsse seiner Dioskuren, also eben einer epi- 
schen Rhapsodie, 41 Der Chier hat den Heroen den Ruhm ge- 
gründet'), vfilv av xai iyö) hye&v fituiyLiaza Movoicov, oV 
avtai JtctQSxoim xai ö)g £fwg olxog imdQyei, Tola (pegco". Ein 
stolzes, aber berechtigtes Wort, das der Verfasser des Epigramms 
bekräftigt. Dieser hat die Gedichte vor sich, wie wir sie haben; 
aber er hat sich nicht durch die ganz ungerechte Redensart 
fangen lassen, dafs Theokrit der Bukoliker wäre: er sagt das 
aber vielleicht schon mit gewolltem Gegensatz gegen eine Mifs- 
deutung, wie sie Theokrit in der grofsen Bukolikersammlung er- 
fahren mufste, und wie er sie dann erfahren hat, als die Philo- 
logen das Griechische lediglich durch die lateinische Brille 
sahen 9 ). 

Zwei Epigramme haben wir, zwei Sammlungen, zwei Männer. 
Die Sammlungen und die Männer stehn in demselben Verhältnis 
zueinander. Ich dächte, die Rechnung wäre klipp und klar auf- 
gegangen. Artemidor hat die Bukolikersammlung gemacht, von 
der er spricht: sein Sohn Theon hat den Theokrit ediert, von 
dem das zweite Epigramm redet, einerlei, wer es gemacht hat. 

Ich habe die Untersuchung ganz ohne die Epigramme ge- 
führt Es ging auch so; aber im Grunde war das falsch: die 
Epigramme waren doch da, bezeugten zwei Sammlungen der- 
art, wie wir sie mühselig erschlossen haben, bezeugten, da sie 
in unsern Scholien stehen, ihren Einflufs auf die Sammlung, zu 
der die Scholien geschrieben sind. In Wahrheit waren die beiden 
Sammlungen zu suchen, die den Epigrammen entsprachen. Gewifs, 
es war eine Übereilung, dafs ich vor 27 Jahren dem Artemidor die 
rein Theokritische Ausgabe zuwies: aber waren die weisen Herren, 
Hiller an der Spitze, im Rechte, wenn sie die Wahrheit, an der 

') Vgl. die Beilage über die Dioskuren. Homer als Dichter der Kypria 
in so später Zeit betrachtet ist beherzigenswert; er ist es aber auch 16,49, 
denn aus ihnen stammt Kyknos. 

Nicht alle haben so günstig geurteilt wie der Verfasser dieses Epi- 
grammes. Der Verfasser der Schrift vom Erhabenen urteilt, dafs Theokrit 
in den ßouxoXwü sehr glücklich wäre nXi]v oXiyiov raJr i$taiitv. Das klingt 
nahe an trotz dem verschiedenen Urteil: wir ahnen etwas von dem ästheti- 
schen Geschmacke und dem Kampfe der Kunstrichter in der augusteischen 
Zeit. 



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- 127 



das Urteil über die Herkunft der Gedichte und ihres Textes hängt, 
als nicht ausgesprochen behandelten? Es geht nur zu oft so, 
dafs eine Wahrheit beiseite geworfen wird, weil ihr ein neben- 
sächlicher Irrtum anhängt, der auch in die blöden Augen 
fällt. Und dabei hatte doch eigentlich Ahrens, um den ich 
mich zu wenig bekümmert hatte, das Wesentliche schon vor 
mir gesagt, aber eben auch so, dafs er eigenes Denken ver- 
laugte. Gewifs war es schärfster Rüge wert, dafs ich aus un- 
berechtigter, aber damals allgemeiner Bevorzugung der elenden 
Ausgabe Zieglers dem Ambrosianus C eine Bedeutung beilegte, 
die er nicht hat. Aber vor mir liegen die Texte mehrerer Ge- 
dichte, wie ich sie damals für Kaibel niederschrieb, samt der 
Adnotatio, die wesentlich auf KBC gebaut war. Die kann ich 
jetzt nicht brauchen, aber der Text ist ziemlich derselbe: denn B 
ist nun einmal neben K die beste Handschrift gewesen, und C 
repräsentiert seine Vorlage Triklinios, also die Tradition 0. 
Für jemanden, der überhaupt befähigt ist einen Text zu machen, 
ging es auch so. Wer das nicht ist, dem wird keine Text- 
geschichte beibringen, wie er die Überlieferung zu beurteilen 
und zu benutzen hat. 

Aus der Tatsache, dafs Artemidoros die Bukoliker sammeln 
mufste, und aus der Qualität seiner Sammlung folgt, dafs es 
keine ältere Theokritausgabe gab. Artemidors Tätigkeit galt 
der Bukolik; er hatte ja die ßovxoMxä des Moschos und Bion 
vor sich, und sein Interesse erhielt deren geringe Nachahmer. 
Daher hatte er das Schwergewicht auf Theokrits Bukolik gelegt, 
und auch dessen Gedichtsammlung hat man nach der ersten 
Gruppe ßovxo?.utd genannt: man soll keinen anderen Titel 
suchen. Antike Bücher heifsen nun einmal oft nach dem Anfange. 
Ein wichtiges Werk zu nennen: die Aitia des Kallimachos, 
fünf Bücher, neben denen keine anderen Elegieen gestanden 
haben: das ist ja moderne Erfindung ins Blaue'). Aber der 

\) Wenu bei Stobäus Fl. 115, 11 das Lemma einiger Disticha ist, 
KukXtuüxov fntSv nomor (1. «'), so ist es unverzeihlich, das als ein Zeugnis 
für Elegieen neben der Aitia auszugeben: oder sind in hellenistischer Zeit 
f/iij auch Elegieen, oder gibt es überhaupt den Buchtitel tnifi Wer sich dem 
verschliefst, dafs das miav ist, der spricht sich sein Urteil. Wenn im Ery- 



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— 128 - 



jikoxapLoq war kein Aition, mufs aber doch darin gestanden 
haben. Die Ausgabe des Artemidoros und des Theon hat so 
durchgeschlagen, dafs neben ihr kein anderer Theokrit mehr 
existiert hat: es gibt keine Fragmente 1 ). Aber vorher hatte er 
doch irgendwie existiert, und ein für uns nicht oder noch nicht 
nachweisbarer Grammatiker zitiert bei Athenäus eine BsQevix7]. 
Bezweifeln kann man das nicht wohl : ein Gedicht auf die Mutter 
des Philadelphos, deren Konsekration Theokrit erwähnt, pafst 
sehr gut zu seinem Ptoleraaios. Also hatte Artemidoros nicht 
mehr alles aufgetrieben. Aber der ungeordnete Nachlafs eines 
Dichters, dessen Name doch nicht verschollen ist, gewährt leicht 
Fremdem Aufnahme: mag doch auch unter den Gedichten, die 
wir in der Sammlung finden, wie Herakles und Megara, eins 
oder das andere seine Aufnahme dem Umstände danken, dafs 
es Theokrit geheifsen hatte, wenn Artemidor sich auch nicht 
täuschen liefs. So mag am ehesten die rätselhafte Angabe in 
der Suidasvita Erklärung finden, in der, nachdem die ßovxoltxä 
ejzt) angeführt sind, es fortgeht: nvhg d' ävcKpSQOvoiv elg atitbv 
xai ravra, flgoirldag, 'Elniöag, "Ypivovg, 'Hgcaivag, imxt)- 
deta, fie?.t), ernygä^iaza. Davon sind die beiden letzten Kate- 
gorieen in der Ausgabe vorhanden, vereinigen sich ja auch gut 
mit den ßovy.ofoxä tat). Allenfalls könnte man auch noch die 
vjjLvot unterbringen wollen, auch die rjQColvai auf die Arfvai be- 
ziehen, was immerhin nur durch grobes Mifsverständnis möglich 
wäre. Aber die Ilgoirldeg und 'EXnlöeg sind unbedingt Einzel- 
gedichte, von denen nur diese Spur ist, und von kjwit)öeta weifs 

mologicutn *. v. Jvai hinter einem Zitate aus Alkaios, also einem lyrischen 
Verse, zitiert wird KitXXifutxos h iois (toiq fehlt richtig in einer Handschrift) 
tXtytfois, so soll man doch auch wissen, dafs tXfytta das Yersmafs bezeichnet 
und nicht tXtytiai. Aber die faulen Fische weiden immer wieder auf den 
Markt gebracht. 

') Das hat Meineke S. 398 richtig dargelegt. Keitzenstein (Ind. lect. 
Rostock 1892/9:» S. 25) hat eins zu finden geglaubt Etym. gen. 'HQdt . . 
ndviu dYvJpf« xttl TjQiu xtxur t toitt>%: xul KaXXifta/us 'i/roi r^jlov Hat nie tuvto' 
(251). Früher hatte man darin eine Variante zu 2, 13 gesucht. Offenbar 
war dieser Vers uro »' %«l f*tt«v aipu, zuerst zitiert; vielleicht ist nuvi« 
davon ein Rest; dann ein anderes Gedicht, nicht grade der Hymnus an Hekate 
bei Hippolyt Refut. 4, 35 xai' ^ia /«*r»?wrwv, aber vielleicht seine Vorlage. 



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— 129 — 



auch niemand. Es ist daher das wahrscheinlichste, dafs diese 
Titel aus Bibliothekskatalogen der hellenistischen Zeit stammen, 
die wir nicht nur nicht verifizieren können, sondern denen wir 
einfach den Glauben versagen müssen, wenn es nicht verlorne 
Gedichte wie die Berenike waren. Auch für uns ist Theokritos 
kein anderer, als der bei Artemidoros erscheint. 

Die Grammatiker oder vielmehr unsere Handschriften bezeugen 
schlicfslich dasselbe ausdrücklich: sie nennen die Einzelgedichte, 
die auch einen Individualnamen führen, eldvXha. Ich bin darauf 
nicht eingegangen, weil es auch so ging; in Wahrheit mufste ich 
eigentlich davon ausgehen. Wenn Pindars Gedichte stör] heifsen, weil 
jedes ein Ton für sich ist, lyrisch zu reden, und wenn jeder weifs, 
dafs die Sammlung von Pindars Gedichten das Werk eines Gelehrten 
ist, so ist mit demDeminutivum eldvkhov nur das Gröfsen Verhältnis 
bezeichnet, sonst mufs es mit Theokrits Gedichten ebenso stehn. 
Einen Ton für sich bilden diese epischen Gedichte, weil sie ein 
jedes sein individuelles Wesen haben, und weil sie ein Sonder- 
leben geführt haben, bis man sie sammelte. Das hätte Theokrit 
tun können, wie Simias seine Symmikta, Kallimachos seine Aitia, 
Hymnoi, Epigramm ata gesammelt hat. Aber er hat es eben 
nicht getan; daher diese Bezeichnung, die bei den andern nicht 
wiederkehrt. Parthenios scheint es später wie Theokrit gemacht 
zu haben. So hat dieser Text denn ein Schicksal wie der der 
alten Lyriker, nicht wie der seiner Zeitgenossen : erst lange Zeit 
nach ihrer Entstehung sind die Gedichte gesammelt wordeu und 
ist der Text konstituiert. Es konnte nicht ausbleiben, dafs die 
Qualität des Textes in vielem den Klassikern ähnlicher ward als 
dem Arat oder Kallimachos, die ihre Werke selbst ediert haben, 
so dafs unsere Handschriften in ungebrochener Tradition auf die 
authentische Originalausgabe zurückgehen. 



Philolog. Untersuchungen. XVIII. 



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e i 1 a g e n. 



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1. Eigennamen. 

• 

Auch nach der verständigen Untersuchung von Wendel') 
(de nominibus bucolicis Leipzig 1900) sind noch einige Bemer- 
kungen nötig, namentlich kritische. Namen wirklicher Menschen 
und erfundene Namen, die wirkliche Menschen hczeichnen sollen, 
müfsten eigentlich onomatologisch ganz gleich aussehen. So ist 
es überwiegend in der Komödie; aber nicht immer: Etiefotidift, 
Tovyalog, Xdßrjg könnte es geben, gibt es aber nicht. Er- 
findungen, die als solche ohne weiteres kenntlich sind, <PäoxXkov, 
'AfUfldeos, zählen hier nicht. Dichtungen, die den ßiog wieder- 
geben, wollen der Natur der Sache nach nur geben ola äv 
yivoivo. So ist die Neue Komödie, so sollte der Mimus sein. 
Vielleicht war Sophron so; wir wissen so gut wie nichts von 
der syrakusischen, Sikelisches notwendig enthaltenden Ono- 
matologie, aber Koixöa und auch Oeavv?Jc, das Theokrit über- 
nahm, sind für unsere Kenntnis und waren für das Publikum 
Theokrits ungewöhnlich; Thestylis klang aber griechisch. Von 
dieser Art hat Theokrit mehr, und das dünkt mich bemerkens- 

') Von Mifsgriffen uotiere ich nur, was die Namen selbst angebt. 
.Kvtav (15, II) iat keine mala forma, sondern richtig. Der Historiker, Kleit- 
archos' Yater, hat ja so geheifsen. Die Archäologen finden es freilich feiner, 
von einem 'Deinos' zu reden; aber rollen heifst wirklich thifh\ tf/inj»- 
äolisch. 15, 13 wird Büchelers Konjektur Ztonvnwy yXixfobv rfxog dadurch 
nicht entkräftet, dafs ZtanvQttav ein in Asien und später allgemein verbreiteter 
Name ist: Kindern gibt man gern Kosenamen, und was verschlägt o und w? 
TTjvav rav xvitvotfQvv tpoiiSn 4,59 kann keinen Eigennamen 'Eoutiis geben; 
an den schwarzen Brauen soll er die Gemeinte erkennen, die Battos so wenig 
nennt wie den 'Alten', der mit ihr schäkert, vermutlich den Herrn. fQuris 
ist eine Parallelbildung zu lounvlos 3, 7. Anderes kommt gelegentlich zur 
Sprache. 



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134 



Beilage: 1. Eigennamen. 



wert Den Hirten, der von Daphnis singt, nannte er dvgoig; 
man begreift die Bildung, aber der Name ist unbelegt, und 
schwerlich hat ihn ein MeDsch getragen, ehe Römer ihren 
Sklaven literarische Namen beilegten. "OXmg 6 ygutevg ist 
ähnlich gebildet und kann von öXjit) kommen 1 ); aber wir kennen 
doch nichts Verwandtes. Afiagvkkig ist uns vertraut, durch 
Theokrit; so war's schon in der Kaiserzeit, als Longus den 
Namen borgte, und so tat das Antipatros von Atopeke, der in 
der Kaiserzeit eine Tochter 'AfiagvXXlg nannte (IG. III 1557): die 
Wahlnamen der Spätzeit (es geht bis Kimon und Alkibiades, bis 
Achilleus und Admetos) verdienen auch eine Untersuchung, die 
mit den Sklavennamen Roms beginnen mufs. Komvaglg kann 
in Syrakus bestanden haben, da die thrakische Kozvtti) in 
Koriuth verehrt ward, und für eine alte Wahrsagerin pafst der 
Name; nur bleibt er eine Singularität, und die Entlehnung bei 
einem Spätling (Anth. Pal. XI 72) ist ganz irrelevant. Sehr gut 
hat Bechtel aus dem Nachahmer Herodas die Kakaifttg (5, 15) 
in eine Kvlatölg verbessert und eine Etymologie versucht (von 
vä xv),a)\ aber diese bleibt doch nur eine Möglichkeit. Kqo- 
xvkog und Moqomv konnte es geben: hat es sie aber auch ge- 
geben? Bei Möqocov bleibt das Mifsliche, dafs Bion und aus 
dem der "Em&aXdfuog AxiXXecog einen Mtigocov haben, was 
auf eine Variante bei Theokrit deutet; auch den Lycotas des 
Properz und Calpurnius halte ich für eine Variante zu Avxtiaag 
(5, 62): welche besser ist, vermögen wir nicht zu sagen. Nun 
kommen aber Namen, die für uns nicht nur unbelegt, sondern 
anomal sind. Mefal-o) (2, 146); das Spiel mit hypothetischen 
Vollnamen (Metädv&rj Wendel) ist sehr billig; es ändert aber 
daran nichts, dafs uns unbegreiflich ist, weshalb der Dichter 
eine Füllfigur mit einem mühsam ausgeklügelten Namen versah. 
Ich könnte mir viel eher denken, dafs er nach dem geläufigen 
Heroinennamen IloXv^d) einen andern macht, der griechischen 
Klang hat, ohne viel an sein Vorkommen und seine Ableitung 



') Verführerisch ist, dafs der attische (d. h. in Athen als Sklave tätige) 
Vasenmaler "Oltos zu dein Sikelioten 'Okt/axta IG. XIV add. 372* tritt; aber 
das zwingt kein 'Olni auf. 



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Beilage: 1. Eigennamen. 135 



zu denken. So ist es doch mit Adßag (14, 24), das es, soviel 
ich sehe, gar nicht geben kann'). Ich würde den Genetiv 
Aaßä vorziehen, wenn man von kaßelv überhaupt Namen machte. 
Ferner Adxcov mit langem a. Das ist ein Sklave: der soll einen 
Kurznamen von AaxvÖrjg Aaxgdvrjg oder so etwas tragen! 
Längst wäre der Name geändert, wenn's eine Möglichkeit gäbe; 
Theokrit wird also ohne viel etymologische Schmerzen Xaxtlv 
darin gefunden haben. Der Herr des Lakon ist dreimal Evfidgag 
mit langer Mittelsilbe, während sie doch in Evfiagog Etifiaglör)g 
kurz ist. Da wird also geändert. Aber ßv(ovl%og duldet man 
und leitet man von dem böotischen tovltov, geboren im Monat 
Hvlog, ab, gleich als ob das u nicht lang sein müfste; den Bvlog 
hätte Theokrit übrigens wohl nur gekannt, wenn er wirklich aus 
Orchomenos gestammt hätte. Ebenso macht man aus dem gewifs 
onomatologisch unmöglichen Hevfxagldag (2, 70), 8ev%agtdag und 
verläfst sich plötzlich auf öe-u^ao/Actg, das Triklinios für <f> nicht 
genug sichert, 'bmoxlt&v aber, das 10, 16 gerade durch die Vari- 
anten gesichert wird, sucht man durch künstliche Mittelchen mög- 
lich zu machen; der Erfolg ist sehr kümmerlich. .4700t« 3, 31 
haben schon die Grammatiker beanstandet und ä ygoub, dann 
YQaiü), ygala konjiziert, immer noch besser als in der Apposition d 
jvgdv jtotoXoyevaa Jtagaißdng eine Dame zu finden, die danach 
genannt sein müfste, dafs ein Ahn von ihr Jiagaißdvrjg auf einem 
Streitwagen gewesen wäre; während die alte Hexe neben dem 
Hirten herlief und äygia Xd%o.va. suchte, wie man ihresgleichen 
auf den Hügeln von Athen und selbst in den Ruinen oft findet 
(denn die Scholien irren, wenn sie an Ährenlesen denken; die 
Hirten sind keine kgyaxivaC). Theokrit hat von äygög eine 
Bildung gesucht und sich bei der grammatischen Richtigkeit 
nicht lange aufgehalten. Das scheint mir das Wesentliche: er 
mag nicht in die Farblosigkeit der Xgtfirjg und $aidglag t <Ptlov- 
pevr) und Bax%ig der Komödie seiner Zeit sinken ; Sophron weist 
ihm auch da den Weg. Natürlich, städtische Sklavinnen bekommen 

') Dem Athener Außm IG. II 864 (Prytanenliste 4. Jahrh.) kann ich 
kaum trauen: der Hund A«ßr,s in den Wespen ist ja nur boshafte Umbildung 
von .lay^i. 



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136 



Beilage: 1. Eigennamen. 



Namen, wie sie zu hunderten herumliefen Evvoa, Evvuxig, und 
so die Städter meist, AiXqig, EfiddfMWJiog (klingt vornehm, 
junkerhaft, wie es soll) Aiayjvqg, Ilgaj-ivöa, rogyd», Kkeaglara, 
Slpaifta (klingt plebejisch); aber bei den Namen der Hirten 
und Landleute, die eine ganz andere soziale Schicht bilden, 
greift er gern nach Fremdartigem; gewifs denkt er bei Alywv 
an die Ziege, bei Kogvdiov an die Lerche. Die Erfindung ist 
keine andere, als wenn er einen Freund nach dem Bocke Tlrvgog, 
nach dem Wolfe Avxidag nennt. Es ist wahrlich kein Wunder, 
dafs grammatisch Anfechtbares oder gar Falsches unterläuft. 
A&Atptg, Kgarldag (beides gar nicht gewöhnlich) hat er in Kos 
gehört; aber auch IloXvßcottig, wenn auch als Heroenname, und 
das ist nur für uns eine andere Kategorie: die drei Nymphen 
Evvixa xai Maklg sag ögöcooa Nvyeia sind von dem Dichter 
auf demselben Wege der Erfindung geschaffen. Wie sollten wir 
allem nachkommen? Adyvig, Meväfotac (bei seinem Nachahmer, 
aus Hermesianax), Ko^idvag sind Namen der Sage ; oh Aafiottag, 
der Gefährte des Daphnis, das nicht auch war? Denn Theokrit 
hat Daphnis (6 ßotmöXog steht ja dabei) nirgends als vulgären 
Hirten behandelt. Meg^von» 3, 35 klingt uns sehr fremd: man 
denkt an die Mermnaden, also einen lydischen Namen'). Bov- 
xalog war schon den Alten so singulär, dafs sie auf Abwege 
gerieten. Schliefslich also: die sprachlich bedenklichen Namen 
sind aus dem grammatischen Grunde allein nicht anzutasten. 
Wenn ein Nachahmer die KvXoiiflg liefert, so nehmen wir das 
dankbar an; wir würden auch Hevyagiöag annehmen, wenn es 
zuverlässige Überlieferung böte. Einen Namen habe ich selbst 
mit Zuversicht geändert: 14, 13 steht neben Kleonikos aus Stratos 
'Amg aus Thessalien. Den Apis macht mir weder der Seher 
der Urzeit noch der ägyptische Stier wahrscheinlich: auch in 
einem Papyrus würde ich r Aytg herstellen : das ist der vulgäre 
Name, der dem Soldaten gut steht. 

Die Nachahmer der Bukolik bringen nichts Neues in den 
Namen: das ist sehr beherzigenswert; sie bringen ja auch im 

') In dem Verzeichnis dor Freier Hippodameias fSchol. Find. Ol. 1, 127 
ist die Namensform unsicher. 



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Beilage: 2. Strophische Gliederung. 



137 



Dialekte nichts als was sie von Theokrit nehmen konnten, es 
seien denn Mifsverständnisse. 

2. Strophische Gliederung. 

Nichts hat den Text der Gedichte so verwüstet wie die 
Annahme, die Lieder, die in den Gedichten direkt eingeführt 
werden, müfsten in Strophen gegliedert sein; vollends wenn ein 
Schaltvers eingeführt ist, hat man die einstmalige Existenz gleich- 
grofser Perikopen eigentlich eines Beweises gar nicht bedürftig 
erachtet. Und doch wird in epischen Gedichten niemals das 
Lied direkt wiedergegeben, das doch lyrisch ist, d. h. gesungen 
wird, sondern ein Reflex des Liedes in einer anderen poetischen 
Gattung. Also der rein musikalische Zweck des Schaltverses, 
dafs ein integrierender Teil der Melodie immer wiederkehrt, fällt 
damit hin. Von der anderen Art des Ephymnions, dafs die Ge- 
meinde mit bestimmten Rufen zwischen dem Einzelvortrag ein- 
setzt, ist vollends nirgend die Rede. Gerade dies war übrigens 
durchaus nicht an Reponsion gebunden: das lehren die Zwischen- 
rufe tyjzcudv und ähnliche in wirklich für den Kultgebrauch 
bestimmten Hymnen, z. B. denen aus dem athenischen Askle- 
pieion. 

Man darf überhaupt nichlt mit einem vorgefafsten Schema 
an die Gedichte herantreten, das ihnen dann aufgezwungen wird, 
sondern mufs von dem Tatbestande ausgehen. Da trifft es sich 
gut, dafs Theokrit einige wirkliche Lieder gemacht hat, im An- 
schlüsse an die äolische Poesie, die wir zwar nicht besitzen, von 
der wir aber wissen, dafs die späteren Ausgaben sie in Distichen 
absetzten. Da läfst sich nun das 30. zwar durch zwei dividieren, 
aber die Sätze und Gedanken fügen sich einer Gliederung in 
Disticha durchaus nicht. Die Spindel hat 25 Verse, und an die 
Kinderei, einen auszuwerfen, also einen Interpolator zu erfinden, 
der äolisch dichtete, verschwende ich kein Wort. Gleichwohl 
bieten sich ohne weiteres, wenn man richtig rezitiert, am Anfange 
zwei Disticha, ebensoviel am Ende, und 8—12, 15 — 18 fügen 
sich auch. Aber ebenso unverkennbar sind die Tristicha 



138 



Heilage: 2. Strophische Gliederung. 



OJtJKüg §E1>V0V EfJLOV TEQlj)Ofl' iöcuv xdvvMpi/lrjoofiai' 

vvlde yciQ Jiköov evdvefiov alxr)iieüa Jtäg Aiög, 
Nixlav XaQivcov IftBQoqxbvmv Ieqöv (pvvov 
und 12 

6lg yäg ftavigeg agvcov /LiaXaxoig f.v ßordvat Jiöxotg 
jie^atvz' avtOEVEi HevyEvlöog y' ewex' £vog>vQ(0' 
ovtcog avvoiBQyog, q)iMei Ö' oaaa aaöfpQoveg' 
und 19 

vvv fiäv olxov e%oio' ävE'gog, ög Jt6k/J ödat] aocpd 
dv&Qcbjioi(H vöaotg <pdQ/j,axa Xvygaig dnakalxifJUEv, 
oixrjoeig xavä MiX/.avov s'gavväv sied' Iaövayv. 
Diese letzten drei Verse hängen untrennbar zusammen ; bei den 
beiden ersten Tristicha könnte man 2 und 1 abteilen, was im 
Resultat auf dasselbe herauskommen würde. Also strophische 
Abteilung hat der Dichter nicht gewollt; er hat aber doch seine 
Worte und Sätze so verteilt, dafs oft etwas Ähnliches herauskommt. 

So steht es auch in dem ersten Knabenliede. Da stehn erst 
unverkennbar vier Disticha, aber danu ein ganz scharf abge- 
setztes, für den Sinn ganz besonders bedeutsames Monostichon 

ji(bg raör' äg^ieva vöv <piX6ovT' dvlmg öiÖatv; 
Damit schliefst der erste Teil des Gedichtes ab. Und wieder 
kommen Disticha, diesmal 6, dann aber wieder eine bedeutsame 
Mahnung in einem Monostichon 

iplh) d' dg xe £6r)ig*) vöv v/noto» lyeiv de/. 
Worauf zehn untadelhafte Disticha folgen. 

Meines Erachtens gibt es da nur eine Erklärung. Theokrit 
las die lesbischen Gedichte noch nicht durch die Paragraphos in 
Disticha oder Tetrasticha abgesetzt; aber er empfand den Bau 
der Rede, die eben darauf aus war, solche kleinen Einheiten 
abzugliedern. Mit Recht sah er darin den spezifischen Reiz 
dieser Gedichte, der für die Griechen darum ein Reiz war, weil 
ihre herrschende Kunst in der Poesie und noch mehr in der 
Prosa ganz andere Tendenzen verfolgte. Theokrit sucht in diesen 
Liedern nicht nur hinter dem Distichon oder Tristichon, er sucht 
so ziemlich hinter jedem Verse die metrische Pause auch für den 

') C als weiches s gesprochen wie Timotheos Perser 203 mit meiner 
Anmerkung S. 39. 



Beilage: 2. Strophische Gliederung. 



139 



Sinn einen Ruhepunkt bilden zu lassen. Das macht nicht nur 
die Sätze kurz und die Gedanken im Gegensatz zu der Lang- 
atmigkeit des damaligen Stiles gedrungen 1 ), sondern es stellt die 
Form des Liedes in schroffen Gegensatz zu aller rezitativen Poesie. 
Diese fordert das Enjambement; Hexameter, in denen die Sätze 
nicht übergreifen, sind auf die Dauer unausstehlich. Ein »gutes 
Distichon wird als solches zwar eine Einheit sein, aber die Ruhe- 
pause gehört entweder vor den fünften Fufs des Hexameters oder 
innerhalb der ersten anderthalb Füfse des Pentameters. Die iam- 
bischen Trimeter bauten die Komödie und Sophokles ohne Rück- 
sicht auf das Versende; die andern respektieren es: um so kunst- 
voller mufs das Enjambement der Satzglieder behandelt werden. 
Euripides vollends, der rhetorisch gebildet ist, aber dabei doch 
ein Dichter, weifs auf das weiseste zu disponieren: lese einer 
mal den Prolog der Medea darauf hin, wo die Punkte stehn, wie 
man also rezitieren mufs. Am letzten Ende entspricht das En- 
jambement der Zäsur, das Absetzen der Verse der Diärese. Daher 
denn das Lied, von so musikalischen Dichtern gehandhabt wie 
Sappho oder Aischylos, die ki&g durchaus dem Rhythmus dienstbar 
macht. Die kleineren Strophen der Lesbier und der Tragiker 
sind mindestens für uns unendlich melodiöser als die grofsen 
Gebilde Pindars, dem man es anmerkt, dafs er keine Verse ab- 
setzte. Den epischen Vers aber kann man auch von dieser Seite 
her verstehn: wer die Zäsur für eine Diärese hält und den Hexa- 
meter zu einem Saturnier macht, der verrückt die Schranken 
zwischen Sangvers und Sprechvers'): er soll die lyrischen Dak- 

M Nun lebt er aber doch in der Zeit der Poriodisieruug, der xattotQttu- 
utvt) Xfzt;, ihm selbst snbjiingieren sich die Gedanken und er bringt sie künst- 
lich in die Parataxe. Dabei kommt dann so etwas heraus wie der Schlufs des 
ersten Uattiixoi: den Vahlen gegen die Umstellerei verteidigt hat. Da war 
der Gedanke selbst etwa in folgender Periode konzipiert tat' J> «>, ntf.f^i 
xaintQ vvv tn't rö ta^aia iixoi.ov»^aat not tiotftas wi , ot-t)' tav 'vohquv «vroi 
xaXfa, vTtaxüiaouttt oüJ' toflif ifc oixi'm tfrl&fir. Die künstliche Parataxis 
l&fet den ersten Bedingungssatz besteht], macht aber den Konzessivsatz selb- 
ständig und erzeugt so den Schein eines ganz unlogischen Fortschritts. 

2 ) In meiner Übersetzung des Adonis habe ich mir einen freien deutschen 
Khvthmus gewählt, der ein Distichon gab, das etwa Hexameterlänge hatte. 
Ich ging auf dem Wege weiter, den P. v. Winterfeld mit seinem WaUharius 



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140 Beilage: 2. Strophische Gliederung. 



tylen bei Aischylos und Euripides und die in Sapphos zweitem 
Buche mit Homer vergleichen oder mit den Hexametern, die 
auch Sappho homerisch baut: dann wird er sehen, dafs die Zäsur 
ein Kind der Rezitation ist. Andererseits sehe er die lesbischen 
Mafse bei Horaz: 

seu plures hieine», seit tribuü luppiter idtimam, 
quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare 
Tyrrhenum; sapias, vina liques et spatio brevi 
spem lonyam reseces. dum loquimur. fuyerit invida 
aetas. carpe diem, quam minimum credula postero. 

Oder gar 

siccis omnia natu dura deus proposuit, neque 
tnordaces aliter dijfugiunt sollicitudines. 

Es sind wirklich ganz andere Verse geworden. Das macht das 
Bestreben, die geglaubten Fugen der Versglieder durch Wortende 
herauszuheben, damit das fremde Mafs dem Lateiner ins Ohr 
falle, und daneben das schrankenlose Enjambement. Horaz war 
doch ein Kenner; ich wenigstens traue ihm zu, dafs er die Poesie 
der Lesbier nicht flacher empfunden hat als Theokrit; aber er 
war ein Lateiner und in Rede und Theorie an die Herrschaft 
der rhetorisierenden Manier gewöhnt, wie das ja schon die 
Peripatetiker waren, auf deren Konstruktionen die ganze antike 
Stillehre beruht, und vor allem: er sang seine Verse nicht, er 
rezitierte sie. Da ist denn etwas herausgekommen, das, wem es 
gefallen kann, jedenfalls den entgegengesetzten Effekt macht wie 
die Originale. Diese soll man aber nicht nach Horaz modeln. 

Theokrit also ahmte in der Weise nach, dafs er einfach von 
dem ausging was er las, und den Eindruck anstrebte, den er 
empfing. Die Verse, die ja ganz gleichartig wiederkehrten, 
waren ihm stichisch gebaut; aber er empfand die Abgliederung 
jedes einzelnen, oder doch dies als Regel, und er empfand die 
Gruppierung in kleinen Komplexen. Wenn er nun Hexameter 

mir gewiesen hat. Es ist ganz wider meine Absicht geschehen, wenn meine 
Verse den Eindruck erweckt haben, als sähe ich den griechischen Hexameter 
für ein Distichon an. 



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■ 



Beilage: 2. Strophische Gliederung. 141 

baute, bestimmt für seine Rezitation, so fiel die unmittelbare 
Imitation und die unmittelbar lyrische Wirkung weg. Der Kyklop, 
die beiden Lieder aus den Thalysia und der Aites sträuben 
sich so vollkommen gegen jede Versgruppierung 1 ), dafs sie von 
den meisten in Ruhe gelassen sind. Der Wettgesaug von Da- 
moitas und Daphnis (6) verzichtet sogar auf die Gleichheit der 
konkurrierenden Lieder, die von den Nachahmungen in 8 und 9, 
allerdings bei sehr kleinen Komplexen, gewahrt ist. Aber jene 
Kunstmittel der Lyrik konnte Theokrit ohne weiteres auch in 
epischen Gedichten anwenden; und so hat er es getan. Seine 
Helena ist zuerst ganz episch: mit Bedacht hebt sie an ev aox' 
äoa Sadovai wie ouh äoa [iovvov irjv igldcov yivog, wie sein 
Freund Nikias ihm geschrieben hatte, fjv äo' d/.r)ftkg vovto 
OeoxQivt, wie Rhianos // äoa örj fid).a jzävveg äfiaQnvöoi jteAd- 
fiea&a. Überall liegt darin u ihr kennt die Geschichte, den 
Satz . . .". Das schafft hier rasch den Übergang zu dem Hyme- 
näus, der durchaus alte Lyrik nachbildet. Aber diese Nachbildung 
macht gar keinen Versuch, den Takt des lakonischen Reigens 
wiederzugeben. Es ist vollkommene Begriffsverwirrung, hier 
Strophen zu erwarten. Sieben Verse harmlose Verspottung des 
Bräutigams, sechs Verse Gratulation an ihn: das ist gar nicht 
als Parallele empfunden. Und doch sind vier Tristicha hinter- 
einander gar nicht zu verkennen, 26—38, und 43—48 stehen 
drei Disticha. Also die Gliederung ist ein Kunstmittel, das 
dazu bestimmt und geeignet ist, an die musikalische Wirkung 
des gesungenen Liedes zu erinnern ; aber sie ist kein Stück der 
Tektonik dieser epischen Gedichte. Die Dioskuren geben sich 
als einen epischen Hymnus. Wer wollte aber am Schlüsse die 
zwei stark ins Ohr fallenden Tristicha verkennen, die durch den 
gleichen Anfang vfxlv hervorgehoben sind? Der Ptolcmaios ist 



') Auch das Lied der Sängerin iKitharodin) in den Adoniazusen gehört 
dahin. Denn wenn man zuerst zufällig zwei Perikopen von G Versen ab- 
gliedern kann, so geht das nachher ganz in die Brüche; nicht einmal die 
Gewaltsamkeiten haben den letzten Teil in Strophen zerschneiden können. 
Hier sind wir übrigens sicher, dafs ein solches Kultlied die Formen der da- 
maligen Lyrik hatte', aller Wahrscheinlichkeit nach der Kitharodie: unter 
allen Umständen war es ohne Responsion. 



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142 



Beilage: 2. Strophische Gliederung. 



ein Gedicht ganz derselben Art: er beginnt mit sechs Disticha, 
die ganz besonders kunstvoll abgesetzt sind 1 ). 

Die Chariten haben am Anfange nnr zwei Disticha; aber 
Absicht und Wirkung ist auch in ihnen unverkennbar. Danach 
wird man erkennen, wie der Anfang des Hylas zu rezitieren ist 

ovx äfifuv tbv "Eqwtcl debg zexev, d)g iöoxevfieg 
Nixla öitivi tovto tiswv jioxa tixvov fyevto' 

ovx äfifiiv td xaXä Jigdtotg xaÄä (palvstai slvai 
ot frvatoi neköfieofta, tb <5' avgiov ovx ioogay^eg' 

dkXd xai 'AfKpitQvowog ö xalxeoxdodiog viög, 
og tbv Xlv vKSfiEivE tbv äyoiov, rjoavo jmuööq 

via x^Qlevrog "YXa 

Hinter jedem der drei Distichen mufs inne gehalten werden: 
"der verliebte sich auch in einen Knaben"; damit ist der Ge- 
danke des Einganges fertig; mit der Nennung des Hylas ist das 
Thema der Erzählung gegeben, in die wir sofort eintreten, und 
die dann in epischem Flusse abrollt 3 ). 

In den Ergatinai (10) wollte Theokrit ein wirkliches Arbeits- 
lied nachbilden, ein Volkslied, das der Vorarbeiter bei dem 
schweren Geschäfte der Weizenernte sang. Das war ein Lied, 
wie wir sie nun zu schätzen wissen, wenn wir auch keines der 
Art aus dem Altertum erhalten haben. Auf eine simple Melodie 

') Ganz unmöglich ist es, dies zu zerstören, indem man etwas aus dem 
nächsten Verse herüberzieht, schon um des Stiles willen. Aber auch der 
Sinn duldet keine Einschränkung von naqa (ju>q(« tlmiv olm »tot ibv «Qiaior 
iriutjauv ßaatlfjtt. Die Disposition, die im folgenden regiert, ist ix nuiiqwv, 

oio; uh> 'irjv Tlioktpaiot (13) öl« tfl RfQirixr) (34). ix narigtov x«t 

to yivof fiiv, xai ooov fiiv xuta tö yivot. 

2 ) Freilich Homerische Gleichmäßigkeit ist vermieden. Es steigert sich 
das Pathos bis 24. Da macht der Rezitator eine Pause und setzt wieder 
ganz schlicht erzählend ein. 52 ist wieder solch Haltpunkt, hier durch 
Asyndeton und rekapitulierenden Neuanfang bezeichnet: den Schlufs vorher 
gab ein gesuchtes Bild. 61 setzt mit einem gar nicht verzahnten Gleichnis 
ein neuer Teil pathetisch ein; 66. 67 ziehen das Fazit, an den persönlichen 
Eingang mahnend. 68—71, 71—75 kann man sogar Tetrasticha abteilen; 
allein die Zahl ist unwesentlich, da kein Parallelismus der Gedanken vor- 
handen ist. 



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Beilage: 2. Strophische Gliederung. 



143 



werden eine Anzahl konventioneller Verse gesungen, die sich 
als echte Poesie mit dem beschäftigen, was die Sänger gerade 
tun. Die Verse brauchen mit nichten innerlich zusammenzu- 
hängen: die Gelegenheit, bei der sie erklangen, gab den Zu- 
sammenhang; ein begabter Sänger mochte auch improvisieren. 
Dem Theokrit kam es in diesem Falle darauf an, das alte Lity- 
erseslied wiederzugeben; er hatte es offenbar von lydischen 
Schnittern gehört: denn da gehört Lityerses hin, der keinen 
griechischen Namen führt; das Lied war natürlich längst grie- 
chisch, nicht als Übersetzung, aber vielleicht mit Herübernahme 
der lydischen Melodie. Diesem Volksliede, das des Individuellen 
notwendig entbehren mufs, stellt er ein Liebeslied gegenüber, 
wie es eben auch bei der Arbeit die begabten Kinder des Volkes 
improvisierten. Mit grofser Feinheit hat der Dichter erreicht, 
dafs der verliebte Bauernjunge possierlich wird; es ist seine erste 
Liebe, und er hat ganz die Gefühle eines Primaners, aber er 
kann Verse machen: die Kameraden mögen ihn auslachen, mit 
gutem Rechte, aber er imponiert ihnen doch dabei'). Diese 
Improvisation geht natürlich auch auf die gewöhnliche Melodie, 
denn einen Ton erfindet nicht gleich einer. Der Dichter mufste 
also auch für sie die Transposition in den epischen Vers ent- 
sprechend vornehmen. Dazu hat er sich nun in beiden Fällen 
der Disticha bedient und hat auch die beiden Lieder dadurch 
zu vollkommenen Gegenstücken gemacht, dafs sie aus je sieben 

') Der Rat, den ihm der ältere Kamerad am Schlüsse gibt, er sollte 
seiner Mutter die Liebe gestehen, ist gut gemeint. Hoffentlich hat Bukaios 
ihn befolgt: die wandernde syrische Musikantin ist seiner Mutter keine 
präsentable Schwiegertochter gewesen. Es ist, als sollte eine Bauersfrau, 
wenn sie auch nur ein Stückchen Land hat, so dafs der Sohn anderswo als 
Tagelöhner auf Arbeit geht, eine böhmische Harfenistin anerkennen. Das 
Gedicht ist ein rares Stück Leben. Ich habe es früher nicht verstanden: 
da klebte ich an den formalen Kriterien. In der Tat haben die Verse einen 
etwas anderen Klang und einen onorfoiiiZan' wie hier (höchst spafshaft) am 
Schlüsse gibt es sonst bei Theokrit nicht. Und doch stimmt zu xat tvvav 
ög&Qfvoioat gerade Philitas, Stob. 104, 12 uriat Ttioixnotr. Was hier anders 
klingt, ist beabsichtigte Stilisierung; 5 und 1 klingen auch sehr verschieden. 
An 8 kann man metrische und prosodische Gegensätze, an den Lenai 
solche des Verhältnisses von l&s und Vers ermessen, die denselben Verfasser 
ausschliefsen. 



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144 



Beilage: 2. Strophische Gliederung. 



Disticha bestehen. Diese Form hat dann der Verfasser von 8 
nachgeahmt; auch Moschos hat Fgm. 2 in Distichen gebaut; 
aber dafs es die epische Nachahmung einer kleinen lyrischen 
Strophe ist, wird nicht mehr unmittelbar fühlbar; es entspricht 
der Abgliederung einzelner Teile von 13. 16. 17. 18. 

Der Wettgesang zwischen Komatas und Lakon ist insofern 
ähnlich, als er ganz aus Distichen besteht; sie improvisieren ja 
auch; aber da immer Personenwechsel eintritt, und die Gegen- 
reden vor dem Versduell häufig dieselbe Form haben, fällt 
die Kunstform nicht so sehr ins Ohr. Daher hat der Dichter 
von 8 je ein paar elegischer Disticha gewählt, die dann freilich 
sehr stark an das Epigramm anklingen, also dem Gesänge noch 
ferner stehen'); es ist das keine löbliche Neuerung, die denn 
auch Vergil, obwohl er gerade dies Gedicht so bevorzugt, nicht 
mitgemacht hat. 

Ein weiterer Schritt ist im Komos geschehen. Da ist auch 
ein Lied nachgebildet, und der Dichter kehrt den Gegensatz 
hervor, indem er den Hirten, ehe er ihn vor die Grotte gehen 
läfst, in der sein Schätzchen wohnt, einige Verse sprechen läfst; 
es sind füuf. Die Zwischenzeit, den Gang zur Grotte, mufs eine 
Pause des rezitierenden Künstlers markieren. Dann drei Disticha; 
die unterscheiden wir leicht, denn der Hirt hält nach jedem 
inne, in der Hoffnung, die Dirne würde irgendwie reagieren. 
Man kann diese Worte noch nicht gesungen denken; aber den 
Unterschied zwischen seinen Reden vor dem Gesänge und dem 
Gesänge selber hat Theokrit überhaupt nicht genügend markiert, 
aufser das eine Mal, das eben dadurch so deutlich ist, dafs es 
den bis zum Ende fortgehenden Gang von Tristichen unterbricht, 
so dafs die Modernen besonders viel geändert haben. Und doch 
ist es ja sonnenklar, dafs 24 als Dissonanz wirken soll 

äftoi eyc6, vi näfto), vi 6 dvooooq; oö% imaxovEig. 



») An die alte Weise, dafs die Elegie, also auch die Theognideischen 
Sprüche, zu konventionellen Flötenmelodien vorgetragen wurden, hat der 
Dichter schwerlich gedacht, obwohl sich die Syrinx an sich zur Begleitung 
eignete: es ist ja kein Unterschied zwischen den Sängern und den oryixmf, 
wie ihn Theokrit im Thyrsis macht. Und hätte er daran gedacht, so wäre 
die Mischung von Epik und Lyrik für antikes Empfinden stillos. 



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Beilage: 2. Strophisch* Gliederung 



14.S 



Das soll man so rezitieren, dafs es als gesprochen zwischen den 
Liedversen sich abhebt. Das Ganze also ist wieder die Nach- 
ahmung eines Liedes, das seiner Natur nach in der Wieder- 
holung von lauter kleinen Strophen bestand. 

Die Pharmakeutriai sind zu Anfang ähnlich. Eine Weile 
redet Simaitha, dann kommt die Zauberei; dazu setzt der Vers 
ein, mit dem sie das Zauberrad in Bewegung setzt 

/V/£, EÄxe zu vijvoi' Bfiöv novi dcbf.ia vöv dvÖQa. 
Sie mufs das Rad immer wieder drehen; das gibt eine regel- 
mäfsige rhythmische Bewegung, setzt also Strophen ab, Vier- 
zeiler, wenn wir den Schaltvers abrechnen, der übrigens am 
Anfange und am Ende der ganzen Reihe steht. Es ist von 
keinem Gesänge die Rede, also von keiner wiederkehrenden 
Melodie: der Vers, der an das Rädchen gerichtet ist, kehrt nur 
regelmäfsig wieder und erweckt so den Eindruck, als hörten 
wir das Rädchen selber dazu schnurren. Als die Magd fort ist, 
sagt Simaitha "nun bin ich allein, ich kann meine Liebe be- 
klagen. Mit dem Anfange will ich beginnen: lieber Mond, 
künde mir, woher ist mir die Liebe gekommen". Das klingt 
uns gar nicht wie ein leerer Schaltvers, es gibt die Stimmung 
der Verlassenheit, in der sich der natürliche Mensch an das 
Element wendet; aber es ist doch schon Schaltvers: sie hat an- 
gefangen, ehe sie den Mond anruft; das ist geschehen, um diese 
Anrufung zum Schaltverse zu machen. Und so geht es dann 
weiter; die Anrufung hat gar nicht immer besondere Bedeutung, 
ja sie steht sogar in der direkt eingeführten Rede des Delphis. 
Erst als die Liebe da ist, als das verhängnisvolle Geständnis 
der Liebesnacht beginnt, setzt der Vers aus, und nur ganz am 
Schlüsse kehrt die Anrede an Selene wieder, nicht der Vers. 
Hier ist die Sache also wesentlich anders geworden: der Dichter 
gliedert als Vortragender seine Rede, nicht mehr die seiner 
eingeführten Person; er ruft uns immer wieder durch den Vers 
ins Gedächtnis, wo wir sind und wer da redet. Wer sich über- 
legt, wie störend die lange direkte Rede des Delphis im Munde 
des Mädchens sein würde, wenn der Vers uns nicht immer wieder 
in die Situation zurückriefe, wird den Dichter loben; gewifs; aber 
hier hat er wirklich um der Stimmung willen den Vers ein- 

Phüolog. Untenuohung^a. XVIII. 10 



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146 



Beilage: 2. Strophische Gliederung. 



geführt, und er hat im ersten Teile fünfzeilige. im zweiten sechs- 
zeilige Strophen gebildet, t nicht als Nachahmung gesungener 
Poesie, sondern um Effekte zu erzielen, die wir lyrisch nennen, 
die aber mit der Leier und der Musik gar nichts zu tun haben. 
Das rituelle h) Jtadjov, le jicudv und seine Umbildungen in der 
Kunstlyrik (z. B. bei Philodamos), vfitjv vfiivai" fö u. dgl. mufs 
man mit dem Refrain der romanischen und danach der germani- 
schen volkstümlichen Lieder vergleichen: sie sind inhaltlose 
Klänge, aber geben in ihrer konventionellen Geltung oder auch 
nur durch die Wiederholung eine für das Lied wesentliche Stim- 
mung. Die epische Konkurrenz mit der Lyrik strebt dasselbe 
an: aber sie sieht sich genötigt, auch dieses Beiwerk in die 
epische Form zu kleiden und das, was jene Interjektionen mittel- 
bar durch Ideenassoziation andeuten, in Worten unmittelbar 
und nachdrücklich auszusprechen. 

Die Kunst in Bions Adonis habe ich früher erläutert. Da ist 
gar keine Rede von einem wirklichen Refrain, geschweige von 
Strophen; die wiederkehrenden Klagerufe sind auch nicht immer 
ganz identisch. Sie geben die Grundstimmung und dienen daher 
dazu, immer wieder zu ihr zurückzuleiten. So gliedern sie die 
einzelnen Bilder passend ab, in welche der Dichter kunstvoll genug 
die Geschichte, die er erzählt, zerlegt hat. Der Refrain hat also 
hier eine Funktion, die seiner Verwendung in der Musik analog 
ist, insofern er dem Rezitator seine Pausen markiert und das Band 
für die sehr verschieden klingenden Stücke seines Vortrages liefert. 

Bei Bion, daneben auch bei Theokrit, hat der Nachahmer 
gelernt, der das Gedicht auf Bions Tod gemacht hat. Sein 
Refrain ist im Grunde eine Selbstaufforderung zu der Totenklagc. 
Er beginnt nicht mit ihm; er kann auch nicht mit ihm schliefsen: 
das allein lehrt schon, dafs durchgehende Strophenbildung gar 
nicht vorhanden sein kann. Der Überlieferung nach steht er 
nach 7, 4, 5, 5, 10, 8, 4, 6, 6, 20, 12, !>, 4 Versen, dann folgen 
noch 13. An allen Stellen pafst der Vers, insofern eine Pause 
angemessen ist'); nur über die letzte Stelle wird ein Wort nötig 

>) Ad keiner Stelle sonst ist eine Pause, wo er stehn könnte, aufser 
nach 70: da hat ihn ein Apographon, oder vielmehr, da das schwerlich die 
Vorlage der ältesten Drucke war, haben ihn mehrere Gelehrte de6 15. Jahr- 



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Beilage. 2. Strophisch« Gliederung. 



147 



sein. Der Dichter hat eben gesagt, dafs Hion an Gift gestorben 
wäre, und sich verwundert, dafs es in seinem süfscn Munde nicht 
die Kraft verloren hätte 

vlg öf ßgovog voooovvov dvdiwoog (hg xegdaat tot 
rj öovvai y.akeovn vö (pdofjiaxov ; exgwysv (biddv 1 )' 

äoxere mxekixai vm jiiv&eog, ao^fire fiolaat. 
dkkä Aixa xi%e aavtag. 
"Wer war so grausam dir das Gift zu mischen oder es dir zu 
geben, als du ihn riefest?" Das erste Glied ist ohne weiteres 
verständlich ; das zweite insinuiert, dafs ein Freund oder Haus- 
genosse oder Sklave statt eines Trankes oder einer Speise, um 
die Bion bat, das Gift reichte. Dafs hier eine Andeutung steckt, 
die wir nicht ganz verstehen und verstehen sollen, ist nicht nur 
angemessen, sondern notwendig, wenn man die folgenden Worte, 
ohne sie zu vergewaltigen, hinnimmt wie sie sind. u Er ist dem 
Gesänge entgangen .... aber die Gerechtigkeit hat noch jeden 
erreicht." Zu deutsch: "Ich nenne den Täter nicht; aber er wird 
seiner gerechten Strafe nicht entgehen 1 '. Das fügt sich alles 
sehr gut zusammen: da wird dann der Schaltvers an der Stelle, 
wo der Dichter etwas verschweigt und davon redet, dafs er es 
verschweigen und nichts als klagen wolle, ganz besonders be- 
rechtigt sein. Hat man denn aber auch nur die geringste Veran- 
lassung, für den Schaltvers eine andere Verwendung anzunehmen, 
als die Überlieferung bietet? Gewifs, er steht zweimal hinter- 
einander nach 5, zweimal nach 6 Versen; aber ist der Bau etwa 
auch nur da in dem Sinne respondierend wie in dem Schlüsse 
der Dioskuren oder im Innern der Helene? Nun kommen die 
Kritiker und bilden sich ein, es wäre etwas, wenn sie Zahlen 
aufschreiben können, 7. 5. 5. 7. 14. 14 usw. Hört man das? 



hunderts ergänzt. Aber auch das ist nicht richtig: Der Dichter hat 60 
nüvia toi, m ßovia, ovyxiaöavt und 86 näon, B(ütv, ÖQ^iti ot xlvir, noXis 
als zwei entsprechende Kapitelanfange gestaltet. 

') Es sind ziemlich viele Schreibfehler gerade hier, toi ist sogar Kon- 
jektur von Ahrens für os S, ijf der übrigen. xfQÜoai 101 Konjektur einer Ab- 
schrift für xtnuonao oder Korruptelen daraus. Dann Variante laktoiti, und 
txyvyu nur S, t] (ftytv die übrigen. Aber das kann alles nicht lange auf- 
halten. 

10* 



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14* 



B«ilap>: Strophische GlifldcnitiK. 



Und wenn man's hört, was kommt dabei heraus? Wirkt es etwas? 
Entspricht den gleichen Zahlenkomplexen ein Parallelismus des 
Inhaltes, des Anfbaus? Wo haben sie überhaupt diese ver- 
schieden langen Strophen her, bei denen die einmalige Wieder- 
kehr das Wesentliche sein müfste? Aus den gesungenen Chor- 
liedern des Dramas. Was soll das hier im Epos? Das Ganze 
ist ein eiteles Luftgebilde gewesen, und leider hat es gleicher- 
mafsen das Verständnis der Poesie geschädigt und das Ansehen 
der Philologie heruntergebracht. Der ganze Nonsense der Re- 
sponsion in der Elegie und dann gar im Dialoge der Tragödie 
stammt ja am Ende aus dieser Wurzel. Das sind wir los; dafür 
haben wir die innere Responsion der nicht respondierenden 
Cantica wie sie Blafs und Schröder, und der Prosa, wie sie Blafs 
betreibt. 

Nun sind wir so weit, an das erste Gedicht heranzutreten, 
das man leicht verkennen kann, wenn man die Art des Theokrit 
noch nicht kennt. Der Gesangesvortrag, der ausdrücklich als 
etwas besonders Gelungenes angekündigt ist, beginnt mit der 
Erklärung "fangt an, Musen der Bukolik, Thyrsis aus Sizilien 
singt 7 '. Das ist sozusagen Überschrift und Verfasser. Das Lied, 
das Theokrit hier nachbildet, ist der sizilische Bukoliasmos 
d. h. der Kuhreigen, daher handelt es von dem Erfinder dieser 
Weise, Daphnis, und da Theokrit 7, 75 den Daphnis an den 
Himeras versetzt (wie den Kyklopen um des Philoxenos willen 
an den Anapos), so hat er auch hier nicht blofs an das volks- 
tümliche Lied der Rinderhirten Anschlufs gesucht, sondern an 
die alte Lyrik des Himeräers Stesichoros. Die Aufforderung 
an die Musen tritt als Schaltvers an jeder Stelle ein, wo eine 
Pause gemacht werden soll: wir werden uns bei den Rinderhirten 
selbst nicht sowohl einen gesungenen Refrain an diesen Stellen 
denken, als ein paar Töne auf der Syrinx geblasen: die Syiinx 
hat ja Daphnis sich als das Instrument des Hirtengesanges ver- 
fertigt und vermacht sie als sein Symbol dem Pan: sie mufs 
also in Aktion getreten sein. Aber der epische Dichter hatte 
sie für die Nachbildung nicht zur Verfügung: zu ihrem Ersätze 
nimmt er einen Vers, der richtig rezitiert wirklich diese musi- 
kalische Wirkung tut. Genau besehen kann die Aufforderung 



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Beilage: 2. Strophische Gliederung. 



149 



"fangt an" nur am Anfange, nicht am Ende eines Abschnittes 
stehen ; für den ersten mufs dann die Überschrift mitgerechnet 
werden. Wenn man das Zeilenzahlen betreibt, ergeben sich 
demnach für die Strophen, wenn's denn so heifsen soll, die Zahlen 
7. 3. 3. 3. 5. 5. 5. Darunter ist eine Stelle, wo der Dichter 
neckisch den Einschnitt mitten im Satze macht, 84: aber eine 
solche Ausnahme bestätigt nur, dafs freie Kunst regiert, nicht 
dafs der Schaltvers planlos dazwischenfährt. In Wahrheit ist 
die letzte Pentade auch gar nicht vorhanden. Denn nach der 
letzten Aufforderung "fangt an Musen" folgt in zwei Versen der 
Schlnfs von Priaps Rede. Hinter der ist eine stärkere Pause 
als je vorher. Aber da durfte der Vers nicht stehen, da fordern 
wir wirkliche Pause: wir warten auf die Antwort des Daphnis. 
Statt dessen sagt der Dichter "Daphnis antwortete nicht, sondern 
er ging in Liebe und Leben bis zum Ende". Daran schliefst 
sich als Einleitung des zweiten Teiles "Fangt von neuem an, 
Musen", und diese Aufforderung bildet nun den Schaltvers. Es 
ist gar nicht auszudenken, wie man zahlenmäfsig hier die 
Strophen gliedern sollte. Es gibt eben keine. Doch wir wollen 
die Zählung fortsetzen. Sie ergibt für den zweiten Teil die 
Ziffern 5. 5. 4. 3. 3. b. 3. 5. Man kann schwerlich behaupten, 
dafs es eine wirkliche Responsion wird, wenn man die eine Vier 
vertreibt, und dafs irgend ein Ruhepunkt unangemessen wäre, 
kann vollends nicht behauptet werden. Befremdet wird man 
zuerst sein, dafs der Schaltvers in seiner letzten veränderten 
Form schon 127 einsetzt "Pan. verlasse Arkadien und komme 
nach Sizilien — h)ytTb ftolaat — komm, mein Herr, und emp- 
fange meine Syrinx": aber dann mufs man sich's überlegen und 
wird bald einsehen, dafs die Aufforderung zum Aufhören, also 
der Beginn des letzten Teiles, da gemacht wird, wo der Erfinder 
der bukolischen Lieder seine Sangestätigkeit aufgibt "hört auf 
Musen; Pan, nimm du meine Syrinx". 

Wenn das Ganze ein künstliches Rechenexempel, ein Gebäu 
wäre wie ein musikalisches Kunstwerk oder auch ein rhythmisches, 
so schickte es sich freilich, dafs wir die Teile und ihre Unter- 
abteilungen in ein Zahlenverhältnis bringen könnten, so dafs die 
Hauptlugen des Gebäudes sich deutlich erkennen liefsen. Aber 



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1 50 



Beilage: J Strophische Gliederung. 



der Dichter hat ein episches Gedicht gemacht, das nur dem Buko- 
liasmos entsprechend, den die Hirten mit Syrinxakkorden hie und 
da unterbrachen, je nachdem es ihnen die Stimmung eingab, in 
kleine Komplexe zerfällt, die ein Schaltvers statt der Musik ab- 
gliedert. Es sind Komplexe von Ii oder 4 oder 5 Versen, die 
manchmal in derselben Weise wirklich respondiercnd gebaut sind, 
wie wir es in Ptolemaios und Helene und Hylas gefunden haben 
(71. 72 : 74. 75), aber meist gar keinen Parallelismus anstreben. 
So sind es denn in dem letzten Teile, wenn man Ajjyere als 
Einleitungsvers nimmt, 4. 6. 5; als Abschlufs des Ganzen folgt 
noch eiumal Xrjyeve: es geht wirklich nicht an, wenn man mit 
Effekt rezitieren will, diesen Abschlufs des Ganzen als einen 
Teil der letzten Strophe zu sprechen, damit die Responsion 6. 6 
herauskommt: man hat ja auch lieber vorher gestrichen — doch 
ich kann mir die Polemik gegen diese Vergewaltigungen wohl 
erlassen. Gerade die Freiheit der Bewegung bewirkt den un- 
gemeinen Reiz dieser Dichtung: der Effekt ist lyrisch, musika- 
lisch, aber die Mittel sind diejenigen der Rezitation, der Epik. 
Diese in die taktmäfsige Responsion der Musik zu zwingen ist 
eine Verirrung des Verstandes; dieselbe Verirrung, die heut- 
zutage den Prosarhythmus in schematische Responsion zwängen 
will. Die moderne Poesie ist überreich an Gedichten, die dem 
Inhalte nach erzählend sind, der Form nach lyrisch. Ihre Dichter 
denken gar nicht an die musikalische Begleitung oder an den 
Gesang; ob sich später ein Komponist findet, ist für den Wert 
und den Bau der Gedichte ganz einerlei: sehen wir doch, dafs 
strophische Gedichte im Widerspruche zu ihrer Form durch- 
komponiert werden. Und doch erreichen die Dichter, Franzosen, 
Engländer, Deutsche, Italiener, um die Literaturen zu nennen, 
deren Kunst ich nachempfinden kann, die vollkommensten musi- 
kalischen Effekte mit ihrem Worte und ihrem Verse. Das sind 
die rechten Analogieen zu der hellenistischen Epik, wie sie uns 
Theokrit und Bion und Kallimachos allein noch zeigen. Man 
wird diese nicht richtig schätzen können, wenn man die Ana- 
logieen nicht heranziehen kann: aber man soll sich auch klar- 
machen, dafs die vergleichbaren Blüten aus ganz verschiedener 
Wurzel stammen. Die Modernen bewegen sich in Formen der 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Tbeokrits. 151 



lyrischen Poesie, auch wenn sie nur erzählen; die Griechen gaben 
die lyrischen Formen auf und beschränkten sich auf den alten epi- 
schen Vers, weil sie eben nicht sangen, sondern rezitierten. Ver- 
gleichbar ist immer noch am ehesten der französische Alexandriner. 

3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 

Theokrit mufs in einer Umgebung verstorben sein, die das 
Gedächtnis an seine Person ebensowenig erhielt wie sie seine 
Werke sammelte. Das Gedicht äV.og ö Xlog gibt die Namen 
der Eltern und aufserdem die Heimat Syrakus, die er selbst in der 
Spindel und im Kvklopen bezeugt hatte. Weiter wissen wir 
nichts. Der Name Simichidas, den sich Theokrit in den Thalysia 
beilegt, hat jemandem den Anlafs gegeben, sich in koischen 
Urkunden umzusehen, er hat da einen Iifiixiöag IleQixkiovg 
'Ogxo/ih'iog aufgetrieben, der vermutlich bei der Gründung 
von Kos eingewandert war (Schol. 7, 21); aber die Wahl des 
Namens ist damit in Wahrheit nicht erklärt, und die Hypothese 
der Verwandtschaft schwebt in der Luft. Da der Name nur in 
dem einen Gedichte vorkommt, auf das die Syrinx durch ihren 
Griphos zurückblickt, der allgemein verbreitete Sikelides für 
Asklepiades nahe anklingt, Theokrit auch eine besondere Ver- 
ehrung für diesen bekennt, so wird eher mit diesem ein Zu- 
sammenhang obwalten; aber wir sind nicht imstande das zu 
durchschauen: nicht einmal soviel ist gesichert, dafs Theokrit, 
bevor er die Thalysia dichtete, oder auch nachher, Simichidas 
genannt worden ist, zumal der Name mit der Hirtenmaske ver- 
bunden ist. 

Biographische Angaben haben wir sonst nur die eine in 
einer der Hypotheseis der Thalysia enthaltene £mör)tir}oag 6 
toeöxQtToc vfji Km y.afi' ov xqövov eig 'AXe^dvögeiav ngög 
TlvoXe^alov ijioQEVBTo (pilog xaveovrj <I>Qaoiddf.i(oi xai 'Avvtykvet. 
Da ist die Datierung der Bekanntschaft mit den vom Dichter 
genannten Freunden ohne Zweifel Kombination; aber dafs Theokrit 
über Kos zu Ptolemaios gegangen wäre, liefs sich ohne weiteres 
nicht erschliefsen, oder doch nur so: Theokrit war einmal in 
Kos, Theokrit war einmal in Ägypten: das ordnet sich also 
passend in dieser Reihenfolge. Über die Zeit fehlt eine positive 



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152 Beilage; 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 

Angabe; über den weiteren Verbleib des Dichters, etwa in 
Ägypten, auch. Herkunft und Gewicht der Angabe ist ganz un- 
bestimmbar : es zeigt sich keineswegs Bekanntschaft der Scholien 
mit der Landschaft oder den Familien von Kos: wir wissen 
durch die Inschriften bereits mehr. Was über die Burina von 
Kos beigebracht wird, ist gar entlehnt aus den Scholien des 
Nikanor von Kos zu Philitas: das sagt das Scholion unzweideutig 
faklvag- vdaaazo <V £v TCQoxorjiai fieXafmirQoio BoQivtjg. Ni- 
xdvcog d' 6 Kmog vjtofivqfiaxl^ayv (prjoi' Botigiva jit)YV & tfi 
vrjacot r)g vö jtQÖoionov ßoög otvi nagankrjatov. Wir wissen 
von diesem Nikanor gar nichts; denn es ist Willkür, ihn mit 
dem Homererklärer gleichen Namens aus Alexandreia zu identi- 
fizieren; nur taugt er wenig, denn als Koer sollte er die Burina 
nicht um der Etymologie willen mit einer Ochsenschnauze ver- 
gleichen. Für Theokrit kommt er nicht in Betracht So sind wir 
lediglich auf das angewiesen, was die Gedichte selbst ergeben. 

Ich gehe von dem Notorischen und Unwidersprechlichen aus, 
dafs Adoniazusen und Ptolcmaios verfafst sind, während Arsinoe 
neben ihrem Bruder Königin war'). Das erste Gedicht zieht 
eine Parallele zwischen dem Regimente des jungen und des alten 
Königs; aber das kommt innerhalb dieser Grenzen kaum in Be- 
tracht. Es gibt sehr anmutig den Eindruck der Weltstadt wieder; 
selbst ein Syrakusier kam sich wie ein Provinziale vor, und nicht 
ohne inneren Anlafs hat Theokrit Landsmänninnen gewählt. 
Der Ptolemaios dagegen rückt nach der unteren Grenze. Der 
König ist aixfiardg, er betätigt sich also überhaupt kriegerisch; 
djiotifjLvetai <Poivixag und von anderen Grenzprovinzen des 
Seleukidenreiches, während der ägyptische Bauer vor jeder In- 
vasion sicher ist; aber Ptolemaios hat doch noch nötig, Gott um 
Gedeihen zu bitten. Das ist alsc gesagt, als der Krieg gegen 
Syrien, der 274 begonnen hat, guten Fortgang nahm, aber noch 
im Gange war. Das Ganze ist so getränkt mit Anspielungen 
auf ägyptisches Wesen') und die höfisch alexandrinischen Kulte, 

») 276 (wenn so früh) - Juni 270. Vgl. Otto, Priester und Tempel 
Ägyptens 147 ffg. 

*) Ich habe früher gezeigt, Herrn. 25, 520. dafs Theokrit das Buch des 
Hekataios von Teos über Ägypten benutzt hat; der Besucher des raerk- 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 



153 



und so geeignet, gerade in Alexandreia Beifall zu finden, dafs 
man es dort vorgetragen glauben wird, ganz wie die BsQevixa, 
die dem Kulte der auch hier gefeierten Mutter des Königs galt. 
Dafs für Kos Stimmung gemacht wird, zeugt für die Verbindung 
des Dichters mit Kos und Umgebung, keineswegs filr Vortrag 
dort. Der Dichter hat sich sein Thema frei gewählt; zumal an 
TJTolefidia, die dem Soter gelten würden, ist nicht zu denken l ). 

Zu dem Ptolemaios stehn die Chariten in naher Beziehung; 
in welcher, darüber sollte eigentlich kein Zweifel sein ; Vahlen 
hat es zudem bündig gesagt. Der Ptolemaios behandelt in seinem 
letzten Abschnitte den Reichtum seines Helden; daran schliefst 
sich, dafs er von diesem den richtigen Gebrauch zu machen 
wisse. Das ist ein vöjtog der Epinikien Pindars und seiner Ge- 
nossen, mit denen dieses Gedicht sonst keinen Zusammenhang 
hat. "Tempel, Könige und Städte und Freunde bekommen Ge- 



würdigen Landes informiert sich aus der besten modernen Darstellung. Spe- 
zifisch Ägyptisches hat er nicht berücksichtigt. Die Disposition ist ganz 
schulmäfsig rhetorisch ; man merkt, das hat er gemacht, weil er es sich vor- 
genommen hatte, es ist nicht ans einer poetischen Stimmung erwachsen. 
Daher macht der reizvolle Schmuck, mit dem das dürre Gerüst umkleidet 
ist, den Eindruck der äufserlichen Verzierung ganz mit Hecht. 

») Über die Abstammung Soters hören wir hier unbedingt dasjenige, 
was nach der Einsetzung seines Kultes offiziell galt. Er sitzt im Olymp 
neben Alezander; so erscheint er auch in dem Festzuge, den Kallizeinos be- 
schreibt, und diese Gemeinschaft war das einzig Angemessene. *' Herakles 
freut sich an seinen Nachkommen, denn sie gehen beide auf den berühmten 
Herakleiden zurück und schließlich auf Herakles/' Also 'dMl;av<hn>i ^tKnnm- 
AQyfädug und Tlioktfiutos .iäyov 'Eugdatos stammen beide von einem Hera- 
kliden ab, dem Gründer des Reiches Makedonien, ich kann nicht sagen, ob 
Karanos oder Archelaos; schwerlich gab es auch für Theokrit eine aus- 
gebildete Genealogie. Aber erst in solcher Ferne liefen die Stammbäume 
zusammen. Ganz lächerlich ist es, mit einer obskuren Schwindelgeschichte 
zu operieren, die den Lagos als Vater des Ptolemaios zugunsten Philipps 
eliminierte: dann wären die beiden neuen Götter ja Brüder. Sie sind nur 
beide "aus königlich makedonischem Blute", also Herakliden. Alexandros, 
der Sohn des Ammon, existiert hier ebensowenig wie die immer wieder heran- 
geholte Abstammung der Ptolemäer von Dionysos, die Satyros darum erzählt, 
weil sie eben von Pbilopator aufgebracht war; dabei wurden die Phylen und 
Demen Alexandreias umgetauft. Hier allein haben wir die alte jrute An- 
schauung, strtunm makedonisch. 



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154 Beilage; 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 

schenke, und jeder Dichter, der zu den Dionysien heranzieht. 
Daher wird Ptolemaios auch von den Dichtern gepriesen. Und 
Nachruhm ist das Beste, was ein Reicher sich verschaffen kann ; 
den haben die Atriden, während die Beute von Ilion, so grofs 
sie war, jetzt irgendwo in den Wolken verborgen ist, d. h. in 
Rauch aufgegangen." Diese Mahnung bewegt sich auch in dem 
Pindarischen Gedankenkreise; aber sie hat hier kaum etwas zu 
suchen, da Ptolemaios bereits wegen seiner 'Milde' belobt ist. 
Die Atriden schneien ganz seltsam herein, und der Dichter mufs 
gewaltsam von ihnen auf sein Thema zurückspringen. In den 
Chariten ist der Ausgangspunkt, dafs die Menschen für die Poesie 
nichts mehr übrig haben; was Ptolemaios tut, wird hier ge- 
fordert, insbesondere die Belohnung der Dichter. Wie diese 
den Nachruhm geben, das erläutern erst die alten chorischen 
Lyriker, dann Homer. Schliefslich bietet sich der Dichter selbst 
an, erst im allgemeinen, dann dem Strategen Hieron von 
Syrakus, der die Karthager in das Sardonische Meer treiben 
soll. Was im Ptolemaios Beiwerk ist, ist hier Hauptsache; was 
dort entbehrlich, ist hier notwendig. Es heifst die Sache per- 
vertieren, wenn man annimmt, die Chariten bildeten aus was 
dort embryonisch vorhanden ist. Denn dort ist gerade das un- 
organisch, was hier wesentlich ist: das Exempel der Homerischen 
Helden. Aufserdem aber: der Dichter der Charites rechnet mit 
der geringen Chance, dafs es in seiner Heimat so weit gut gehn 
könnte, ihm einen Unterschlupf zu gewähren, da es ihm sehr 
schlecht geht. Von seiner Dankbarkeit und überhaupt seiner 
Moral weifs ich nichts und lasse sie daher aus dem Spiele: aber 
wenn er sich auf Erfolg in Alexandreia, im Zentrum des da- 
maligen literarischen Lebens, berufen konnte, wenn er den Ptole- 
maios wegen seiner Liberalität gepriesen hatte und dann diese 
seiner Person und seinem Anliegen günstigen Momente ver- 
schwiege, so wäre das eine unbegreifliche Torheit. Aber ich 
gebe zu, dafs zehn, zwölf Jahre nach dem Aufenthalt in Alexan- 
dreia so viel unbekannte Schicksale zwischengetreten sein konnten, 
dafs Theokrit mit jenen Erfahrungen gar nicht mehr rechnete. 
Nur liegen zwischen Ptolemaios und Adoniazusen und Charites 
keine zehn, zwölf Jahre, denn sie berühren sich so*nahe, dafs 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrit«. 155 

jeder, der Poesie individuell-psychologisch aufzufassen gelernt hat, 
auf ziemlich die gleiche Entstehungszeit schliefsen mufs. 

Ein jedes literarische Denkmal soll man aus sich selbst verstehn; 
als Historiker brauchen wir es nicht selbst, sondern die Folge- 
rungen, die sich aus ihm ergeben ; daher müssen wir immer auf der 
Hut sein, das, was wir folgern möchten, hineinzutragen. Es ist 
genau so unkritisch, ein Zeugnis zu verwerfen wie ein Scheinzeugnis 
zu verwenden. Von der sizilischen Geschichte der Zeit wissen wir 
so blutwenig, dafs verschiedene Anordnungen der Ereignisse sich 
mit Wahrscheinlichkeit aufstellen lassen; es ist begreiflich, dafs 
man das einzige zeitgenössische Zeugnis gern für sich verwerten 
möchte. Gewifs mufs man das, aber auf Grund des individuellen 
Verständnisses. Theokrit sagt aus, dafs sich die "Phoiniker im 
äufsersten Westen" (die Karthager) "fürchten, da sich die syra- 
kusischen Hopliten zum Kampfe anschicken und unter ihnen 
Hieron wie ein Achilleus oder Aias mit flatterndem Helmbusch 
sich rüstet": also als der vorkämpfende Held. Und er wünscht 
den Erfolg, dafs die Karthager in das Sardonische Meer gejagt 
werden, die Städte Siziliens ihre alten Bewohner erhalten, Hierons 
Ruhm bis über die Maiotis und bis Babylon dringt. Das ist also 
gesagt, als ein Krieg gegen Karthago bevorstand. Einen solchen 
hat Hieron seit 263 mit den Römern zusammen geführt. Kann 
dies da gedichtet sein? Damals war Syrakus als Bundesgenosse 
Karthagos von Rom besiegt und in ein Bündnis getrieben, das 
eine grofse Demütigung war. Der Barbar, der Bundesgenosse 
der Mamertiner, Über die Hieron seine glänzendsten Siege er- 
fochten hatte, stand im Lande, und von der Rückgabe der alten 
Städte an die vertriebenen Bewohner, von den alten Idealen, die 
man wohl noch erhoffen durfte, als man Pyrrhos rief, konnte im 
Ernst keine Rede sein. Theokrit müfste also sehr übele 
Journalistenphrasen gemacht haben. Damals war Hieron König: 
bei Theokrit ist er bezeichnet als Feldherr der Syrakusicr, gewifs 
mit einer Hervorhebung, die in ihm mehr als einen von vielen 
Strategen sieht; aber fein zum mindesten ist diese Poesie, und 
wenn unter den Heroen des Troischen Krieges gerade die hervor- 
gehoben werden, deren Wert in ihrer persönlichen Leistung ruht, 
nicht der König, der sich doch gerade so prächtig zu seiner Aristie 



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156 Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 

bei Homer wappnet, so ist es nicht nur willkürlich, wenn man 
den König Hieron zwischen den Zeilen liest, sondern es ist nur 
zulässig, wenn Theokrit ungeschickt gedichtet hat. Der Hieron, 
der sich durch glänzende Siege und staatskluge Mäfsigung in den 
Rang von Antiochos und Ptolemaios erhoben hatte, war bereits 
in Tanais und in Babylon ein bekannter Mann: es ist lächerlich, 
so etwas einem Könige erst in Aussicht zu stellen. Unter dein 
Kommando eines römischen Konsuls war der Ruhm der Schlacht 
am Longanos nicht mehr zu überbieten. Wer das Gebet des 
Dichters zu würdigen weifs, wird in dem Gedichte die Widmung 
' ' 7 r an den kommenden Mann erblicken, nicht an den König, dessen 
Souveränität nur noch precario besteht. 

Hat es denn aber eine Zeit gegeben, auf die Theokrits Ge- 
dicht so pafst, wie es sich selbst gibt? Trogus hat sein 23. Buch 
mit einem Enkomion auf Hieron geschlossen (es stammt aus 
Timaios, der sich so einen schönen Schlufs schaffen konnte). 
Daraus gibt Justin post profectionem a Sicilia Pyrri magistratvs 
Hiero creatur, cuins tanta moderatio fiiit, vi consentiente omnium 
cicitatium favotr. duz adversus Karthaginienses primo, mox rex 
crearetur. Als Stratege sämtlicher Staaten in einem Karthagi- 
schen Kriege tritt er auf, nach Pyrrhos Abzug, 276/75. Das 
stimmt genau. 275/74 ist Hieron nach Pausanias 6, 12, 2 zur 
Herrschaft gelangt. Das stimmt auch genau. Wer das vor 
Augen hat, mufs sagen, das Gedicht ist datiert. Dafs der ge- 
hoffte Erfolg für Sizilien und für Theokrit ausgeblieben ist, 
ändert daran nichts: der Dichter ist kein Prophet. Die Kar- 
thager sind freilich nicht in das Sardonische Meer geworfen 
worden, in dem sie ihre feste Position Sardinien und Lipara 
hatten, so dafs es der Dichter statt des libyschen nennt. Hieron, 
der sich nach Justin unter Pyrrhos ausgezeichnet hatte, mochte 
bei dem Dichter dieselben Hoffnungen erwecken wie bei den 
Städten, die sich als Rest des Bundes, den Pyrrhos geführt 
hatte, diesen Strategen wählten. Was aus einem siegreichen 
Feldherrn ward, wufste damals jeder. Aber geleistet hat Hieron 
damals nicht was man von ihm erwartet hatte. Wir haben ab- 
solut keine Überlieferung über diese Jahre; aber es ist klar und 
wird auch allgemein anerkannt, dafs Friede geschlossen worden 



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Beilage: :\. Zeitbestimmung der Gedicht« Theokrits. 



K>7 



ist und Karthago und Syrakus und was sonst noch nominell oder 
faktisch frei war nebeneinander standen. Vermutlich war es 
sehr verständig, dafs man sich vertrug; aber Hieron mutete eine 
andere Gelegenheit abwarten, sich zum Herrn zu machen: ein 
solcher Friede ist kein Sprungbrett auf einen Thron. Die Ge- 
legenheit ist ihm 269/68 geworden, denn Polybios rechnet seine 
Herrschaft zu ö4 Jahren, und er starb 214. Es kann keine 
andere gewesen sein als die Erhebung der Söldner in Mergane, 
von der Polybios I, 8 erzählt, die dort aber nur durch #odvot£ 
ov jvolkolg vor der Einschliefsung der Mainertiner in ihre Stadt 
datiert ist; diese ist identisch mit der Schlacht am Longanos: 
das lehrt die simple Interpretation der Stellen I 8, 2 und 9, 8. 
Darauf folgt keineswegs unmittelbar (davon steht genau so wenig 
da, wie die Schlacht am Longanos notwendig unmittelbar auf 
den Fall von Rhegion folgt), aber es folgt darauf die Spaltung 
der Mamertiner und die Intervention erst der Karthager, dann 
der Römer: erst diese ist datiert, 264 63. Die Akklamation zum 
König durch das Heer der Bundesgenossen (die hellenischen 
Könige werden durch eine solche genau so ernannt wie die 
römischen Imperatoren; so wichtig und so klar das ist, so oft 
wird es verkannt) ist nach der Schlacht am Longanos erfolgt; 
aber Polybios und Diodor haben das effektive Königtum schon 
früher begonnen 1 ), noch früher Livius (Dio-Zonaras I p. 140, 
Boiss., er enthält da eine Charakteristik ähnlich wie bei Justin; 
also am letzten Ende liegt Timaios zugrunde), der ihn als 
Bundesgenossen der Römer 271/70 einführt. Hieron hat seine 

M Wenn Diodor den Hieron in der Schlacht am Longanos König nennt, 
so mag er so flüchtig gewesen sein, wie man will: die Thronbesteigung mufs 
er irgendwann erzählt haben und wahrhaftig nicht nachher; also vorher, also 
anders als Polybios I 9 erzählt, aber in Einklang mit den 54 Jahren oder 
gar so wie Pausanias rechnet. Am Schlüsse des Exzerptes aus Diodor steht 
hinter der Heimkehr des siegreichen Hieron noch der Satz ot 6i Ka^x^övtot, 
xal 'Kntuv tt7iü7ifniiQXOTtg tijg A/taoijvrjg ovvtjX^ur tts avAloyov x«i ovufiaytav 
niföi «Uqlovg mur^attiuvot ovvt&tvio xotrtji noKeutjaai Mtaai)\/r)V. Das ist 
keine andere Situation als die XXIlI 1, 2. Ii wieder erzählte vom Jahre 265. 
Also hat Diodor am Schlüsse seines Buches vorgreifend den Fortgang der 
Ereignisse zusammengefafst, die sich aus dem Siege am Longanos ergaben. , 
Sein Exzerptor hat nur den letzten Satz des Buches noch aufgenommen 



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158 Beilage: 3 Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 



Königsjahrc nicht gezählt. Die Annahme des Diadems fiel später 
als die effektive Macht. Die Historiker haben verschieden gerechnet; 
Timaios, der nur seine Anfänge erlebt hat, rückt ihn unmittelbar 
an Pyrrhos heran: seine Datierung hat bei Polybios keine Nach- 
achtung gefunden, wohl aber in der Chronik, der Pausanias 
folgt, und vorher, wie gewöhnlich, in der römischen Annalistik. 
Die Schlacht am Longanos und die Besetzung Messenes durch 
die Karthager können wir meines Erachtens nicht genau datieren ; 
ich habe keine Veranlassung darauf einzugehen: die Data, die 
zu Theokrit stimmen, werden damit nicht beseitigt, dafs man 
sie als Torheiten verwirft, sondern Theokrit verlangt eine histo- 
rische Situation, wie sie sie liefern 1 ). Seine Charites sind 275/74 
gedichtet; danach also, ziemlich bald danach Adoniazusen und 
Ptolemaios. 

Als Theokrit die Chariten dichtete, hatte er noch wenig 
Anklang gefunden; er suchte einen Gönner, und Hieron ist es 
nicht geworden. Wo er sich befand, sagt er nicht 2 ), denn 
äxXrjTog fikv fitvoifu xev, ig de xa/.£vvton> loifj,' äv kann er 
ebensogut sagen, wenn er nur sein Haus verläfst, wie wenn er 
erst eine Reise machen mufs. Er rechnet sich nur unter die 
vielen Dichter, die Syrakus und Hieron preisen sollen. Aber 
wir wissen doch, dafs er aus Syrakus war, und hier nimmt er 
an den Schicksalen und Hoffnungen seiner Heimat aus so genauer 
Kenntnis Anteil, dafs man ihn sich wirklich am besten, wie 

') Beloch hat früher und nun in seiner Geschichte III 1, 575. 666 flg. 
2, 226 ffg. sehr viel Vortreffliches gesagt; aber es fehlt nicht an Vergewalti- 
gungen; am schlimmsten ist das Gedicht des Theokrit gefahren, das er in 
den Punischen Krieg rückt. In Wahrheit wird seine Darstellung durch die 
Einreihung der von ihm verworfenen Angaben nicht beeinträchtigt, sondern 
bereichert. 

3 ) Indiskutabel ist die Verirrung, ihn nach Orchomenos zu spedieren, 
weil er 104 von den Chariten sagt, das wäre ihr Lieblingssitz. Dann müfste 
er die Thalysia in Milet gedichtet haben, weil er die Eroten von dort zitiert, 
1 15. Das ist mythographisch-historische Gelehrsamkeit, darum herangeholt, 
weil die XaQUfs jetzt zuletzt grofse Göttinnen sein sollen; bisher waren sie 
nur seine /«»m?, seine Gedichte. Ebenso unzulässig ist es, den Ztui/Jdus 
rTtmxUovq 'Onxoufrios heranzuziehen. Wenn Theokrit wirklich mit Orcho- 
menos persönlich etwas zu tun gehabt hätte, so würde er f/ua) to«/ gesagt 
und die Sache erzählt haben. Denn so konnte es niemand merken 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedicht« Theokrits 



159 



Legrand tut. in Sizilien selbst oder doch im nächsten Umkreise ' u 5 - 
(Ihurioi, das er kennt, würde auch passen) denken kann. 

Also Theokrit war 274 als Anfänger im Westen, hoffte auf 
den Erfolg des Hieron und auf Erfolg bei Hieron. Das hat sich 
nicht erfüllt; so hat er es in Ägypten versucht, wo er demnach 
kurz darauf gewesen ist. Indessen das schliefst eine Reise Über 
Kos, wie sie das Scholion angibt, keinesweges aus. 

In Sizilien hat er die Inschrift auf eine Statue des Epicharm 
im Theater gemacht; das konnte er zu allen Zeiten, aber es ist 
der einzige Beleg dafür, dafs seine Landsleute ihn verwendet 
haben. Aus Sizilien hat er den Kyklopen an seinen Freund 
Nikias geschickt, ein Gedicht, das in der Form manche Härten 
hat ') und von der Eleganz nicht nur der Chariten, sondern auch 
der übrigen Mimen stark absticht. Er rät dem verliebten Freunde 
sich die Liebe durch Poesie zu vertreiben ; die Mahnung an den 
Kyklopen, es gäbe noch andere gefälligere Schönen, ist auch auf 
den Freund berechnet. Die Scholien haben noch den Eingang 
der Antwort des Nikias erhalten, der ihn mit einem Euripides- 
zitat abführt: "es ist schon recht, die Liebe macht zum Dichter, 
aber das heifst nicht, dafs die Dichtung die Liebeskrankheit hebt, 
sondern im Gegenteil, dafs sie das Talent erweckt". Wir haben 
von Nikias ein paar Epigramme: daraus sehen wir, dafs er in 
der Jugend ordentliche Verse gemacht hat, aber billigen, dafs er 
dann im Leben den ernsthaften Beruf eines Arztes ergriff und 
den Musen Valet sagte. Er sagte auch dem Liebeln Valet und 
nahm sich eine brave Hausfrau. Wie man sich danach den brief- 
lichen Verkehr zu denken hat. ist leicht zu durchschauen. Nikias 

! ) Elision in der männlichen Zäsur, die sogar die einzige ist (was sie 
oft ist), 7; mit der bukolischen öfter; nicht selten ist spondeisches Wortende 
vor dem fünften Fufse, sogar eine Positionslange, 79. Hiat und Verlängerung 
der SchluTs8iibe eines gar zweisilbigen Wortes in der Zäsur 4">. 46. Mono- 
syllabon am Schlüsse 74. Fehlerhaft ist das alles nicht, kommt also vereinzelt 
vor; aber hier häuft es sich. Auch der Ausdruck ist von der Präzision und 
Eleganz der späteren Gedichte weit entfernt. Offenbar hörte Theokrit noch 
nicht, dafs ein Vers wie 71 schlecht klingt, oqvZav, ta; ariaSy, (nii xr^ybtv 
avuuuai, mit der Sinnespause hinter dem ersten Spondeus, Verkürzung eines 
schweren Diphthonges (vielmehr schon Vokales) in der Zäsur, Wortende in 
der vierten und fünften Hebung. Vgl. Nachträge. 



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]£0 • Beilage: 3. Zeitbestimmung d*>r Gedieht« Theokrits. 



klaut über Verliebtheit in eine spröde junge Dame. Theokrit 
nimmt das nicht ernster, als sie manche Liaison miteinander 
durchlebt haben mochten, und rät, sich nicht zu verbeifsen, wie 
der Kyklop. Aber bei Nikias war es Ernst gewesen; die Ant- 
wort lautete: ''Siehst du, lieber Freund, mir hat die Liebe 
Dichterkraft gegeben, ich hab's erreicht"; die Verlobungskarte 
mit Theugenis lag dabei. Da war es denn für Theokrit etwas 
fatal, als er in das Haus der Theugenis kommen sollte, und er 
nahm seine Dichtkunst zusammen, denn Geld hatte er nicht, 
ein splendides Hochzeitsgeschenk mitzubringen; es war nicht 
mehr als eine Spindel. Aber wofür war er Dichter, ein ganz 
anderer Dichter als Freund Nikias? Er überreichte seine Spindel 
mit einem artigen Gesänge, frei nach Sappho. Theugenis mufs 
gebildet genug gewesen sein, das Äolisch zu verstehen, und so 
hoffen wir, dafs sie auch die Huldigung des Jugendfreundes an- 
nahm, den ihr Mann ihr ins Haus brachte, obwohl er nicht nur 
etwas Boh6mien scheinen konnte und die geflissentliche Huldi- 
gung gegen die Hausfrauentugend der Theugenis mit Vermeidung 
aller persönlichen Komplimente etwa danach schmeckte, dafs 
der Verfasser sich eine Ehefrau zwar wer weifs wie erfahren in 
Nähen und Stricken vorstellte, aber auch sonst ganz als Gegen- 
satz zu den hübschen und umgänglichen Damen, an deren Ver- 
kehr er allein gewöhnt war. Das Verhältnis Theokrits zu Ni- 
kias hat vorgehalten ; er hat ihm ein Epigramm für die Asklepios- 
statue seines Sprechzimmers verfafst und später den Hylas an 
ihn gerichtet. Er wird noch manches Mal in dem Haus am 
Aphroditetempel vorgesprochen haben. 

Die Spindel zeugt für eine Reise des Theokrit von Syrakus 
nach Milet. Damit haben wir eine Station zwischen Syrakus und 
Ägypten, und wenn er über Milet ging, also zunächst erst in 
Asien eine Unterkunft hoffte, so bietet sich der Besuch von Kos 
ganz von selbst, den die Scholien angeben. Einen absoluten 
Anhalt für die Zeitbestimmung gibt uns Nikias nicht; dafs er als 
Mitschüler des Erasistratos geführt ward, lehrt gar nichts. Denn 
wir wissen nicht, wo Erasistratos gelernt hat, und Mitschüler 
kann sowohl einer heifsen. der zu gleicher Zeit gelernt hat, wie 
auch einer, der denselben Lehrer gehabt hat. Eins dagegen ist 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 



161 



unverkennbar: Theokrit mufs irgendwo im Osten mit Nikias die 
Freundschaft geschlossen haben, also früh aus seiner siziiischen 
Heimat fortgezogen sein und seine eigentliche Bildung, also auch 
die für seinen Dichterberuf entscheidenden Anregungen, im Osten 
erhalten haben. Er hat dann versucht in der Heimat sein Glück 
zu machen; das mifslang; er kehrte daher nach Asien zurück, 
aber von dort trieb ihn die gerade damals im Zenit befindliche 
Macht des Ptolemaios und der Glanz des dortigen Musenhofes 
nach Alexandreia. Dort war er in den letzten siebziger Jahren, 
aber einen festen Platz hat er auch dort nicht gefunden. Es 
gibt Gedichte genug, die Nachklänge des ägyptischen Aufenthaltes 
an sich tragen, aber keines weiter, das diesen Boden voraussetzt. 

Die Liebe der Kyniska behandelt ein Sujet, das an die 
gleichzeitige attische Komödie erinnert: ob der Anklang an 
Sophron weiter geht als in einer Wendung 1 ), entzieht sich unserer 
Kenntnis, aber das Gedicht gipfelt in der feinen und sehr indi- 
viduellen Charakteristik des Philadelphos. So redet jemand, der 
sich etwas darauf zugute tut, dafs er den König kennt und die 
Chancen des Dienstes in seinem Heere übersieht. Wo das Ge- 
dicht spielt, ist nicht gesagt, es ist auch gleichgültig; irgendwo 
in einer griechischen Freistadt, wo allerhand Leute verkehren, 
auch Ätoler und Thessaler, also aus den Gegenden, die besonders 
viele Söldner stellen. An Sizilien ist nicht zu denken. Offenbar 
verwertet Theokrit anderswo seine ägyptischen Erfahrungen. 

Die Thalysia sollen nach den Scholien einen Besuch in Kos 
auf der Durchreise nach Ägypten behandeln, der dann also aus 
späterer Erinnerung dargestellt ist. Hier führt sich Theokrit 
als einen Hirten ein und nennt sich Simichidas. Er ist bereits 
ein angesehener Dichter, dessen Name "bis zu Zeus" gelangt 
ist; das heifst, bis dorthin, von wo die Welt regiert wird, an 
den Hof des allerhöchsten Herrn, eine unverkennbare Hindeutung 
auf seinen Besuch in Alexandreia. Natürlich durfte das nur von 
fern angedeutet werden, wenn der Besuch auf dem Landgut des 
Phrasidamos vor die Reise nach Ägypten fiel. Neben Theokritos- 
Simichidas kommt ein Ziegenhirt Lykidas vor, von dem aller- 



l ) V. 53 nach Sophron 145. 

Phllolog. Untersuchungen. XYIU. 




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162 Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 

band Persönliches mit liebenswürdigem Spott angedeutet wird; 
das ist also ein Name wie Simichidas, den wir nicht deuten 
können; nur die Heimatsbezeichnung Kydonia mufs als real 
gelten 1 ). Neben den wirklichen Namen koischer Personen, die 
zum Teil leicht geändert sind 3 ), stehen also fingierte Namen, 
die aber durchschaut werden sollen. Das Ganze ist gar nicht 
vorstellbar, ohne dafs wir uns Theokrit in einem ziemlich weiten 
Kreise koischer Bürger und in Kos lebender Literaten und Musi- 
kanten lebend denken: das meiste gilt also nicht jener Ver- 
gangenheit, die es schildert, sondern der Gegenwart, wie das 
natürlich ist. Theokrit mufs nach seiner ägyptischen Reise in 
Kos oder nächster Umgegend länger gelebt haben. 

Das bestätigt sich. Den zweiten Kyklopen hat er an Aratos 
von Kos gerichtet, den wir aus den Thalysia kennen, und zwar 
später. Da in ihm Daphnis eine konventionelle Figur ist, mufs 
das erste Gedicht früher fallen, das den Erfinder des Hirtenliedes 
in unübertrefflicher Weise einführt, neben den Thalysia nach 
dem Urteil des Artemidoros wie nach dem unseren Theokrits 
Hauptgedicht. Und wirklich, das Gedicht spielt auf Kos; aber 
der Held ist ein sizilischer Hirt Thyrsis, der also auf Kos lebt, 
und von dem erzählt wird, er hätte einen Libyer Chromis besiegt. 
Thyrsis ist kein Pseudonym für Theokrit wie Simichidas; der 
Hirt, dem Theokrit den sizilischen Bukoliasmos in den Mund 
legt, mufste wohl aus Sizilien stammen; aber dafs er, wie schon 
die Nennung der Heimat zeigt, aufserhalb derselben lebt, ist 
doch allein darum erfunden, weil Theokrit der Sizilier aufserhalb 
lebte. Thyrsis vertritt den Theokrit gewissermafsen ; und dafs 
der Hirt, den er im Gesänge besiegt hat, aus Libyen ist, mufs 
eine Beziehung haben: libysche Hirten pflegen keine hellenischen 



') Den Ziegenhirten Lykidas in seinem stinkenden Vliefs wie er ist als 
real zu nehmen, ist so lächerlich, dafs ich kein Wort daran verliere. Meine 
alte Deutung auf Dosiadas scheint mir auch jetzt nicht übel, denn ein 
Dosiadas hat ein Scherzgedicht nach der Sjrinx des Theokrit gedichtet, und 
ein Kreter Dosiadas ist Schriftsteller gewesen: Kreta hat deren nicht viele 
aufzuweisen. Aber es liegt auf der Hand, dafs wir zu wenig wissen, um einen 
zuverlässigen Schlafs zu ziehen. 

2 ) "Aqiatu ist Kurzname für irgend einen '4qioio — . 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 163 

Lieder zu dichten. Das bezieht sich auf eine den Hörern ver- 
ständliche Sache, die den Theokrit anging, ich denke nicht ent- 
fernt an einen Sieg in einem Agon; die Konkurrenz gehört zur 
Hirtenmaske; aber wohl, dafs Theokrits Überlegenheit einem 
Dichter gegenüber hervorgetreten war (es brauchte nur im Urteile 
des Publikums geschehen zu sein), den die libysche Heimat 
bezeichnete 1 ): der Name Chromis hat nicht mehr Bedeutung als 
der Name Thyrsis. Nun denkt bei dem Libyer in jener Zeit 
jeder an Kallimachos von Kyrene; es dem zuvorzutun, was nicht 
im mindesten einen Gegensatz der beiden Dichter in sich schliefst, 
sondern ein Verhältnis wie es die Thalysia zwischen Simichidas 
und Philitas und Asklepiades angeben, war damals bereits ein 
Ruhm, und es konnte passend so bezeichnet werden. Aber ich 
will nichts dagegen haben, wenn man sich dabei bescheidet, es 
wäre ein Chromis aus Libyen genannt um zu sagen, Theokrit 
hat in Libyen-Ägypten Erfolg gehabt; mich befriedigt diese Deu- 
tung namentlich deshalb nicht, weil man gemeiniglich Ägypten 
nicht zu Libyen rechnet. Auf jeden Fall beweist der Thyrsis, 
dafs Theokrit nach der ägyptischen Reise in der dorischen Gegend 
Asiens gelebt hat, die damals unter der Oberherrschaft Ägyptens 
stand. 

In eben dieser Gegend spielten die Pharmakeutriai ; das 
zeigt der Myndier Delphis. Den Hörern war der Ort ganz genau 
bezeichnet ; sie kannten die Palaistra des Timagetos (Namen der 
Bildung sind auf Kos, noch viel mehr auf Rhodos beliebt). Die 
Hörer kannten auch den Hain der Artemis vor der Stadt, zu 
dem eine Prozession ging, in der sogar eine Löwin auftrat 2 ). 
Ich glaube nicht, dafs das Kos war, denn da tritt Artemis ganz 
zurück, die z. B. in Knidos einen namhaften Kult hatte. Aber 
die Beziehung auf Kos steckt, wie ich vor Jahren bemerkt habe, 



J ) Mir drtagt sich die Vermutung immer wieder auf, dafs Theokrit das 
Lied auf Daphnis zuerst allein gedichtet und vorgetragen hatte, und dann, 
stolz auf den Beifall, die Rahmenerzählung zufügte; ich könnte mir sogar 
denken, dafs er als Lohn einen silbernen Becher erhalten hatte, den er nun 
beschreibt, als Kompliment für den Geber, einen Flötenspieler. 

2 ) Für den Kult der dianoiva 9t\q(Zv interessant; tnti ae Mona yvwtt&v 
Zeus 9fxtv, sagt Hera in der Theomachie zu ihr. 

11* 



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164 Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 

in dem Läufer Philinos, denn Philinos von Kos hat im olympi- 
schen Stadion nach der Liste des Africanus 264 und 260 gesiegt. 
Dafs freilich der Sieg des Delphis über ihn früher fallen müfste, 
ist eine verzweifelt naive Ansicht: hat es denn den Delphis ge- 
geben? Hat der Greis aus Acharnai, der sich bei Aristophanes 
rühmt, den Phayllos von Kroton eingeholt zu haben, das vor 
den olympischen Siegen des Mannes getan? Die berühmte Person 
wird herangezogen, weil sie berühmt ist; in Kos konnte das 
Philinos schon vor seinem Hellenensiege sein, daher kann Theo- 
krit das Gedicht auch früher, wenig früher, gemacht haben als 
264: aber noch besser, als der Name in aller Munde war. Jeden- 
falls bestätigt sich ein längerer Aufenthalt des Dichters in dem 
dorischen Asien. 

Er hat in Rhodos und in Teos Inschriften für öffentlich auf- 
gestellte Statuen gemacht; das harmoniert aufs beste. Sein 
Dichten war das Handwerk, das ihn nährte. Wohl möglich, dafs 
wir Verse von ihm auf den Steinen seiner Zeit lesen, ohne es 
je wissen zu können. 

In den Thalysia will Lykidas zur Feier eines Erfolges sich 
von zwei Flötenspielern etwas vorpfeifen lassen, einem aus 
Acharnai, einem Avxconlras, und Tityros iyyv&ev 'von nebenan', 
soll singen. Nach dem Demos bezeichnet man aufserhalb Athens 
keinen Athener; Lykope in Ätolien ist zwar eine Ortschaft ge- 
wesen 1 ), aber keine, die man als Heimatsbezeichnung brauchen 
konnte, sonst würde sie auf den delphischen Steinen nicht fehlen. 
Es ist auch zu erwarten, dafs der Hirt auf Kos sich ein paar 
Hirten aus der Nähe einladet: man ist nicht gleich ein wandern- 
der Virtuose, wenn man die Flöte spielt. Avxcoalvag, richtiger 

l ) Das sagen die Scholien Theokrits 7, 72 und folgt aus dem Eponymos 
Avxwjtoi, der Sohn des Agrios ist, Apollodor Bibl. 1, 62; der Ort wird also 
im Gebiete der Agrianen gelegen haben, oder vielmehr, da die Ätoler lange 
Zeit keine Städte hatten, es ist der Eponymos einer Unterabteilung der 
Agrianen. Lykopos kommt als ätolischer Eigenname vor. Zweite Deutung 
der Scholien ist ?y anb äfaov Avxtonog yiiQ J^o? anotxm\ unverständlich: 
AhtoXüiv zu machen, verkehrt; dann wfire es keine neue Deutung und würde 
Avxttinaq von Avxbinr\ nicht differentiiert sein. Dritte Deutung: l* Avxto- 
7i(ovg %xa)v rr)v xlrjan; was ich auf den Lykopeus beziehe, der in dem Ge- 
dichte selbst genannt war. 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 165 

AvxQ>Jieltag hat schon vor mir ein Scholiast auf den Namen 
Avxcoaetig zurückgeführt, den der Vater von Theokrits Gast- 
freunden führt; nach dem hiefs also griechischer Sitte gemäfs 
ein Landgut 1 ). Acharnai wird also ebenso ein ursprünglich 
karischer Ortsname sein, den Theokrit an einen attischen d. h. 
literarisch bekannten angeähnelt hat, wie er aus den Alyi]Xldai 
das Aigilon gemacht hat, dessen Feigen er im Thyrsis lobt und 
Ilv^a zu <fr5|a, IleXrj (wie ich betonen möchte) zu UxsUa 
gemacht hat (Paton, Inscr. of Kos, p. 213). Der Tityros, der 
einen Satyrnamen führt, ist ein Sänger: es könnte ein beliebiger 
leerer Name sein, und dabei müfsten wir uns beruhigen. Auch 
das würde nichts ändern, dafs im Komos ein Hirt gleichen 
Namens begegnet, denn Theokrit verwendet Personennamen oft, 
ohne dafs Identität beabsichtigt sein müfste. Allein der Geifshirt 
des Komos, der diese Standesbezeichnung statt Eigennamen 
führt 2 ), redet am Anfang den Tityros kfilv vb xaXov jieyiXrm&e 
an: so spricht man nicht zu einem Knechte oder einer beliebigen 
Füllfigur. Die Stelle der Thalysia gewinnt beträchtlich, wenn 
Tityros ein Neckname ist wie Lykidas, und dann erst ist der 
Anfang des Komos gerechtfertigt. Man braucht es für einen 
Menschen mit poetischem Gefühle nur zu sagen: Theokrit hat 
so den Komos dem Genossen gewidmet, den er Tityros nannte, 
oder der vielleicht in seinem Kreise so hiefs. Denn dazu dafs 
sie sich zu Ziegenhirten umkostümierten, hat natürlich Theokrits 
Poesie den Anlafs gegeben: es kam den eleganten Städtern 
spafsigvor, die Naturburschen zu spielen; aber keine Spur führt 
darauf, dafs es mehr als Spiel war. Insbesondere die Kult- 
vereine, deren Genossen sich ßovxöXot nennen, haben hier nichts 
zu suchen. Die Zeugnisse für sie fallen Jahrhunderte später und 
durchaus in das nördliche Asien, wo der Untergrund thrakisch 
war, und nach Thrakien. Selbstverständlich sind die antiken 
Anknüpfungen der Bukolik an den Artemiskult ebenso nichtig: 

*) Diese onomatologische Frage zu verfolgen wird sich sehr verlohnen. 
Mir sind eben an der Mykale Tylwii« (iixga), Burg von Neupriene, die noch 
den Kult des alten Besitzers TfjXuv pflegt, und 'EQaatatoaTios (nvQyos), später 
als Grab des Arztes mifsdeutet, begegnet. 

2 ) Nur so ist nQoanTvgai fit iov alnölov, 19, gut gesagt. 



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166 Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 

dieser Kult existiert in Asien nicht, und wenn etwas davon in 
Sizilien bestanden haben sollte, so weifs Theokrit nichts davon. 

Das Schätzchen des Ziegenhirten im Komos heifst Amaryllis; 
ebenso heifst ein Mädchen in den Hirten (4), in das mehrere 
der eingeführten Personen verliebt waren, namentlich ein frecher 
Geselle Battos, der den gutmütigen aber herzlich dämlichen 
Korydon damit nasführt, dafs er höchst pathetisch um den Tod 
der Amaryllis klagt. Seine Identifikation mit dem Hirten des 
Komos ist durch den Charakter ausgeschlossen. Also gehört 
Amaryllis zu den Namen, die Theokrit sich für seine Hirten er- 
funden hat und mehrfach verwendet. Dies Gedicht spielt bei 
Kroton, wir wissen nicht weshalb, und erwähnt einen Milon, 
der den Namen von dem berühmten Sieger des sechsten Jahr- 
hunderts erhalten hat und daher als Faustkämpfer nach Olympia 
zieht: damit ist das Gedicht keineswegs in das sechste Jahr- 
hundert versetzt, sondern nur das krotonische Lokalkolorit ge- 
steigert. Theokrit scheut sich nicht, diese unteritalischen Hirten 
Lieder der Glauke singen zu lassen, die unter Philadelphos in 
Alexandreia Furore machte 1 ); sie war nicht nur Kitharodin, 
sondern auch Dichterin. Er mag sie dort gehört haben; in 
Sizilien hatte er schwerlich ihre Verse gelesen 2 ). Der Wett- 
gesang zwischen Komatas und Lakon (5) spielt bei Thurioi; der 
heroische Hirt der Legende Komatas, der dort zu Hause war, 
hat dazu die Veranlassung gegeben; er wird auch in den Thalysia 
erwähnt. Schon das rückt die Gedichte zusammen; aber es 
kehren auch einige Verse aus 5 im Thyrsis wieder, wie sich ja 



J ) Neben sie, die auch Hedylos erwähnt, tritt IIvqqos, eher der von 
Saidas (ZoitaJtjs) erwähnte milesische Dichter von 'Itovtxd (Athenaus nennt 
ihn UvQT}t\ als der Erythräer älterer Zeit, vermutlich Dithyrambiker, den die 
Scholien aus Lynkeus anführen. Auch den wird man nicht in Sizilien ge- 
sungen haben. ul\>(u) iav it Kgutma, fährt Korydon fort, u xaXa noktt a ie 
Z«xvr»o(". Das singt er als Probe; das versteht man; was Zakynthos soll, 
aber nicht. Es wird an ein Lied von Glauke oder Pyrrhos anklingen. 

2 ) 22 wird eine Gegend aro^ttX^vov genannt. Die Form ist singulur; 
man sagt otouk).(uv% schon Homer Z 4 (richtige Lesart), aber appellativisch 
von der Skamandermündung. Das Wort ist ionisch gewesen, denn es kehrt 
für die Rhonemündung wieder, Strab. IV 184. Aufserdem aber war es Orts- 
name auf Kos, Strab. 657. Da wird ihn Theokrit doch wohl her haben. 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 167 

Theokrit zu wiederholen liebt, und wenn auch 5 das ältere zu 
sein scheint, so liegt es doch am nächsten, die Entstehungszeit 
von Gedichten, die Versteile gemein haben, nicht weit auseinander 
zu rücken. Es kommen auch Kameen vor (88): das spezifisch 
dorische Fest konnte in Thurioi nicht wohl gefeiert werden; in 
der asiatischen Doris ist es selbstverständlich und auch für Kos 
genügend bezeugt. 

Das Lityerseslied der Ergatinai stammt aus Lydien ; in ihnen 
ist der Name Milon aus dem vierten, obwohl kein krotonisches 
Lokal da ist, einfach geborgt. Das gibt die relative Datierung ; also 
alle die Hirtenmimen fallen in eine Zeit und an einen Ort. Es 
sind ja wenig Gedichte, und wenn ein solches Spiel, wie Thalysia 
und Komos zeigen, denen schon anderes vorausgehen mufste, in 
guter Laune ein paar erzeugt hat, wenn's eine Weile gedauert 
hat, so wird man es satt. Seinen Freunden war doch Theokrit 
noch nicht der Bukoliker, und von den sentimentalen Tändeleien 
der modernen Pastorale wufsten sie nicht nur nichts, sie wufsten 
auch wenig von Sentimentalität , 

Als Theokrit das zweite Paidikon dichtete, hatte er an den 
Schläfen weifse Haare und fühlte sich alt; aus einer Periode 
verwandter Stimmungen stammen nicht nur die anderen Knaben- 
gedichte, sondern auch der Hylas, der an Nikias gerichtet ist 
Das deutet ziemlich direkt darauf, dafs Theokrit auch weiter in 
Sehweite des Nikias von Milet blieb. Als er den Hylas dichtete, 
hatte er die Argonautika des Apollonios gelesen; dessen Ten- 
denzen, die aber keineswegs ihm allein eigentümlich waren, 
widersprechen auch die Thalysia. Dieselbe theoretische Über- 
zeugung bekennen die Dioskuren am Schlüsse und führen sie 
praktisch durch: auch sie mit einem Seitenhieb auf Apollonios. 
Das würde von chronologischer Wichtigkeit sein, wenn wir die 
Entstehungszeit der Argonautika kennten; aber sie wird ja 
wesentlich durch diese Berücksichtigung bestimmt. Es genügt, 
dafs nichts dagegen angeführt werden kann, dafs Apollonios in 
den sechziger Jahren, nach der Hekale des Kallimachos, sein 
Werk ausgegeben hat. Gedichte wie Dioskuren, Helene, Hera- 
kliskos, die des persönlichen Elementes entbehren, sind durch 
ihre vollendete Form dem Thyrsis und der Thalysia ebenbürtig; 



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168 Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 

wir werden sie als Dokumente der agonistischen Tätigkeit des 
Dichters betrachten. 

So ist denn aufser Zweifel, dafs er nach einer kurzen Gast- 
rolle in Alexandreia während der letzten siebziger Jahre in und 
um Kos gelebt hat. Nichts führt auf eine Tätigkeit über die 
sechziger Jahre, ja nur an ihr Ende. Von einer Verbindung mit 
Sizilien ist vollends keine Rede: ich schäme mich fast zu sagen, 
dafs man gefälschte Ibisscholien nicht benutzen darf 1 ). So fallen 
die Gedichte Theokrits in einen kurzen Zeitraum, 274—260 etwa; 
es kann ja noch etwas weiter ausgedehnt werden, aber nicht viel. 
Er wird dann eben gestorben sein. Wann er geboren ist, ahne 
ich nicht: wer darf sagen, wie alt er war, als er den Kyklopen 
dichtete? Dafs er sehr viel mehr produziert hätte, als Artemi- 
doros fand, ist nicht sehr wahrscheinlich. Dafs er nach einer 
Jugendperiode dichterischer Tätigkeit sich andere Lebensaufgaben 
gestellt hätte, verbietet seine sehr kenntliche Art und das Ge- 
ständnis des Alterns. 

Es ist kein Unglück, dafs er nicht hoch zu Jahren ge- 
kommen ist; was er zu sagen wufste, war gesagt Das war 
nicht viel; aber es war ein reiner und frischer Ton. Nichts 
kam aus der Tiefe des Herzens, und schwerlich hat er etwas 
noch nicht Gesagtes gesagt. Es gibt unter den Griechen keinen 
namhaften Dichter von so geringer Originalität in der Erfindung, 
denn Aratos und Apollonios dürfen für uns nicht als wirkliche Dichter 

*) Ovid sagt 549 nur, dafs ein Dichter ans Syrakus erdrosselt ward, nicht 
einmal, ob von fremder oder eigner Hand. Die Scholien reden von einem 
Theodorus oder Teditus, der sich im Wahnsinn das Leben genommen hätte, 
weil er Iuppiter oder Diana gelästert hatte. Von Theokrit und Hieron er- 
zählt erst eine noch jüngere Fabel: nichts steht in dem zuverlässigen Kodex 
P. Also gesetzt, Ovid meinte den Theokrit, so wäre von einer Heimkehr 
nach Syrakus doch nichts gesagt. Wenn die Scholien eine Tradition wieder« 
geben, könnte es Theodoridas sein. Aber es ist aussichtslos zu raten: wir 
können ja die Dichter von 523. 525 und so vieles andere nicht deuten. 
Belochs Behauptung, dafs die Exempel aus der Diadochengeschichte bei Ovid 
aus der Ibis des Kallimachos stammten, dessen Lebenszeit dadurch noch 
i um Jahrzehnte verlängert wird, kann ich auch nicht ernst nehmen: er hat 
wohl Y. 449 nicht gelesen, wo Ovid das Gedicht des Kallimachos einen 
exujuua Ubellus nennt. Selbstverständlich ist auch die Ibis nicht siebzig Jahre 
nach der Argonautika verfafst. 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 169 

gelten. Theokrit übernimmt eigentlich immer fremde Motive. 
Gleich der Kyklop hat den des Philoxenos zur Voraussetzung; 
die Chariten spinnen durchaus die Gedanken der chorischen 
Epinikien aus, sowohl die notwendige Verbindung von Heldentaten 
und Sängerlob, wie von Reichtum und Freigebigkeit. Beide Male 
zitiert er sogar die Vorlagen. In Alexandreia geriet er, offenbar 
weil er den Gegensatz zu der modernen Wunderwelt lebhaft 
empfand, auf den glücklichen Einfall, seinen heimischen Sophron 
episch nachzubilden; das hat er dann in Kyniska (wo auch die 
zeitgenössische Komödie wirkt) und Pharmakeutriai weiter ge- 
pflegt: der epische Mimus ist der glückliche Griff, der ihn be- 
rühmt gemacht hat, und doch ist die Kunst auch in ihm nur 
Umstilisierung. Sophron leitete ihn dann zu den Hirtenmimen; 
das war wieder ein Treffer, und er hat das Thema mit Geschick 
variiert. Die Abhängigkeit üönnen wir gerade hier leider gar 
nicht kontrollieren, aber das eine ist klar: er holte noch etwas 
anderes heran, das Volkslied, sowohl das lydische von Lityerses 
wie den heimischen Bukoliasmos von Daphnis. Es wird wohl 
auch in den Ritornellen des Komatas mancherlei aus dem Volks- 
munde stammen. Daneben geht die Erneuerung der äolischen 
Lyrik, die vielleicht am meisten in bare Imitation sinkt; ge- 
lungener ist die Verwertung der Epithalamien von Sappho, Stesi- 
choros, Alkman in der Helene. Der Herakliskos ist von Pindar 
angeregt, Hylas und Amykos von Apollonios; hier allerdings 
lieferte dieser nicht ein Vorbild, sondern er rief die Konkurrenz 
hervor; der Polydeukes lehnt sich an die Kyprien. Wir sehen, 
dafs Theokrit sich dessen ganz bewufst ist, dafs in der Behand- 
lung seine Stärke liegt, in ihr will er ausgesprochenermafsen 
originell sein, und er ist es: dafs er sich mit Kallimachos be- 
rührt, geht nicht weiter, als die gleiche Zeit und geistige Rich- 
tung bedingt; aber die Berührung ist vorhanden. Kallimachos 
mufste ihn hochhalten und hat es getan. Er hat nicht nur das 
Epigramm auf die jüngere Berenike mit bewufstem Anschlufs 
an ein Wort aus Theokrits Ptolemaios gepriesen (vgl. S. 52): 
das könnte einen anderen Grund haben als die Verehrung für 
den damals verstorbenen Dichter; er hat den Kyklopen direkt 
aufgenommen, als er das Liebesgedicht machte, d>g äyatiäv UoXv- 



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170 Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 

(pafiog ävevQeto xäv knaoidäv t<hgafiivcoi * val yäv otfx äfiadifg 
ö KvxAcoip: nicht ohne Absicht ist das Epigramm dorisch. Als 
er es dichtete, war er ein armer Schlucker und litt unter der 
(pO.oncug vöaog, von der seine Epigramme so zahlreiche Proben 
geben. Wann war das? Wir haben keine Mittel eine genauere 
Zeitbestimmung zu versuchen. Je vertrauter man mit der Kunst 
dieser Zeit wird, in der die individuelle Freiheit der griechischen 
Einzelperson allein sich mit der modernen vergleichen läfst, um 
so schmerzlicher vermifst man, dafs wir über die Werke so wenig 
und über die Menschen gar nichts erfahren; man mufs sich mit 
den Philosophen beschäftigt haben, die neben den Dichtern und 
Gelehrten stehen, und von denen wir wirklich etwas wissen. 
Hier können wir nur sagen, die Möglichkeit ist vorhanden, dafs 
Kallimachos und Theokrit sich in Alexandreia gekannt haben, 
denn Kallimachos lebte dort (oder in dem Vorort Eleusis) und 
war bereits ein namhafter Dichter von sehr ausgesprochener 
Haltung und reizbar polemischem Naturell; Theokrit hatte noch 
nichts aufzuweisen was in der Welt Eindruck machen konnte: 
auf die Lebensjahre kommt ja nichts an. Theokrit verehrte den 
Asklepiades, mit dem Kallimachos um den Wert des Antimachos 
stritt; aber im Epigramm hatte er doch bei ihm gelernt. Theo- 
krit hat solche Epigramme nicht gemacht; im Epos hat er sich 
theoretisch zu Kallimachos gestellt. Er hat bei ihm gelernt, 
einerlei ob sie sich persönlich kannten oder nicht. Und Kalli- 
machos hat die Hekale so stark mit Theokritischer Kleinmalerei 
ausgestattet, dafs wir auch da sagen müssen, er hat bei Theokrit 
gelernt. Da wird denn die persönliche Berührung auch wahr- 
scheinlich; die Huldigung für Theokrits Kyklopen ist das eine 
Dokument, das andere liegt darin, dafs Theokrit den Zeushymnus 
des Kallimachos berücksichtigt (vgl. S. 55), der aus den Jahren 
zwischen der Thronbesteigung des Philadelphos und seiner Ehe 
mit Arsinoe stammt. Wenn sie sich denn wirklich berührt haben, 
so ist die Beziehung des Chromis von Libyen auf Kallimachos 
noch weit glaublicher, obwohl wir die Pointe nicht mehr erfassen, 
die dahintersteckt, und es wird bedeutsamer, dafs Theokrit 
theoretisch und praktisch die künstlerische Überzeugung des 
Kallimachos vertritt und gegen Apollonios Stellung nimmt. 



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Beilage: 8. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 171 

Wir haben über das Leben des Kallimachos gar keine An- 
gabe, die irgend etwas lehrte. Es ist begreiflich, wenn Beloch, 
der sich als Historiker den Philologen so überlegen dünkt, weil 
ihm die Poesie fern liegt, zuerst an die Locke Berenikes gedacht 
hat, die nebenher auch ein Dokument für die politische Historie 
ist; nicht ganz so begreiflich, dafs er sie datiert ohne sie ge- 
lesen zu haben, oder wenigstens nur bis V. 7. Denn er datiert 
sie nach dem Leben des Konon: sie ist aber überhaupt unver- 
ständlich, wenn sie nicht gleich nach der Heimkehr des Euergetes 
aus dem Asiatischen Kriege verfafst ist, also bald nach der Mitte 
der vierziger Jahre. Nun kann aber auch ein Historiker nicht 
gut leugnen, dafs ein einzelnes Gedicht ebensogut das letzte wie 
das erste "Werk seines Verfassers sein kann. Und ob Philologe 
oder Historiker: das macht nichts dafür aus, dafs ein Schlufs 
wie der Belochs eitel Wind ist: "Bei Atheniius (144 e) steht, 
Kallimachos hatte ein elegisches huvlxiov auf einen Sosibios 
verfafst, dem viele eine sonst Theophrast beigelegte Schrift an 
Kassandroä zuschrieben: das glaube ich nicht, sondern dieser 
Sosibios mufs der Minister Philopators sein: also lebte Kalli- 
machos bis nach Euergetes." Konnte man dem Minister Sosibios 
eine Schrift an Kassandros beilegen? Der betreffende Sosibios, 
von dem Athenaeus redet, also ein Literat der Zeit um 300, 
war dem gelehrten Publikum gar nicht weiter bekannt als durch 
das Gedicht des Kallimachos, das auf einen Sieg ging, der, wenn 
wir bedenken, dafs der Geehrte ein Literat war, vermutlich ein 
literarischer war. Wir dürfen ihn natürlich mit dem Lytiker 
und dem Lakonen durchaus nicht identifizieren: beide kommen 
bei Athenaeus mit ihren Beinamen vor. Aber wer dem Kassan- 
dros eine Schrift gewidmet haben konnte, dessen Sieg wird kaum 
viele Dezennien später fallen als der Tod des Kassandros. In 
Wahrheit haben wir keine Spur von irgendeiner Tätigkeit des 
Kallimachos, die nach der Locke Berenikes fiele 1 ). 

] ) Was Beloch anführt ist alles nichtig: was soll man zu einem Schlüsse 
sagen, wie "der Zeushymnos erwähnt Arsinoe nicht, also ist er nach ihrem 
Tode verfafst"? Der Kult des Philadelphos war ja erst nach diesem Tode 
eingesetzt und ungemein populär. "Kallimachos nennt den Euhemeros ytqüiv, 
also mufs der über 70 Jahre gewesen sein": wie alt ist Dikaiopolis, sind 



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172 



Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 



Dagegen fällt der Zeushymnus allerspätestens 278, in Wahr- 
heit wohl etliche Jahre früher. Er ist nur verständlich als Tisch- 
gebet für einen Kreis so stark grammatisch interessierter Leute, 
dafs ihnen die neckische Gelehrsamkeit Spafs machte, weder für 
den Hof noch für das grofse Publikum. Arats Proömium ist in 
gleicher Weise zu verstehn; der Hymnus des Kleanthes auch, 
ebenso der des Antagoras an Eros. Der Hymnus gilt dem Zeus; 
die Huldigung an den König ist dabei genau so angemessen wie 
die Bitte des armen Dichters um äyevoq. Ein Kreis lustiger 
armer Literaten ist auch der Hintergrund für die feinsten Liebes- 
epigramme. Doch ich kann hier diese köstlichsten Perlen 
hellenistischer Poesie nicht erläutern: wir brauchen nur das 
Datum 1 ). 

überhaupt die y£oovrts der Alten Komödie? Die griechische Sprache hat 
zwischen viarfat und ytytov keine Altersbezeichnung, und daher wird im 
Altertum -wie heute beides sehr viel freigebiger verwandt. Natürlich gibt 
der Iambus gegen Euhemeros gar kein Moment für die Chronologie ab. Ich 
wollte, ich könnte die Beziehung verstehn, die in den Versen liegt (Pgm. 86) 
"Auf in das Heiligtum vor dem Tore, da sitzt der alte Schwindler, der den 
Zeus von Panchaia erfunden hat, und kritzelt infame Bücher". Wo safs er? 
Wer ruft wen dazu auf, in jenes Heiligtum zu gehn? "Kallimachos hat sich 
jünger als Arat genannt"; das hilft wieder gar nichts, denn von Arat kennen 
wir nur seine Berufung nach Makedonien, und die Phainomena sind durch 
den Hymnus des Kleanthes auch nicht datiert, den jener doch nicht erst als 
Schulhaupt verfafst hat. Von den Mifsdeutungen der Hymnen auf Apollon 
und Artemis kann ich schweigen, da sie gar nichts für die Chronologie ab- 
werfen. Um die Schüler des Kallimachos, Hermippos, Istros, Philostephanos, 
die Geschichte des Epigramms, dafs Aristophanes den Kallimachos nur als vios 
hören konnte, u. a. hat sich Beloch nicht gekümmert. Eratosthenes hat in Athen 
den Zftnon noch hören können; also ist das Suidasdatum, geboren Ol. 126 
(272) zu niedrig. Aber die Angabe, dafs ihn Euergetes berief, braucht darum 
nicht falsch zu sein: sein Buch Arsinoe (Athen. VII 276), also ein Dialog, 
hiefs nach der Schwester und Gattin des Philopator: denn dieser ist der 
Ptolemaios, der die Dionysosfeste gestiftet hat, von denen jenes Buch er- 
zählte. Das Bruchstück wird aus dem Eingang sein, der die Szenerie des 
Dialoges gab. Die Produktion des Eratosthenes reicht etwa bis dahin, wo 
Beloch den Kallimachos die Ibis dichten läfst: schon das schiebt Kallimachos 
ein Menschenalter hinauf. 

l ) Das brillante Spottepigramm auf Diodoros Kronos (Fgm. 70) wird 
sich freilich gegen den lebenden wenden, nicht gegen sein obskures Logik- 
buch; aber ein Datum würde das nur ergeben, wenn Diodoros in Ägypten 



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Beilage: 3. Zeitbestimmung der Gedichte Theokrits. 173 

Das Pallasbad ist von Asklepiades oderPoseidippos (A.P. V.202), 
also spätestens in den siebziger Jahren, parodiert worden, wahr- 
scheinlicher von Asklepiades, der mit Kallimachos auch um die 
Lyde des Antimachos Polemik gehabt hat. Den Hymnus auf 
Demeter wird man dann unmöglich weiter herabrücken: die 
Metrik ist keine verächtliche Instanz, und wer sich um sie ge- 
kümmert hat, ist immer auf diese frühe Zeit gekommen. Der 
Hymnus auf Delos kann nicht verfafst sein, als Ptolemaios die 
Herrschaft über die Kykladen verloren hatte, vielmehr zieht er 
die Parallele zwischen dem Keltensiege des Apollon und dem des 
Ptolemaios, der wahrlich keine dauernd merkwürdige Sache war, 
fällt also bald nach diesem um 266. Die Hekale ist vor Apol- 
lonios' Argonautika verfafst. Also die Haupttätigkeit des Dichters 
Kallimachos fällt in die Jahre 280 oder noch früher bis 260. 
Das ist doch auch ganz begreiflich. Kallimachos hat sich, nach- 
dem er in Hellas studiert und sich in Alexandreia etabliert hatte, 
sehr kümmerlich durchschlagen müssen, bis er eine Anstellung 
bei Philadelphos fand: das geschah, indem er die Bibliothek zu 
katalogisieren erhielt: das ist überliefert, nicht mehr. Nirgend 

mit Soter zusammengekommen wäre; aber da Stilpon mit zn der Gesellschaft 
gehört, der den Ptolemaios 307 in Megara sah, ist das ausgeschlossen. Ware 
die Anekdote wahr, dafs Diodoros an seiner Blamage starb, nicht ohne noch 
rasch sein Buch geschrieben zu haben (Diog. Laert. II 111 = Plin. VII 180, 
aus Hermippos), so konnte Kallimachos gar nicht den Lebenden angreifen. 
Die Anekdote, die auch den Beinamen Kronos (fälschlich, da er geerbt war) 
aus dem Urteil des Ptolemaios bei jener Gelegenheit ableitet, ist (von dem 
unpassend angeflickten Tode abgesehen) gut erfunden, mit viel historischem 
Hintergrund, also früh. Es ist niedlich, dafs nun die Sophisten so mit- 
einander streiten wie einst Homer und Hesiod, noch früher Kalchas und 
Mopsos. Ich erinnere daran, dafs Stilpon einen Dialog Ptolemaios verfafst 
hat. Kallimachos aber braucht sein Gedicht gar nicht erst in Ägypten ge- 
macht zu haben: er wird doch auch als athenischer Studeut Verse gemacht 
haben, und Student sein heifst damals philosophieren. Beiläufig: iji'ufe xuv 
*6(>axti rtyioiv eni xoTa ouirjniai xQtüCovatv. 0. Schneider hat ganz recht, 
xov pafst nicht, xat ist erfordert, "selbst die Raben auf den Dächern schreien 
jetzt die Logik des Kronos aus (denn logisch ist dies avvdmta&ut) n . Aber 
das ist nicht die richtige Änderung, sondern xol. Das konnte sich nicht 
halten, und doch ist um des Klanges willen notwendig, dafs die Aspiration 
ausbleibt: Kallimachos hat also mit Bedacht die ionische Psilosis aufgenom- 
men. Sie rangiert mit dem plattionischen xoia. 



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Beilage: 4. HylaB und Aites. 



steht, dafs er Bibliothekar geworden wäre. Das bestreite ich 
heute, wie ich es zeitlebens bestritten habe. Das war dann aber 
eine gelehrte Aufgabe von einem Umfange, wie nicht leicht ein 
Mann des Altertums sie getragen hat. Da beginnt die riesige 
gelehrte Tätigkeit des Kall imachos, bei der er eine ganze Reihe 
Schaler gebildet hat. Er hat sich auch eine Frau genommen, 
eine Tochter des Euphraios aus Syrakus: da wird er die Erotik 
gezügelt haben. Auch sonst mochte die Poesie verstummen, ab- 
gesehen von so besonderen Gelegenheiten, wie der Vertretung 
der ägyptischen Ansprüche auf Kyrene, die der Kyrenäer durch 
den Vortrag des Apollonhymnus in seiner Heimat besorgt, oder 
der Huldigung an die kyrenäische Königin. Menschliche Dinge 
soll man doch menschlich auffassen : bei einem grofsen Gelehrten 
gehört das poetische Spiel der Jugend; die Berufsarbeit, das 
Forschen und Schülerziehen mufs es in den Hintergrund drängen. 

Es ist ganz wider seine richtige Beurteilung der politischen 
Geschichte, dafs Beloch sich in der literarischen Chronologie so 
arg versehen hat 1 ): auch in der Literatur beginnt der Nieder- 
gang sich schon um die Mitte des dritten Jahrhunderts anzu- 
kündigen. Die Blütezeit der hellenistischen Dichtung ist 300 
bis 260. 

4. Hylas und Aites. 

Warum stebn diese beiden kleinen Gedichte, die der Ver- 
herrlichung der Knabenliebe dienen, wenn auch an dem Rande, 
so doch eben noch mit unter den bukolischen? Die Modernen, 
die im Hylas nur ein Epyllion, also epische Erzählung finden, 
würden es gewifs zum Herakliskos gestellt haben, manche viel- 
leicht auch den Aites zu den äolischen Knabenliedern; aber das 
sind eben Lieder und der Aites ist episch: da zwang den alten 
Grammatiker die Form. Für uns kann die Anordnung ein 
Fingerzeig für das richtige Verständnis sein. Wenn beide nai- 
öixd waren, pafsten Aites und Hylas zusammen, und wenn die 
Tonart zu den ßovxoXixd pafste, nicht zu der epischen Erzählung, 
so war die Sache -entschieden. 

l ) Ich verzichte auf eine Besprechung der übrigen Dichter; es ist sehr 
viel Neues darin, aber Richtiges von Belang habe ich nicht gefunden. 



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Beilage: 4. Hylas und Aites. 



175 



Der Hylas ist dem Nikias gewidmet wie der Kyklop; die 
Widmung ist schon etwas. Und was hat Theokrit dem Freunde 
zu sagen? "Ja, lieber Nikias, die Liebe ist nicht blofs für uns 
kurzsichtige Sterbliche da; Herakles hat sich auch verliebt, in 
den Hylas mit den schönen langen Haaren 1 ). Um den hat er 
sich bemüht wie ein Vater, alles hat er dafür getan ihn zu 
einem vollkommenen Manne zu erziehen. Er liefs ihn nicht von 
seiner Seite und nahm ihn daher mit auf die Argo." Diese 
Liebe hat nichts von Schmachten und Kosen, von sinnlicher Be- 
gier und sinnlichem Genüsse an sich. Ich meine nicht, dafs 
das ausgeschlossen wäre; es ist nur als selbstverständlich aber 
nebensächlich beiseite gelassen. Dieser Eros entspricht der 
Definition des Polemon tiecöv vnrjQeoia . sl% vecov impiXeiav. 
Es ist das ywjo/a>g aatdegaotelv der Akademie, wie es jemand 
auffafst, der die sokratische Bändigung der Sinnlichkeit ignoriert, 
weil er sie nicht begreift. Aber die schönen Worte von dem 
pädagogischen Werte der Knabenliebe greift er gern auf, weil 
sie ihm passen, und so ist es von Bedeutung, dafs der Vater 
des Eros als unbekannt bezeichnet wird; das war in den damals 
berühmten Versen des Antagoras ausgesprochen, die eben aus 
der Akademie Poleraons stammen. Eine solche Liebe ist an sich 
unter keinen Umständen etwas Tadelnswertes, ganz im Gegenteil. 

Als die Rede auf die Argo und ihren Zug gekommen ist, 
beginnt der Dichter zu erzählen, nicht ohne "bukolische" Züge. 
Die Jahreszeit wird bezeichnet "als die jungen Lämmer schon 
auf die Weide getrieben wurden", die Gegend des Abenteuers 
bezeichnet als das Land, "in dem die Binder der Kianer breite 
Furchen ziehn", die Quelle, an der Hylas schöpfen will, wird 
beschrieben, auch die Wiese, auf der die Argonauten Mittagsrast 
halten. Aber geographische Belehrung fehlt durchaus; die 
Nymphen erhalten klangvolle Namen, Mädchennamen wie bei 
Hesiodos, aber die Quelle selbst bleibt unbenannt. Das alles 
war der an die Argonautensage angeknüpften Perigese eigentlich 



] ) 6 iav nloxaptöa (fOQiaiv; das steht als ein Kennzeichen des Hylas; 
unmöglich ist es gleichwertig mit uv^ßov, weil der Ephebe die Haare kurz 
tragt. Aber ich kenne die Beziehung nicht: Apollonios liefert sie nicht. 



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176 



Beilage: 4. Hylas und Aites. 



die Hauptsache; man sieht es bei Apollonios. Ebensowenig ist 
der Kult des Hylas angegeben, obwohl gesagt wird, dafs er ein 
Gott geworden ist; das ist nicht mehr, als die Aufnahme in den 
Kreis der Nymphen selber sagt 1 ). Nicht einmal die Herkunft des 
Hylas erfahren wir. Also nicht was erzählt wird, sondern wie es 
erzählt wird, ist dem Dichter die Hauptsache. Das Interesse 
hängt an Herakles. Wie der unruhig um den Geliebten wird, 
ihm nacheilt, ruft, eine täuschende Antwort bekommt und nun 
den Kopf verliert, u 2xivhot ol g>tXiovvsg: er lief unbedacht in 
die Irre. Die Argonauten bekamen recht, ihn einen Fahnen- 
flüchtigen zu nennen, und mufsten ohne ihn abfahren. Hat 
nichts geschadet, er ist schliefslich zu Fufse ebensogut wie sie 
zum Ziele gekommen". 

Das ist der Schlufs, bedeutungsvoll genug, um so mehr, als 
Theokrit das erfindet: denn mit späten Romanen, die Herakles 
bis Kolchis mitfahren lassen, soll man nicht rechnen; dem Heros, 



i) Ich kann ea nicht lassen, das wandervolle Epigramm des Kallimachos 
herzusetzen : 

'Aaxaxtdt\v rby Kg^ra tbv alnblov fjQnaoe Nvfuf q 
i£ dgios' xal vvv legöi "Aaraxt^ris. 

oiixiit dixiairjtotv vnb igvoiv, ovxfxi /tätpviv 
noiuivti all' altl ditpviv detoofit&a. 
Ein Hirt ist im Diktäischen Gebirge verschwunden, ätfayijs iyivtto. Da er- 
zählen sich die Hirten, was sie sich auch heute erzählen würden, eine 
Nereide hat ihn geholt. Aber damals war die Nereide kein Teufel, und die 
Entrücknng ins Feenland kostete nicht die ewige Seligkeit, sondern verlieh 
sie. Die Hirten werden nun eine Ballade vom Raube des Astakides singen, 
er wird ein fjoue alnokixös werden, wie es bisher Daphnis war. Was ist das 
also? Eine Umbildung eines Grabgedichtes. Das Gedicht fürs Grab und 
seinen Stein ist erst zum Gedicht auf den Tod geworden: dies ist eine 
weitere Umbildung. "Sucht den verschollenen Kameraden nicht, weint nicht 
um ihn. Er ist entrückt in seliges Heroentum. Huldigt ihm als einem 
Heros." Natürlich hat Kallimachos keine realen Beziehungen zu kretischen 
Geifsbuben, sondern literarische zu ihren Volksliedern von Daphnis und zu ihrem 
Volksglauben; daraus nimmt er sich ein Motiv, wie Uhland von den Pro- 
venzalen, Heredia von den Griechen. Und seine melodische Kunst trägt die 
Schlichtheit und die ahnungsvollen Klänge des Volksliedes hinein. Aber 
Eibbeck sagt "der pp. Astakides war nämlich ein Dichterkollege von Kalli- 
machos, und zwar ein Bukoliker"! Und solchen geschmacklosen Unsinn 
käuen sie dann wieder! 



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Beilage: 4. Hylas und Aites. 



177 



der die ganze Welt besucht hat, traut der Dichter und sein 
Publikum ohne weiteres zu, dafs er auch dorthin gelangt ist. 
Also das Exempel lehrt, dafs die Liebe freilich den Herakles 
unbesinnlich gemacht hat, wie uns andere Menschen, 01 tö atigiov 
ovx tooQÜfiev, aber das hat seiner Heldenkraft und Tugend 
keinen Abbruch getan: im Grunde hatte er die Vorwürfe nicht 
verdient. 

So stellt sich das Gedicht als eine Apologie der Knabenliebe 
dar, ihrem Wesen nach und in ihren Wirkungen auf den Lieben- 
den. Diese Apologie richtet Theokrit an Nikias. Damit rückt 
das Gedicht vollends in die persönliche Sphäre. Es kann keine 
leere Widmung sein; das liegt schon in dem (bg idoxev^Bg. 
Danach waren sie geneigt gewesen, nur die unbedachten Menschen 
den Anfällen der Leidenschaft ausgesetzt zu glauben. Und nun 
stellt Theokrit das durch die Geschichte des Herakles richtig. 
Die Geschichte war doch wohl ihm selber keine Neuigkeit und 
dem Nikias auch nicht; es gab auch wahrhaftig Exempel heroi- 
scher Verliebtheit genug. Es kann sich auch nicht etwa um 
Erinnerungen an gemeinsame holde Jugendeseleien handeln: der 
EQCog Jicudtxög, wie er hier geschildert wird, ist keine Leiden- 
schaft der ersten Jugend und Theokrit hatte graue Haare, als 
er seine jtaiöixd dichtete. Mit dem iÖoxBvfieg nimmt Theokrit 
höflich die falsche Beurteilung der Liebe mit auf seine Kappe. 
Nikias lebte glücklich verheiratet seiner Praxis in Milet. Theo- 
krit war ein fahrender Poet und machte Knabenlieder. Ist es 
verwunderlich, wenn Nikias meinte, er sollte das lassen, wenn 
er ihm sagte (das Versemachen war ihm wohl vergangen) "lieber 
Freund, Liebestollheiten treibt man nur, solange man an das 
Morgen nicht denkt; darüber kommt ein bedachter Mann hinweg". 
Und ist es nicht niedlich, wie Theokrit sich verantwortet? 

Für seine Antwort konnte er manches Exempel wählen; 
dafs er auf Hylas geriet, lag daran, dafs er gerade das Epos 
des Apollonios gelesen hatte, das ihm nicht nur den Stoff bot, 
sondern ihn auch reizte, es besser zu machen. Gewifs hat er 
nicht sein Gedicht gemacht, um literarische Polemik zu treiben; 
aber die Reproduktion wird zur Korrektur, und das Publikum 
sollte diese empfinden. Knaack (Gotting. Gel. Anz. 1896 884) 

Philolog. Untersuchungen. XV1IF. 12 



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178 



Beilage: 4. Hylas und Aites. 



hat gezeigt, dafs V. 21 direkt auf Apollonios' erste Verse hin- 
deutet; es sollte ohnehin kein Mensch zweifeln, der das Gleichnis 
vom Löwen liest, da sich Apollonios mit seinen Gleichnissen 
(1241. 1265) so arg verhauen hatte. Nicht absichtlich, sondern 
in unwillkürlichem Anschlüsse an Apollonios ist Telamon der 
Zeltgenosse des Herakles geworden; bei Theokrit war jeder Name 
gleich gut; dieser bot sich als ein allgemein bekannter (statt 
des Lokalheros Polyphemos), weil er bei Apollonios, und sicher 
aus eigener Erfindung, die Partei des Herakles nimmt (I 1289). 
Weil hier die direkte Beziehung auf Apollonios nachgewiesen 
ist, auch für solche, die nur durch buchstäbli he Anklänge zu 
überzeugen sind, und weil Theokrit sich in ten Thalysia und 
in den Dioskuren scharf gegen die Konkurrenz mit dem Homeri- 
schen Epos wendet, also seine künstlerischen Überzeugungen 
in Wort und Tat zu erkennen gibt, ist auch in den Dioskuren 
das Amykosabenteuer als eine bewufste Parallele zu Apollonios 
notwendig aufzufassen, und sind die weiteren chronologischen 
und literargeschichtlichen Schlüsse zwingend. 

Die Gliederung des Gedichtes ist unverkennbar. Mit 25 
fängt die Erzählung an. Wir müssen erwarten, dafs die Wirkung 
des Eros auf Herakles berichtet wird, und auch etwas von der 
Fahrt, die so ausführlich eingeleitet war. Von Herakles heifst 
es im letzten Verse ae£äi 6' eg KöXxovg re xai ä^evov Ixsto 
<Päaiv. Dem entspricht, wie die Verteilung des Stoffes zeigt, 
beabsichtigt und bestimmt bei der Lektüre scharf hervorgehoben 
zu werden, von der Argo 

äXXä öie£di£ev (dr/' ov rote zoiQddeg eatav) 
aletög fog fieya Xalvfia, ßafruv ö' slotÖQape <Päoiv. 
u Die Argo hat die Symplegaden nicht berührt, sondern ist ge- 
fahren (und daher blieben die Felsen damals stehen) durch das 
weite Meer wie ein Adler und im Phasis eingelaufen." Die 
parenthetische Erwähnung des Wunders würden wir gern preis- 
geben; aber diese kleinen Gelehrsamkeiten erlaubt sich jeder 
Alexandriner; das Miöeavlöog 7)Q(olvr)g unmittelbar vorher ist 
nicht notwendiger. Wir mögen tadeln, dafs man öisZ-di^ev zuerst 
auf die Symplegaden bezieht, weil die Parenthese das Objekt 
fiiya Xalv^xa abtrennt. Dennoch ist die Umstellung der Ilemi- 



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Beilage: 4. Hylas und Aites. 



179 



stichia d<p' ov und ßativv ö 1 unabweisbar, die Jacobs gefunden 
hat. Denn als die Argo durch die Symplegaden hindurch war, 
lief sie eben nicht in den Phasis, sondern in den Pontus. Sie 
schiefst wie ein Adler nicht blofs auf der Passage gerade zwischen 
den Klippen durch, sondern so geht's auf ihrer ganzen Fahrt 1 ). 

Der Aites wird überhaupt nicht verstanden, wenn man ihn 
ohne Humor liest. Ohne die Selbstironie wäre das Gedicht eine 
unausstehliche Plattheit, und wer von "Grundgedanken" und 
"zarter Ausführung" redet, der täte besser die Hand von Poesie 
zu lassen. Wir können freilich einen Hauptreiz, mit dem Theokrit 
rechnete, nicht mehr empfinden, die Reminiszenzen an die alte 
Lyrik, die hier ebenso zugrunde liegt wie in den ncuöixd, wie 
Sophron in den Mimen und eigentlich überall etwas älteres 
Literarisches. Hier hat dieser Anschlufs ein wenig von Parodie. 
Ganz und gar unklar ist mir wenigstens noch immer, wo die 
Vorbilder liegen, die zu dem ionischen Dialekte geführt haben; 
man denkt leicht an Anakreon, den Sänger des Smerdies und 
Bathyllos. Der Eingang selbst stammt aber aus Sappho; das 
hat eine schöne Entdeckung von Bidez gelehrt, der im Anschlufs 
an Reiske in Julians 60. Briefe sapphische Verse erkannt hat, 
die dem Versmafse nach in ihr zweites Buch gehörten. Ich 
kann sie nun ganz herstellen 

äv 6' etpkv^ag ifiav (pQkva xaiofikvav JttJ#G)t s ). 
Herübergenommen ist nur ein äufserliches Motiv des Einganges, 



1 ) Die Landungsabenteuer kümmern den Dichter alle nicht; er hat auch 
die ganze Geschichte von Lemnoa (und die von Kyzikos) ignoriert, nicht aus 
Gelehrsamkeit, weil etwa Pindar den Besuch von Lemnos auf den Bückweg 
verlegt hatte, sondern aus dem echt künstlerischen Streben nach Isolierung 
der Geschichte, die er behandelt. 

2 ) Überliefert rlftts xat Inotyaas {i\l&is y«Q xal unoiv olt yQnq-Hs) 
iyu) ä£ fff jutt (ofiav, av tT ((fvkal-ag etc. Das hat Bidez richtig abgeteilt 
und sonst verbessert; nur Z(flv(as schien mir gegeben, statt Ziflefac, und 
gern restituierte ich das seltene Verbum, vgl. Isyll 120; das Herz brannte 
vor Sehnsucht: jetzt kommt die Geliebte, da schlägt die Flamme empor, 
oder auch, es ist wie ein siedendes Wasser, das plötzlich überkocht, xal« 
(wem's Spafs macht, schreibe xdlla) tnoirjattg entspricht spaterem xal&s 

TlOtOUO«. 

12* 



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IM) 



Beilage. 4. llxlas uud Aite$. 



denn die Stimmung ist weit entfernt von dem unmittelbaren 
Ausbruch der Leidenschaft. Die Überschwenglichkeit der Freude 
Theokrits kontrastiert nicht ohue Absicht mit der Kürze der 
Trennung, und sie spricht sich in einer Fülle von Vergleichungeu 
aus, die ganz ernst zu nehmen mehr als naiv wäre. "Wie der 
Lenz süfser ist als der Winter und der Apfel (ykvxv/iakw sagt 
Sappho) als die Holzbirne; wie das Mutterschaf wolliger ist als 
das Lamm und ein frisches Mädchen annehmbarer als eine dreimal 
verwitwete Frau, wie das Reh flinker ist als das Kalb und die 
Nachtigall der allermclodischste Vogel." Hatte Artemidor nicht 
recht, das zu den Bukolika zu stellen? Ist es nicht aus dem- 
selben Geiste geboren, aus dem der Hirt des Komos sagt oaoi' 
aiye$ t t uiv yiP.at öooov äjiiaßijg, und aus dem Bukaios seine 
Bombyka feiert? Das waren Hirten und Bukaios eine unfrei- 
willig komische Figur: wenn Theokrit aus eigener Person solche 
Töne anschlägt, spielt .er doch wohl ein bifschen Bukaios. 

Auf die Wonne des Wiedersehens folgt der Wuusch, das 
Liebesverhältnis möchte so exemplarisch werden, dafs sie in alle 
Ewigkeit als ein Typus von siowijtos und dittjg gefeiert würden. 
Die verschollenen Vokabeln sind gelehrte Reminiszenz aus der 
damals beginnenden Glossographie l ); inhaltlich kehrt der Wunsch 
im ersten aaiöc/.öv wieder, wo die Form ist, sie wollten 'AydJMoi 
fpiXoi werden. Aber hier wird der Ruhm ins Überschwengliche 
gesteigert. Womit wieder die nächste Gcdankenrcihe seltsam 
kontrastiert. "Das werde wie es werden soll J ), ich will mir 



') 12, 13 i> fih' tiom>r)io;, / ' töuL-xXuiu^iür, ioj» J' 'iitnov nukiv 

ü'i xti> ö ÖtoouXöi tiuoi t<äfjv. Aus tlen Scholien und unserer sonstigen 
Kenntnis wissen wir sehr wohl, dafs uiua lakonisch war; den thessalischeii 
Brauch lernen wir nur hier kennen. Schon darum kann die Überlieferung 
nicht richtig sein, und xtr lüfst sich auch nur mühsam entschuldigen. Das 
war offenbar xa( y eine jener Äuderuiigen, die eigentlich keine sind. Aus den 
Glossen etwa des Philitas oder Simias hat Theokrit gelernt, dafs dies Wort 
aufser in Sparta, wo es ihm Alkman gezeigt haben mochte, auch in Thessalien 
gebraucht worden war. 

2 ) tovtujv ph' vnfyTHwt avQurtmn toiorö' tü&ovatv enthält eine 
uugeheilte Verderbnis, denn intytfoos kann nichts anderes sein als ein tum 
Nomen gemachtes vntQ; es ist superi oder su/wriores im Sinne von x(>tinorti. 
Etwas anderes heifst es nie und kann es nicht heifsen; und hiefso es xvotoi, 



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Beilage: 4. Hylas und Aites. 



18J 



keine Lügepickcl auf meiner dünnen Nase verdienen 1 ): es ist 
die lautere Wahrheit wenn ich dich preise, denn du sorgst dafür, 
dafs man sich gut steht, selbst wenn du erst etwas bissig gewesen 
bist." Vorläufig ist es also mit der exemplarischen Freundschaft 
noch nichts, und die dreitägige Abwesenheit ist natürlich keine 
Reise gewesen, sondern ein dreitägiges SchmolLen. In der über- 
schwenglich zur Schau getragenen Zuversicht liegt also vielmehr 
ein Wunsch, nicht für das Leben nach dem Tode, sondern für 
das Liebesverhältnis. Hoffentlich hat er keine Lügepickel be- 
kommen; kamen sie doch, waren sie schwerlich die ersten. 

Nun geht es von einer ganz anderen Seite los. Aus irgend- 
einem historisch-antiquarischen Winkel hat Theokrit aufgelesen, 
es hätten in Megara zu Ehren des Diokles von Athen Schönheits- 
wettkämpfe für Knaben bestanden, die mit Küssen konkurrierten. 
So etwas konnte den dezenten Menschen der hellenistischen Zeit 
nur eine pikante Reminiszenz aus einem naiven Mittelalter sein. 
Theokrit ist auf die Lesefrucht nicht minder stolz als auf die 
Glossen vorher; aber wenn er durchblicken läfst, "bei solcher 
Kufskonkurrenz in der Jury sitzen, das müfste nicht übel sein", 
so sieht man ihn so lüstern und schalkhaft schmunzeln, dafs 
alle Sentimentalität vertrieben ist. "Da mufs der Preisrichter 
ja zum yaQQjtoQ 1 ) Ganymedes beten, einen Mund zu haben wie 

so pafste nicht toovrat: dann würde es heifsen eaaeuu Idüovow (Meineke). 
Der andere Weg ist, v7ifgT(Qoi als superi zu nehmen, ansprechend erstens 
wegen Homer E 898 htQKQoq oiQavtwvcov, zweitens weil die Szene eben 
bei den rtyrtooi war. Dann steckt in eooovuu ein Verbum, das den Genetiv 
regiert, intiuX^covriu; das ist zu suchen, denn tfjjtfovr«* oder {trjoovot 
(Piccolos) fordert noch eine Präposition, also Zerstörung von vntQTtQoi in 
V7l€Q 9to(. 

>) Die Lügepickel erklärt der Scholiast, und es ist gar kein Grund zu 
bezweifeln, dafs es einen öo&tjv Lügner tfjevatrjg gegeben hätte. Vollends 
die Nase Theokrits — wenn er sagt, sie war «pea«, weifs es jemand besser? 
Die Glosse hat er von den ('coaial ylwaaat der Wölfe, ZT 161, genommen, im 
Sinne von temos, wie dort die Scholien haben, und eine ltntr\ $(s hat 
Aristoteles Physiognom. I 66 Förster. 

a ) Ganymedes ist /«po/io? ; das ist der Blick des Löwen und des Helden. 
Asklepiades Anth. Pal. 5, 151 schildert, wie das nodota ßfßaf/^iov qöv 
nQoaionov eines Mädchens, ein l 'süfses Gesichtchen, das nicht die Schminke, 
sondern die Sehnsucht gefärbt hatte", abwelkt, weil es zu oft am Fenster 



182 



Beilage: 5. Üioskuren. 



ein Prüfstein, XQ V ™ V d^oity nEv&ovrai f.iij (pavkog ivrjtvfiov 
äQYVQafioißoL" Diese Lesart von K, neben der pij (pavlov gar 
nicht in Betracht kommen kann, hat seltsame Schicksale gehabt. 
Die Kritiker haben sich daran gestofsen, dafs die Geldwechsler 
etwas sehr Überflüssiges tun, wenn sie echtes Gold daraufhin 
prüfen, ob es falsch wäre. Ohne Zweifel; wenn alles echt ist, 
so ist die Prüfung überflüssig. Die Wechsler bezweifeln aber, 
ob alles echt wäre, und vermutlich werden sie dazu Grund 
haben. Aber als Laertes von Philine einen Kufs bekommt, die 
er kennt und wie alle Weiber einschätzt, meint er doch, "seltsam, 
dafs so etwas immer gut schmeckt", und wenn Theokrit der 
(piXojtaig der Ansicht ist, dafs jeder Kufs von frischem Munde 
Gold wäre, so ist das eine neckische Kritik der megarischen 
Konkurrenz. Ohne die Hilfe des himmlischen Jialg xa?.6g kann 
der Richter nur finden, dafs sie alle süfs schmecken. Und wenn 
darauf das Gedicht hinausläuft: wird nicht vielleicht Theokrit 
auch so denken und so handeln, wird er sich nicht vielleicht 
trotz aller Seligkeit des Wiedersehens zu trösten wissen, wenn 
der zeitweilige d/r?;g wieder zu beifsen anfängt? 



5. Dioskuren. 

Der Dichter beginnt mit der Angabe seines Themas: das 
ist so gut wie eine Überschrift; im Buche gab es damals schon 
Titel, aber für den mündlichen Vortrag war noch erfordert, dafs 
der Dichter sein Thema im Gedichte selbst bezeichnete; das ist 



gestanden bat und von den x«Q°"<*i AxrTvet getroffen ward, die Kleophon, 
der an der Türe stand, anb yluxtQov ßlffiftaTos schofs. Die Liebe darin gab 
das yXvxtqöv: das yaQonöv ist das Männlich- mutige, das dem zuchtigen 
Mädchen imponiert. Wenn Ganymedes /aoonos ist, so hebt ihn das also 
über die xalot, die molles, in die heroische Sphäre, wie es sich für den 
Knaben des Zeus schickt. Beiläufig: wenn nöSoioi ßtfiX^utvov überliefert ist, 
so sollte man sich die Härte von ßißX. überlegen; dem sollte auch zugäng- 
lich sein, wer die Poesie nicht empfindet, die kein no&oßlrjrov nqöaianov 
duldet, ehe der Blitz der Augen einschlug. Wer aber daran gemahnt ist 
ßtßafift4vov herzustellen und statt dieser minimalen Änderung ßtßqtyftivov 
daraus macht, dem ist's nicht darum zu tun, dafs der Vers verbessert wird, 
sondern dafs er eine Konjektur macht, wenn's auch eine spottschlechte ist. 



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Beilage: 5. Dioskuren. 



183 



noch in Bions Adonis so, während Herakles und Megara ohne 
die Prosaüberschrift (oder Rede) unverständlich sein würden. Wir 
haben also mündlichen Vortrag. Der Dichter war aber in der Wahl 
seines Themas frei: nirgend eine Spur, dafs er gehalten war, 
die Dioskuren zu besingen; es ist also nicht etwa ein Gedicht 
für ihren Kult. Dafs der Dichter gibt was ihm beliebt, sagt er 
auch in dem Epiloge, obwohl der an die Form der epischen 
Hymnen mit ^atoere Arjöag texva anklingt. 

Bei der ersten Nennung wird Kastor nur mit dem Namen 
genannt, Polydeukes erhält reichen Schmuck: das ist Vorbereitung 
dafür, dafs mit ihm begonnen werden soll; sonst ist keine Spur 
mehr davon, dafs Kastor geringer, aus sterblichem Samen gezeugt 
ist, keine Spur auch von der Heteremerie. Es liegt selbst an 
der Herkunft von Zeus nichts; oft heifsen sie Söhne der Leda 
oder des Tyndareos. Der Ursprung von Zeus bedeutet nicht 
mehr als die Göttlichkeit der makedonischen Herrscher: ihre 
Taten und ihre Gesinnung beweisen ihre Göttlichkeit, und weil 
sie sich als göttlich erweisen, wächst eine Abstammung von einem 
persönlichen Gotte nach, aber sie ist nur facon de parier, An- 
schlufs an die Vorstellungsweise vergangener Zeiten. Die Gött- 
lichkeit der Dioskuren, die als Zwillingsgötter keine zwei ver- 
schiedenen Personen sind 1 ), wird in dem Proömium grofsartig 
geschildert, wie es sich für Götter schickt, in ihrer Epiphanie, 
nicht ein einmaliges, sondern ein typisches Faktum, wie sie ein 
Schiff aus dem Sturme retten; auch hier zeigen sie sich nicht durch 
sinnliches Eingreifen oder auch nur durch sinnliche Erscheinung 
der Sterne oder des St. Elmsfeuers, sondern nur durch den 
Erfolg. Das Element gehorcht ihrem gnädigen, rettenden Willen: 
da müssen sie wohl Götter sein. In diesem Sinne glaubte Theo- 
krit und seine Zeit an die fieol acovfjQeg 2 ); alles Mythische war 



*) Das sind sie nie und können sie nicht sein: von einem besonderen 
Gotte Kastor zu reden ist arge Verkehrtheit. 

2 ) Dabei sei doch gegen die unerträgliche Torheit protestiert, die immer 
wieder fragt, wer die teol atoj^geg des Pharus wären. In der Widmung trägt 
der Gott wie der Mensch seinen Namen. Die "rettenden Götter" sind sie, 
weiter nichts: dafs sie retten, erfährt der Schiffer; je nach Kasse und Her- 
kunft wird er dabei an die Dioskuren oder Kabiren oder Portunus oder Jahve 



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184 



Beilage: 5. Dioskuren. 



ihr längst pvftog; aber der Rationalismus der Stoa, der die Götter 
streicht und die vergöttlichten Menschen behält, wie ihn Horaz 
gerade an den Dioskuren zu bekennen liebt, hatte die gesunde 
Religion noch nicht verdrängt. 

Es ist sehr erfreulich, dafs wir für den ersten Teil, die 
Epiphanie der oovTjQeg, die Homerische Vorlage besitzen. Es 
ist der letzte Hymnus der erhaltenen Sammlung, auch ein schönes 
Gedicht, geboren aus genau der gleichen religiösen Stimmung. 
Auch dies beginnt mit der Nennung der Dioskuren und ihrer 
Herkunft und bezeichnet die Sphäre ihrer Wirksamkeit, otovt)Qag 
smyßovlcov v' ävftQomcov (bxvd?.cov te veüv, und an dieses 
Glied wird gleich die Schilderung der Epiphanie angeschlossen, 
"wenn Winterstürme über das grausame Meer jagen. Dann 
schlachten die Schiffer am Hintersteven, über den die Wogen 
schon hingehen, weifse Lämmer und rufen die Dioskuren. Die 
erscheinen plötzlich mit schnellen Fittichen durch den Äther 
stürmend, bändigen die Stürme, glätten die Wogen: das ist für 
die Schiffer ein schönes Zeichen. Sie freuen sich und sind die 
Mühen los" 1 ). Theokrit behält den ganzen Aufbau bei; er 



oder Isis oder St. Nikolaus oder St. Jakob denken. Das ist alles richtig, steht 
aber alles unter der universellen Religion, die Sostratos (den sie immer noch 
kindischerweise für einen Baumeister halten) mit den Gebildeten seiner Zeit 
bekennt, und die universell und menschlich ist wie der Hellenismus. 

l ) Üas Gedicht ist im Hymnus 17 ausgeschrieben. Der Anfang up<fl 
Jibs xovqovs fontit Movaui stimmt zu den kitharodischen Proömien; aber 
solange die Kitharodie sich an epische Texte hielt, machte das keinen 
Unterschied. guvSvs in der falschen Bedeutung "schnell" (vgl. zu Eur. Her. 
488) gibt keinen zeitlichen Anhalt. Die Dioskuren sind von Leda im Hoch- 
gebirge des Taygetos geboren: das zeigt einen Dichter, der alle Ilcroen- 
ge6chichten abstreift, das Ei des Eurotas, Pephnos, Amyklai; aber die Tynda- 
riden und damit Sparta im allgemeinen hat er doch, nur entrückt er die 
Götter aus der profanen Menschenwelt. Die atoifjQfg werden beflügelt ge- 
dacht: das hat nicht in der Kunst seinen Ursprung, nicht einmal seine 
Analogie, aber es ist darin jene Richtung der Phantasie mächtig, die im 
G.Jahrhundert zur Beflügelung vieler Götter geführt hat, auch in der Kunst; 
Nike, Eros n. a. haben sie behalten. Dafs die Dioskuren nicht reiten, deutet 
auf Schifferbevölkerung, und es wird ja auch das Lammopfer aus dem Leben 
der Schiffer erzahlt. So wird der Hymnus etwa im Kulturkreise von Delos 
entstanden seiu, nicht in dem von Korinth, Aigina, Athen, und im 6. Jahr- 



Beilage: 5. Dioskuren. 



185 



mufs dem Polydeukes und seiner Agonistik eine besondere Be- 
handlung gönnen, weil er gleich von seinem Faustkampfe er- 
zählen will'); er fügt zwischen acovrjQeg ävftQibncov und vmv 
die Fürsorge für die Reiter ein, aber das beeinträchtigt die 
Struktur des Ganzen nicht. Dann läfst er das Opfer und den 
sinnlichen Flug durch die Wolken fort (der bei Homer doch auch 
schon allein in der Sphäre der Phantasie bleibt) und steigert 
die Gefahr, wie die gewaltige Woge von der jtgvfiva ins Boot 
geschlagen ist, "oder nach vorn oder wo sie wollte" (die Jigiyua 
war nur bei Homer notwendig: man sieht hier die bewufste 
Tätigkeit des Nachahmers), wie die Wände eingedrückt sind, die 
Takelage zerrissen flattert, Regen und Hagel toben. Ent- 
sprechend wird die Witterung ausgemalt, als der rettende Um- 
schlag eingetreten ist; die Wolken zerteilen sich, die Sterne 
erscheinen (weil dies den Wetterumschlag sinnlich erkennen 
läfst, wird der Sturm jetzt ein nächtlicher), und zwar bestimmte 
Sterne, der Bär, nach dem die Schiffer sich orientieren, und die 
Krippe, die nach dem Volksglauben unsichtbar wird, wenn Sturm 
im Anzüge ist. Dann folgt auch hier die abschliefsende An- 
rufung an die Götter. So also stellt Theokrit sein Proömium 
neben das Homers, in bewufstem und hier sehr engem An- 
schlüsse, und doch hat er ganz recht, dafs er ein freier selb- 
ständiger Dichter ist. Dazu gehört nicht die Hascherei nach 
Originalität, die Unfreiheit der negativen Imitation, sondern die 
BYische der eigenen Empfindung und ihr individueller Ausdruck. 

Nach dieser allgemeinen Einleitung wird ganz kunstlos die 
Disposition gegeben, dafs jeder der Zwillinge sein Teil erhalten 
soll; nicht minder kunstlos wird V. 135 der Übergang yoii 
Kastor zu Polydeukes gemacht. Dafs ein kurzer Grufs an beide 
den Abschlufs bildet, verstehe sich von selbst. Der Reiz mufs 
also in den beiden Einzelgeschichten beruhn; damit aber das 



hundert. Mit dem Opfer eines Lammes wird noch jetzt auf den griechischen 
Werften ein neues Schiff geweiht; "hinterher kommt der Papas und segnet 
es christlich ein", horte ich einen Schiffer sagen. 

l ) Der Dichter des Hymnus hat in entsprechender Überlegung den 
n vi- aynfto; eliminiert und den alten Vers so gegeben: Kaarood &' Inno- 
öauuv xal fifuuurfior ffoXvdfvxta. 



186 



Beilage: 5. Dioskuren. 



Ganze wirklich ein Gedicht sei, müssen diese aufeinander be- 
rechnet sein. 

Unvermittelt setzt die erste Erzählung ein und geht zuerst 
ganz rasch vorwärts. Die Argonauten liefen in den Bosporos 
ein, landeten im Bebrykerlande, die Zwillinge fanden eine Quelle, 
der Riese Amykos ') wehrte ihre Benutzung. Hier erst gibt es 
eine ausgeführte Schilderung, sowohl der lieblichen Quelle wie 
des wüsten Riesen. Dann streiten die Gegner in plötzlich ein- 
geführter dramatischer Stichomythie. Unsere jämmerliche Kenntnis 
der heroischen Epik gestattet uns nicht zu wissen, ob das eine 
Theokritische Neuerung war. Aber da Theokrit diese Dramatik 
in seiner biotischen Epik oft geübt hatte, ist ihm die Kühnheit 
schwerlich ganz zum Bewufstsein gekommen: für ihn war doch 
auch Daphnis und das Duell zwischen Komatas und Lakon Epik. 
Dann folgt die Hauptsache, der Faustkampf. Ihn können wir 
nicht voll würdigen; dazu müfsten wir diesen Sport, seine 
Finessen und seine Roheit besser kennen und goutieren. Denn 
die Hörer sollten ihre Erfahrung aus der Palästra und den 
gyinnischen Spielen dazu verwenden, die Erfindsamkeit und Sach- 
kunde des Dichters zu bewundern. Unmittelbar vor der Ent- 
scheidung ruft der Dichter die Muse an; das klingt sehr home- 
risch, und doch ist es etwas ganz anderes, denn der Schalk 
legitimiert damit seine ganz neue und freie Erfindung, nicht nur 
den famosen Coup des Polydeukes (in so etwas sind alle Dichter 
ganz frei) sondern auch das Ende: statt dafs der Unhold, wie 
er es verdient hatte, unschädlich gemacht wird, begnadigt ihn 
Polydeukes unter der Bedingung, dafs er hinfort Gastfreiheit 
übe. Der hellenische Heros ist eine zivilisatorische Macht; er 
will die Barbaren nicht mehr ausrotten, sondern hellenisieren. 

Zweiter Teil. Gleich wird ein Bild gezeichnet Die Dios- 
kuren sind mit den Leukippiden, die sie geraubt hatten, bis an 
den Grabhügel des Aphareus gelangt; da werden sie von den 
Apharetiden, ihren Vettern und Verfolgern, eingeholt und alle 

*) Sein Name steht erst hinter der Stichomythie 75: die Geschichte 
mufs also den Hörern ganz vertraut sein. Am Schlüsse, 133, wird sein Vater 
Poseidon beiläufig genannt: auch dessen Kenntnis wird vorausgesetzt; doch 
versteht auch der Unkundige alles. 



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Beilage: 5. Dioskuren. 



187 



(d. h. beide Parteien) steigen von den Wagen; Lynkeus hält nun 
eine lange Rede, durch die wir über die Situation und die Vor- 
geschichte aufgeklärt werden. Kastor antwortet begütigend, 
und da die Versöhnung unmöglich ist, beschränkt er wenigstens 
das Blutvergiefseu , indem er durchsetzt, dafs nur je einer der 
Brüder in den Zweikampf treten soll, der über alles entscheidet. 
Es folgt das Duell; Lynkeus erliegt, und als Idas vertragswidrig 
miteingreift, erschlägt ihn Zeus mit dem Blitze. So behalten 
beide Zeussöhne ihr Leben und ihre Bräute. 

Der Epilog ist so persönlich wie die Sphragis des Homeri- 
schen Hymnus an Apollon. Theokrit verallgemeinert den Preis 
der Dioskuren zu dem der Heroen überhaupt, und wenn diese 
von Homer verherrlicht sind, so tut er dasselbe, aber nach seinen 
Mitteln und in seiner Weise. Er fordert also geradezu die Ver- 
gleichung mit Homer, hier also mit den Kyprien heraus, und 
sagt unverblümt, dafs er nicht durch Nachahmung, sondern durch 
ganz verschiedene Behandlung konkurrieren will. Damit stellt 
er uns dieselbe Aufgabe wie seinen Hörern, ihn mit Homer zu 
vergleichen. Den Amykos hatte Homer nicht erzählt; es ist 
nicht nötig, dafs Theokrit auch dort im Gegensatze zu einer 
andern Darstellung gedichtet hat; aber ob er es getan hat, mufs 
der Interpret auch hier fragen. 

Die beiden Geschichten sind darin parallel, dafs sie beide 
einen Zweikampf erzählen; aber diese Parallele bedeutet viel 
weniger, als dafs die Erzählung so verschieden ist; das erste- 
mal eine kurze Stichomythie, dann die Spannung der Aufmerk- 
samkeit durch die Anrufung der Muse, und ein höchst modernes 
Faustkämpferstückchen; das zweitemal knappe Schilderung einer 
Situation, zwei lange Reden, und nach dem Kampfe ganz kurz 
der Ausgang, der doch nicht minder eine überraschende neue 
Erfindung bringt. Die Art, wie zum Ruhme der Götter eine 
einzelne ihrer Taten erzählt wird, ist sehr verschieden von den 
herkömmlichen Hymnen, die die Geburt und den Eintritt in den 
Götterkreis behandelt'); vollends wie die Exempel sozusagen sich 



l ) Es gab natürlich auch Darstellungen einer einzelnen Epiphanie wie 
den Homerischen Hymnus an Dionysos; aber die Regel ist das nicht, und 



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188 



Beilage: 5. Dioskuren. 



in das gröfsere Ganze des Gedichtes einordnen, das erinnert 
weit mehr an die Lyrik. In der Behandlung standen die Kyprien 
diesem Epos sehr viel ferner als Pindars zehntes nemeisches 
Gedicht: aber 'Jheokrit hat ja so oft alte Lyrik in seine rezita- 
tive epische Poesie umgesetzt, dafs das nicht befremden kann. 

Da der Dichter uns direkt an Homer, d. Ii. die Kyprien 
weist, so müssen wir uns umsehen, wie weit wir diese vergleichen 
können. Zum Glück ist gerade diese Partie in musterhafter 
Weise von G. Wentzel hergestellt worden 1 ): wenn die mytho- 

oft mag ein bestimmter Kultort besonderen Anlafs zur Auswahl einer Ge- 
schichte gegeben haben. Der Dionysoshymnus ist nicht weiter zu lokali- 
sieren als auf den Küsten oder Inseln des Archipels; alle Vermutungen sind 
windig. 

l ) Epiklesis V 33; dazu Epithalamion für W. Passow. Ich füge etwas 
über die Leukippiden bei. ^itvxinm'öti sind ein weiblicher Thiasos in Sparta 
(Eur. Hei. 1466, Pausan. III 13, 7. 16, 1), der seinen Namen nicht von einem 
Vater Leukippos hat, sondern von den Göttinnen, die er verehrte. Diese 
sind später .ltvxinniötg, heifsen Phoibe und Hilaeira und bekommen Leu- 
kippos zum Vater, der in die Heroengenealogie eingereiht wird, so dafs sie 
Cousinen der Bruderpaare werden, die nun um sie werben. Es versteht sich 
aber von selbst, dafs die Göttinnen eigentlich Xtvxit Xnnto waren, so gut wie 
die Dioskuren Thebens (also auch Spartas) Itvxui nojXüi. Es ist auch leicht 
zu fassen, was sie bedeuten. Die Frauenwelt Spartas verlangte nach einem 
Kulte, analog dem der himmlischen Zwillinge, die von den spartanischen 
Männern so stark verehrt wurden. Das ist also spartanisches Gewächs, nicht 
älter; aber Analoga konnten sich auch anderswo bilden. Es lag sehr nahe, 
dafs dann diese Schimmelstuten zu Gattinnen der Schimmelhengstc wurden. 
Die Kyprien, in denen die Frauen der Dioskuren Töchter des Apollon waren, 
wufsten noch nichts von Leukippos; ob sie die Namen Phoibe und Hilaeira 
hatten, möchte ich auf Grund von Pausanias III 16 nicht unbedingt ver- 
sichern, denn die Meidiasvase nennt sie Elara und Eritime, und die Frauen 
der Dioskuren waren in den Kyprien ganz Nebensache. Jedenfalls sind die 
Individualnamen zwar sekundär, aber sie gehn noch die beiden Göttinnen an. 
Phoibe ist bekanntlich auch für eine Tochter des Tyndarcos verwandt. Der 
Kult konnte weder bei den ewig jungen Dioskuren, noch bei ihrem ewig 
jungfräulichen Pendant von der Ehe Gebrauch machen, noch weniger von 
Deszendenz, die also Mythographenfiktion ist gerade wie Leukippos. Der 
Raub des weiblichen Götterpaares durch das männliche ward schon erzählt, 
als der Kypricndichter seine Erfindung darauf baute, ganz ebenso wie natür- 
lich die Überwinduug der Dioskuren von Pharai durch die von Las längst 
erzählt war: man darf nicht vergessen, dafs auch Lakedaiinon einmal keine 
Einheit gewesen ist, der gemeinsame Glaube an die göttlichen Zwillinge sich 



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Beilage: 5. Dioskuren. 



189 



graphischen Studien mit ernsterem Fleifsc betrieben würden, so 
müfste schon längst mindestens das erste Buch der Kyprien 
ähnlich rekonstruiert sein. Der Inhalt war folgender. Als 
Alexandros an die lakonische Küste kam, nahm ihn Helene in 
Las auf und gab ihm ein Festmahl, bei dem ihr die asiatische 
Pracht des fremden Prinzen gewaltig in die Augen stach. Die 
Honneurs machten ihre beiden Brüder, und deren Vettern, die 
Apharetiden Mas und Lynkcus, waren auch geladen. Beim 
Weine machten diese sich über die Dioskuren lustig, weil sie 
sich ihre Frauen, die Leukippiden, Töchter des Apollon, ohne 
Brautschatz zu zahlen erworben hätten, also durch Raub. Wir 



also in verschieden benannten und angesiedelten Paaren niederschlagen 
konnte. Der Raub mufste zunächst als Entführung aus dem tanzenden 
Thiasos erscheinen, denn dio zu Itvxtnniän gewordenen Xtvxal naikot waren 
natürlich nun Tänzerinnen zu Ehren der Gottheiten, die nunmehr anders 
benannt werden mufsten; Artemis lag in Sparta am nächsten. So ist denn 
eine Gruppe von Vasenbildern, darunter die Mcidiasvase, zu verstehn, wo 
das Götterbild zugegen ist. Wenn dann alte und junge Mannschaft Anstalt 
zu Widerstand und Verfolgung macht, so liegt das io der Situation und 
führt nicht im mindesten auf dio Hochzeitsfeier mit den Apharetiden. Diese 
ist dagegen vor Thcokrit auf dem Gemälde Polygnots iu Anakeion und seinem 
Nachklange, dem Relief von Trysa, dargestellt; aber dafs die Entführung aus 
dem Tempel das ältere ist, zeigt die Anwesenheit von Tempel und Chor bei 
der Hochzeitsfeier. Da hat also ein Poet glücklich geneuert, und er hat die 
Vulgata bestimmt, indem seäue Erfindung sich mit dem tragischen Ende der 
vier Heroen iu den Kyprien verband (Schol. Pind. Nein. 10, 112). Es ist 
wichtig, dafs so die Ehe nie vollzogen ward. Iu der Apollodorischen Biblio- 
thek 3, 135 — 37 steht der Sehl ufs auch nach den Kyprien; vorher der Braut- 
raub (Leukippos wohnt in Messenieu) ohne Konkurrenz mit den Apharetiden; 
den Kouilikt motiviert ein gemeinsamer Rinderdiebstahl in Arkadien und ein 
durch fiov./ayiu des Idas erzeugter Streit. Das klingt echt peloponnesisch, 
aber man denke an die Fehde der Messenischen Kriege, damit man es nicht 
gleich vor die Kyprien rücke. Eigentlich sind die Leukippiden in Sparta zu 
Hause; als ein Leukippos erfunden war, mufste der irgendwo sonst unter- 
gebracht werden; das ist alles sekundär. Das Grab des Aphareus mufste 
von den Kyprien in Lakonien gedacht werden, denn Lynkeus der Messenier 
steigt auf den Taygetos, um die Räuber zu sehen; aber an das Grab, das auf 
dem Markte Spartas lag (Pausan. III 11, 11) ist natürlich nicht zu denken. 
Dafs man nicht zu viel mit dem obskuren An-xinni^tov xardloyos operiere, 
den Krates dem Hesiod beilegte, vgl. Herrn. 39, 123. Vgl. Bethe, Dioskuren 
bei Wissowa, Robert, Sarkophage II 2, 220. 



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Beilage: 5. DioskureD. 



sehen, der asiatische oder kyprische Dichter macht Gebrauch 
von seiner Kenntnis der spartanischen, besser hellenischen 
Ärmlichkeit gegenüber der asiatischen Pracht, und von seiner 
Kenntnis der spartiatischen Raubehe, die mindestens der Form 
nach noch bestand. Der Zank führt dazu, dafs die Dioskuren 
drohen, dann würdeu sie sich die zum Brautkaufe nötigen Rinder 
aus Messenien holen, der Heimat der Aphareussöhne. Wie sie 
die Drohung ausgeführt haben, ward als Episode erzählt: die Ab- 
wesenheit der Brüder gab dem Paris zu seinem Anschlage auf 
Helene Raum. Als die Dioskuren mit den gestohlenen Rindern 
schon beinahe nach Hause zurückgekehrt waren, entdeckte sie 
Lynkeus, vom Taygetos niederschauend, in einer Eiche versteckt. 
Die Apharetiden stürmten vor, ereilten sie an dem Grabe des 
Aphareus. Idas stach den Kastor nieder, aber den Polydeukes 
konnten sie mit den Steinen, die sie von ihres Vaters Grab fort- 
rissen, nicht bezwingen, sondern er erschlug den Lynkeus, und 
den Idas tötete der Blitz des Zeus, der für seinen Sohn eintrat; 
den Schlufs bildete die Einsetzung der Heteremerie. Wir dürfen 
den letzten Teil dem zehnten nemeischen Gedichte Pindars nach- 
erzählen. 

Theokrit eliminiert natürlich die Verknüpfung der Geschichte 
mit dem Raube der Helene und ebenso das Viehstehlen, das 
Pindar noch, wenn auch mit vornehmem Ausdrucke (äfiyi ßoval 
ZO?.(o$etg) beibehalten hatte. Dagegen steigert er die Notwendig- 
keit des Konflikts, indem er die Leukippiden zu Bräuten der 
Apharetiden macht, denen sie die Dioskuren mit einem kühnen 
Handstreich kurz vor der Hochzeit entführen. Es ist Insinuation 
des Rivalen, dafs die Dioskuren den Leukippos durch reichere 
Brautgaben bestimmt hätten, seine Töchter trotz dem älteren 
Eheversprechen an die Apharetiden ihnen zu geben 1 ). Den 
Konflikt der lakonischen und messenischen Zwillinge auf einen 
Streit um die Leukippiden zu gründen ist nicht Theokrits Er- 
findung; das war wohl schon damals die bevorzugte Fassung; 

J ) Erfunden ist das im Stile der Zeit, die aus der Hesiodischen Werbung 
um Helene spricht; aber es braucht nicht in jener Zeit erfunden zu sein. 
Ernst kann es Theokrit darum nicht gemeint haben, weil das Einverständnis 
des Vaters den liaub überflüssig machte. 



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Beilage: 5. Dioskuren. 



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aber er gestaltet es aus. Er beseitigt dann den Tod des Kastor, 
setzt den Idas ins Unrecht, da er wider die Bedingungen des 
Duells vorbricht, so dafs er der verdienten Bestrafung durch 
Zeus verfällt. Kastor dagegen proponiert ein Duell zwischen 
den beiden Jüngeren der streitenden Paare, um das Blutvergiefsen 
einzuschränken. So wird das Wesen der himmlischen Gestalten 
geadelt, während einem unbefangenen Leser seiner Zeit die Per- 
sonen derKyprien ziemlich klephtenhaft vorkommen mufsten. Das 
ist das Inhaltliche. Formell können wir nicht vergleichen; nur 
war dort sicherlich Erzählung, und zwar nicht sehr breite, hier 
wesentlich Reden, also ij&og gegenüber dem /xv&og. Das Lokal, 
am Grabe des Vaters der Apharetiden, und den wilden Zug, dafs 
Llas aus dem einen Stein bricht, hat er beibehalten: die Gegner 
der göttlichen Zwillinge durften barbarisch bleiben. 

Diese Darlegung hat ohne weiteres damit operiert, dafs in 
dem Gedichte nach V. 170 eine grofsc Lücke ist und dann in 
einem Hauptpunkte nach 4» zu schreiben ist. Ich setze die 
ganze Partie her; der Redende ist Lynkeus "Vergeblich habe 
ich euch zugeredet 

(S(po) */do äxr)/.rjTG) xai (heige'eg, dXX* sn xai vvv 
170 nel&eoft; äfiyco ö' äfifuv ävetpiw ix Jtavgög iotov. 
el d' v t ulv xgaöirj noXßfiov jio&ei, alf.iaxi de yx>tj 
velxog ävaggi^avtag öfioüov ly^ea ?*vocu, 
"Idag fihv xai öfiaifwg ijuög xgaregög nolvÖevxijg 
yelgag igcorjoovoiv äjts/ßofiivijg votilvqg, 
175 vä)i ö', eycb Avyxevg te, dtaxQiv(bfi€& > ägrji. 

Das ist in dem Munde des Lynkeus unmöglich; also bevorzugt 
man die Lesart //, die 175 vcöi d' iyto Käottoo re lautet; das 
hilft aber noch nicht ausreichend, da ofiai^iog Ipög 173 unver- 
ständlich bleibt: das mufs dann irgenwie geändert werden; etwas 
Annehmbares ist freilich nicht gefunden 1 ). Nun soll beiseite 



l ) Die Vulgata setzt ofint^tos fös statt luot, was bedeuten soll "sein 
Vetter", als ob Polydeukes weniger des Lynkeus als des Idas Vetter wäre. 
Dann könnte ja auch t t u6s bleiben. Aber uuiuuoq heifst Bruder, wenn es 
nicht blofs consanguineus ist, und das ist hier zu wenig und überhaupt nichts 
Bezeichnendes. Wie wird denn auch der Redende eine anwesende Person 



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192 



Beilage: 5. Dioskuren. 



bleiben, dafs zwar begreiflich ist, wie jemand, der aufpafste, 
den Lynkeus vertrieb, da der ja der Redende war, nicht um- 
gekehrt: nur die Poesie soll entscheiden. Wenn jemand sagt 
u gebt doch bitte jetzt noch nach", so kann es scheinen, es wäre 
guter Anschlufs, "wollt ihr aber Kampf, so wollen wir ihn 
wenigstens möglichst beschränken". Aber die Dioskuren wollen 
ja überhaupt keinen Kampf. Die fahren mit ihrer Beute ab 
und sind nur durch die Apharetiden gestellt, weil diese ihnen 
kampflustig nachgefahren (nicht etwa nachgeritten, ndvtaq 142 
ist richtig, kein Schreibfehler) sind. Nun treten sie natürlich 
für ihren Besitz mit den Waffen zur Verteidigung ein, und so 
konnte Lynkeus anfangen xl ndyijs Ifieigexe. "Leistet nicht 
erst Widerstand, sondern gebt eure Beute gutwillig heraus"; 
das ziemt dem Verfolger, der den ersten Zweck erreicht und die 
Räuber zum Stehen gebracht hat. Wer gesagt hat, "ihr habt 
meinen berechtigten Vorstellungen früher nicht gehorcht; noch 
ist es an der Zeit", der hofft noch auf Verständigung und darf 
seine Sache nicht dadurch schädigen, dafs er ein Duell anbietet. 
Dagegen wer eine Proposition ablehnt, die in höflichen Worten 
um gütlichen Vergleich bittet, der hat den sicheren Kampf vor 
Augen, ihm steht es an, das Blutvergiefsen möglichst zu be- 
schränken und einen Schritt entgegenzukommen. Wichtiger ist 
noch, dafs es ganz ungehörig wäre, wenn in dem Dioskuren- 
hymnus nur der Gegner zu Worte käme, und vor allem, dafs 
die Menschlichkeit auf Seiten der Dioskuren sein mufs. Auch 
ist das was Lynkeus ihnen nachsagt so wenig zu ihrer Ehre, 
dafs eine Verteidigung, die diese Voraussetzungen richtig stellte, 
gar nicht zu entbehren war. 

Lynkeus- konnte mit 170 schliefsen; aber es folgte wohl ein 
drohendes Schlufswort: Kastors Rolle mufste sehr geschickt ge- 
arbeitet werden, damit er der Überlegene bliebe; so etwas rät 
man nicht, aber wer eine Lücke ansetzt, soll eine mögliche Er- 
gänzung zeigen. "Verblendete, was wollt ihr in euer offenes 
Verderben stürzen. Wir haben was wir wollen; nicht schnödes 



nach der Verwandtschaft mit seinem Bruder bezeichnen, die für ihn genau 
so gilt. 



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Beilage: 5. Dioskuren. 



193 . 



Geld, sondern unsere gute Faust hat sich's genommen und wird 
es auch behaupten. Aber wir möchten euch nichts weiter zu- 
leide tun, sondern euch versöhnen (da wird er bestimmte An- 
gebote gemacht haben). Die Heldenkraft gibt das bessere Recht : 
sie hat einmal entschieden und wir können getrost ihre zweite 
Entscheidung abwarten ; aber bitte, zwingt uns nicht dazu. Wenn 
ihr's aber verlangt, so schlagen wir ein Duell vor, und die 
Mädchen sollen dem Paare gehören, dessen Vertreter siegt." 
Das ist eine grofse Konzession, wie sie dem zusteht, der sich 
als der Stärkere fühlt, ein wenig wohl auch als der Schuldige. 
"Das wollte denn Zeus nicht vergeblich gesprochen sein lassen", 
fährt der Dichter fort: es war doch wohl der Vorschlag seines 
Sohnes, nicht der des Gegners. 

Der Ausfall der Verse fällt vor die Scheidung von II und 
also noch in das Altertum. Zufälliger Ausfall einer Seite kann 
nicht wohl der Grund sein, denn 171 schliefst an 170 gut an. 
Dann hat also der Schreiber dadurch geirrt, dafs sein Blick auf 
der nächsten Seite eine Versreihe fand, die er füglich für die 
Fortsetzung halten konnte. 

Die Geschichte von Amykos ist mit Geschick so erzählt, 
dafs aufser den Dioskuren und Amykos kein einzelner namhaft 
gemacht wird. Um die Geographie kümmert sich Theokrit so 
wenig, dafs er den Ort, der die ganze Sage erzeugt hatte, nur 
als Bebrykerland am Bosporos bezeichnet. Mit dem Siege ist 
alles zu Ende. Es ist gut, zum Gegensatze Apollonios kurz zu 
rekapitulieren. Die Argonauten landen 1 ); Amykos tritt an sie 
heran und fordert den Faustkampf; Polydeukes erbietet sich; 
das Duell geht programmäfsig vor sich: erster Gang, Pause, 
zweiter Gang; Amykos versucht von seiner Gröfse Gebrauch zu 



') Er gibt die Distanz von Kios auf einen Tag und eine Nacht an, 
übergeht aber, dafs sie in die Enge des Bosporos bereits eingefahren sind. 
Dessen Euge und seine Strudel werden erst 2, 168 erwähnt, auf der Fahrt 
vom Amykoshafen hinüber an die 'bithynische' Seite, wo Phineus wohnt. 
Bis dahin brauchen sie wieder einen Tag und eine Nacht, viel zu viel. Er 
hat zwar geographische Genauigkeit angestrebt, fordert also unpoetisch die 
Kontrolle heraus, aber erreicht hat er weder die geographische noch die 
poetische Wahrheit. 

l'hilolog. Dnterouchuagen. XVIII. 13 



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. 19* 



Beilage: 5. Dioskuren. 



machen und von oben herab zu schlagen. Polydeukes fängt den 
Schlag mit der Schulter auf, trifft selbst den Gegner hinters 
Ohr, zerschmettert die Hirnschale, der stürzt aufs Knie und 
stirbt. Seine Bebryker stürzen vor, Schlacht, Sieg der Argo- 
nauten. Sie beschliefsen die Leiche unbestattet liegen zu lassen, 
kränzen sich zum Siegesfeste mit Lorbeer von dem Baume, an 
dem sie das Schiff befestigt hatten, und brechen am andern Morgen 
auf. Die Schlacht mit den Bebrykern ist Erfindung des Apol- 
lonios; es passiert keinem Argonauten etwas und die Namen 
der Bebryker sind alle billige Erfindung, was von dem, der noch 
am meisten hervorsticht, der Scholiast ausdrücklich angibt 1 ). 
Apollonios hat das erfunden, weil es ihm beliebt hat, die histo- 
rische Tatsache, dafs es keine Bebryker mehr gab, vielmehr 
Mariandyner am Amykoshafen wohnten, mitzuteilen und so zu 
motivieren, dafs die Bebryker nach der Niederlage durch die 
Argonauten nicht mehr widerstandsfähig waren. Seiner epischen 
Einheit, wie er sie versteht, dient es, dafs die Argonauten be- 
dauern, dafs Herakles nicht dagewesen wäre, der würde den 
Amykos ohne weiteres niedergeschlagen haben; wenig schmeichel- 
haft für Polydeukes. Der Lorbeer kommt seltsam spät: das war 
in Wahrheit das Wahrzeichen dieses Hafens. Man merkt, den 
mufste er noch unbedingt anbringen. Es ist ganz klar, dafs in- 
haltlich keinerlei Beziehung zwischen Theokrit und Apollonios 
obwaltet 2 ), wie denn der Apolloniosscholiast gleich bei der ersten 
Begegnung der Argonauten mit Amykos sagt: 6 SeöxQivog vavva 
äXXcog iorÖQrjaeVy und ihn dann unberücksichtigt läfst. 

Als Vorlage des Apollonios braucht man eigentlich nur einen 
Periplus: elta 'Afivxov Xifii)v xal öäyvri eu/xtyiOr)g slg Tjv BÖtjoe 
Hol.vöevxrjg "Afivxov vor Ilooeidüvog Beßgvxm' ßaotXea xava- 



') Lykoreus, der Knappe des Amykos, 2,51 mit Scholion. Dafs die 
Apollodorische Bibliothek 1, 119 dem Apollonios nacherzählt, ist notorisch: 
man könnte es mit diesem Beispiel allein erhärten. Valerias Flaccus ist ver- 
ständig genug gewesen und hat die langweilige Schlacht beseitigt, dafür 
aber selbst vielerlei im Stile des Vergil hinzugefügt. 

-) Dafs der Faustkarapf bei beiden einen ersten ergebnislosen Gang hat, 
und dafs der Riese mit Typhoeus oder Tityos verglichen wird, ist ganz 
belanglos. 



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Beilage: 5. Dioskuren. 



195 



jtvxrevaag. lyovai de ti)v ywoav MaQiavövvol tovg Bißgvxag 
txßaXövreg. Das genügt, und so etwa wird es z. B. bei An- 
droitas von Tenedos gelautet haben Natürlich mag er auch 
andere poetische Darstellungen gekannt haben, er hat aber von 
ihnen keinen Gebrauch gemacht. 

Zu einem Hafen gehört selbstverständlich eine Quelle; die 
spielt aber bei Theokrit nicht aus Erfindung eine Rolle, sondern 
er fand sie in seiner Vorlage, die nicht geographisch, sondern 
poetisch war. Denn die Quelle bildet den Mittelpunkt auf der 
Fi coronischen Cista'), die niemand mehr für jünger halten kann 
als das gute vierte Jahrhundert. Auf ihr hat Polydeukes den 
Barbaren besiegt und bindet ihn an den Lorbeer: das stimmt 
zu dem Ausgange, den der Apolloniosscholiast aus Epicharm 
und Peisandros anführt. Das berechtigt uns nicht geradezu zu 
sagen, Theokrit nahm die Geschichte aus seinem Landsmann 
Epicharm, aber er kannte doch die verbreitete Geschichte in der 
Form wie sie auch Epicharm gegeben hatte. Ihre Entstehung 
ist ganz epichorisch, so alt, dafs noch nicht Mariandyner sondern 
Bebryker am Amykoshafen lebten, oder vielleicht, als man die 
Barbaren auch an diesem Teile des asiatischen Ufers noch all- 
gemein Bebryker nannte, weil der Stamm so hiefs, den die mile- 



•) Auf dessen IlenCnXovs TIoonovx(6ot verweist Schol. 159, also auf eine 
ganz spezielle Arbeit; da ist es geratener, in den ITovnxa eines Apollodor, 
die mitzitiert werden, auch solche Singularität zu sehen, statt zu ändern, 
wie auch ich früher versucht habe, wenn auch natürlich ein Schreibfehler 
sehr möglich ist. Aus solchen Küstenbeschreibungen stammt am letzten 
Ende Plinius 5, 150. 16, 239. Dionys. Anapl. Fgm. 61. Ammian 22, 8, 14 
geht, wie ich früher gezeigt habe (bei Mommsen, Herrn. 16, 625), auf einen 
anderen Apollonioskommentar als den unseren zurück, was sehr merkwürdig 
ist. So steht denn auch für das Land des Amykos der Name Mygdonia, 
wozu nur Schol. 2, 786 von ferne verglichen werden kann, wohl aber die 
Apollodorische Bibliothek in der Heraklesgeschichte 2, 100, aus der man er- 
sieht, dafs die ganze Geschichte aus dem pontischen Herakleia stammt, also 
wohl Herodor ist; Nymphis wird in den Scholien genannt und stimmt dazu; 
aber der ist in diesen Dingen natürlich keine Primärquelle. 

*) Bei Jahn ist natürlich auch über die Sage verständig gehandelt und 
das Material beigebracht. Ich zitiere aber doch die Stellen, die ich für 
wichtig halte, wieder, aber nur diese. 

13* 



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196 



Beilage: 5. Dioskuren. 



sischen Siedler bei Kyzikos angetroffen hatten 1 ). Die Griechen, 
die sich die Geschichte zuerst erzählt haben, waren die Kalche- 
donier, deren Gebiet wenigstens später den Hafen umfafste, also 
Megarer, Nachbarn der Athener und Korinther, bei denen wir die 
Geschichte dann verbreitet finden ; wenn wir nicht Epichann gar 
als Megarer, nicht als Syrakusier rechnen. Dafs die Kalchedonier 
gleich eine poetische Bearbeitung der Geschichte lieferten, ist gar 
nicht nötig: sie konnte auch mündlich bis Syrakus kommen. Dafs 
Polydeukes eintrat, lag daran, dafs die Dioskuren als Retter in 
allerhand Nöten an der Propontis und am Pen tos vielfach ver- 
ehrt wurden, schwerlich weil sie von den Siedlern sehr ver- 
schiedener Nationalität mitgebracht waren, somlorn weil sie mit 
den grofsen Göttern von Samothrake identifiziert wurden, also 
einem vorgriechischen Kulte, dem die Seefahrer der nördlichen 
Gegenden alle huldigten. Aber die Hellenen verstanden damals 
(im 7. oder 6. Jahrh.) bereits unter den Dioskuren die benannten 
und differentiierten lakonischen Zeussöhne, Kastor und Polydeukes, 
und der letztere war bereits der jzv£ äya&ög, wie immer er zu 
der Ehre gekommen war 2 ). 



') Die reduplizierte Form des Phrygernamens mit Verlust der Aspirata, 
wie bei den Bmyes in Makedonien, wird doch aus dem Munde der Barbaren 
genommen sein. Aber es ist zu viel geschlossen, wenn man darum die 
Jifßpvxtg von den Phrygeru sondert, die am Sangarios schon Homer kennt. 
Wenn Bebryker bei Ephesos und Magnesia erwähnt waren (Schol. Apoll. 2, 2, 
leider ohne Quellenangabe), so werden die Griechen des 7. Jahrhunderts die 
kimmerischen Einwanderer mit dem Namen genannt haben, der ihnen schon 
vertraut war, weil sie von der Propontis herkamen. Die Umgestaltung der 
pyrenäischen Berubraken zu Bebryken (Steph. Byz. u. a.) ist eine der törichten 
Gleichmachereien, n.it denen die Griechen ihre gute Landeskunde so oft 
verderben. 

2 ) nv!- uya9og ist er seit- Homer r237; wenn es Hesiod durch atfrXoquQos 
ersetzt, Neue Bruchstücke der Hesiodischen Kataloge (Sitz.-Ber. Berl. l'JOO, 
843), so beweist das so viel, dafs Polydeukes seine Kunst in ä&Xa bewiesen 
hat. Das Amykosabenteuer mufs jeder für junger halten; dann zeugt es aber 
auch für jene älteren Wettspiele. Eigentlich ist der Faustkampf eines der 
himmlischen Ritter, die man fortfuhr sich zu Hofs zu denken, und deren 
Rosse benannt und berühmt waren, sehr seltsam, offenbar Poetenerfindung. 
Ich kenne nur eine Gelegenheit, die a9Xtt f.il niXt'ai, der ich eine so be- 
deutende Einwirkung zutrauen könnte. Schon weil es zu der Geschichte von 



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Beilage: 5. Dioskuren. 



197 



So ergab sich die einfache Lokalsage der Kalchedonier, dafs 
an dem Hafen des Amykos, was wohl wirklich Name eines Bar- 
baren der Gegend gewesen war, Polydeukes einen ungeschlachten 
Bebryker des Namens, der den Argonauten die Quelle wehrte, 
im Faustkampfe besiegt und an den Baum gebunden hätte, der 
an dem Hafen stand. Was weiter aus dem Riesen ward, war 
gleichgültig. Die niedliche Fortbildung, man dürfte von dem 
Lorbeer nichts mit auf das Schiff nehmen, sonst gäbe es Hader, 
hat unseres Wissens in der Argonautensage keinen Niederschlag 
mehr gefunden. Diese Geschichte von Amykos haben die atheni- 
schen Vasenmaler gekannt, wenn sie auch den Riesen einmal an 
einen Stein binden lassen, und von ihr haben sich die Aus- 
wanderer in Megara Hyblaia und Syrakus erzählt, sie ist 
in die mythographischen Prosabücher gelangt, die den Namen 
Peisandros trugen: denn an die Heraklee zu denken ist ver- 
wegen. Sie hat Theokrit erzählen gehört oder irgendwo ge- 
lesen; um sein Gedicht zu machen, brauchte er kein Buch auf- 
zuschlagen. 

Als er seine Neuerung, den Kunstgriff des Polydeukes und 
die Begnadigung des Amykos, erzählen will, ruft er die Muse an: 

eine Oed, av yäo otofta, iyoj d' evegeov vjioq)i}Ti)$ 
(pMy^oiiat ojg eM'/.eiq av xai öjtjmg toi (pilov aövfji, 

dem bösen Pelias und dem Frevel der Feliaden nicht stimmt, also auch mit 
der Argonautensage nichts zu tun hat, mufs dieses Leichenfest älter sein, 
d. h. ein verschollenes Epos von ihm gehandelt haben, dessen Spuren in der 
Lyrik und der bildenden Kunst reich sind; im 5. Jahrhundert existiert es 
nicht mehr. Das schreckt mich nicht, und die Kritik, ich erfände alte Epen, 
noch weniger. Es ist naiv, zu glauben, wir oder die Alexandriner kennten 
alle, die es zu Anakreons oder Solons Zeit gab. Unsere mythographische 
Tradition ist kümmerlich und schlecht ; das Beste ist der Kypseloskasten und 
die korinthische Vase in Berlin; da fahrt ein Dioskur (Kastor auf der Vase, 
Polydeukes auf dem Kasten) mit dem Wagen, siegt aber nicht; das wird 
auch in dem Gedichte gestanden haben, das zwischen Stesichoros und Ibykos 
strittig war, da die Pferde der Dioskuren erwähnt werden. Es ist wider- 
sinnig, dafs sie nicht siegen. Auf dem Kasten war Herakles Kampfrichter; 
der ist dann durch Mythographen zum Vorsitzenden von olympischen ä&lft 
gemacht, Int ntXojn, wie Dionys von Halikarnafs 5, 17 berichtet, und in 
diesen siegt nolvJfvxrjq 7nxrf tW, Pausan. V 8, 9. Das ist auch sekundär, 
kann aber die echte Tradition der Leichenspiele fnl ntX(«i erhalten haben. 



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198 



Beilage: 5. Dioskuren. 



also gerade die eigene Fiktion bezeichnet er als Inspiration der 
Muse. Das ist einmal das freie Spiel der Erfindung, zu dem 
Kallimachos sich im Hymnus an Zeus bekennt: ipevdoifjbrjv äiöwog 
ä xev jiEJii&otev äxovriv, worauf er im Gegensatze zu Homer 
als die Wahrheit verkündet, Zeus hätte den Himmel nicht durchs 
Los erhalten, sondern durch seine Taten. Diese Wahrheit belegt 
er nicht; er hätte aber Hesiod schon hier zitieren können, wie 
kurz danach. Theokrit hält es offenbar mit den Musen des 
Hesiod, die laxov ipbvöea noXXa Xiyeiv izvfiotaiv öjxoia. 

Nun übt aber auch Apollonios nicht einmal, sondern mehr- 
fach denselben Kunstgriff der Anrede. Zwar am Schlüsse seines 
ProÖmiums sagt er nur nach Angabe seines Themas, das möchte 
ich erzählen, fiovoat Ö' vjtoip^TOQeg ehv äoidyg (1, 22). Ich 
schäme mich fast, zu sagen, dafs er damit bittet, die Musen 
möchten ihm den Sang vorsagen, vTiayogevetv, vjtoßd?Miv; aber 
es ist wirklich behauptet worden, man sollte es umdrehen, so 
dafs die Musen auf das Wort des Dichters hin es weitersagten, 
grammatisch ebenso ungeheuerlich wie inhaltlich. Aber 4, 1381 
hat er das änlOavov zu erzählen, wie die Argonauten das Schiff 
zwölf Tage lang auf den Schultern durch die Wüste getragen 
haben; da hilft er sich so: 

Movodcov ööe /xv&og, tyfo d' vaaxovög deiöco, 
üiegldcov xai xi)v6e navatgexeg exlvov öpyip: 
Noch alberner bittet er die Musen 4, 984 um Reverenz, als er 
etwas Anstöfsiges zu berichten hat: l'Aare fiovoat, ovx iüilcov 
hemo JiQotiQCOv enog. Das ist in allem das gerade Gegenteil 
der Praxis des Kallimachos und Theokrit. Dieser Gegensatz 
ist die Hauptsache: durch die Erfassung seiner poetischen Absicht 
und seiner ästhetischen Überzeugung gelangen wir zu dem Ver- 
ständnis des Kunstwerkes, zu dem des Künstlers und so zu dem 
der Tendenzen und des Geschmackes seiner Zeit. Es bedarf 
der Dioskuren nicht, um zu zeigen, dafs Theokrit den Apollonios 
gelesen und abgelehnt hat; wenn das aber der Fall ist, dann 
ist auch der Schlufs nicht nur erlaubt, sondern geboten: Theo- 
krit erzählt eine Geschichte, die bei Apollonios steht, ganz 
anders; er will sie also anders erzählen, tut sich ausdrücklich 
darauf etwas zugute, dafs er nicht homerisiert, und er wendet 



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Beilage: 6. Epigramm 4. 



199 



eine Manier des Apollonios im genau entgegengesetzten Sinne 
an: da hat er also den Apollonios treffen wollen, auch hier nicht 
aus persönlicher Animosität, sondern indem der freie Künstler 
gegen die unfreie Nachahmung protestierte. 



Neun Disticha, das kann kaum ein hellenistisches Epigramm 
sein. Was ist es dann? Schälen wir erst einmal den nackten 
Gedanken heraus. "Ziegenhirt, biege da um, wo die Eichen 
stehn, dann findest du einen dreibeinigen Priapos 1 ). Da setze 
dich und bitte den Gott, er möge mir die Liebe zu Daphnis ab- 
nehmen, dann soll er sofort einen schönen jungen Bock haben. 
Will er nicht, so verspreche ich ihm ein Vollopfer, wenn ich 
den Daphnis bekomme." Das ergibt die Stimmung des Dichters: 
vergebliche Liebe quält ihn so, dafs er um des Gottes Hilfe 
nachsucht, sie loszuwerden. Wenn er für den Fall der Ge- 
währung dieser Bitte den Lohn genannt hat, so müfste für den . 
Fall des Versagens eine Drohung stehn. Aber da schiebt sich 
Tovde tvxtbv ein, und aus der Bitte um Befreiung von der Liebe 
wird eine um Erfolg in ihr. Die Möglichkeit, dafs Priap alles 
so läfst wie es ist, wird durch das verschobene Dilemma elimi- 
niert, und die Differenz in dem versprochenen Opfer verrät, 
wohin der Dichter eigentlich zielt. u Ich wollte ein Gott nähme 
mir die Liebe aus dem Herzen; doch nein, wenn ein Gott inter- 
venieren soll, dann lieber so, dafs meine Liebe ans Ziel kommt." 
Gewifs könnte das ein Epigramm werden, in dem Sinne, wie 
Asklepiades und Kallimachos solche kurzen Gefühlsäufserungen, 
gerade auch mit überraschendem Umschlagen, in der Form der 
alten Improvisation des Symposions gegeben haben. Aber hier 
ist das mit anderen Motiven verquickt. Angeredet wird ein 
alaökog; das ist ein Ersatz eines Eigennamens so gut wie in 
Theokiits Komos; der allgemeine Hirtenname Daphnis ist dem 
geliebten Knaben gegeben. Der Dichter mufs selbst ein Hirt 



!) D. h. das hölzerne Bild geht unten nicht in einen dicken Pfahl über, 
so zu sagen eine Herme, sondern steht auf einem dreibeinigen Bock. 



6. Epigramm 4. 




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200 



Beilage: 6. Epigramm 4. 



sein, denn er hat das Opfertier zur Verfügung: die ganze Bukolik 
ist nichts als Einkleidung, wie bei den modernen Schäferdichtern 
oder Anakreontikcrn, aber sie harmoniert mit dem Tone des 
Gedichtes, dessen gröfsere Hälfte die Priaposstatue und ihre 
liebliche Umgebung schildert, mit jener Anschaulichkeit und jener 
Naturfreude, die nicht so sehr bukolisch wie Theokritisch ist. 
Der Priap ist dQtiykvq)r)g , also das Heiligtum eben erst ge- 
gründet. Man könnte denken, das Gedicht wäre durch diese 
Stiftung hervorgerufen wie Poseidippos die Neugründungen des 
Sostratos und Kallikrates in Alexandreia mit Epigrammen gefeiert 
hat; aber diese Beziehung bleibt doch zu sehr im Hintergrund. 
Dagegen scheint mit einem bestimmten Orte gerechnet zu sein: 
dem Hirten wird der Weg genau angegeben und* sein Ziel genau 
beschrieben. Damit tritt das Gedicht zu den wirklichen Auf- 
schriften der Meilenzciger und Wegweiser, deren es seit Hip- 
parchos viele gegeben hat. Das schöne Epigramm von Knidos 
(Kaibel 781, dort einiges Verwandte) steht besonders nahe, denn 
es steht auf einer Herme, dirigiert den Wanderer von der Strafsc 
auf einen Nebenweg und verspricht ihm, was er dort finden soll : 
ein Gymnasium, das ein gewisser Antigonos, Sohn des Epigonos, 
mit seiner Frau gestiftet hat, durch Legat, denn er ist selbst dort 
als cplXiog ijQcog, d. h. sein Grab ist dabei 3 ). Dafs das auf dem 
Stein gefunden ist, garantiert uns, dafs wirklich sehr viele Ge- 



] ) Es ist noch ganz unklar, wie sich der thrakische Gott, nach dem 
die lampsakenische Stadt Priapos hiefs, von Lampsakos bald nach 300 überall- 
hin verbreitet hat, so dafs die ithyphallischen Dämonen, die viclerorten ihre 
Schnitzbilder hatten, in ihn aufgingen; sie waren vorher und werden noch 
sonst einzeln auch äuf Dionysos bezogen, obwohl der nicht ithyphallisch ist; 
auch Priap war ihm zunächst gleichgesetzt. Er erscheint zuerst als ansehn- 
licher Gott in der Festprozession des Philadelphos Athen. 201c; da wird er 
aber die würdige vollbekleidete Bildung gehabt haben, die wir aus Tompei 
am besten kennen. Der Priap der Priapea ist er zuerst bei Theokrit. Die 
Priapeen, die zu ihm stehen wie die Galliamben zu Attis, schafft erst Euphro- 
nios unter Philopator. Man sollte diese Kreierung eines lebensfähigen Gottes 
neben Sarapis nicht vergessen. 

9 J Ich habe lange unter dem Eindruck von Useners glänzender Kom- 
bination gestanden; aber die ruhige Interpretation kann beim besten Willen 
den König von Makedonien nicht ertragen. 



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Beilage: 6. Epigramm 4. 



201 



dichte der Art dem praktischen dauernden Zwecke gedient haben, 
obwohl sie aus der Freude über die frische Stiftung geboren sind 
und auch literarisch verbreitet werden wollten, um diese aller Orten 
bekannt zu machen. Ohne Frage setzt das Theokritische Gedicht 
diese Gattung Epigramme voraus; es borgt von ihnen die Form; 
aber dennoch gehört es nicht zu ihnen. Denn hier wird nicht 
jedem Wanderer der Weg gewiesen, sondern ein bestimmter wird 
des Weges geschickt zu einem bestimmten Zwecke. Auch die 
Jahreszeit fixiert einen Moment: die Drosseln singen ihre 
Frühlingslieder. Und es redet nicht der Wegweiser, sondern ein 
verliebter Hirt. 

So kreuzen sich verschiedene Motive, die wir gesondert 
sehr wohl kennen; ein jedes reicht für sich aus, Gedichtchen zu 
prägen, die alle zwar Spielarten des hellenistischen Epigramms 
sind, in Wahrheit aber sehr verschiedene Wurzeln haben. Die 
bukolische Farbe, die der individuellen Erotik gegeben wird, also 
das was Theokritisch ist oder sein will, kommt dann noch hinzu: 
sie ist es, die dem Ganzen die Einheit verleiht. Es ist wirklich 
ein höchst anmutiges Produkt, viel ansprechender als Theo- 
krits äolische jzeudixd. Natürlich setzt die Verschmelzung der 
Motive voraus, dafs sie einzeln bereits bestanden; aber das 
taten sie zu Theokrits Lebzeiten. Subjektiv glaube ich nicht, 
dafs er's verfafst hat, möchte es vielmehr erst in das zweite 
Jahrhundert setzen, aber wir wissen ja viel zu wenig, um zu 
einem objektiven Urteile gelangen zu können. 

Aber höher noch als der absolute Wert des Gedichtchens 
steht der relative. Das Epigramm wächst sich zur Elegie aus, 
nicht zu der der hellenischen Zeit, Solon, Mimnermos, oder zu 
der Kallimacheischen, die wir in den AoyvQd und im 77Aoxa/iog 
und in der Kvdinm) ganz wie die hellenische nahe beim Epos 
stehen sehen, sondern zu der des Properz und Ovid. Aber 
Artemidor stellte dies Gedicht immer noch unter die Epigramme. 
Ich sollte meinen, für das Verständnis der Römer ergäbe sich 
manches Beherzigenswerte. Andronicus und Ennius waren Schul- 
meister; die übersetzten mit guter Einsicht die Standard tcorks 
der damaligen gebildeten Gesellschaft; Ennius traf in deren 
Bücherschränken auch Euhemeros Archestratos Sotades. Aber 



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202 



Beilage: 7. [Theokrit] 9. 



Naevius schon und dann 'Plautus setzen an das wirklich gespielte 
Repertoire der Gegenwart an, das des Tingeltangel neben dem des 
Theaters. Die römische Beredsamkeit hat sich an der griechi- 
schen von Asien, Athen, Rhodos gebildet, die römische Prosa 
ist die Tochter der hellenistischen. Das erkennen wir immer 
besser, so wenig wir auch von dem Vorbilde besitzen. Es gab 
aber auch eine Poesie des Tages, bestimmt für die Rezitation 
in thymelischen Agonen und für die Lektüre; und in ihr domi- 
nierte das Epigramm, das man sich aber keineswegs blofs nach 
den Umbildungen der Art des Leonidas und Kallimachos vor- 
stellen darf. Es gab jene Bukolik des Bion und seiner Nach- 
treter, Gedichte wie die Fischer; es gab die EQOvvXa schon von 
Moschos. Man tut nicht gut, die römische Elegie immer blofs 
an die gefeierten Namen der ersten hellenistischen Zeit anzu- 
knüpfen, noch weniger diese sich nach dem römischen Modell zu 
formieren. Von den Zeitgenossen, selbst von Parthenios, reden 
die Römer nicht; aber sie setzen dennoch eine lebendige Praxis 
fort. Das eben erklärte, bisher verachtete Gedicht stammt 
wohl eher aus jener Praxis, denn von dem berühmten Dichter, 
dessen Namen es trägt. Jedenfalls lehrt es, wie weit die Griechen 
schon auf dem Wege von Kallimachos zu Properz waren. Dieser 
relative Wert allein lohnt das Studium auch der geringen Nach- 
fahren der Bukolik, die sehr tief unter sämtlichen römischen 
Dichtern der Goldenen Zeit stehen und stehen müssen. Dies 
'Epigramm' tut es nicht. 



7. [Theokrit] 9. 

Dies Gedicht hat .Vergil vielfach nachgeahmt'); man kann 
nicht bestreiten, dafs er es an der Stelle und in der Gestalt ge- 
lesen hat, wo und wie wir es lesen. Gleichwohl hat sich die 
Ansicht ziemlich festgesetzt, es wäre ein Konglomerat aus Theo- 
kritischen Bruchstücken und dem Kitte eines törichten Heraus- 
gebers, und was man sonst für Geschichten erfunden hat. Die 
Interpretation wird zeigen, dafs es bleiben mufs wie es ist und 



') Die kritisch wichtige Stelle V. 2 ist oben S. 111 behandelt. 



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Beilage: 7. [Theokrit] 9. 



203 



immer war, dafs es aber vom ersten bis letzten Verse herzlich 
schlecht ist, wohl das schlechteste in der ganzen Sammlung. 

Es beginnt damit, dafs der Redende den Daphnis, den her- 
kömmlichen Hirtensänger, zum Wettsingen auffordert: auf den 
kommt's ihm besonders an, daher bekommt der erst seine be- 
sondere Aufforderung, dann auch der für den zweiten Platz aus- 
ersehene Menalkas 1 ). Beide Personen gelten für bekannt, weil 
der Verfasser sie sich aus dem jetzt vorhergehenden Gedichte 8 
geborgt hat. Der Redende ist nicht bezeichnet: jtQOAoyi&t 
vofievg Tic ö nal xQivijg sagt der Scholiast Ohne Einführung 
folgt dann ein Lied von 8 Zeilen, dem ein gleichlanges respon- 
dicrt. Beide sind verbunden durch den Vers "so sang mir 
Daphnis, und so Menalkas". Der Vers ist sehr notwendig, sagt 
auch das Notwendige; nur ist der Poet aus der Rolle gefallen, 
denn er erzählt, während wir nach dem Anfange ßovxo?ud&o 
Adqivi erwarten mufsten, dafs das Ganze mimisch gehalten wäre. 
Daraus folgt nichts weiter als dafs der Poet die Fiktion nicht 
durchzuführen verstand und aus der mimischen in die referierende 
Form geriet. Vielleicht ist ihm das sogar bewufst gewesen, und 
er hat sich die erforderlichen Eingangsverse geschenkt "ich war 
einmal mit Daphnis und Menalkas auf der Weide, da sagte ich 1 ': 
von solchem Referate konnte er in das Fortissimo seines Ein- 
ganges nicht überspringen. Durchaus angemessen berichtet er 
dann, was er den beiden Sängern als Lohn gegeben hat 8 ). Man 



') ßovxoluitto J(t<fVf tv tf' wtdas «QX*v 7f(»«Toff, wiJ«? np«rof, 
hfn}fua9to öi Alu'dXxai. Das soll die lebhafte und nachdrückliche Aufforde- 
rung malen, gewaltsam uns in die Stimmung bringen. wäre besser 
gewesen. 

2 ) Freilich oW ttv toiog /utüfiäaajo i(xvtav tragt ein bedenklich pro- 
saisches totos hinein; man soll sich erinnern, dafs der Zimmermann seit 
Hesiod Typus des Handwerkneides ist. Die Scholien wundern sich bereits 
darüber, dafs die Muschel, deren Fleisch für 5 Menschen reichte, bei den 
Ikarischen Felsen gefangen sein soll; denn da Menalkas am Ätna wohnt, ist 
doch wohl der Schauplatz des Gedichtes Sizilien. Dann ist die Konjektur 
eines Gelehrten des 16. Jahrhunderts 'YxaQfatoiv allerdings ansprechend; 
aber 'IxuQtttt nttQtti können sehr wohl ganz allgemein Felsen des Ikarischen 
Meeres sein, ohne nähere Lokalisierung, und diesem Dichter ist der 
Verstofs gegen die Einheit des Ortes zuzutrauen. Der Fallwind, der 



204 



Beilage: 7. [Theokrit] 9. 



nieint, nun wäre er fertig. Da hebt er von neuem an "Buko- 
lische Musen seid mir gegrüfst und zeigt mir nun das Lied, das 
ich einmal, als ich bei ihnen war, diesen Hirten gesungen habe." 
Nach einem zugehörigen, später zu deutenden Verse folgt das 
Lied in sechs Versen : man kann doch auch nicht verlangen, dafs 
er bei einer beliebigen anderen Gelegenheit just ebensoviele 
Verse gesungen haben sollte wie jetzt Daphnis und Menalkas. 
Wenn die Musen bemüht werden, ihm das Lied, sein eigenes 
altes Lied zu zeigen, (/alveiv, was kann das anders sein, als sie 
sollen es ihm aus dem Dunkel, in das es ihm allmählich geraten 
war, ans Licht hervorholen? In trivialer Prosa also "Dabei fällt 
mir ein Lied ein, das ich einmal den beiden gesungen habe, und 
das ich nun mitteilen will." Das mag man so abgeschmackt 
finden wie man will, es ist das Mittel an den Wettgesang ein 
eigenes Lied anzuknüpfen, und den Zweck erfüllt es. 

Nun steht da noch der Vers iitjxiv' enl y/.coaaag äxQag 
6?>oq)vyyöva (fvorjtg, "lasse dir auf der Zunge keine Blasen mehr 
wachsen". Theokrit erwähnt 12, 24 den Glauben, dafs man vom 
Lügen mitten auf der Stirn Pusteln bekäme; aber was auf der 
Stirn Lügen bedeutet, braucht das nicht auch auf der Zunge zu 
tun, obwohl bei uns gesagt wird, Blasen auf der Zunge kämen 
davon, dafs man von dem Nächsten schlecht gesprochen hätte. 
Die Scholien sagen denn auch (neben einer auf Vermischung 
mit 12 beruhenden oder ganz erträumten Erklärung, yivevcu 
rolg fitjötv aQäyfia ev?.oyov y.nivovai), dafs die Weiber zu dem, 
der Blasen auf der Zunge hat, sagen anoTsfteiodv aoi fieglda 
ovx (medcoxag: u du hast einen bei dir hinterlegten Anteil 
nicht abgegeben", vermutlich zuerst von dem gesagt, der eine 
Portion Opferfleisch für einen andern mitbekommen und selbst 
aufgegessen hat. Das konnten sie sich nicht ausdenken, zumal 
sie gar nicht gemerkt haben, wie gut es pafste. Denn wenn der 
Dichter vor langer Zeit ein Gedicht, eine Musengabe, verborgen 
hatte, nicht publiziert, so mochten ihm wohl Blasen davon 
wachsen: das verhaltene Lied wollte aus dem Halse und Munde 
heraus. Indem er es jetzt mitteilt, löst er seine Schuld ein, 

die Rinder vom Felsen stürzt, ist eine Eigentümlichkeit des Ägäischen 
Meeres. 



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Beilage: 7. [Theokrit] 9. 



205 



und dafs er es kann, dazu ruft er die Töchter der Mnemosyne, 
oder anders geredet, "Dabei fälllt mir ein alter Vers von mir 
ein, den ich schon längst hätte mitteilen sollen". Der Gedanke 
ist also so gut oder schlecht wie alles; nur die Form, diezweite 
Person, p/xra yvoqig ist noch befremdend, da er es ist, der 
die Blasen hat; weswegen auch Gräfe qvoco gebessert hat, das 
ich annehmen würde, wenn es nicht leichter und besser ginge. 
Gewifs könnten wir ein Sprichwort in zweiter Person sehr gut 
anführen, auch wenn es sich, wie hier, an uns selbst richtete; 
man denke einen Spruch, "du sollst nicht stehlen", einen Vers 
"du glaubst zu schieben", ein Sprichwort, "dafs du die Nase 
ins Gesicht behältst". Aber nicht könnten wir etwas zufügen, 
wie es hier durch firjxevi geschieht. Dies aber ist gerade wichtig, 
da es uns am deutlichsten sagt, bisher wäre geschehen, was die 
Blasen hervorruft. Also ist die zweite Person aus der Form 
des Sprichwortes eingedrungen, zu ändern, aber ist bei einer 
Überlieferung, wie wir sie haben, so gut wie nichts, nur (pvct)i 
an Stelle von yvorjig oder (pvorjq. Das Subjekt ist dann cotöd, 
und das verhaltene Gedicht wird sehr gut als Urheber der Krank- 
heit bezeichnet. 

Gegen den Aufbau des Gedichtes ist also nichts zu sagen; 
sehen wir uns nun erst näher an, was der Dichter und Hirt 
den von ihm zum Singen Gedungenen zugleich für Aufträge gibt. 
"Lafst die Kälber zu den Kühen, die Stiere zu den Färsen, sie 
sollen zusammen weiden und in dem Walde schweifen, ohne 
Unfug zu treiben." Offenbar hat er sich eingebildet, wenn jeder 
zu dem käme, zu dem er wollte, so würden sie Ruhe halten. 
Das ist freilich etwas wenig Sachverstand. Die Stiere, die an 
das Jungvieh herankommen, werden schönen Unfug treiben. 
Unser Poet ist so sehr Stadtkind, dafs er gar die Stiere vjiö 
aveiomaiv vyltjoi, weil er das von den Kälbern gesagt hat, die 
unter die Mutter zum Saugen treten. Zu helfen ist ihm nicht, 
obgleich die Schulmeister mit dem schönen Kunstwortc Zeugina 
zu Hilfe kommen werden. Auch im Zeugma ist es weder natür- 
lich noch beruhigeud, wenn die Kuh auf dem Stier zu sitzen 
kommt; aber bei den Porzcllantieren der Pastorale schadet es 
nichts; ist's nicht natürlich, um so idyllischer. 



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20 6 



Beilage: 7. [Theokrit] 9. 



Vielleicht haben diejenigen doch recht, die einen Flickpoeten 
für den Rahmen des Gedichtes verantwortlich machen, aber die 
drei Lieder oder doch die beiden ersten so schön finden, dafs 
sie nur von Theokrit sein könnten. Sehen wir sie an, zuerst 
das letzte, das des Dichters "Der Heuschreck liebt die Heu- 
schreckin" — sagen wir einmal so für rivnl um an unser Scherz- 
lied Anschlufs zu finden; "die Ameise die Ameise, die Habichte 
die Habichte". Wenn das überhaupt Sinn hat, so besagt es nur, 
dafs jede Gattung sich zu ihresgleichen hält. Dafür sind die 
Tiere aber recht übel gewählt, zumal der Habicht gar nicht paar- 
weise oder in Scharen auftritt; xokoiöq novi y.o?.oiov, das trifft 
zu. Mit diesen bedenklichen Vergleichen aus dem Tierreich 
parallelisiert er "mir aber ist die Muse und Gesang Heb" d Molaa 
xai ihiöd, der Artikel bezeichnet seine, die bukolische Muse, die 
samt ihrem Gesang wie durch Norwendigkcit zu ihm gehört. 
" Von Liedern kann ich gar nicht genug kriegen, und Poesie ist 
das wahre fuolv'\ was dann ganz artig ausgeführt wird, soweit 
die verdorbenen Worte Sicherheit gestatten 1 ). Das Ganze ist 
also im Grunde nichts als der Ausdruck, "ich bin ein passionierter 
Verehrer der Bukolik; daher lasse ich mir auch die besten 
Hirten etwas vorsingen und belohne sie fürstlich dafür". Gcwifs 
alles ziemlich schief, aber nachdenken kann man dem Manne. 
Sehr viel schiefer wäre dieses Lied als Schlufsstrophe eines 
Sammlers Theokritischer Gedichte und Gedichtbruchstücke. 

Sehen wir uns an, was Theokrit durchaus gemacht haben 
soll, das Lied des Daphnis "Süfs brüllt das Kalb, süfs brüllt die 



') ovte vnvos ovi' tan t$anlva$ yXvxiQÜtt iqov haben auch die Scholien. 
t San trat ist elend genug; l^ytaCvais von Heinsius ist gewifs verlockend. 
Aber es ist wahr, dafs der Reiz des ersten vollen Frühlingstages darin liegt, 
dafs er jedes Jahr wieder durch sein Erscheinen überrascht, und die Ein- 
mischung eines Nebenzuges, der eigentlich stört, ist 13 und 21 ebenso an- 
zuerkennen. In der Schlufszeile haben die Scholien o'Cs f*lv 6q(opti, yct&tvow, 
lovs «!' ovii, nöittit J«A»j<raro KfQxa, mit der Erklärung, die itfiovaoi sind 
i-wtTf*?. Das ist doch wohl zu hart, und Valckenaer hat mit y«9tvaai das 
Echte getroffen, dessen Korruptel die weiteren Entstellungen nach sich zog. 
Bedenklich macht mich etwas, dafs yti&m>, zumal im Partizip, für xafQtw 
ungebräuchlich ist. Je schlechter der Poet ist, desto schwerer ist zu sagen, 
was ihm nicht zugetraut werden darf. 



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Beilage: 7. [Theokrit] 9. 



207 



Kuh"; man möchte gleich fortfahren, "sie sagen alle beide Muh". 
Was sagen sie anders? Wem brüllen sie wohl süfs? So süfs, 
dafs er fortfahren kann "süfs die Schalmei und der Rinderhirt 
und auch ich". Das Ganze soll also eine Steigerung sein; der 
Salonbukoliker hat seinem Daphnis zugetraut, der raüfste doch 
das Gebrüll schön finden, das ihm selber unausstehlich ist; er 
selber gibt sich ja auch mit dem Rindvieh nicht ab. Aber der 
wirkliche Hirt versteht zwar, was die Sprache seiner Tiere sagen 
will, ob sie saufen wollen oder das Kalb suchen, aber ihm ist 
der Gedanke unfafsbar, dafs Rindergebrüll als solches schön oder 
häfslich klänge. Eine Mutter wird gern dem Rufe ihres Kleinen 
horchen, vielleicht auch ein Vater; aber Kindergeschrei als 
solches schön finden wird höchstens die Mutter in einem Alt- 
jungferroman. Hier greifen wir die unwahre, angequälte Bukolik 
um so sicherer mit den Händen, als wir ihre Vorlage haben. 
Der Daphnis des achten Gedichtes ist ein Knabe, für den die 
Liebe noch eine geschlossene Knospe ist. Er schwärmt die 
schöne Nais an: wenn sie an die Herde herantritt, ist's als 
blinkte ein. Frühlingstag. Aber noch ist er in der Zeit des 
süfsen Tiäumens, und das Köstlichste ist ihm, den gleichaltrigen 
Freund im Arme über das weite Meer hinzublicken. Daher hat 
er die Augen niedergeschlagen, als ihn ein keckes Mädchen 
anrief: für ihn brüllt die Färse schön, und riecht sie schön und 
schön ist der Schlaf auf der Alm in der Sommernacht: er ge- 
hört noch ganz zu seiner Herde. Das hat im Gegensatz seinen 
Reiz, echten und hohen Reiz, und der Dichter, der ein Dichter 
ist, erzählt uns am Schlufs "kaum war der Knabe ein Mann, so 
bekam er seine Nais". Hier steckt eine Feinheit in der Erotik, 
die weit über Theokrit geht, der nur lieben konnte, öaov stagog 
afyeg Iqolvtcu oder sich unerquicklich mit den jzaidixä abquälte; 
die Bukolik ist Folie. Und dann kommt der Nachahmer, der 
fühlt gar nichts und versteht gar nichts, aber bildet sich ein, 
wenn er die Typen und die Formeln variierte, so käme ein Ge- 
dicht heraus. Und dann kommen die Kritiker, die auch meinen, 
zur Kritik der Poesie reichte es hin, von den Typen und Formeln 
etwas zu verstehen. Ich sehe voraus, dafs sie sagen werden, 
ich trüge Fremdes in das achte Gedicht hinein; ich kenne das. 



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208 Beilage: 7. [Theokrit] 9. 



Es geht natürlich im selben Stile weiter. "Ich habe am 
kühlen Born eine Streu, darauf sind gehäuft die Felle von weifsen 
Färsen, die mir alle der Südwind von der Klippe geworfen hat. 
Um die Sommerhitze kümmere ich mich nicht mehr als in der 
Verliebtheit um die Vorstellungen der Eltern." Im Sommer sich 
an eine kühle Quelle legen, das ist gewifs behaglich; aber wer 
sich einen Pack Rinderfelle unterlegt, ist ein Narr, der die 
schöne Quelle und den kühlen Rasen nicht verdient, mögen es 
auch Felle von lauter schlohweifsen Kühen gewesen sein, und 
mag sie auch der Wind von der Klippe geworfen haben, gerade 
als sie Arbutus frafsen 1 ). Der Herr Dichter sang zwar von 
oTißäg, aber er setzte sich nicht auf den blofsen Rasen, sondern 
legte Teppiche unter; daher macht es sein Daphnis ähnlich. Be- 
sagter Daphnis findet zwar das Muh der Kühe entzückend, aber 
dafs ihm der Wind eine Anzahl umbringt, geht ihm nicht nahe: 
die Felle bieten eine so schöne Unterlage beim Sitzen. Ob er 
aber wirklich die Hitze nicht gespürt hat, darf man wohl be- 
zweifeln. 

Menalkas ist entweder ein grofser Renommist oder ein so 
reicher Mann, dafs man nicht begreift, wie er bei einem Troglo- 
dytendasein verharrt. Er rühmt sich in einer Höhle des Ätna 
zu wohnen, und da er fabelhafte Herden von Schafen und Ziegen 
besäfse, könnte er sich ein weiches Bett machen, Kaidaunen 
kochen und Eicheln rösten: denn um den Winter kümmerte er 
sich so wenig wie ein Zahnloser nach Nüssen griffe, solange er 
Semmel hätte. Das Ganze ist besser, weil es ein Bild gibt, aber 
freilich ein Bild, dessen Realität niemand glauben kann. Dieser 
Menalkas ist von der Realität des Hirten bei Nemesianus, der 
sich rühmt scis nulle iuvencas esse mihi (2, 35), ein Mann von 
der Lebensstellung des Horazischen Grosphus te greges centum 



l ) Die Herren Kritiker haben die Stärke des Windes beanstandet; denn 
im Hereich ihrer Erfahrung blies er keine Kuh in den Graben. Wenn sie 
sich über den Meltem auf den Kykladen unterrichtet hätten, aus Buchern 
und Erzählungen wenigstens wie ich, so würden sie darin dem Dichter den 
Glauben nicht versagt haben. Aber der Meltem ist der Boreas; ob der Süd- 
wind wirklich auch die Kraft hat? Theophrast in dem reichen Büchlein 
über die Winde 51 sagt, dafs er um Knidos und Rhodos besonders stark sei. 



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Beilage: 8. Lenai. 



20<> 



Skulaeque circum mnyiunt vaccae (2, 16, 33): solche Leute wohnen 
nicht in Höhlen und schmoren sich keine Kaidaunen. 

Ich verzichte auf eine Kritik der Vergleichungen, zumal des 
Zahnlosen; es reicht wohl auch so. Das Gedicht soll bleiben 
wie es ist, aber es ist ganz erbärmlich von Anfang bis Ende, 
eine ganz dumme Imitation nicht so sehr des Theokrit als des 
achten Gedichtes. Der Verfasser hatte von dem wirklichen 
Hirtenleben, besser vom Leben überhaupt keine Ahnung. Alle 
seine Bilder sind nicht gesehen, seine Stimmung ist nicht gefühlt, 
seine Vergleichungen sind gesucht und geziert. Aber mit den 
Verschen bimmeln kann er, Klangwirkungen herausbringen, und 
für neurasthenische Stadtmenschen wie er lieferte er jenes Sur- 
rogat von Poesie, das auch heute bei dieser herrschenden 
Menschenklasse Bewunderung findet. 

8. Lenai. 

Dies ist der Titel; in D steht die Glosse ßdx%ai noch ohne 
Verbindung; Musuros hat rj zwischengeschoben und das hat sich 
unbegreiflicherweise bisher behauptet. Es ist ein sehr gesuchtes 
glossematisches Wort 1 ), das in dem Gedichte selbst keinen An- 
halt hat. Um so sicherer rührt es von dem Verfasser her, und 
jeder Gedanke, das wäre ein Hymnus auf irgend wen fällt von 
selbst dahin. Eustathios führt das Gedicht mit dem Autornamen 
Theokrit an, den ihm auch Musuros gegeben hat. Er bringt zu 
H 463 eine Variante ägva fia/.tfv zu Ilias (er sagt Odyssee) 
X310 (ägv' äiiah)v) y die wir sonst nicht kennen, öftev xal 
Jiagä SeoxqIvcoi fia?.ojzdQr)iog t) äszaXojidQt}io£ y xal ^lakegög etc. 
Das kann freilich mit der Etymologie entlehnt sein, aber es 
ist nicht wahrscheinlich, da es einen Verstofs gegen die Quan- 
tität in sich schliefst. 

Das Gedicht zerfällt in drei Teile. 1—26 erzählt den Tod 

* 

') Hesych Xfjvai ßdxxai 'AQxdÖfg. Schol. Clemens Protr. 26, 9 St. Strabon 
X 4G8 aus Apollodor. Bei Kallixeiuos (Athen. V 198 c) habe ich es hergestellt. 
At]vtk heifst Dionysos auf Mykonos, kmvtt&tv von orgastischem Kult wie 
fiitdta&at bei Herakleitos und aus dem bei andern, z. II. Clemens hat es 
direkt aus ihm. 

l'hüolog. Unterauohougen. XVUI. 14 



210 



Beilage: 8. Lenai. 



des Pentheus durch die drei Kadmostöchter kurz, aber so dafs 
auf die frommen Handlungen der Heroinen Gewicht gelegt und 
die Gräfslichkeit des Mordes nicht verschleiert wird. 27 — 31 
äufsert der Dichter seine Beurteilung der Tat. 33—38 ist ein 
Schlufs, der zuerst an die Homerischen Hymnen erinnert 

yaigoi fikv Aiövvaog, bv ev AQaxdvcoi vKpöevtt 
Zevg vjzaTog fieydXav imyovvlöa xarftero kvoag, 
yalQov ö' sveiöris lefiika xai äöelyeai avtäg 
KaöfXBlai noWmg fufie?.r)fiipcu ygcolvai. 

Da von Dionysos und Semele nur als dem Gegenstande des 
Kultes der Kadmostöchter (ganz wider die herkömmliche Sage) 
die Rede war, heifst das "ich grüfse die Kadmostöchter ebenso 
als göttergleiche Wesen wie ihre vergötterten Verwandten". Die 
Parataxe richtig aufzufassen ist sehr oft der Schlüssel des Ver- 
ständnisses. Wenn dies ein Hymnus wäre, so wäre es einer auf 
die Schwestern Semeies, die niemals göttliche Ehre erfahren 
haben; dieser Dichter freilich möchte sie ihnen zuerkennen und 
hat auch die Geschichte zu dem Behufe geändert. Aber dann 
ist es eben kein Gedicht für den Kultus. Dionysos ist hier von 
Zeus auf dem "schneeigen Drakanon" geboren, also auf einem 
hohen Götterberge. Dieser Dichter hat auf keinen Fall an das 
koische Vorgebirge Agdxavov gedacht, und an das ikarische 
Aodxovov oder Agdxavov auch nicht 1 ). Er nimmt den gelehrten 



J ) Strab. 639 steht jQaxavov; so auch bei Euphorion Anth. Pal. 7, 651. 
jQnxttvtov Hesych. Aber Stephanas hat bei Strabon J^x'txovov gelesen und 
so hat Nonnos 9, 16 von dem Orte, wo Zeus den Dionysos gebar, den er geo- 
graphisch nicht bestimmt. $Q<nnvov 'Sichel' haben die Griechen öfter eine 
Halbinsel genaunt; aber das klingt wohl nur zufällig an einen karischen 
Namen an : /fQaxövios Mvxövwg sagt Stephanus. In dem Homerischen zweiten 
Dionysoshymnus wird Drakanon neben Ikaros, Naxos, Elis, Theben als ein 
Ort genannt, an welchen die Menschen fälschlich die Geburt des Gottes von 
Semele verlegten; in Wahrheit habe ihn Zeus in dem arabischen Nysa ge- 
boren, vermutlich ohne Beteiligung einer Matter. Wenn die Überlieferung 
richtig ist, mufs Drakanon von Ikaros gesondert sein. Wir müfsten dann diesen 
Ort nicht kennen; aber dafs jener Dichter eine bestimmte seinen Hörern be- 
kannte Angabe machte, ist klar, und man ist versucht zu schreiben oV p(r 
y«Q jQnxnvbJi at tv 'IxnQtot iirtftotaatjt (für ui J' 7.). 



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Beilage: 8. Lenai. 



21] 



Namen aus der Tradition, ohne dafs er mehr besagte als Nysa 
besagen würde 1 ). 

Sehr bedeutungsvoll sind die Schlufszeilen 
al rode Soyov ege^av OQivavvog Atovvaov 
ovx ijiificofiavöv ' fifjöelg vd decov övöaaivo. 
Sie schärfen ein, dafs die fürchterliche Zerfleischung des Pentheus 
keinen Vorwurf verdiente: damit ist zugestanden, dafs man sie 
zunächst tadeln wird. In diesem Gedankenkreise bewegt sich 
der zweite Teil, der den Untergang des Pentheus beleuchtet. 
ovx äleyco, ßrjd' äXkog äjiey ¥ v x o t u£v(i) Atovvocoi 
(pQovvl^ot, fiijö' ei ya?,6JtcbTSQa vowöe fxoyrjocu 2 ), 
elf] <5' kvvaivr^g i] xai dexatco emßalvoi. 
30 avrög d' evayioifii xai evayeeooiv äöoi/M' 
ix Atög alyiö%(o vipäv eysi ahvög ovveog. 
etioeßkov nalöeooi tä ).(bia, dvooeßecav ö' ov. 
Die Tat der Kadmeerinnen war gut; man darf mit dem Frevler 
kein Mitleid haben. Das ist dem Dichter die Hauptsache. Nun 
sagt er aber nicht nur "alle Welt soll sich so wenig wie ich 
um jemanden kümmern, den Dionysos hafst", sondern fügt mit 
"selbst wenn er neun bis zehn Jahre alt ist", eine Beziehung hinzu, 
die wir nicht verstehen, die aber den Hörern durch die sehr genaue 
Altersangabe, die nichts Formelhaftes an sich hat, verständlich sein 
sollte und vermutlich auch verständlich war. Es ist einfach 
absurd, den Vers zu ändern, bis er irgend etwas Triviales sagt, 
oder gar ihn auszuwerfen. Ist denn im Ernste zu glauben, dafs 
Theokrit oder ein noch späterer Dichter sich über die Schuld 
oder Unschuld der Kadmeerinnen aufgeregt hätte? Ist die 
Heldensage ihnen mehr als Spiel oder Exempel? Für die Heroinen 
machte niemand mehr ein solches Gedicht, sondern nur für das 



*) Der Dichter verlegt die zweite Geburt des Gottes nach Drakanon, 
ebenso Nonnos, weil sie die erste nach Theben verlegen. Das ist in dem 
Homerischen Hymnus anders, einem Gedichte, das Antimachos benutzt hat, 
der Nysa auch nach Arabien verlegt. Die Lenai zeigen keine Beziehung zu 
dem Homerischen Hymnus, was auch nicht zu erwarten war. 

2 ) Dafs Bergk das überlieferte (int/doutmi, Ahrens das rwi-J' f^äytjat 
richtig geändert hat, erfordert kein Wort weiter. Es ist übel, dafs man 
hinterher anderes versucht hat. 

14* 



212 



Beilage: 8. Lenai. 



was sich in ihrer Geschichte spiegelte. Doch hören wir eist 
weiter. "Ich möchte selbst evayijg sein und den eöayelg ge- 
fallen", was er offenbar tut, wenn er mit dein Sünder kein Mit- 
leid hat. svayris ist öoiog xa&agög Evoeßi)g; das kommt nur 
den Menschen zu, nicht den Göttern, aufser #ot/?og, der von 
sich bei Euripides sagt, öalov yäg ävögög öoiog wv itvyxavov, 
und der bei Kallimachos (4, 98) sagt, er wolle nicht in Theben, 
der Stadt der Sünderin Niobe geboren werden, evayecov de xai 
evayeeaai neXoifirjv^). Also wenn unser Dichter sagt, er wolle 
denen, die evayelg sind, gefallen, so sind das die Kadmostöchter, 
denen er am Schlüsse huldigt; ihnen empfiehlt er sich und 
attestiert ihnen die Reinheit, gerade weil sie einen entsetzlichen 
Mord begangen haben. Im nächsten Verse schreibt man seit 
Scaliger owoc und erklärt aietög =■ oicovög, und dies wieder 
soll 'Losung' sein, so dafs gemeint wäre "dieser Spruch wird 
von Gott selbst garantiert". Das ist alles kein Griechisch. 
vifiäv syst, tijiävai kann nicht sein iyxoivEvai, probatw; xifii) ist 
immer etwas was der n^tofiEPog bekommt; was bekommt denn 
ein Spruch? Und was soll elg oicovög ägiovog: das kann Hektor 
doch nur sagen, weil eben ein wirklicher Vogel geflogen ist, um 
den er sich nicht kümmert. Und wer beweist, dafs ahvög für 
oicovög stehen konnte? Versuchen wir es also mit der Über- 
lieferung. "So, also EJieiöij evayi)g ion xai EvayEEootv eaÖEv, 
hat der Adler von Zeus Ehre." Die Ehre hat er; er ist der 
Vogel des Zeus, und daher auch das Tier der Könige. Ist er 
auch euaytlg? Die alte Geschichte, dafs er zuerst dem Zeus 
(als oicovög vixrjcpÖQog) entgegenflog, als dieser in den Titancn- 



') So lange ich mich unter die Vulgata ainoi ovios beugte, ging ich 
davon aus, dafs der Dichter von einem Spruche redete, der von Zeus sank- 
tioniert war, also den er anderswoher nahm. Dann lag es nahe, die Vorlage 
bei Kallimachos zu suchen. Das fällt nun fort, war aber immer ein Fehl- 
schlufs, weil bei Kallimachos Apollon, nicht Zeus spricht. Kallimachos von 
dem angeblichen Theokrit abzuleiten war noch viel verkehrter: bei ihm 
könnte eine Nachahmung nicht gedacht weiden, ohne dafs sie einen Zweck 
hätte, also bemerkt werden sollte. Das läfst sich gar nicht ausdenken. Un- 
bewufste Anlehnung an ein berühmtes älteres Gedicht ist bei einem Nach- 
ahmer natürlich sehr wohl denkbar, und die halte ich noch für wahrscheinlich. 



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Rdlage: 8. Lenai. 



213 



kämpf aufbrach 1 ), und daher das Tier des Zeus ward, ist nur 
ein altiov für die r</<//, nicht für die evaeßeia. Aber es gibt 
in den Vergilscholien auch die Fassung, dafs Aetos ein voll- 
kommen schöner erdgeborener Knabe war, der als erster dem 
Knaben Zeus gehuldigt hatte: da haben wir auch die svaißeta 2 ). 
Einem hellenistischen Dichter steht die Anspielung auf eine für 
uns entlegene Geschichte so gut an wie die Schenkelgeburt des 
Dionysos auf dem Schneeberge Drakanon. Es ist ganz höfisch, 
aber auch sehr elegant, dafs sich der Dichter mit einem Aetos 
vergleicht; diejenigen, quibus se in officium dedit (mit dem 
Scholiasten zu sprechen), sind die evayelg, die zugleich den 
Mördern des Penthcus entsprechen: sie werden mit dem Zeus 
parallelisiert, der sich die Herrschalt erkämpft. "Das Geschlecht 
der Frommen erhält das Gute, nicht das der Unfrommen" ist 
die Schlufssentenz; nalöeg darf man in solcher Wendung nicht 
pressen; auf Pentheus liefse es sich sonst gar nicht anwenden. 
Aber der Dichter denkt wohl kaum noch an das Exempel, sondern 
an den realen Gegensatz, für den er in der Pentheussage ein 
Bild gefunden hat. Uns ist alles nur in allgemeinem Umrisse 
verständlich; nur das neunjährige Kind wies einen bestimmten Weg, 
es reicht aber hin, sich den Anlafs des Gedichtes vorzustellen. Ein 
Kind ist umgebracht worden; seine Mörder oder Mörderinnen finden 
trotz ihres Erfolges feindselige Beurteilung: daher bekennt der 
Dichter sich zu ihrer Partei und rühmt ihre Tat als Gott wohlgefällig. 

Es ist mifslich, so etwas hinzustellen ohne die historischen 
Tatsachen zu zeigen, deren Reflex das Gedicht ist. Ich habe 
auch viele Jahre lang gewartet, ob ich sie nicht doch in der 
Geschichte fände. Der Hof der späteren Scleukiden, der bithy- 
nischen Fürsten, das epirotische Haus sind voll genug von 
Greueln, manches unschuldige Kind ist hingemordet, manche 
weibliche Hand hat sich mit Blut befleckt. Aber unsere Kenntnis 
des Details, das allein Sicherheit geben könnte, ist zu gering, 

Agiaosthencs in den Eratosthenischen Katasterisraen 30: die Ver- 
stirnung ist, wie so oft in dieser Tradition, Znsatz. 

*) Das steht in den reicheren Scholien zu Verg. Aen. I 394; es stammt 
nicht aus den Katasterismen, sondern aus der Gelehrsamkeit, deren Nieder- 
schlag in den Homerscholien Sl 293 steht. 



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214 



Beilage: 8. Lenai. 



und das Gedicht fordert nicht einmal unbedingt, dafs das Opfer 
ein Königskind war. Die lästerliche Gesinnung des Dichters 
pafst ganz in die spätere hellenistische Zeit, der das Gefühl für 
Mitleid fast gänzlich abgeht. Selbst ein Polybios kann berichten, 
wie der syrische Minister Henneias getötet wird und die Weiber 
und Kinder von Apamea seine Frau und seine Kinder umbringen, 
und kann urteilen ovöe^iav vjiooyoyv d^iav tificoQiav uov avtcoi 
,"i£jtQayf.iiv(ov (5, 56). Ich unterdrücke eine Anzahl ähnlicher 
Wendungen. Wer die historische Literatur kennt, bedarf keiner 
Zitate. 

Die Pentheusgeschichte ist nur Folie; danach ist sie be- 
handelt. Sie war seit dem 5. Jahrhundert so vielfach dargestellt, 
dafs es müfsig ist, nach einer Vorlage zu suchen oder dieses 
geringe Gedicht als Vorlage späterer anzusehen. Durch Euri- 
pides stand es fest, dafs die eigne Mutter die Tat begangen 
hätte, also die Kadmostöchter, während vor ihm, wie die bildende 
Kunst zeigt, den Mörderinnen auch gauz andere Namen, beliebige 
Mänadennamen, beigelegt 1 ) werden konnten. Dafs selbst die 
Dreizahl nicht die Kadmostöchter fordert, lehrt das Gemälde der 
Casa dei Vetti, auf dem die jugendliche Bildung der Mänaden 
mindestens Agaue ausschliefst. Und doch ist die Art des Mordes 
offenbar dieselbe wie bei Euripides und hier. Die wird also älter 
als Euripides sein. So erscheint es auch einfacher, dafs Pentheus 
sich in einem Busche verbirgt, als dafs er auf einen Baum 
klettert, den die Bakchen erst umreifsen müssen. Diesen Zug 
hat Euripides zugefügt, damit sein Protagonist, der Gott, auch 
etwas zu tun bekäme. In all dem wird also der Dichter der 
Lenai irgend eine zum Teil altertümlichere Tradition befolgen; 
ein Buch braucht er nicht aufgeschlagen zu haben. Dagegen, 
dafs er den Gottesdienst ausführlich beschreibt, die Schwestern 
der Semele also wider alle alte Sage und allen alten Sinn als 
gläubige Bakchen einführt, entspricht seiner besonderen Tendenz: 
das wird er also erfunden haben. Da die drei Namen gegeben 
waren, so ergaben sich drei Chöre und drei oder, wenns be- 
liebte, dreimal drei Altäre von selbst. Da ist keine besondere 



») Archäol. Jahrb. VII T. 5. r«b}vr). 



Beilage: S. Lenai. 215 

Mystik verborgen. Dafs die Altäre aus frischgepflücktem Laub- 
werk bestehen, so dafs sie zertreten werden können, mag der 
Übung entsprechen, wie der Dichter sie kannte, ebenso wie die 
Cista mystica. Es ist das alles nicht merkwürdig 1 ). 

Ob das anonyme Gedicht von uns dem Theokrit beigelegt 
werden soll, wie von Eustathios und Musuros, will ich ganz un- 
abhängig von sciaer Deutung erörtern. Ich erkläre aber, dafs 
ich ihm ein solches Tendenzgedicht zur Entschuldigung eines 
Verbrechens nicht zutraue; er hat nicht in der grofsen Welt 
gelebt und ist daher von solchem Kontagium freigeblieben. Das 
Gedicht ist nicht von ihm, weil es schon formell in jeder Be- 
ziehung mit Ausnahme des korrekten Versbaues 2 ) zu schlecht 
für ihn ist. 

Ganz allein entscheidet schon der Mangel des Enjambements. 
Die oben ausgeschriebenen Verse zeigen die Technik dieses Dichters 
genügend, ich setze aber noch einige aus der Erzählung her: 

fialveto fiiv ft' avva, fiaivovvo d' oq' evdv xai älkat. 

Ilevfrcvg fiep yevysv Jte(poßr)fievog, dt <5' eöicoxov 

nsaXcog ix ^coavfjQog ig iyvvav iQvaaaai. 

Hevfrevg fiev röd' eeute "vivog xiy ¥ Qr)od'e yvvalxeg;" 

Avvovöa vöö' eeute u %6.%a yvcbarji jzqiv dxovaai." 

fcdvrjQ fiiv xscpaläv iivxr^oavo ncuöög elolaa. 
Ich habe oben S.139 die Partieen des Theokrit herausgehoben, 
in denen er bewufst das Enjambement meidet; ich will auch an 
Kallimacheische Kunst mahnen, die mit diesem Mittel im 
Demeterhymnus prachtvoll den verschiedenen Ton der Teile zu 
unterscheiden weifs. Hier ist es Monotonie, Technik der Zeit 
des Bion, die tief von der Kunst der Meister gesunken ist. Ja, 



l ) Auf die Inschrift von Magnesia 215 einzugeben sehe ich keine Ver- 
anlassung, da sie mit den Lenai oder den Kadmostöchtern gar nicht* zu 
tun hat. 

») Vermieden ist nicht Worteinschnitt nach der fünften Hebung bei 
fehlender weiblicher Zäsur, und sogar mit Spondeus im vierten Fufse 29. 38. 
Von den allerfeinsten Gedichten ist der Abstand also auch wahrnehmbar. 
Das Monosyllabon am Schlüsse von 32 ist durch die Elision gemildert, macht 
auch kräftige Wirkung, so dafs man es auch als Ausnahme loben mufs. 
4 unlfj yäg ist ein Wort. 



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216 



Beilage: 8. Lenai. 



es ist Stümperei, denn es kommen die Asyndeta hinzu, die nur 
berechtigt wären, wenn solche Gruppen abgesetzt wären, wie wir 
oben gesehen haben. Ich habe eine solche Gliederung hier ver- 
sucht, aber es ist vergeblich. Absicht ist es natürlich, aber eben 
darum kann der Dichter nicht Theokrit sein. Es ist eine Er- 
zählung, der fortwährend der Atem ausgeht. Und dabei ist die 
Häufung von f.Uv, dazu das Homerische per re blofs um des 
Versinafscs willen, das auch nur so motivierte ö' aga, gar wo 
man Diärese wünschte, ein Füllsel wie vdd' eeuze, alles für die 
Kunst des Dichters wenig empfehlend. Der Dorismus ist nur 
ein dünner Lack: nirgend mehr etwas wirklich Dorisches. Der 
Tempusgebrauch ist mindestens V. 14 anstöfsig: notwendig fordern 
wir den Aorist, wenn die Bakchen nicht schon vor dem Eindringen 
des Profanen rasend gewesen sein sollen. 

Ganz besonders bezeichnend ist der Wortgebrauch. 22 (bfio- 
nXdvij: welcher Dichter hat das je gebraucht? 18 rivog x&XQV" 
o#£, das hellenistische xgelav lyEXE, in älterer Poesie zQrji£ste. 
Herakles 35 rivog xe%Qt)fiivos eihfiovOag; gewifs ist das nicht 
unkorrekt, aber man horcht doch auf wie bei etwas Fremdem, 
i) ihg Etiv/Adosi Aiövvoog, sonst unbelegte Bildung von &vfidQr)$, 
die schwerlich gleich evÖ6xy}oe sein könnte. 20 pafst iwxao&ai 
trotz der Vergleichung mit der Löwin schlecht für eine Frau: 
Theokrit (Diosk. 75) bezeichnet so den tiefen Ton einer Muschel, 
auf der der Unhold Amykos bläst. 32 rd /.ona ist inkorrekt für 
Xcbiova, aber in geringer Poesie belegt, vgl. Her. IP 34. 1 1 heilst 
der Busch, in den sich Pentheus verkriecht, egvog: das pafst 
schlecht zu äviÖQafXEv eqve'i loog. 34 /LieydXr)v emyovvlöa ?»voag. 
Zeus löst die Naht, von /.v&t $dfi/ia kommt difrvoafißog; das 
Schenkelfleisch kann er nicht lösen. Das sind keine guten 
Katachresen. Aber das Schlimmste ist 24 

ai d' äkXai rd jtegiaoä xQEavofiiovto yvvalxEg. 
vä jzsQiaad für rd lomd ist geradezu plebejisch; bei Lucill Anth. 
Pal. XI 239 bezeichnet es gar rd JtsQirvcbinata. Das konnte 
ein gebildeter Dichter des dritten Jahrhunderts sich wirklich 
nicht erlauben. Und xQEavo(j.Eia&ai ist doch 4 die Fleischstücke 
des Opfers vorteilen', vtfieiv rd xqecl. Darum heifst Lykaon bei 
Lykophron 481 xoEavöfiog, denn er schlachtet den Nyktimos als 



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Beilage: 8. Lenai. 217 

Opfertier, und die Götter sollen von ihm essen. Aber hier sollen 
wir "in kleine Stücke zerreifsen" vcrstchn. Es ist bezeichnend, 
dafs Clemens Protr. 119, J in der Schilderung derselben Tat auf 

denselben Ausdruck verfallen ist al 2sfäkr]g ädeXyai öva- 

ayvov xgeavofilav ptvov/ievai: er sagt es, um die Scheufslichkeit 
zu stigmatisieren. 20 ist dagegen das Abrcifsen des Kopfes 
durch die Mutter mit xeqxx/.äv jzaidbg fwxdoavo IXolaa viel zu 
schwach bezeichnet. Nur zufällig klingt Theokrit Heraklisk. 6 
(bivofih'a xeq>aläg fiv{Hjaato naidög an; aber man kann doch 
den Unterschied von guter und schlechter Poesie fassen. Ich 
denke, für 38 Verse ist genug beigebracht, damit das Gedicht 
in Zukunft als anonym betrachtet werde wie es überliefert ist. 

Einige Worte fordert noch der erste Vers, über den ich 
Klarheit nicht schaffen kann. 

Ivd) xAvvovöa ya fiakojidgavog Ayavd. 
Gewifs, da verlangt der Dichter, dafs wir an Hesiod Theog. 976 
denken, 9 Iv<h xai le^iihp» xai Ayavip' xaX?ajidQi)tov Aurovo-rjv 
ve, und ihn loben, weil er mit leiser Änderung den Vers wohl- 
klingend gemacht hat (das spondeische Wortende vor dem fünften 
Fufsc vermieden), und ein rares für ein gewöhnliches Beiwort 
gefunden. Aber was er sich bei paXojtdoavog gedacht hat, kann 
ich nicht sicher sagen. Man sagt ,u«/.a, Äpfel, für die Wangen 
(oben S. 41), und so ist 'apfelwangig' sehr wohl denkbar. 
jrdQava ist die äolische Form, die auch Pindar verwendet; das 
ist in dem dorischen Gedichte passend, das auch eXoiaa sagt. 
Nun steht aber im Hesych t aaXXög Xevxög, ^aXXomigavog Xevxo- 
jidgetog, fidXovQog XevxovQog und fiaXovQig ähnlich. Es ist 
nicht zulässig, die Doppelkonsonanz blofs als Schreibfehler der 
Handschrift zu betrachten , denn Xevxög . steht unter iiaXXog 
die Locke. Dies Wort /wiAög für weifs steht bei Theokrit Ep. 1 ; 
es steckt, obwohl die Alten es verkannt haben, in fityojta 
xaojtov vom Weizen bei Homer r) 104. Es mufs volkstümlich 
gewesen sein, denn Dioskorides nennt eine Blume fiaXöiov, und 
in dem Pferdeverzeichnis FJinders Petrie Pap. 115 heifst eine 
Scheckstute [taXojiaQOva 1, 12, fiaXojtaoava 5, 9. Da ist das 
zweite Element jenes ndgavog, xagfoog, das man von Hunden, 
Pferden und der Schlange nagovag, aagelag sagt (also in An- 



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218 



Beilage: 9. Herakles (Theokrit 25). 



lchnung an die Wange geändert) Älian H. An. 8, 12, 0. Schneider 
zu Kallimachos 3, Dl. Es ist also die seltsame Tatsache zu 
registrieren, dafs zu derselben Zeit im Munde des Volkes fialo- 
jcanava "die weifsbraune" heifst und bei dem Poeten die "weifs- 
wangige" oder "aplelwangige". Ich komme mit dem Materiale, 
das ich kenne, zu keiner Entscheidung. Nur dafs die Hesych- 
glosse nicht auf unseren Vers direkt geht, scheint mir sicher, 
wie das ja auch nicht behauptet worden ist. Sie wird auf die 
Stelle gehen, der unser Dichter die Glosse entnahm. Leider 
weifs ich auch nicht zu ermitteln, in welchen Dialekten fuaX(k)6g 
und .Tdoaiwg, naoeoog zu Hause sind; die schwankende Schrei- 
bung beweist, dafs keines von beiden in der Literatursprache 
festen Platz gewonnen hat; die Betonung ist selbstverständlich 
aus Analogie gefunden, d. h. fiktiv. 

9. Herakles (Theokrit 25). 

Auch über diesem Gedicht ist bereits ein ganzes Gestrüpp 
von Hypothesen emporgewachsen; es soll ein Bruchstück einer 
Heraklee sein, von Theokrit oder einem anderen, zusammen- 
hängend mit dessen Herakliskos oder gesondert, ein verstüm- 
melter Rest eines ehemaligen Ganzen oder ein unfertiges Bruch- 
stück, das unter den Papieren seines Verfassers gefunden war. 
Auch hier wird die Interpretation die Überlieferung rechtfertigen, 
aber zum Glück nicht so, dafs das Gedicht nichts taugt, sondern 
mit beträchtlichem Gewinne für die hellenistische Kunst. 

Es fängt mit einem röv di an; der Redner ist bezeichnet 
als ein Pflüger, der sein Gespann stehn läfst 1 ), der Fragende 
nicht Der Inhalt der Rede ist: "Gern will ich dir deine Frage 



!) ßouiv IniovQog aQOTQivg mufs das Richtige sein, da der Mann sich 25 
unter die Feldarbeiter rechnet, ßoaiv hat 77 und Triklinios; yviwvMV. Es 
mufs also in der Vorlage von VTr Doppellesart gewesen sein. In 77 sind die 
letzten Worte aus Homer durch tntßovxoXos dvi'ig ersetzt. Es ist natürlich 
bequem, die Lesart MV ganz aufzunehmen; nur mufs man dabei auf das 
Denken verzichten, denn was ist ein Pflüger, der auf Pflanzungen, Weinstöcke 
oder Oliven, zu passen hat? Pafst er auf, damit er sie nicht umpflügt? Das 
wird er ja tun; aber das macht ihn nicht zu einem tnfovQoi. 



Beilage: 9. Herakles (Theokrit 25). 



219 



beantworten, denn es ist Pflicht, dem Fremden den Weg zu 
weisen. Die Schafherden des Augeias weiden nicht alle hier, 
aber wohl die Rinderherden. Das Gehöft liegt dort zur Linken 
bei den Platanen, da stehn auch die Wohnhäuser für uns Ackerer; 
die Winzer wohnen an der Landesgrenze oben im Gebirge'). Nun 
sage mir, was suchst du hier, willst du Augeias sprechen oder 
einen seiner Diener? Ich will dir gern Bescheid geben, denn 
deine Gröfsc und dein Aussehn imponieren mir." Darauf sagt 
Jtog äXaifiog vlög u Ja, ich möchte den Augeias sprechen. Wenn 
der aber in der Stadt ist, so führe mich zu einem Verwalter." 

Wenn vom, wie es zunächst scheint, etwas fehlt, so mufs 
es die Frage des Herakles sein: wonach hat er gefragt? Man 
denkt zunächst, nach dem Wege. Aber wohin? Den Augeias 
hat er überhaupt nicht genannt; das zeigt sich später. Er würde 
dann ja auch die Antwort erhalten "den Augeias kannst du 
regelmäfsig in der Stadt sprechen, aber vielleicht heute auch auf 
dem Gehöfte". Unmöglich konnte die Antwort mit der Schilde- 
rung vou Augeias' Reichtum beginnen. Ebensowenig hat Herakles 
nach dem Eigentümer der Herden gefragt, denn die sind gar 
nicht in der Nähe; die Rinder, auf die es ihm nach der Sage, 
die allem zugrunde liegt, allein ankommt, sieht er gar nicht. 
Auch nach dem Herrn des Landes kann er nicht gefragt haben: 
da würde die Antwort ganz anders lauten, und kannte er den 
etwa nicht? Es ist gar nicht auszudenken, was Herakles gewollt, 
wie er sich ausgedrückt hat. Fordern müfste man gerade die 
Frage nach dem Wege, die ganz unausdenkbar ist: Also wird 
es wohl so sein, wie es vor uns liegt: der Dichter hat mit der 
Antwort eingesetzt, die zwar im allgemeinen eine Frage des 
Herakles voraussetzt, aber nicht mehr. Der Pflüger ist ein- 
geführt, Herakles nicht, ja er wird periphrastisch als "starker 
Sohn des Zeus" bezeichnet, als er selbst redend eingeführt wird. 
Das reicht in der Tat nicht. Man kann doch auch niemals ohne 



l ) ovQovi fxrjP Tottot (fvtnaxtttfoi aunelofQyoi, fg Iqvovg <T Ixvtvviat, 
fntjv 9tyos wntov tl&fji. Darin habe ich uuntkotoyoi evident für ot nolv- 
(Qyot hergestellt. Die Stelle ist wertvoll, weil sie zeigt, wie das Latifundium 
nur einen Kelterplatz hat: dem entspricht das lr}vatov für die Gemeinde der 
Athener. 



220 Beilage: 9. Herakles (Theokrit 25). 

weiteres mit top d' 6 ytgcov JZQoasetJim' ins Haus fallen. Aber 
so steht es ja auch nicht: es geht die Überschrift voraus, 7/oa- 
x/.i}g agbg dygolxoi'. Wenn wir die lesen, sind wir genau so 
weit im Zusammenhang als notwendig ist. 

Der Pflüger führt den Herakles nach dem Gehöfte, wo er 
heute den Augeias treffen soll. Die Wanderschaft und Ankunft 
wird breit geschildert. Dann reifst es ab, 84. Aber da steht 
auch eine neue Überschrift 'Emjzcb?»r}oig y deren Name aus der 
Überschrift des A geborgt ist; aber kein Byzantiner und kein 
Gelehrter der Renaissance konnte die 'Inspektion' des Heeres 
durch den Herzog auf die 'Inspektion' des Landgutes durch den 
Herrn übertragen. Es liegt in dem Titel jene Umsetzung des 
epischen Inhaltes in den ländlichen, die dem Gedichte die Auf- 
nahme in die bukolische Sammlung eingetragen hat. Wir hören, 
wie am Abend die ungeheuren Herden beimgetrieben wurden, 
wie Augeias mit seinem Sohne und Herakles sich das ansah, 
und wie Herakles einen Stier bändigte, der auf sein Löwenfell 
losfuhr. Zwischen dem ersten Teile und diesem klafft ein Spalt. 
Wir hören nicht, wie die hohen Personen angekommen sind, 
wie Herakles vor sie geführt worden ist, was sie sich gesagt 
haben, bis er zur Begleitung aufgefordert ist. Aber aus dem 
Folgenden erfahren wir, dafs er sich noch gar nicht zu erkennen 
gegeben hat. Er geht, am Anfange des dritten Teiles noch immer 
als ein unbekannter Fremder mit Phyleus nach der Stadt; Näheres 
hören wir auch nicht. Es wird auch nicht klar, was er eigent- 
lich auf dem Gehöfte gewollt hat, was er nun in der Stadt soll 
oder will. Sein Aufenthalt bei Augeias kann ganz zwecklos er- 
scheinen. Wenn der Dichter die Heraklesgeschichte fortsetzen 
wollte, so konnte er doch nicht alle und jede jtgoaagaoxevrj ver- 
meiden. Dagegen mufste er tun was er getan hat, wenn er nur 
das erzählen wollte, was wir von ihm hören. Das heroische 
Abenteuer des Herakles mit den Herden des Augeias, dem Rinder- 
mist und der Ableitung des Peneios steht im Hintergrunde, 
gewifs, aber es bleibt da auch. Denn wenn 152 auch wieder 
eine Lücke in dem Zusammenhange ist, und wenn man wünschen 
würde, dafs auch dieser dritte Teil einen Sondertitel gehabt 
hätte (woran ich auch nicht zweifle), es fehlt wieder nichts als 



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Beilage: 9. Herakles (Theokrit 25). 



etwas poetisch ganz Gleichgültiges, nämlich dafs der unbekannte 
Fremde von Augeias mit seinem Sohne in die Stadt geschickt 
ward, und dafs sie dorthin gingen: nicht einmal ob in der Nacht 
oder am andern Morgen, wird klar. Ergänzen werden wir uns 
das Fehlende hier ebenso leicht wie das Bindeglied zwischen 
1 und 2. Wir werden im Drucke drei Sternchen setzen oder auch 
eine Zahl, wie in Heines Wallfahrt nacli Kevelaar und wer weifs 
wie oft sonst. 

In dem dritten Teile beginnt Phyleus zu fragen, ob 
der Fremde, der ein riesiges Löwenfell trägt, wohl identisch 
wäre mit dem Mann aus Argos, von dem ihnen neulich erzählt 
wäre, er hätte einen riesigen Löwen bezwungen. Darauf gibt 
Herakles seinen Bericht, mit dem das Gedicht schliefst. Was 
weiter ward, erfahren wir nicht: auf das Löwenfell und die 
Heldengröfse des unbekannten Fremden war in allen Teilen von 
Anfang an hingedeutet, sie bilden das allen drei Teilen Gemein- 
same; der Handel mit Augeias bleibt immer im Hintergrunde. 
Im letzten Teile redet Herakles 205 von Eurystheus und seinen 
Aufträgen. Da hat der Dichter vergessen, dafs Phyleus nichts 
von diesen wissen kann und Überhaupt den Herakles noch nicht 
kennt: so wenig lag ihm an diesen Personen und an der Wahr- 
scheinlichkeit des Rahmens, in den er seine Einzelgemälde spannt. 
Nach der Erzählung des Herakles ist unmöglich jemand bei der 
Bezwingung des Nemeischen Löwen gegenwärtig gewesen; trotz- 
dem hat das nach der Angabe des Phyleus der Achäer behauptet, 
der ihnen von dem Abenteuer berichtet hat. Ob das eine Flüchtig- 
keit des Dichters war, ob der Achäer aufgeschnitten haben soll, 
ist nicht auszumachen; in jedem Falle zeigt sich, wie wenig auf 
den Zusammenhang ankommt. Wie vorzüglich dagegen die ein- 
zelnen Szenen sind, Herakles und die wilden Hunde, Herakles 
und der Stier, Herakles und der Löwe, das führe ich nicht aus; 
dafs und wie sie zusammengehören, liegt in diesen Namen, die 
ich ihnen geben würde. 

Wir haben drei Szenen; sie hängen nicht akkurat zusammen; 
es fehlt immer etwas, aber niemals etwas, das man ergänzt lesen 
möchte. In Wahrheit läfst es sich gar nicht ergänzen ohne Dinge 
hereinzuziehen, die das Interesse ablenken würden. Im Hinter- 



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1 



222 Beilage: 9. Herakles (Theokrit 25). 

gründe steht eine Handlung, die nirgend klar bezeichnet wird, 
weil nirgend etwas auf sie ankommt. Sie darf so vage an- 
gedeutet werden, weil jedermann sie im allgemeinen aus der 
Schule kennt. Wer sich das überlegt, der wird weder vorn noch 
in der Mitte noch hinten etwas anstücken, sei es durch die 
Hypothese, dafs der Dichter es gemacht, aber der Zufall zerstört 
hätte, sei es durch die, dafs der Dichter es zufällig zu machen 
verhindert worden wäre. Dafs bei dieser Sorte Dichtung hinten 
noch wer weifs wie viel kommen konnte, ist zuzugeben: nur 
eben nicht das Augeiasabenteuer, und es fehlt jede Andeutung, 
dafs etwas folgen inüfste. So wird es also bleiben wie es ist. 

Dann haben wir freilich für die hellenistische Kunst zuzu- 
lernen, dafs so etwas möglich war. Ein Rezitator steht auf und 
sagt "'HQax/.rjg agög dygolxov" als Titel und setzt dann ein 
töv 6' ö yegcov JiQoaieme. Es war nicht anders, wenn der 
Rhapsode auftrat und sagte Vövooicog Jigög Evfialov öfukia. 
avväQ d ix Xi/Uvog ngoaeßr}. Das zweite Stück, die 3 Emn(b- 
Xrjoig, fängt vollends mit der Beschreibung der Tageszeit an, 
■ißXiog (ikv hteixa jiotI ^6<pov erganev mnovg, wie so viele 
Rhapsodieen Homers und der Späteren. Das dritte beginnt mit 
tcj ö* dg äarv Xutövte xavavxöfti Jtlovag dygovg ioxiy£xr)v. 
Das n, beginnt vcb d' avv' h x?.iair)t 'Oövoevg xai dlog vyogßög 
kvxvvovT* ägtoTov. Also gerade der abrupte Eingang klingt 
Homerisch. Die Teile, in die der hellenistische Dichter seinen 
Vortrag zerlegt, sind viel kleiner als selbst die Rhapsodieen der 
Odyssee: ob diese in der Praxis für einen Vortrag hingereicht 
haben, wissen wir freilich nicht. Aber das Ganze ist in dem 
Heraklesgedichte auch kein Ganzes, sondern nur so weit, als das 
die Odysseerhapsodieen sind. Ich hoffe noch einmal zu zeigen, 
dafs die lebendige Praxis, die doch nur Rhapsodieen kennen 
konnte, auch in den Riesen epen ihre Spuren hinterlassen hat. 
Der Dichter des Herakles hat episch sein wollen, nicht wie 
Apollonios, der das Buchepos nachahmt, das die Ilias als Ganzes 
war, sondern wie der Homer, den er nicht von der Lektüre her, 
sondern von der Rezitation her auffafste. Das ist aber nur 
graduell verschieden von der Art, die Theokrit im Herakliskos 
befolgt hat. Wer sich sehr hoch auf das ästhetische Rofs schwingt, 



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Beilage: 10. Tbyrsis 29. 30. 



223 



kann dies alles verwerfen: dann besteht nur das kleine in sich 
vollkommene Kunstwerk, ökiyrj hßäg, äxoov äcovov. Billiger 
wird man alle diese Versuche gelten lassen, zumal diesen, den 
Balladenreihen unserer Romantiker vergleichbaren. Die Haupt- 
sache bleibt immer, wie es der Dichter macht, nicht was. Vor 
allem aber, es ist wider die Philologie ebenso wie wider die 
Poetik, alles über den langweiligen Kamm der klassischen Gat- 
tungen zu scheren; hat man das getan, dann hat man sich selbst 
das Recht oder Unrecht geschaffen, in den 'Alexandrinern' Nach- 
ahmer zu sehen. 

10. Einzelne Stellen. 

a. Thyrsis 29. 30. 

xal ßaüv xtoavßiov xexXvGfjL&vov aök xtjocoi 
äiupüeg vBOXSvykg Ivi yXvqpdvoio jzot6csdoi>. 
v(7) jtegi fiev %tiXt) nactvevai mpofti xtoaög, 
xiaobg kXi%Qvoon xexovifievog, ä dt nav' advöv 
30 xaojtm £At£ el?,elxai Ayalko^sva xqoxöbvu. 

An der Lesung ist nirgend ein Zweifel; die einzige Variante 
ist 29, wo aeoi nur durch PQTTr gegen noxi geschützt wird, 
das sich sogar ein Scholion in K zu verteidigen bemüht; es 
wäre gleich nagd. Dann würde eben Jtaod stehen, aegi hat, 
wie wir sehen werden, Nonnos gelesen, xexoviafievog neben 
xexovifiivog ist ganz einerlei, mag das Richtige auch nur von 
PTr gegeben werden, denn die falsche Schreibung (nach xexo- 
fuafievog) meint keine andere Form, und die seit Homer normale 
wird auch vom Etymologicum Gudianum ( Angel icanum Sorbonicum) 
äxovitov geliefert, und dafs es im Magnum kUxQvoog in xexo- 
firjfdvog, xsxokh)}iEvog steckt, von dem xexaXvfifievog erst eine 
Korruptel ist (iu der sehr fehlerhaft geschriebenen Florentiner 
Handschrift des Genuinum), liegt auf der Hand. Auf der Hand 
liegt auch, dafs Vergil die Stelle so gelesen hat. In der dritten 
Ekloge beschreibt er einen hölzernen Becher und sagt 39 pocula 
ponam, lenta quibus facili torno siiperaddita viiis dijj'usos edera 
vestü pallente corymbos. An diesem Becher befanden sich also 



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•224 



Beilage: 10. Thyrsis 29. 30. 



zunächst ausgestreut Fruchtbüschel an den weifsen Ranken des 
Efeus, weifsen d. h. von edera alba, dem beliebten xogvfißiag 
oder äyaQvixög xittög, Theophrast Mist, plant. 3, 18, 6. Über 
diese Efeuranken, an denen nicht die Blätter, sondern nur die 
Früchte hervortraten, zog sich eine Weinranke. Folglich hat 
Vergil die die sich bei Thcokrit xav 1 avtöv windet, durch 
eine eili» übersetzt oder ersetzt, xav 1 avvöv aber xatä xbv 
xiaaöv interpretiert, was für jeden Leser am nächsten liegt. 
Dem xtaoög iltxQvom xexovifi&og entspricht diffusos edera 
corymbos. Vergil hat sich selbst ein klares Bild gemacht: er 
hat zwei Ranken, Weinrebe und Efeu, aber dafs an der Efeu- 
ranke die Blütenbüschel 4 auseinandergegossen', verstreut sind, 
würde er nicht gesagt haben, wenn er nicht in der Vorlage 
hatte oder zu haben glaubte "Efeu mit Helichrysos bestreut". 
Gerade wie er schwerlich dem Efeu ein Epitheton der Farbe 
gegeben haben würde, wenn er nicht den xa^nbg xgoxöeig vor 
Augen gehabt hätte. Wie er sich die SAef mit xoQVfißoi von 
dem xiaaög getrennt gedacht hat, ist nicht zu- sagen. Er hatte 
die Aufgabe etwas Vorstellbares zu geben, nicht den Theokrit 
zu erklären. Dessen Verständnis dankte er natürlich der Gram- 
matik, einerlei ob er einen Parthenios zuzog oder einen Kom- 
mentar aufschlug. So lesen wir in K, der allein ein altes 
Scholion hat, ov^utEnUy^evog als eine Erklärung: dahiuter 
eine ganz andere, xexQiafdvog (die von Triklinios weiter aus- 
geführt ist), und eine Erklärung der Pflanze £?UyQvaog, die 
ähnlich aus reicheren Scholien im Etymologicum Magnum steht 
und aus demselben Lexikon stammt wie die noch reichere Zu- 
sammenstellung bei Athenäus XIV 681: dieser erst gibt den 
Gewährsmann, Themistagoras in der XQvait) ßißXog, für die 
wertlose Ätiologie, die auch im Etymologicum steht 1 ). Für 
XExovi^dvog kommt nichts heraus. 

Gefärbt, xexQia/itivog , das führt auf eine zweite Erklärung, 

') Themistagoras ist also von der besten Grammatik exzerpiert, was 
man so Pamphilos nennt, entweder wirklich oder wahrscheinlicher in helle- 
nistischer Fiktion ein Autor, der den Atthidographen, am ehesten Fiktionen 
wie Amelesagoras für Ionien entspricht. Das 'Goldene Buch' und das über- 
triebene Ionisch stimmen gut zueinander. 



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Beilage: 10. Thyrsis 29. 30. 



225 



die xovletv nicht wesentlich verschieden von xoviäv nimmt (so 
Byzantiner), doch ist das nicht notwendig: 'bestäuben 1 ist viel- 
leicht möglich von der Vergoldung eines Holzbechers zu sagen. 
Zu dieser Deutung gehört Hesych iXlxQvoog, ol fiev äooevixöv, ol 
dk tö ävfrog rjjjg khxQvoov ßotdvqg. Meinekes Gewaltsamkeit, 
dies Zeugnis zu strangulieren, damit es nicht mehr existierte, 
richtet sich selbst. Damit, dafs er ganz richtig empfindet, kXt- 
XQvoog ist keine Farbe, beweist er doch nicht, dafs die ol fxsv 
den Vers nicht hätten so erklären können wie Salmasius und 
Valckenaer. Und wahrhaftig, Efeu mit Arsenikon, Auripigment 
bestreut, das möchte man hier schon haben, und am liebsten 
die Erwähnung der gelben Efeubeeren mithinzunehmen. 

Eine dritte Erklärung steht im Gudianum äxövivov, das 
als das von den Trinkenden Unbesiegte gedeutet wird, xovtov- 
oftai yäg rö jzaXaleiv, BeöxQitog xiooög eXixqvooji xexovifiivog. 
Weil dxovivi vixäv siegen ohne zu Boden gefallen zu sein be- 
deutet, soll "sich bestäuben" "ringen" bedeuten, hier also 
"Efeu von Helichrysos besiegt". Die Ranke, also des Helichrysos, 
windet sich über den Efeu und stolziert mit der gelben Frucht. 
Das ist eine falsche Deutung, gewifs; die Immortelle hat keine 
Ranke, und das gelbe Kuöpfchen ist nicht ihre Frucht; aber 
wenn wir von ihr bei Plinius lesen, 21, 168 ramulos habet can- 

dido8, in orbem veluti corymbis dependenlibus, und dann 

berichtet wird, dafs man den Göttern Immortellenkränze brächte; 
Ptolemaeus Aegypti rex hätte das besonders getan, so kann man 
sich bei einem Lytiker, der so die Schwierigkeit heben will, auch 
über diese Deutung nicht wundern. 

Nonnos hat 19, 128 die Stelle auch nachgeahmt; aber die 
Verse sind verdorben und eine brauchbare Nonnosausgabe 
existiert nicht. Es scheint überliefert, 

tov jzeqI %eÜ.eog äxqov &t' äfutE?.6evn xogv^ißcoi 
xiooög sfa^ XQvaicoi de iteoit- öaidäXXevo xöofiai. 
Es ist sehr unwahrscheinlich, mit Meineke hinter eine Lücke 
anzunehmen, da doch xiooög und eht- kaum nebeneinander be- 
stehen können. Dagegen spricht die Nachahmung sehr dafür, 
dafs Graefe £fo%nvooio für t?u% zQvo&m dt richtig gesetzt hat. 
Nur hilft uns das nichts, da Nonnos auch das nicht geschrieben 

Philolog. UnternuchongcD. XVIH. 15 



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226 



Beilage: 10. Thyrsis 29. 30. 



hat: "um den äufsersten Rand ward oder war gearbeitet auf 
dem traubenförraigen Frucbtbüschel (das ist gut gesagt) Efeu 
riugs herum tfoxQvooio xöoficoi". Das kann man nicht kon- 
struieren, und der Dionysische Taumel hat den Nonnos keines- 
weges dazu verführt, grammatische Monstra zu bilden; man ist 
sehr versucht rfydXXero für dcuddXXsvo zu schreiben. Aber ich 
bin ängstlich, da so viel geändert wird, und die Stelle zeugt zwar 
für jisqI und für holt' avtöv, aber gerade für xexovifiivog gibt 
sie nichts aus. 

Das Ergebnis ist klar. Seit den Tagen Vergils, der doch 
auch von der Grammatik seiner Zeit profitierte, hat niemals 
etwas anderes dagestanden als heute. Verstanden hat es im 
Altertum niemand; die Dichter konnten sich helfen, die Gramma- 
tiker versuchten abenteuerliche Deutungen ; schliefslich schwiegen 
die Scholien sich aus, wie es moderne Herausgeber auch gerne 
tun. Die modernen Erklärungen sind nicht besser als die alten. 
kAlxQvoog ist kein Farbstoff und 4 bestäubt' bedeutet weder ver- 
mischt noch überdeckt noch besiegt. Also mag man konjizieren ; 
nur nicht so wie es Meineke getan hat oder Cobet, spielend 
mit den Varianten, die es nicht gibt, oder ins Blaue. Wer kon- 
jizieren will, der wisse, dafs er den Text ändert, den Theon vor- 
fand. Ich sehe keine Aussicht auf Erfolg: xav' avvov führt, wie 
Vergil es nimmt, auf eine andere Ranke, die sich durch oder 
über den Efeu zieht, etwa ifal, die von Theophrast als eine ver- 
wandte Pflanze von xtaaög unterschieden wird; aber die Frucht 
von Safranfarbe spricht doch für Efeu, denn der hat gerade 
solche; so fafst es das Scholion in H, das Ahrens unter die 
recentia gesetzt hat; darüber kann erst ein methodischer Be- 
arbeiter der Scholien urteilen. Und xexovifiivog pafst doch 
nicht. Die Immortellen werden nicht einzeln, sondern in Bündel- 
chen angebracht sein, wie es an den ägyptischen Kränzen ge- 
schah, und wie wir sie verwenden, dann sehen sie den Efeu- 
früchten nicht unähnlich, und ihre Farbe ist auch safrangelb. 
Das Holzgefäfs ist gewachst: da verträgt es schwerlich irgend 
welche Polychromie, am wenigsten den Auftrag metallischen 
Staubes oder auch von Immortellenblättern. So verzweifele ich; 
aber nicht deshalb rede ich yon der Stelle. Ich werde manche 



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Beilage: 10. Thyrsis 29. 30. 



227 



Kreuze setzen : denn es ist Pflicht des Herausgebers, seine Un- 
wissenheit einzugestehen und nicht klüger zu scheinen als er ist; 
ich führe die Stelle an, weil sie den Zustand unseres Textes 
beleuchtet, im guten noch mehr als im schlimmen. 

Verständlich ist dagegen im übrigen die Anordnung der 
Dekoration. Die Pflanzenornamente befinden sich "oben" an 
dem tiefen Gefäfse '). Es ist eine willkürliche Entstellung sie 
aufsen zu denken. Denn zu üyjö&i ist hfdodt der Gegensatz, 
in medio, wie Vergil es fafst, der, an die Emblemata der Metall- 
toreutik seiner Zeit gewöhnt, zwei Porträtköpfe im Inneren 
seiner Girlanden anbringt. Theokrit beschreibt zunächst ein 
Mädchen; um das stehen zwei Courmacher zu beiden Seiten, 
dfioißadlg, und mitten zwischen ihnen, rolg fiera, ein Fischer 
auf einer Klippe: das ist nur so denkbar, dafs wir den tiefen 
aber weit ausladenden Becher vor uns sehen, in ihn hinein- 
blicken; da ist oben das Mädchen, auf dem Boden der Fischer, 
und um das Mädchen, so dafs sie für uns links und rechts um 
den Fischer stehen, befinden sich die beiden Männer. Gegen- 
über von dem Mädchen, dicht unter dem Fischer, so wie wir 
den Becher halten, also über ihm, wenn wir ihn umdrehen (und 
das werden wir tun), sitzt im Weinberg der Junge, links und 
rechts von ihm zwei Füchse, die also zu ihm in demselben Ver- 
hältnisse stehen, wie die Courmacher zu dem Mädchen. Das ist 
alles sehr gut vorstellbar, alles hat so viel Symmetrie als wir 
nur fordern. Dafs Theokrit mit einigen Farben seiner Be- 
schreibung an Szenen des Homerischen Schildes erinnert, ändert 
daran nichts, dafs solche Szenen zu seiner Zeit auf einem 
hölzernen Becher denkbar sein muTsten '). Es ist nicht meines 



») Theokrit wählt das Homerische Kunstwort xioovßtov, das keine be- 
stimmte Form gibt. 

2 ) Bedenken habe ich am meisten bei der Holzschnitzerei gegen das 
Beiwerk, den Felsen und die Weinstöcke; diese zumal klingen bedenklich 
nach Homer und Hesiod, die Metalltechnik beschreiben. Aber er konnte 
wohl einen Metallbecher vor Augen haben, und ihn für seine Hirten in einen 
hölzernen umsetzen. Die nvovnim otaifvlni haben die Scholiasten nicht 
verstanden. Ilvyvos nüXis KttQtas Stephanus; dafs er zufügt o nolitijs ITvQVtog 
verschlügt nichts; bekanntlich besagen die Ethnika sehr oft nur was nach 

15* 



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228 



Beilage: 10. Thyrsis 29. 30. 



Amtes noch liegt es im Bereiche meines Könnens, die gleich- 
zeitige Kunst heranzuziehen; aber ich meine so viel von ihr zu 
wissen, um sagen zu können, dafs die Beschreibung sehr merk- 
würdig ist. 

Eine Nachahmung ist der goldene rdlagog der Europa. 
rdXaQog pflegt ein Korb zu sein für die Wolle der webenden 
Frauen, aber auch für andere Zwecke. Aus Metall ist er nur 
bei Homer ö 131; das ist Verschwendung des spätesten Epos, 
die der Helene zur Wollarbeit auch alle Utensilien aus Edel- 
metallen gab. Dem folgt Moschos, während seine Europa auch 
besser einen leichten Flechtkorb zum Blumensammeln nehmen 
sollte. Da war also aus Gold gearbeitet Io als Kuh, also eine 
Kuh, die über das Meer schwamm, das aus avavoq, blauem 
Schmelz, gebildet war. Am Ufer standen zwei Männer doUr}dr]v, 
und sahen ihr zu. Ferner war darauf (iv ö' rjv 50 entspricht 
dem h iikv hjv. 44, und gliedert die Szenen sicher ab) Zeus 
von Gold, der die Io, eine Kuh von Bronze, berührte; darunter 
das silberne Nilwasser. Das sind zwei genau respondierende 
Szenen, eine Kuh auf dem durch Farbe bezeichneten Wasser 
und aufrecht neben ihr stehend einmal Zeus, das anderemal 
zwei Zuschauer, doV.rjdrjv, gedrängt nebeneinander: das sagt 
er im Anschlufs zugleich und im Gegensatze zu d/xoißaölg 
äX?.o&sv (UAog, wie bei Theokrit die Männer stehen. Die beiden 
Figuren überschnitten sich: so entsprachen sie dem einen Zeus. 
Rings um die Gveydvr} des rdXagog, also unterhalb des tektonisch 
abgegliederten Randes, aber längs desselben war Hermes zu sehen, 
der den Argos getötet hatte, und dessen lang hingestreckter Leich- 
nam. Diese beiden Personen können das Rund nicht gefüllt haben; 
also war dieses irgendwie orientiert, nicht nach allen Seiten gleich 
gut zu drehen, wie gemeiniglich bei einem runden Korbe. Dafs 
Hermes dem liegenden Argos entsprechen kann, ergibt eine 
Stellung des Gottes vergleichbar dem Schema des Laufens in 
der archaischen Kunst. Damals stellte man an solchem Orte 
z. B. Herakles und den Löwen dar. Es ist sehr gut Yorstellbar. 



der Kegel zu bilden war. In Kos kann eine karische Sorte Reben nicht 
befremden. 



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Beilage: 10. Thyrsis 105-107. 229 

Aus dem Blute war der Pfau entstanden, hatte sein Rad ge- 
schlagen und dieses Rad umgab wie ein Schiff xeilea vakagoio. 
Denn dafs ich mit ragaög für tagaolg, 61, Satz und Sinn ein- 
gerenkt habe, ist ohne weiteres klar. Vorstellbar ist dieser 
Pfau, sind die /e/Aea, ist die ganze Anordnung nur so, dafs der 
vdkagog eine Mündung hat, ein oröpa zu den yßXea. Unmög- 
lich können diese wie bei Theokrit den ganzen oberen Rand 
des Gefäfses bilden; da könnte sie ja das Rad des Pfaus nicht 
"negioxtasiv umhüllen". Dagegen für eine Schnauze des Ge- 
fäfses ist das sehr angemessen, eine wirklich artige Erfindung. 
Nur ob die Verzierungen innerhalb oder aufserhalb an dem G'e- 
fäfse angebracht waren, davon schweigt die Beschreibung. Aber 
denken wir uns den Pfau als agoto/urj vortretend, sein Rad also 
hinter ihm umgebogen, so wirkt es besser von aufsen her, wie 
mich dünkt; doch gebe ich die andere Möglichkeit zu. Moschos 
hat in Wahrheit keinen Blumenkorb, sondern ein aufsen skul- 
piertes grofses Metallgefäfs beschrieben. 



b. Thyrsis 105-107. 

Theokrit hat sich überhaupt nicht gescheut eine Wendung, 
die ihm gefiel, in ganz anderem Zusammenhange zu wiederholen, 
bis zu ganzen Halbversen und mehr. 5, 101 ruft der Hirt seine 
Ziegen "Hierher <bg vö xarawsg tovto yecoköyov al ve /a,vqi- 
xai". Derselbe Vers steht 1, 13; dafs betont wird ä(i), und die 
Variante ig tö xdvavteg auftritt, macht nichts aus. Ahrens hat 
zwar gemeint, der Vers wäre in 1 falsch wiederholt wie 6, 41 
und 8, 76, weil er in 5 noch unentbehrlicher ist; allein unent- 
behrlich ist er auch hier. Thyrsis kann nicht sagen "setze dich 
hierher", ohne den Ort zu beschreiben: das liegt in der Natur 
der epischen Dichtung, und das ist diese trotz der dramatischen 
Einkleidung, so gut wie das Volkslied trotz aller Wechselreden 
für den Einzelvortrag bestimmt ist. Ja wenn der Unsinn Wahr- 
heit wäre, dafs Herodas oder Theokrit für dramatische Aufführung 
bestimmt wären, dann könnte die Hand es erläutern, obwohl auch 
dann besser der Dichter als der Regisseur den Ort schmücken 



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230 



Beilage: 10. Thyrsis 105-107. 



würde. Aber das ist richtig, in 1 ist es irrelevant, ob die Sänger 
auf Felsen oder auf Rasen sitzen; der Dichter nahm, was ihm 
aus 5 bequem im Gedächtnis war; dagegen dort haben die beiden 
Parteien eine bestimmte Umgebung, die im Gegensatze steht, und 
die Tamarisken gehören an das Wasser auf der Seite des Ko- 
matas 1 ). Das ist wichtig, weil es die Priorität von 5 vor 1 zeigt. 

Mit dieser Kenntnis bewaffnet wenden wir uns zu einer 
anderen Übereinstimmung beider Gedichte. 5, 45 sagt Komatas 
"ich komme nicht hinüber. Hier stehn Eichen, hier ist Gras, 
hier schwärmen die Bienen an ihren Stöcken, hier sind zwei 
kühle Quellen" usw. Schwerlich würde man Anstofs nehmen, 
wenn in der anmutigen Schilderung ein Zug fehlte, z. B. die 
Bienen, aber je voller das Bild, desto besser. Dem entspricht 
nun 1, 105, Daphnis an Aphrodite: 

oi> Xiyerai räv Kvagiv ö ßovxoXog; 2 ) — ggae aor' "Idav, 
EQJie aov' 'Ayxloav ti?veI ögtieg, w<5ß xvjreiQog,' 
<7>Ö6 xaköv ßoftßevvri Jtovl o/.idveooi fitfooocu. 
Die Scholien haben so gelesen : ögtieg, &ove oxiaeiv röv 'Ayxioqv 
ovveQxäfievov a^t^i. tvfrddB vaneivr) ßordvi] y.ai dvaaenva- 
fievog 6 dr)Q xai ov dvvrjarji Xafteiv ovvovoid£ovoa. Es ist 
nur in der Ordnung, dafs man das seit Valckenaer nicht erträgt, 
und das Heilmittel der Athetese liegt ja so nahe; nur verfängt 
es nicht, denn egne not' "Idav reicht überhaupt zur Bezeichnung 
des Anchises nicht (man würde eher an Paris denken), und das 
Böseste ist der Gegensatz zwischen Eichen und Gras : wo Daphnis 
safs, hätte der Dichter ja schildern müssen, wenn er an einer 



>) Sich das Landschaftsbild klarzumachen hat auch 5, 33 für die 
Kritik Bedeutung. Lakon kann nicht von seiner Seite sagen "hier rinnt 
kühles Wasser", was ja das Charakteristische für die Gegenseite ist, also 
ii?»'f/, nicht jovitf (in S steht beides, die andern haben verschieden aus- 
gewählt). Lakon weidet seine Schafe höher am Bergeshang, wo nur einzelne 
Pinien stehen, 47, Büsche vom wilden Ölbaum, Heidekraut (65) und der 
Blick bis an den Flufs Krathis reicht (IG), in den der Bach mündet, an 
dessen Quelle Komatas sitzt. Den schlechtzumachen schilt Lakon auf das 
kalte Wasser und zieht den Sonnenschein vor, in dem die Grillen vergnügt 
zirpen. 

2 ) Über diese Worte und die Notwendigkeit ov zu sprechen, nicht ov, 
oben S. 21. 



Beilage: 10. Thyrsis 105—107. 



231 



Hauptstelle davon Gebrauch machen wollte. Es kommt ja auch 
gar nicht heraus, was Daphnis eigentlich will. Wenn sie ihn 
verhöhnt hat, dafs er von der Liebe in den Tod getrieben wird, 
weil er sie nicht abschütteln kann und ihr doch nicht nachgibt, 
so ist es freilich eine schlagende Abfertigung, wenn er sie mahnt, 
dafs sie der Liebe in anderer, für die Frau und Göttin be- 
schämender Weise erlegen ist. Aber kann sie nicht erwidern 
"gewifs bin ich der Liebe erlegen, gewifs, denn das ist die 
Natur, und das ist die höchste Seligkeit; die Engel, die nennen 
es Himmelsfreud"? Wir erwarten noch etwas mehr, das hinter 
den Worten stecken mufs. "Geh zu Diomedes und fordere ihn 
noch einmal zum Kampfe, weil du einen Hirtenbuben besiegt 
hast": das hat seine Pointe, weil wir wissen, dafs Diomedes die 
Aphrodite schmählich besiegt hat. "Auch Adonis ist hübsch, 
denn er ist ein Hirt und schiefst sogar die Rehe und verfolgt 
alles Wild 1 )." Das insinuiert doch wohl nicht blofs die zweite 
Liaison der Göttin, sondern Adonis ist Hirt wie Daphnis, aber 
er ist auch Jäger. Die Worte xai 'ärjgla Jtdvva ötcbxei stammen 
wieder aus 5, 107, wo sie von einem Hunde stehen. Für den 
sind sie ein Lob: aber an Adonis ist doch wohl das etwas Be- 
sonderes, dafs er Rehe erlegt, aber alles Wild nur verfolgt. 
Adonis auf der Jagd, mahnt das etwa nicht an sein Ende? Lehrt 
es nicht, dafs der geliebte Hirt als Jäger ein elendes Ende ge- 
nommen hat? Die Mahnung an die Jagdpassion des Adonis ist 
so bitter wie die an den Kämpfer Diomedes. Wenn jemand den 
Halbvers aus 5 etwas farblos findet, so widerspreche ich nicht; 
es ist eben ein entlehnter Vers, aber ein von Theokrit entlehnter, 
denn auswerfen kann man ihn nur, wenn man allen Sinn aus- 
paalt, die Erbsen fortwirft und die Schoten serviert. Und nun 
Anchises. Da tritt ein Zeugnis der Scholien hinzu, das uns auf 
dem Umwege über die Vergilscholien erhalten ist: deren Ab- 
hängigkeit von den griechischen Scholien der ersten Kaiserzeit 

l ) tntl xai fiTjXa vofiivu xal nrwxag ßallei. Die xttl stehn korrelat, 
und da das erste die Eigenschaft bezeichnet, die Adonis mit Anchises und 
Daphnis gemein hat, wirkt die korrelate Verbindung ganz wie cum tum. Waa 
sich die Kritiker bei xai vor n>fict gedacht haben, wenn sie den folgenden 
Vers strichen, weifs Gott. 



232 



Beilage: 10. Thyrsis 105-107. 



ist für jeden, der in diesen Dingen wirklich gearbeitet hat, eine 
bekannte Sache, ebenso, dafs die Dichter für ihre Scholien ge- 
nannt werden 1 ). Servius zu Än. 2, Anchises (ist abwesend) 



Dahin gehört Servius zu 3, 500 circa Syracusas autem esse fossam 
Thybrin nomine Theocritus meminit. Bei Theokrit 1, 118 steht nur noiftfiol 
rol %ftt£ xaXbv xarä BvßQiSoq vdojq. In seinen Scholien stand, was Servius 
vorher exzerpiert hat, der Graben wäre von den athenischen Kriegsgefangenen 
gegraben und ano iijc SßQtwg benannt. Zu der Gelehrsamkeit der Vergil- 
scholien gehört noch 8, 330. In unseren Scholien gibt es von dieser Deu- 
tung nur noch eben eine Spur. Sie zeigen den Sitz eines alten fijDju« ; schon 
der Myrleauer Asklepiades hilft sich mit einer Änderung TvßQiJot (die K auf- 
genommen bat), das xara yXtüooav SaXaaoa wäre. Ausgedacht hat er sich die 
Glosse nicht, denn er bringt sie erst durch Konjektur hinein; aber sie bleibt 
rätselhaft und bedenklich. Theokrit konnte die Flüsse, die er neben der 
Arethusa v n Syrakus nennt, nicht durch einen Znsatz bestimmen, der auf 
alle Flösse -utrifft. Ein einzelner Flufs pafst auch nur dann, wenn er alles 
Gewässer des Bergwaldes aufnimmt, in dem Daphnis seine Herde geweidet 
und getränkt hat, wie in den nächsten Versen steht (die loszureifsen Wahn- 
witz ist). Aber der Grammatiker, der einen Tvfjßatq nora/ioc ZixeUag kannte, 
wird ihn sich wohl nicht ausgedacht haben, sonst hätte er nicht geändert. 
Und wer einen von Herakles verschütteten Bvf/ßQK bei Kephaloidion auftrieb, 
dem hatte sich Bicherlich kein bequemerer geboten, denn das liegt ja weit 
ab. Ebensowenig kann der Graben GvßQtg erfunden sein. Aber eine sichere 
Deutung gibt das nicht, im Gegenteil, der Name war offenbar in Sizilien 
nicht selten, aber nirgend hervorstechend; der Tiber wird kein anderer sein. 
Bücheler hat eine neue Xvaig versucht; QvpßQtg wäre ein Lokalname für das 
Gebiet, wo Daphnis sitzt, und dann hilft eine kühne Etymologie zu fumidus 
und das wird der Ätna. Aber fumidus ist von dem nur der Krater hoch 
oben, und sein Eigenname stand wahrlich fest. Theokrit hat das Lokal nicht 
genauer bestimmt, als dafs die Nymphen von Anapos und Akis und Ätna 
eigentlich hätten teilnehmen sollen: das ist doch schon zu weit für ein Flufs- 
gebiet; aber so ward es in Kos, d. b. im grofsen Publikum gut verstanden. 
Mit QvßQK kommt etwas Spezielles, ein Lokalname, der als solcher wirkt. 
Gewifs, das konnte der Name der Flur sein, über die die Flüsse hinabrinnen ; 
eine Gv[fi)ß(>k yij. Nur ist es etwas kühn, das zu erfinden. Ebenso nahe 
liegt es, wie die alten Erklärer alle, den Flufs oder Graben zu verstehn, in 
dem das Wasser der Gebirgsbäche vereint hinabrinnt. Was hatte sich nicht 
in der Zeit zwischen Theokrit und seinen Erklärern geändert; Syrakus war 
von der Grofsstadt zu dem vergessenen Provinzialort herabgesunken. Da 
war ein Graben Thybris; ein Graben hat keinen Eigennamen, sondern borgt 
ihn von einem Gewässer, das ihn speist. Ein Kanal, der das Bergwasser 
abfing, ist wohl denkbar; aber fern von Ätna und Syrakus tut man besser 



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Beilage: 10. Thyrsis 105-107. 



233 



propter caecitatem, ut docet Theocritus. Zu Än. 2, G87 Anchises 
sieht zum Himmel contra opinionem Theocriti, qui eum fulmine 
caecatum fuisse cornmemorat. Die ausführlichere Geschichte steht 
zu 1, 617 und 2, 649, hier zwar bei dem Danielschen Scholiasten, 
aber der repräsentiert ja nur einen besseren Auszug des alten 
Kommentares, den auch Servius ausschreibt. Anchises, heifst es 
hier, war ein Hirt, von dem Aphrodite den Aneas empfing und 
am Simois gebar; später rühmte er sich ihrer Gunst, und sie 
veranlafste, dafs Zeus ihn durch einen Blitz blendete. Seine 
Lähmung durch den Blitz ist die alte Geschichte, die schon die 
Iliupersis erzählt haben mufs 1 ); das Besondere ist die Blendung. 
Wie die Scholiasten diese bei Theokrit finden konnten, ist zu- 
nächst unklar; aber da hilft ein anderes Zitat. In den nur 
durch Gisbert Longolius in Übersetzung erhaltenen Physischen 
Fragen des Plutarch steht, von Meineke wie der Servius heran- 
gezogen, aber nicht gewürdigt, Kap. 36 "die Biene, das keusche 
Tier, verfolge den Ehebrecher, unde apud Theocritum iocose Venus 
ad Anekuen a pastore ablegatur, uti apum aculeis propter adul- 
terium commissum pungatur" te confer ad Idam, 

confer ad Anchisen, ubi quercus atque cypirus, 
crescit, apum strepitatque domus melliflna bombis 
et Pindarus "parvida favorum fabricatrix quae Rhoecum pupugisti 
aculeo domans Mim perfidiam". Die Deutung der Theokritstelle 
kann nicht richtig sein, so wenig wie die unserer Scholien, dafs 
die Bienen durch ihr Gesumme die Wanderer heranlocken 
würden: jetzt sitzt kein Anchises mehr auf dem Ida. Aber die 
Übersetzung liefert eine andere Lesart tyvel dgveg ?)<5e xv- 
jteiQog, al de xaköv ßafißsvvn Jiovl ofiäveooi fiehaaai. Diese 
Lesart ist in unsern Handschriften durch die Parallelstelle 
aus 5 verdrängt; es ist gegangen wie V. 13: das ist also sehr 



solche Fragen ruhon zu lassen. Es ist ein C^r^u« seit 2000 Jahren wie 
xtxovifdtrog und wird es bleiben. 

») Nur weil er gelähmt war, mufste ihn sein Sohn aus der brennenden 
Stadt tragen, und das hat er in der Persis bekanntlich getan. Der Hymnus, 
der dasselbe andeutet, ist nach den Kyprien entstanden, da z. B. das Saiten- 
spiel des Anchises von Paris stammt, den die Göttinnen besuchen, vermutlich 
mehr. Er wird also auch jünger als die Persis sein. 



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234 



Beilage: 10. Tbyrsis 105-107. 



glaublich. Jetzt hören wir also "geh zu Anchises auf den Ida: 
da sind die Eichen und das Gras und die Bienen", d. h. das 
ist die Stätte, wo du der Liebe erlegen bist, und was hat An- 
chises davon gehabt? Die Biene hat ihm geblendet. Anchises 
ist also, wie wir es verlangen, ganz ebenso wie Adonis ein 
Exempel, mit dem Daphnis, der bis in den Tod keusch bleibt, 
der Verführerin zu Gemüte führt "ich bin dir überlegen; denn 
du bringst mich niemals dazu, dein Werk zu tun, durch das du 
dich erniedrigst und den begnadeten Sterblichen Elend statt 
Lust gebracht hast". Von höchster Vortrefflichkeit ist nun die 
ganze Partie; nichts werfen wir aus, sondern wir setzen eine 
Variante ein, die nicht nur Plutarch las, sondern die im Texte 
stand, als die Scholiasten des Vergil den Theokritscholien die 
Notiz entnahmen, die Theon etwa so gegeben haben mochte: 
iölcog Xiyei tbv "AyyiGv\v Tvg)X(OTtHjvat, ort ydg vnb xegavvov 
eß?.rj'&r) öftoXoyeUcu. Die Blendung durch die Bienen haben 
mindestens die Römer nicht mit ausgeschrieben; aber nur die 
Bienen führen im Texte auf die Blendung. 

Wir können noch etwas weiter und tiefer gehen. Erstens 
ist die Blendung ein altes Motiv, denn auf einer sizilischen 
Reliefvase führt Aineias seinen blinden Vater (Benndorf Vasen- 
bilder Taf. XXXXVI). Die Blendung durch die Bienen kennen 
wir für Anchises nicht, wohl aber für Daphnis selbst. In einer 
verbreiteten Geschichte, die der Sikeliote Timaios vor Theokrit 
erzählt hatte (Älian V. H. X 18, Diodor IV 84 u. a.), geniefst 
Daphnis die Liebe einer Nymphe 1 ), die ihm die Blendung in 
Aussicht stellt, wenn er je eine andere beglücken würde, was 
dann geschieht. Die Biene kommt hier nicht vor (d. h, sie ist 
ausgelassen); wir kennen sie aus der Parallelgeschichte von 
Rhoikos 2 ), die den entscheidenden Zug am besten in dem 



•) Auf die Namen JVo/u«, die von den vofi«(, der Weide, ni/unleta, von 
einer Quelle, GkIhu ganz farblos, kommt nichts an. Theokrit hat mit weiser 
Beschränkung den Gegenstand der Liebe seines Daphnis ganz in Dunkel 
gelassen. 

s ) Ich verfolge sie hier nicht; ich habe den Gegenstand für einen 
anderen Zusammenhang untersucht und bearbeitet, aus dem ich dies nicht 
lösen mag. 



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Beilage: 10. Theokrit 5,73. 



235 



Pindarbruchstück bewahrt hat, das oben in Longolius' Übersetzung 
ausgeschrieben steht. Theokrit hat natürlich sehr viele ver- 
schiedene Geschichten von Daphnis gekannt, einer volkstümlichen 
Figur, die niemand vor ihm dadurch auf eine einzelne ihrer 
Geschichte festgelegt hatte, dafs er sie mit durchschlagendem 
Erfolge bearbeitete. Höchst geistreich lehnt er die Geschichte, 
die Tiraaios eben weithin verbreitete, in der Weise ab, dafs sein 
Daphnis mit Entrüstung die Aphrodite an diejenige Anchises- 
geschichte mahnt, die jener Daphnisgeschichte entsprach. Diese 
Aphrodite vor Daphnis, das soll man auch nicht vergessen, ist 
für den reinen Jüngling und seine Reize trotz allem Grolle 
durchaus nicht unempfänglich, und sie repräsentiert an sich 
ebensosehr eine Versuchung des keuschen Jünglings wie Priapos. 
Es ist in der Ordnung, dafs er sie lästert, wie sein Gegenbild 
Hippolytos das weibliche Geschlecht. 

Doch hier wollte ich nur den Text feststellen: was sich er- 
geben hat entspricht den Verbesserungen, die oben aus Vergil 
gewonnen sind. 

r 

c. Theokrit 5, 73. 

Wie ich schon oben S. 30 gesagt habe, halte ich Theokrit 
5, 73 für unecht. Dafs er in K um eine Zeile verstellt ist, in 
AEO am Rande nachgetragen, beweist gar nichts, da es klärlich 
durch die Ähnlichkeit der Versausgänge verschuldet ist. So 
etwas gehört nicht einmal in den Apparat. Die Scholien zu 
Vers 1 zeigen, dafs der Vers durchaus zum alten Bestände 
gehört; es ist also sehr kühn, ihn auszuweisen. Aber der 
Zusammenhang entscheidet allein. 

Komatas hat vorgeschlagen, einen Holzfäller Morson zu 
rufen, der in Sehweite auf der Seite des Lakon, am Berghange, 
seines Geschäftes waltet (65). Er schneidet die Büsche unter 
den Pinien und liest das Reisig, wie man es in Griechenland 
so viel sieht. Es ist nicht sicher, das Lakon den Morson bereits 
kennt wie Komatas, denn dieser sagt ihm &ra de Möqocov. So 
redet denn Lakon ihn auch a> ££ve an 1 ), als er ihn ruft, worauf 



') Daher ist 68 tayaM der Variante w y tXt vorzuziehen, aber nicht nur 



■ 

236 Beilage: 10. Theokrit 5, 73. 



Komatas bestanden hat: der Gegner, der das Duell hervorgerufen 
hat (denn als ein Duell erscheint der Wettgesang; das Urteil 
schafft dem Komatas den hämischen Gegner definitiv vom Halse), 
soll die Initiative ergreifen und den Richter einsetzen, den sein 
Widerpart in Vorschlag gebracht hat Übrigens ist Morson ein 
Städter, also aus derselben Stadt, der auch die Herren der 
beiden Hirtensklaven angehören: ganz unbedacht sind die Worte 
des Lakon beanstandet worden, 78 ela Xif ei ti Xeyeig xal tbv 
gevov ig jtöXtv av&ig £ä>vt' äepeg. Der Mann will natürlich 
sein Holz zu Markte bringen, und Komatas soll ihn nicht auf- 
halten, nicht totschwatzen. 

Nun also. Lakon hat den Morson gebeten, ohne Ansehen 
der Person zu richten. Das bekräftigt Komatas 

val stotl täv wfi<päv Möqowv (f lke fxrjts Ko/ndtat 

tö a).lov ifrvvqig prjt' &v tvya tmöe yaolgrji. 

ade tot d Jtotfivä tcb SovqUo iatl Stßvgta. 

[EvfidQa de tag alyag ÖQfjig (plle tcb Ivßaolta.] 
Ärgerlich ruft Lakon "hat dich denn einer gefragt, wem die 
Herde gehört?" Dafs er es nicht gern hat, wenn man an 
seinen Sklavenstand erinnert, haben wir schon gemerkt, und 
klärlich neckt ihn hier Komatas wieder damit. Der Angriff ver- 
liert von seiner Schärfe, wenn dieser seinen eignen Herrn dabei 
auch nennt, und wozu diese Harmlosigkeit? Er hatte seinen 
Namen genannt, so dafs wir daran nicht zu zweifeln brauchen, 
dafs Morson ihn so gut kennt wie umgekehrt, und für Lakon 
ersetzte die Nennung des Herrn die namentliche Vorstellung in 
einer für den Gegner verletzenden Form. Man kann also 
schlechterdings nicht absehen, welchem Zwecke der fragliche 
Vers dient. Ferner erzeugt er die von den Grammatikern be- 
merkte Schwierigkeit, dafs Lakon in Vers 1 als Sybarit be- 
zeichnet wird, hier dagegen im Gegensatze zu Sybaris als 
Thurier. Dem haben die Modernen so abhelfen wollen, dafs sie 
iin ersten Verse schrieben tijvov tbv jiüifitva tovde lißvQta 
für tbv SvßctQitav. Eine ganz abscheuliche Konjektur. Dafs 



darum: <f<Xt sagt gleich darauf Komatas, und schon die Abwechselung kann 
lehren, welche Variante den Vorzug verdient. 



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Beilage: 10. Zum HeraHiskos. 



237 



uns der Dichter das Lokal seines Gedichtes sofort angibt, ist gut 
und schön; das vertreiben sie und bringen etwas Gleichgültiges 
dafür, nein etwas Schädliches, denn der spätere Spott auf den 
Sklavenstand des Lakon wird ungehörig antizipiert, wo keiner 
auf ihn hört, und dadurch abgeschwächt. Und was ist das für 
ein Griechisch, dies rövde neben rrjvov, und sagt man denn auf 
griechisch 6 notfi^v b SißvQTa, wie auf deutsch der Kutscher 
des Herrn Meyer? Wenn man's sagt, kann dafür notfiifv öde 
IißvQta stehen? Das alte Sybaris lag zu Theokrits Zeit seit 
Jahrhunderten wüst und auf seinem Boden erhob sich Thurioi. 
Dafs die Quelle Sybaris noch so hiefs, die den Namen der Stadt 
gegeben hatte, war natürlich. Es könnte gedacht werden, dafs 
es auch der Name einer xcofirj war, aber davon weifs man nichts, 
und diese Worte hier führen auch nicht im entferntesten darauf; 
es wäre auch kein Gegensatz, Kwwwvg und 'Afrrjvalog. Da- 
gegen hatte mittlerweile Sybarit üblen Beigeschmack erhalten: 
dafs Komatas den Lakon, der so gerne für einen Bürger, also 
Thurier gehalten werden möchte, Sybarit anredet, ist wahrlich 
nicht nur glaublich, sondern gut. Hinderlich ist also nur der 
Vers, den wir als entbehrlich, ja als an seinem Orte störend 
erkannt haben. Also fort mit ihm. Seine Entstehung ist leicht 
begreiflich: er sollte eben die Vorstellung der beiden Gegner 
vollständig machen. Wer ihn einschob, hatte das ganz richtige 
Gefühl, dafs Komatas so nicht schliefsen konnte 41 die Ziegen 
hier gehören dem Sibyrtas"; aber er verkannte, dafs Lakon, 
empfindlich getroffen, dazwischen schreit "das ist ja ganz gleich- 
gültig". Vergriffen aber hat sich der Ergänzer durchaus; wenn 
er fortgefahren wäre "und ihr Hirt hcifst Lakon, der sich ein- 
bildet ein grofser Sänger zu sein", würden wir seinen Vers von 
denen des Theokrit schwerlich unterscheiden. 



d. Zum Herakliskos. 

Herakliskos 31, die Schlangen khaaia^v jtsol xalda öyl- 
yovov yaladt]vöv vjiö roor/wt alkv ädaxQvv, Da schwankt man 
in betreff der Verteilung der Worte und manche ändern. Theo- 
krit hat zunächst öyiyovov gelehrt gesetzt: er bekennt so, dafs 



238 Beilage: 10. Zum Herakliskos. 

er das Homerische vqlvyetog so verstünde, vgl. die Deutungen 
des Wortes bei Pollux 3, 20 mit den Parallelen, die Bethe an- 
führt, und Plutarch Jt. noXvydlag 94 a. Dann erwartet Alkmene 
keine Kinder mehr, wie sie ja auch keine bekommen hat: dafs 
die Eltern so alt sind, widerspricht der alten Sage und der 
naiven Auffassung, die wir alle hegen. Vollends Zeus wird 
schwerlich eine alte Frau mit so unersättlicher Leidenschaft auf- 
gesucht haben. Aber von der Vaterschaft des Zeus ist auch 
keine Rede. Er lenkt nur die Geschicke zugunsten des Welt- 
erlösers; der Hafs der Hera spielt freilich für uns befremdend 
herein. Indessen das kann und wird in der Vorlage anders ge- 
wesen sein, die Theokrit zu der ersten nemeischen Ode Pindars 
herzugenommen hat; der Name Herakliskos kehrt als Titel eines 
Sophokieischen Satyrspiels wieder, und das ist schwerlich Zufall 1 ). 
Dann wird Herakles bezeichnet als yaXa^vbg tmö rgoycbi, so 
ist zu verbinden, denn die Kinder bleiben bei der TQoyög noch 
viel länger als sie ihnen die Brust gibt; Herakles ist aber trotz 
seinen zehn Monaten (V. 1) noch nicht entwöhnt, sondern heifst 
wie hier yaXad^vög im V. 54 imtMiog. Dafs er andererseits 
nicht blofs als ya?.a4h)vög bezeichnet wird, liegt daran, dafs er 
dann auch von Alkmene gesäugt werden könnte und in dem 
Falle bei der Mutter schlafen müfste. So ist "als Säugling bei 
der Amme" durchaus korrekt. Endlich heifst er alkv äöaxgvg: 
die Herren Kritiker müssen sehr wenig Erfahrung mit kleinen 
Kindern gehabt haben, wenn sie vsib TQotpcoi alev ädangw ver- 
banden. Denn ein Kind, das bei der Amme ruhig ist, ist ein 
ungezogenes oder unausstehliches Balg, das losbrüllt, wenn die 
Amme fortgeht. Aber das war allerdings eine Vorbedeutung des 
unvergleichlichen Helden, dafs er schon als Brustkind niemals 
weinte. So lustig zeigt er sich auch, als er die Drachen um- 



*) Diesen Titel gibt nur das Florilegium des Orion, aber zweimal. Da- 
neben erscheint ein 'IlQaxXijg ««rt^txo,- ; ob das zwei Stücke waren oder eins, 
steht dahin. Die tni TtuvaQuu aärvQot mit einem oder gar beiden zu identi- 
fizieren, ist bare Willkür. Über den Inhalt geben die Bruchstücke nichts 
aus. Übrigens ist bei Sophokles die sprachlich richtige und überlieferte 
Form 'IfQtocltioxu; zu halten; vielleicht hat auch Theokrit so geschrieben. 



Beilage: 10. Zum Herakliskos. 



239 



gebracht hat, während Iphikles krampfhaft vor Furcht zappelt, 
dxQdxokog, das ich Herrn. 39, 138 gerechtfertigt habe. 

76 jzoXXai 'Ayauädaw iialaxbv negl yovvan vfjfia yeiql 
xaravQtyovoiv dxQtojieoov delöoioai 'AXxfxrjvav. Das ist eine 
hübsche Situation, wie sie abends zusammensitzen und den Flachs 
auf dem inlvqtQov oder dem övog reiben, wie das Robert an 
der Hand der attischen övoi ausgeführt hat. Nur haben diese 
Dorerinnen kein enivrjTQov, sondern reiben noch auf dem eignen 
Schenkel: das ist das altertümliche Kolorit der Stelle, wie des 
ganzen Gedichtes. 

86. 87 haben aus einem andern Grunde den Erklärern 
Schwierigkeiten gemacht. Der Seher sagt "Dein Sohn wird der 
Schwiegersohn der Götter werden, die ihm diese Ungeheuer gesandt 
haben". Wer die Götter waren, enthüllt er nicht; wie die Erhöhung 
des Herakles sich zutragen wird, ebensowenig. "Dieser Tag wird 
kommen, wenn der Wolf das Reh, das er auf der Schlafstätte 
findet, nicht anzurühren wagt." Das ist ein Orakel, dunkel wie 
sich schickt, bildlich wie sich schickt. Es wäre ja zu dumm ge- 
wesen, wenn Teiresias die zukünftige Geschichte ausgeplaudert 
hätte. In den Himmel eingehen wird Herakles; wann? ^fiegcbaag 
yalav, negoag öelfjuava ^q&v, um mit Euripides zu sprechen, 
den ich eben aus dem Pindarischen Gedichte erläutert habe, das 
Theokrit hier vor Augen hat. Also wenn die Erde so friedlich 
sein wird, dafs der Wolf sich von seiner angebornen ddixla 
zurückhält, dann ist es an der Zeit, dafs der zu Raste gehe, der 
die Erde befriedet hat. Das ist ganz vortrefflich. Theokrits 
Hörern waren diese Gedankengänge aus der alten Poesie ver- 
traut genug, das Orakel zu verstehn; und wenn sie's nicht 
verstanden, so war es eben ein Orakel. 

Dafs vor 50 nichts ausgefallen ist, hat Vahlen vorzüglich 
gezeigt. Aber für die hellenistische Poesie und die Art ihres 
Vortrages ist diese Stelle wichtig und die frühere 34 auch, wo 
ja die Philologen, die nur ihren Homer oder besser ihre lateini- 
schen Epiker im Kopfe hatten, auch eine Lücke angesetzt oder 
ein Verbum dicendi hineingebracht haben. Alkmene hörte den 
Iphikles zuerst schreien und wachte davon auf. "Steh auf, 
Amphitryon, unser Kleinster weint". Und weiter "Amphitryon 



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240 



Beilage: 10. Zum Herakliskos. 



rief die schnarchenden Sklaven, "Bringt Licht, macht die Türen 
auf", "Steht auf Knechte, der Herr ruft", so sagte die phöniki- 
sche Sklavin, die an der Mühle safs". Das ist sehr gut und 
lebendig, aber wirklich durchaus wider Homerische Weise, ist 
auch aus den Buchstaben der Papyrusrolle ohne Lesezeichen 
nicht bequem zu verstehen. Das mufs man rezitieren, mit 
Kunstpausen und mit geschicktem Stimmwechsel rezitieren, wie 
ihn die Homerischen Rhapsoden noch nicht verstanden. Theokrit, 
der ja auch Mimen genug gedichtet hat, belehrt, wie übrigens 
Kallimachos auch, was diese Poesie ist: Deklamationspoesie, aber 
für Virtuosen, lebendige Poesie für eine lebendige Kunst, und 
zum Glück eine Kunst, die nicht aus der Rhetorenschule sondern 
aus der Rezitation der grofsen Poesie ihre Nahrung und Technik 
gezogen hatte, daneben höchstens von der Bühne. Statius ist 
auch ein brillanter Deklamationspoet, man mufs es mit lebendiger 
Stimme probieren; aber bei ihm sind es eingelernte Kunststücke, 
die immer wiederkehren. Das Individuelle, der einzige grofse 
und spezifische Charme des Hellenistischen, ist der neuklassischen 
Konvention, der Schulrhetorik gewichen. 

Für die 'HgaxXiovg naidsla ist ersichtlich ein ähnliches 
Buch ausgeschrieben wie in der Apollodorischen Bibliothek, wenn 
es auch nur von einem glücklicherweise überwundenen Stand- 
punkte der Mythographie erfordert war, die Namensformen aus- 
zugleichen. Das Buch mufs ein Bildungsroman gewesen sein, 
wie ihn Herodoros geschrieben hatte: in der Tat eignete sich 
Herakles, der vollkommene Held, besonders zu einem solchen 
Versuche, und schon vor der Sokratik hat man das Problem 
der Jugendbildung ventiliert, zuerst in den Hcsiodischen Xtgcavog 

Unter den Lehrern des Herakles steht an erster Stelle der 
yQafifiavtavrjg, der alte Linos, vlög 'ÄJtökkcovog /jLeXedovsvg 
äynvjzvog tfocog, 106. Den Vers kann ich nicht verstehn. Das 
Wort fiekedcüvevg gleich dem gewöhnlich ionischen fjieXedcovög 
erklärt Hesych mit ytUctf, und es kann gewifs den Pädagogen 
bezeichnen; aber wie gliedern wir es ab? äyQVJtvog gehört zu 
rjQcog, das sonst leer ist; aber wie soll diese Apposition, die 
eine dauernde Eigenschaft des Linos angibt, neben Jtaiöaycoyög 



Beilage: 10. Epitaphios Bions 16. 241 

stehen, das seine Funktion im Hause des Amphitryon angibt? 
Ich kann nicht darüber hinweg, das Vaterland des Linos hier 
zu erwarten, und wenn ich auch neben Theben und Chalkis 
keins kenne, so erwarte ich eben hier etwas so Rares, wie Harpa- 
lykos von Phanoteus und Kastor von Argos, über den es so- 
gar eine Geschichte gegeben hat, auf die Theokrit anspielt, 
uns ganz unbekannt. So rate ich freilich nur, aber Medecoviog 
klingt so nahe an iceXeöcovevg, und ein fast verschollener und 
doch durch das Epos gewährleisteter Ortsname aus der Nachbar- 
schaft pafst so vorzüglich, dafs mir die Änderung ganz besonders 
gefällt, obwohl sie sich nicht beweisen läfst. 

Musuros hat das Gedicht als unvollständig bezeichnet; viel- 
leicht hat auch der Schreiber von D so geurteilt, als er dahinter 
Lücke liefs. Gewifs konnte etwas folgen; es ist kein Schlufs 
als solcher stilisiert. Aber es mufste nichts folgen, und ein 
solches Gedicht als Anfang einer Heraklee ist vollends undenkbar. 
134 schliefst die breite Schilderung der Lehrmeister ab; hinzu 
tritt die körperliche Trainierung des dorischen äMrjtyg, in Schlaf, 
in Nahrung, in Kleidung. Das klingt den hellenistischen Menschen 
etwas komisch, wie aus einer andern Welt, es kontrastiert mit 
der musisch -gymnastischen Bildung vorher; der Hörer lächelt 
dazu, und so meine ich, hat sich der vortragende Dichter mit 
dem dorischen Brot, an dem sich ein Scheunendrescher satt 
essen konnte, und dem dorischen Chiton, der die Waden freiliefs, 
einen Abgang geschaffen, nicht schlechter als mit den Zötlein 
in den Gedichten 4. 5, dem äjtQoaöö-Atjtov 12. 



e. Epitaphios Bions 16. 

In dem Gedichte auf Bions Tod werden nach den Gewässern 
und den Blumen 1 ) und den Nachtigallen auch die Schwäne auf- 
gefordert zu klagen 



l ) Darunter der Hyakinthos vermutlich nach dem gleichnamigen Ge- 
dichte Bions (Stob. Ecl. I, 5, 7); erweisbar ist es nicht. Zu Euphorion (36) 
wird Bion selbst bewufst irgendwie Stellung genommen haben. 

Philolog Untersuchungen. Will. 16 



242 Beilage: 10. Epitaphios Bions 16. 

15 yoegolg orofidveaai /neXladere nivfiifiov cbtödv 
oiav vfistigoig Jioxl itiXwi yijQvg äetde, 
eXnats d' av xovgaig Olaygioiv, elsiare adoaig 
Biatovlaig NvfMpcuoiv, äacbhero Acbgiog "ÖQtpevg. 
Die Schwäne ziehen von Norden nach Griechenland; daher 
lokalisiert man sie gern in Thrakien, so Bakchylides 16, 5 und 
Aristophanes Vög. 774 am Hebros. Als der höhere Norden be- 
kannt wird, rücken die Schwäne auch höher, an Ister und Tanais, 
Seneca Ag. 679. Der Strymon gehört bei den Römern gewöhn- 
lich den Kranichen; aber das sind ja auch Zugvögel. Hier ist 
er gewählt, weil Bion der dorische Orpheus sein soll, was nicht 
mehr besagt als der dorische, d. h. bukolische Dichter, der die 
ganze Natur bezaubert. Es ist nicht wunderbar, dafs Ovid die 
Natur in ähnlicher Weise um Orpheus klagen läfst (XI 44): 
wenn da ein direkter Zusammenhang geglaubt werden sollte, so 
müfsten mindestens die Schwäne vorkommen. 

Orpheus kommt noch einmal in dem Gedichte vor. 131 
"Singe auch der Persephone ein sizilisches Lied; sie ist auch 
aus Sizilien und hat in den Schluchten des Ätna gespielt und 
kennt die dorische Weise: da wird sich dein Gesang lohnen und 
sie wird dich hinauflassen, wie sie einst dem Orpheus für sein 
Saitenspiel die Eurydike liefs". Die pedantische Frage "wo 
steht, dafs Persephone am Ätna gespielt hat" ist eigentlich keiner 
Antwort wert. Die Poeten fragen nichts nach dem geographischen 
Detail: den Ätna kennt jeder, zumal wer Bukolik liest, als Ort 
der sizilischen Hirten. Dagegen wenn Henna genannt wäre, so 
würde sich gar keine Gemeinsamkeit zwischen Persephone und 
Bion ergeben. Ebenso klar ist, dafs (iskog olöe rö Acoqiov das 
Richtige ist: die bekannten Klänge sollen sie rühren, fjiöe (viel- 
mehr aide) würde voraussetzen, dafs sie selber sänge oder am 
Ätna gesungen hätte. Hat sie das etwa getan? Orpheus end- 
lich ist hier lediglich um der Befreiung aus dem Hades willen 
herangezogen; da war er kaum zu entbehren. Es sind alles Ge- 
meinplätze. 

Aber aus V. 15 ist nicht ohne Schein geschlossen worden, 
dafs eine Beziehung auf ein bestimmtes Gedicht Bions vorläge. 
Der Vers ist verdorben, denn die YVQ V 9 kann keine tbiÖr) singen. 



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Beilage: 11. Zu den Technopägnieeu. 



Also hat Kallierges yijovv gesetzt, was seltsamerweise Vulgata ge- 
worden ist. Denn fu?.laÖBve (biöäv olav — äeide verlangt ein Sub- 
jekt, erträgt aber kein zweites tautologisches Objekt neben (biödv 
olav. Auf Grund dieser verkehrten Änderung sucht man dann 
zu verstehen "singt ein Lied, wie er, Bion, eine Rede mit euren 
Schnäbeln sang", d. h. wie er euch ein Klagelied auf Orpheus 
in den Mund legte. Ein leidlich verständiger Dichter würde 
das so ausgedrückt haben, dafs der Sänger Bion ebenso wie 
der Gegenstand der Klage, Orpheus, kenntlich gemacht wäre. 
Dieser Dichter ist so ziemlich ein Stümper, aber durch gram- 
matische Verzwicktheit wird er nicht dunkel. Die Schwäne sollen \ a , 
ein Klagelied singen wie sie es entweder bei einer bestimmten 
Gelegenheit gesungen haben, oder aber wie man es von ihnen iT ( 
erwarten kann. Sie singen im Tode, was sich schlecht wieder- 
holen läfst, oder im Alter; dies die ältere Vorstellung 1 ). Der 
Fehler sitzt in yfjQvg äeids: da liegt yi]Q a 9 äeidei wirklich nicht 
fern. Ich habe die Freude gehabt, dafs ein Mitglied meines 
Seminares die Verbesserung fand, als ich kaum begonnen hatte, 
die Suchenden auf den rechten Weg zu bringen. 

Mit der Anspielung auf ein Gedicht des Bion (bei mir im 
Seminar ebenfalls erwogen) ist es dann allerdings nichts, oder 
wenigstens, sie bleibt eine unerweisliche Möglichkeit; an einen 
Orpheus des Bion zu denken fehlt überhaupt jeder Anhalt. 

11. Zu den Technopägnieen. 

Die drei Gedichte des Simias sind insofern Epigramme, als 
sie Aufschriften sind; das sagen sie selbst. Das Beil weiht 
nicht Epeios, sondern irgend wer, eben der Dichter, setzt eine 
Inschrift darauf, die erzählt, Epeios hätte es geweiht, und der 
wäre im irdischen Leben verachtet durch Homer zum ewigen 
Leben erhöht. Als wirkliche Inschriften hat diese Gedichte 
A. Hecker betrachtet; er hat keine Beachtung gefunden. Un- 
abhängig von ihm und in anderer Weise habe ich dasselbe zu 
beweisen versucht. Meine Erklärung (Jahrbuch des Arch. Inst. 



') Zu Eurip. Herakl. 110. 

16* 



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244 



Beilage: 11. Zu den Technopägnieen. 



XIV 51) hat auch kaum Beachtung und durch Reitzenstein (Ar- 
tikel 'Epigramm' bei Wissowa) Ablehnung gefunden. Nach ihm 
sollen "mystische Nachahmungen etwa der Orphiker den ersten 
Anhalt zu diesen Aufschriftkünsteleien 1 ) gegeben haben". Der 
Appell an Aberglauben ist jetzt Mode; aber ich halte es für 
unwahrscheinlich, dafs er auf die Dauer an die Stelle der Inter- 
pretation treten wird 2 ). Dafs die Kontur des Gedichtes ein Beil 
ergäbe, ist notorisch nicht der Fall: die Byzantiner, die das er- 
warteten, sahen sich genötigt, den Stiel zuzuerfinden. Die Vor- 
aussetzung ist also, dafs das von Epeios geweihte Beil bereits 
existiert und durch diese Inschrift erklärt wird. Die Flügel 
reden gar nicht von Flügeln, sondern ein Erosbild, das den Gott 
als Kind (d. h. klein), aber bärtig darstellt, redet das Publikum 
an und gibt die Erklärung dieser Bildung, damit man sich nicht 
entsetze. Wie es zu diesem Gedichte eine Parallele bilden soll, 
dafs ein Zauber vorschreibt, ein beschriebenes Plättchen in den 
Rücken einer Erosstatuette einzulassen, ist mir verschlossen. 
Und wenn ein Gedicht mit kevooe anfängt und mir dann ver- 

>) Wenn Reitzenstein recht hätte, wären die Gedichte gar keine 'Auf- 
' Schriften', Epigramme. Ich meinerseits mufs die Theorie von dem Buch- 
epigramme, die Reitzenstein vorträgt, im wesentlichen ablehnen. Ein Epi- 
gramm wie das des Kallimachos auf Timonoe (15) ist m. E. dummes Zeug, 
wenn Timonoe weder gestorben ist noch existiert hat. Ich bin vollkommen 
außerstande mich in die Seele eines Menschen zu versetzen, der sich solche 
Grabepigramme fiktiver Menschen aus den Fingern saugt, oder auch in die 
eines Publikums, das die Elaborate eines solchen Erfinders von Grabgedichten 
auf fiktive Leute lesen mag. Die Manier, höchst merkwürdige Todesfälle 
oder Weihungen zu erfinden, die dann natürlich erfundene Träger erhalten, m 
ist von solchen ganz einfachen Situationen des Lebens vollkommen ver- 
schieden; ich denke, man kann sie auch leicht auseinanderhalten. 

") Welch ein Blödsinn früher aufgetischt ward, zeige Bergk Opusc. 
II 778. Die Syrinx hat zehn Halme, weil sie Theokrit als Vorrede der 
zweiten, vermehrten und verbesserten Auflage seiner naiyvia ßovxoXtxa (dies 
der Titel) beigegeben hatte, die zehn Gedichte enthielt; daher gab er der 
Syrinx zehn Halme, obwohl sie nur sieben hatte. Die erste Auflage hatte 
nur sieben Gedichte enthalten, und zwar hatte Theokrit überhastet das Ge- 
dicht 9 noch rasch zugedichtet, damit die Zahl der Syrinx entspräche; aber 
damals, als es stimmte, machte er kein Gedicht Syrinx. Vorher hatte Bergk 
die letzten zwei Zeilen kreisförmig drucken lassen, damit sie einen Ring zum 
Anhängen der Syrinx bedeuteten. 



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Beilage: 11. Zu den Technopäguieen. 



245 



sichert wird, "der Zweck beim Zauber ist nicht, dafs das Gebet 
gelesen wird, sondern dafs es geschrieben wird", so sage ich 
"dann ist dies eben kein Gebet (wie es das auch nicht ist) und 
für keinen Zauber bestimmt". Übrigens glaube ich auch bei 
dem dümmsten Aberglauben, dafs geschrieben wird, um den 
Dämon zu zwingen: der soll dann also die Beschwörung lesen. 
Das Ei sagt "sieh hier ein Ei der dorischen Nachtigall; nimm 
es freundlich auf (Anrede an jeden Empfänger): das Legen ist 
der Mutter sehr schwer geworden. Hermes hat es unter die 
Menschen gebracht und geboten, vom Monometer zum Dekameter 
fortzuschreiten" (d. h. richtig zu skandieren). Ein breit aus- 
gesponnenes Gleichnis schildert das hurtige Strampeln seiner 
Füfse, während er die Füfse der Verse taktiert. Da ist also 
gewifs die Hauptsache das künstliche Gedicht; das ist das Ei, 
gelegt von Simias, der Nachtigall von Rhodos. Es steht nicht 
einmal da, wo das Gedicht steht, das sich selbst Ei nennt. 
Wenn nun ein Zauber aus späterer Zeit verlangt, dafs ein Gebet 
auf ein Ei geschrieben werden solle, so ist es notwendig, daraus 
zu schliefsen, dafs man auf Eier schrieb, unmöglich, dafs man 
das Oval nur auf dem Papier nachahmte. Wenn endlich ein 
magischer Buchstabenzauber in ähnlicher Eiform auf einem 
Strafsburger Papyrus steht, wie die des Simiaseies ist, wenn's 
auf dem Papier steht, was werden wir anders glauben, als dafs 
auch dieser Buchstabenkomplex eigentlich für ein Ei bestimmt 
war. Denn die Kontur der Verse liefert nun einmal auf dem 
Papier kein Eirund. 

Die drei Gedichte haben lyrische Formen; die passen nicht 
für Lesepoesie, also nicht für Epigramme: wie ist Simias auf 
sie verfallen? Mir scheint die Erklärung unmittelbar ein- 
leuchtend. Simias hat nach diesen verschieden langen Versen 
gegriffen, weil er einen bestimmten Raum füllen wollte. Das 
Papier liefert den nicht; die Schneide des Beiles, die Flügel der 
Statue (warum er diese und nicht die Basis wählte, werde ich 
Reitzenstein zeigen, wenn er mir die Statue zeigt), das Ei 
lieferten einen solchen Raum. Die beiden ersten habe ich durch 
Abbildungen erläutert; an einem Ei kann es jeder nachprüfen; 
ich habe in meinem Leben manches Osterei beschrieben. Damit 



246 



Beilage: 11. Zu den Technopäguieeu. 



hielt und halte ich die Sache für erledigt. Es hat gar keinen 
Zweck, im Abdrucke der Gedichte die Kontur typographisch 
nachzubilden und das Verständnis des Sinnes zu beeinträchtigen ; 
dabei kommen nur Monstra heraus ähnlich wie in den Hand- 
schriften der Byzantiner. 

Die Syrinx gibt sich auch als Weihung einer Syrinx an 
Pan, der auf ihr blasen soll, und Zahl und Länge der Rohre 
bestimmen die Verslänge: wenn das Anathem das frühere ist, so 
kann man nicht fragen, warum macht er zehn Disticha? Es ist 
sehr viel angemessener, wenn die Aufschrift wirklich auf eine 
Syrinx gesetzt war, als auf dem Papier: da hätte der Verfasser 
wenigstens die Buchstabenzahl gleich machen sollen, wie Kasto- 
rion in seinem Gedichte an Pan. Man bekommt jetzt doch kein 
wirkliches Gleichmafs heraus. 

Der dorische Altar gibt die historische Erklärung eines 
wirklichen Altars der Chrysa auf den Niai bei Lemnos; nicht 
als die Weihung des Stifters, sondern als Bericht darüber. Aber 
es ist klar, dafs das Gedicht dort nicht stehen konnte, sondern 
nur durch seine verschieden langen Zeilen den Eindruck erwecken, 
als wären sie durch den Raum bedingt. Es macht also den 
Fortschritt zum Carmen figuratum. Der ionische Altar ist das 
durchaus und hat jede Fiktion aufgegeben. 

Simias bedient sich der künstlichen dithyrambischen Rede, 
zumal im Ei; aber es bleibt ein qualitativer Unterschied gegen- 
über den drei anderen Gedichten. Dies sind yglyor, sie stellen 
sich zu Lykophrons Alexandra, die in dem Altar des Dosiadas 
benutzt ist (TQiiöJveQog = "Hgaulfig) ; aber die Rätsel sind hier 
gehäuft, und zumal die Syrinx ist, wenn man einen solchen 
Scherz überhaupt zuläfst, in ihrer Art kaum zu übertreffen. 
Beide Gedichte haben viel gemeinsam; aber der Altar ist von 
der Syrinx abhängig, fiegoip ist dort /xeqI^cov tyv öna, in ihm 
nur ävOQO)7tog\ di&g dort di<pvt]g, hier nur dig ^qoag\ Penelope 
die Mutter des Pan ist dort notwendig, hier Nebenwerk; äaä- 
tcoq dort, "dessen Vater man aus der Menge der möglichen Väter 
nicht herausfinden kann", hier simpel "der keinen Vater hat" 1 ). 

l ) Spafshaft ist, dafs Synesios in seinen Hymnen auf die Tri ni tat an 
diese yQtyoi angeknüpft hat; 3, 145 sagt er von Gott Vater naifQwv navituv 



Beilage: 11. Zu den Technopägnieen. 



247 



Nach /.aQvaxoyvwg = y^könovg ist '/vi6yaky.og = xaXxooibfiavog 
gemacht. Vor allem ist Ildgig = SsöxQivog um des Eigen- 
namens willen trotz des grammatischen Fehlers nicht nur er- 
träglich sondern witzig: deöxQitog für Ildgig nur durch diesen 
Vorgang entschuldbar. Der ganze Aufbau ist ähnlich; es wird 
beidemal eine Person durch ein Rätselwort bezeichnet, dann 
mit ov eine falsche Deutung abgelehnt, und die richtige ge- 
geben. Aber schon dafs nur in der Syrinx dieses letzte Glied 
mit dem einzig passenden dXkd angeschlossen ist, zeigt, wo das 
Original ist. Auch dafs Dosiadas nicht nur eine Glosse, sondern 
überhaupt die troischen Geschichten von Lykophron hat, zeigt, 
dafs er nicht der Erfinder ist. 

Die Syrinx gibt sich als Theokritisch; sie setzt sowohl die 
Übergabe des Instrumentes der Bukolik an Pan in Theokrits 
Thyrsis wie den Simichidas und den Komatas der Thalysia 
voraus 1 ). Man kann nicht behaupten, dafs nur Theokrit selbst 
dies Gedicht auf sich hätte machen können, oder dafs es not- 
wendig aus seiner Zeit stammen müfste. Der Altar ist eine 
Nachahmung; man kann nicht behaupten, dafs sie und ihr Ver- 
fasser, von dem wir nur den Namen kennen, in Beziehung zu 
der Person des Theokrit stehn müfsten 2 ). Wann die Syrinx in die 
Ausgabe seiner Werke aufgenommen ist, läfst sich nicht fixieren. 
Das alles gebe ich bereitwillig zu. Aber ich vermisse auch jeden 
Anhalt, dem Gedichte selbst zu mifstraüen, das seinen Verfasser 
Theokrit nennt. In seiner Zeit gab es die Gedichte des Simias, 
wurden yglyoi gern gemacht, trieb man die Homerische Glosso- 
graphie (Philitas und Simias), und hat Kallimachos ein Rätsel- 

nariQ avioninioQ ti oonnuoQ anänog. Das stammt von xhonomataQ ananop. 
Eine andere Nachbildung (6, 34 nach dem Pterygion des Simias) habe ich 
früher aufgezeigt; sie liefert die Verbesserung 7iQ«vi.6ya)t für ngavvtai. 

1 ) Rätselhaft bleibt noch, wieso Pan "die Liebe des lydischen Weibes " 
heifsen kann. 

2 ) Die Argonautensage- ist nicht die des Apollonios; das ist nicht un- 
wichtig. Nicht nur, dafs die ganze Weihung bei dem nicht steht: dafs die 
Argonauten nach dem kretischen Abenteuer erst nach Lemnos kommen, 
widerspricht dem Apollonios und der Vulgata, stimmt aber zu Pindar. Dafs 
Medeia (iuÜQOtjv ist, «eil sie in Mannerkleidung aus Athen geflohen war, ist 
überhaupt singulär. 



24S 



Beilage: II. Zu den Technop&gnieen. 



gedieht auf Athena verfertigt. So halte ich die Athetese für 
unberechtigt. Der Altar steht zur Syrinx wie der Wettgesang 
8 zu 6; die zeitliche Distanz der Nachbildung von dem Original 
vermag ich nicht zu messen. Dafs solche Scherze gerade in dem 
Kreise, der sie erzeugt, Nachbildungen hervorrufen, ist eine Er- 
fahrung, die man alle Tage machen kann. Dumm ist's wenigstens 
nicht, den Verfasser in einem Genossen Theokrits, etwa in Ly- 
kidas zu suchen. 

Das Versmafs der beiden kleinen Gedichte des Simias sind 
einfache Choriamben ; dafs der katalektische Monometer iambisch 
sein mufs, ist natürlich. Der ionische Altar zeigt die Vers- 
mengerei, wie sie der späten Zeit zukommt, aber lauter einfache 
Formen, wie sie damals das metrische Handbuch lieferte. Die 
Syrinx baut daktylische Reihen, und zwar auch akatalektische, 
wie sie Sappho bot, also gerade Gebilde, die sonst nie nach- 
geahmt worden sind, aber dem Theokrit gut bekannt waren, so 
dafs sie sich zu seinen andern metrischen Experimenten gesellen. 
Dosiadas wendet Iamben an; er kennt noch die Unterdrückung 
der Senkung, sogar vor der Katalexe (tbv yvioxaXxov ovqov 

eggaiOEv ), und die Verbindung des 

Reizianum mit dem Dimeter. Aristophanes neivcbv TQidxovt' 
rffieQag tov firjvög Sxdorov, hier di^coog Ivig t' ävÖQoßQ&vog 
'D.ioQaiaräv*); es respondiert ä yayov xqIjioqüov, d. h. er baut 
das Reizianum wie Plautus. Das ist alles schon interessant, denn 
wir müssen für jede Information über die spätere Metrik dank- 
bar sein; aber wirklich bedeutend ist nur die Metrik des Eies. 
Mir war sie eine wichtige Offenbarung, als ich sie vor fünfund- 
zwanzig Jahren untersuchte; die damaligen Stimmführer in der 
Metrik hatten diese Gedichte überhaupt nicht gelesen. Aber das 
unzweideutige Zeugnis, dafs den Dichtern siovg dasselbe war was 
wir fisvQov nennen (was sehr wohl ein Glykoneus sein kann), 
ist heute nicht mehr erforderlich. Es ist indessen immer noch 
Beherzigenswertes zu lernen. "Hermes befiehlt ix fiirgov fiovo- 
ßdfiovog di^etv dgiftfiöv elg äxQav dsxdd' l%vhov" Die Kor- 

l ) Weil er das Metrum verkannte, hat Bergk 'flogaiarfir geschrieben; 
ähnlich schon Triklinios. Aber dann müfste Philoktet den Ilos erschossen 
haben. 



Beilage: 11. Zu den Technopägnieen. 



•249 



ruptel in Nebendingen beeinträchtigt diesen Sinn gar nicht; der 
Sinn ist klar: Fortschritt vom Monometer zum Dekameter; in 
fiovoßdficov und in i'/vlov steckt unverkennbar der technische 
Ausdruck aovq. Hermes selbst schwebt in der Luft und gibt 
mit den schnellen Bewegungen seiner Beine den wechselnden 
Takt an (ein höchst belustigendes Gegenbild zu dem irdischen 
Kapellmeister, der den Takt tritt), 1%vbi Mvcqv IIieQldcav fiovö- 
öovnov avddv. Auch hier ist trotz aller Korruptel deutlich, 
dafs er mit seinem Fufse "jeden Einzelklang der Musik" tritt: 
man sieht ordentlich die Götterbeine herumwirbeln wie den Takt- 
stock des modernen Dirigenten. Wie schnell das gehn mufs, 
illustriert die lustige Vergleichung mit einer Herde gescheuchter 
Lämmer. 

Eine unabweisbare Folge ist, dafs das Mafs vom Monometer 
zum Dekameter steigen mufs. Das verspricht etwas Besonderes, 
sobald man die Silbenzahlen betrachtet. 3. 7. 11. 15. 18. 22. 22. 
25. 28. 30. Die ersten vier Verse sind einfach; die nennen auch 
wir trochäische Monometer, Dimeter, iambische Trimeter, Tetra- 
meter. Im letzten ist eine anhebende Senkung unterdrückt, 
was für die Zeilenlänge nichts verschlägt, da gleichzeitig Auf- 
lösung stattfindet. Nun aber der Pentameter 

dgidfiöv elg äxgav dexdd' favicov xöoftov vefiovva QV&fjLCöv 

Zwischen drei iambischen Metra der Hymenaicus (Yfirjv vfiivai' 
(ö, stichisch bei Aristophancs) : das war also ein Dimeter. 

Der Hexameter schliefst an einen iambischen Trimeter den 

alkäischen Zehnsilbler: der ist also ein Trimeter, etwa 

i ] 

KJ\J | \J 

Der Heptameter stellt vor ihn j — | | : 

das ergibt also bei gleicher Silbenzahl einen Takt mehr, weil 
die Senkungen unterdrückt sind. 

Oktomcter | | ^ w w — | — | ^ ^ — | ^ _ w — | 

Dafs so abzuteilen ist, lehren die Wortkomplexe, die ^ « w — 
immer zusammenfassen, und es ist ja auch einfach: man mufs 
nur das Reizianum anerkennen, das uns eben im Altar begegnet 
ist. Hier scheint es iambisch und die spätere Metrik würde 



250 Beilage: 11. Zu den Technopagaieeo. 

von einem Hypermetron reden: es ist aber nichts zu viel da, 
sondern fürs Auge zu wenig. 
Enneameter: 

__|__| 

Das würde man daktyloepitritisch nennen können: das daktyli- 
sche Glied hat den Wert eines Dimeters; am Schlüsse ein iam- 
bisches Metron abzusondern rät die Wortverteilung; praktisch 
ist natürlich I — w — dasselbe. 

Dekameter: 

|__| ww _| ww _|__| ww _| www _|__|_ ww 

Zum richtigen Skandieren hilft auch hier die Wortabteilung. 
Der Adonius ist ein Dimeter: das wird man nach der Analogie 
des Dekasyllabus annehmen. Aber die scheinbaren Anapäste 
sind jcoöeg wie die Daktylen: das ist neu, mufs aber anerkannt 
werden, und man kann doch auch daktylische Strophen wie z. B. 
in der Geryoneis des Stesichoros nicht anders messen. 

Ich enthalte mich an diesem Orte aller Konsequenzen ; wem 
die Erkenntnis der griechischen Verse mehr als Spiel ist, wird 
das Zeugnis zu würdigen wissen. Und ob es Zufall ist, dafs das 
Taktieren ein vevfia noddov ist und so an die Neumen des 
Mittelalters anklingt? 



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Berichtigungen und Nachträge 



Da ich dieses Buch gleichzeitig mit dem Texte der Bukoliker 
druckte, also die handschriftliche Überlieferung und die Theorie 
der Recensio noch wiederholt an jedem Verse zu prüfen ge- 
zwungen war, sind mir Bedenken und Berichtigungen erwachsen, 
die ich nicht zurückhalten darf. Dafs dabei an den Tag kommt, 
wie wenig abschliefsend meine Arbeit ist, kann der Sache nur 
nützen. 

Seite 17. Die Spuren dorischer Betonung sind in den 
Handschriften zahlreicher als ich angab. Von Vereinzeltem wie 
ivöol (15, 1), Xdße (15, 66; doch ist das nur 'EXXrjvixöv gegen 
'Attmöv), älläi (2, 127) abgesehen wird namentlich otfxrög oft 
betont, aber, soweit ich mich erinnere, nicht ovva>. Das hat 
sogar Nachahmung gefunden, gleich als ob man von irgendeinem 
ovtg) versichern könnte, dafs es niemals ein s gehabt hätte, es 
sei denn bei Herodas 4, 71, wo die Herausgeber outco' juAofot 
schreiben um einen Anapäst zu vermeiden, während ovvcog im- 
Aofo? überliefert ist; ich wollte, sie hätten einen Beleg für ovzco 
vor Vokal beigebracht. Ohne Zweifel sind diese Accente der 
Byzantiner für den Forscher über die antike Tradition von der 
dorischen Betonung von Wert. Aber zur Zeit mufs erst einmal 
die Erkenntnis durchdringen, dafs die Lesezeichen für Schrift- 
steller, welche keine setzten (d. h. für alle des Altertums), ein 
durchaus unverbindlicher Zusatz sind, und dafs wir, von Aus- 
nahmen abgesehen, noch ganz im Banne der spätesten byzan- 
tinischen Praxis stehn. Nur die auf der Kontraktion beruhende 



252 



Berichtigungen und Nachträge. 



Betonung der dorischen Futura, die auch die Handschriften oft 
geben, habe ich durchgeführt, doch auch sie nur in den ganz 
streng dorischen Gedichten. 

S. 18. Von Epicharm heifst es in der Anthologie, der man 
gemeiniglich folgt, jtoXXä ydo Jtovväv £6av xolg jtäatv eine 
Zgiiaifta; aber Kil geben rolg acuclv. Ol jzävveg pflegt die 
Summe im Gegensatz zu ihren Teilen zu bezeichnen, nicht so- 
viel wie ndvteg ol äv&omjzoi zu sein. Dagegen pflegen yvcbfxai 
ßMoyeXelg in der Schule gelesen und gelernt zu werden. Das 
verdient also den Vorzug, lehrt aber dann, dafs Theokrit im 
wesentlichen denselben Epicharm vor Augen hat wie Xenophon 
und Euripides (bei dem doch auch nur dies Verhältnis in Wahr- 
heit vorstellbar ist) und Ennius. Vor Apollodors kritischer Aus- 
gabe war eben der Epicharm, den man zu lesen pflegte, gleicher 
Art mit dem Publilius Syrus, den wir lesen und den Seneca las, 
d. h. eine Sentenzensammlung, im Kern aus den Komödien, aber 
beständig umgeformt und vermehrt, wie es solcher Literatur 
geht, gerade wenn sie Knabenlektüre geworden ist. Andererseits 
hat Apollodors Ausgabe von Sophron und Epicharm vielleicht 
schon den Artemidor beeinflufst, als er die Bukoliker sammelte, 
da ja die fiifxoi dvögelot und yvvaixeioi auch bei Theokrit zu- 
sammenstehn. Sicherlich hat die Theokriterklärung aus Apollodor 
besonders viel genommen, und wie sollte ein guter Erklärer 
eines dorischen Gedichtes es verständigermafsen anders halten? 

S. 20. Dem Bion brauchen wir zum Glück yiMco doch nicht 
zuzutrauen. Zwar überwiegt das Falsche im Adonis und findet 
sich auch Öfter bei Stobäus. Allein bei diesem wird sich's viel- 
leicht besser stellen, wenn wir die urkundliche Überlieferung 
erhalten; ich war meist noch auf Gaisford angewiesen. Einzelne 
falsche a (wie tQuiöftaTov Ecl. I 8, 39, V. 15) können nicht stark 
ins Gewicht fallen. Der Adonis aber steht nur in Wäre er 
überliefert wie der Epitaphios Bions, so würde er anders aus- 
sehen: das zeigt sich hier in iq)ü.i]aev V. 69, das aus Bion V. 14 
stammt. Danach bin ich schliefslich im Adonis verfahren. Wenn 
aber der Schüler Bions das Richtige hat, wird es der geborne 
Syrakusier Moschos erst recht gehabt haben. Wir werden wohl 
am besten tun, in den Gedichten, die $ allein erhalten hat, ohne 



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Berichtigungen und Nachträge. 



253 



Rücksicht auf die Handschriften alles notorisch Falsche still- 
schweigend auszumerzen, wie ich es mit den falschen Dorismen 
von 3> gegenüber 11 getan habe. Ein schlimmes Versehen ist, 
dafs ich S. 21 sage, Gellius IX 9 gäbe in Theokrits Komos 1 
ne<pi?,afieve wie unsere Handschriften. Ich verdanke die Be-' 
richtigung dem gelehrten Korrektor der Clarendon press, der| 
mich auf Hertz' grofse Ausgabe verwiesen hat. Ich hatte ge- 
glaubt, mich auf meinen älteren Text von Hertz verlassen zu 
dürfen. So ist in Wahrheit das Richtige bezeugt, wjir aber nach 
der Theokritvulgata von alters her geändert und daher von Hertz 
zuerst selbst gegen seine Handschriften unterdrückt 

S. 34. 'd'Qiipai rot Xvxtdelg, ftgiipai xvvag tog vv ydycovn 
mufs ich schärfer erklären. Da3 Sprichwort kann nur gelautet 
haben &Qhpai xvvag cog tv ydycovn, denn es wird mit Aktaion 
in Verbindung gebracht. Davor schiebt Komatas, weil für diesen 
Grad von Undankbarkeit der Hund nicht zuzureichen scheint, 
dgitpai Xvxtöelg. Uns klingt es wie eine Antiklimax, aber das 
liegt nur daran, dafs wir das Sprichwort nicht haben. "Zieh 
dir einen Wolf. Das Sprichwort sagt schon, zieh dir einen Hund, 
dann frifst er dich: wie viel ärger ist dies." Das gibt in lang- 
atmiger Paraphrase, was Theokrits Publikum dem elegant ge- 
rundeten Verse unmittelbar entnahm. 

S. 40. Bei fiäka pommettes durfte ich nicht unerwähnt 
lassen, dafs Ahrens im Erastes 8 QÖda fxdkcov hergestellt hat, 
denn zu dem Blitze der zuckenden Lippe und dem Strahle des 
Auges gehören die Rosen der errötenden Wangen. Die Rosen- 
wange, QOÖöfiaXov, wie man früher schrieb, reicht nicht, da sie 
einen dauernden Zustand bezeichnen würde. Die Überlieferung 
()oöö(j,a?,Xov, von zweiter Hand (>odond?Mov, ist darum inter- 
essant, weil sie offenbar mit dem neugriechischen fia?.Xiä, die 
Haare, operiert. 

S. 52. Ich durfte nicht unerwähnt lassen, dafs in den 
Homerischen Epimerismen Anecd. Ox. I 264 ein Vers Überliefert 
ist, den Hecker mit Wahrscheinlichkeit dem Kallimachos bei- 
gelegt hat Äadyov (pllog vlög dp^Aog IIvoXBfiaiog (Anon. 337 
Sehn.). Auch dieser ist aus einem dorisierenden Gedichte, denn 
ionisch wäre es Adrjyog, und doch steht dgi^Xog. Aber da dies 



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254 



Berichtigungen und Nachträge. 



von dem Gatten der Berenike gesagt ist, kann es das Vorbild 
von Theokrits ägl^log Begevixa gewesen sein, freilich auch eine 
Nachbildung. 

S. 89. Ich mufste den Vers 22 des Bukoliskos so schreiben 
<bg xtaoög notl Jtgifivov ifiäv knvxa^ov vjvrjvav, nicht Meinekes 
aegi für jzotI aufnehmen. Denn Jiegl empfiehlt sich schon des- 
halb nicht, weil es im folgenden Verse mit dem Dativ verbunden 
steht, und aovi mit dem Akkusativ findet sich, wo wir den Dativ 
erwarten oder gar eine andere Präposition. Sophokles El. 931 
rjv Jtgög xd(pov xTsglofiata, wo Kaibel eine sehr künstliche 
Rechtfertigung des Akkusativs vorträgt. Philoktet 23 eyu (er 
befindet sich) x&Q ov ^Q^g atobv tovöe, wo man viel anderes 
mit Gewalt versucht hat. Homer M 64 oxöXojzsg, jzoti d' avvovg 
telxog 'Axcu&v, wo schlechte Überlieferung eben das jieqI gibt, 
das hier Meineke gesetzt hatte. Bion bei Stob. 64, 21 V. 3 i£6- 
(j&vov moxl xXddov. In allen Fällen entspricht unser "an", und 
wir werden zuzugestehen haben, dafs die Griechen dieses Orts- 
verhältnis mit "auf . . . zu" bezeichnet haben. So werde ich 
trotz der Nachahmung des Nonnos zweifelhaft, ob ich im Thyr- 
sis 29 nsgi mit Recht dem schwierigeren Jtovl vorgezogen habe 
(S. 223). 

S. 104. Ich fürchte, ich habe die Möglichkeit zu bestimmt 
abgelehnt, dafs $ sich auch in den ersten zwölf Gedichten als 
eine Sonderüberlieferung, geradezu als eine antike Ausgabe, ab- 
sonderte. Mit meinem Materiale kann darüber nicht entschieden 
werden, und ich glaube auch nicht, dafs eine umfänglichere 
Kenntnis von V daran etwas ändern würde; bei Triklinios ist 
die Kontamination selbstverständlich. Aber zugrunde wird 
allerdings diese alte Ausgabe überall liegen. Wenn wir B be- 
säfsen, würde doch aller Wahrscheinlichkeit die Verbindung mit K 
sich durchführen lassen, die in den Epigrammen, dem ersten 
Paidikon und den beiden kleinen Gedichten des Simias zutage 
liegt, so dafs wir auch das Zeichen il über den ganzen Bestand 
von BK ausdehnen könnten. Aber unser Material gestattet zur 
Zeit wenigstens diese Vereinfachung des Apparates leider nicht; 
und es ist nur ein Glück, dafs für den Text der Schade kaum 
grofs sein kann. 



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Berichtigungen und Nachträge. 



255 



S. 135. Ich mufste aussprechen, dafs ich Qvcbvizog mit 
Sv(üvr) und Bvoivevg in Verbindung bringe, welche sjilxkrjoig 
des Dionysos sich zufällig nur bei Ovid Met. 4, 13 findet; aber 
Bvmdöag nach Hesych in Rhodos: da haben wir die Sphäre, in 
der Theokrit den Namen fand oder erfand. 

S. 152. Thalysia 7 heifst es von Chalkon Bovgivav bg ix noöög 
ävvs xgdvav ev ivegeiadfisvog izitgai yövv. Das Imperfektum 
ist kaum zu ertragen, wenn blofs die alte Geschichte erzählt 
wird; daher hat P äwoe gesetzt, denn für Überlieferung darf 
man das nicht halten; dafs der Scholiast so las, ist mindestens 
unerweislich. Aber auch die Stellung des Chalkon würde be- 
fremden, wenn Theokrit nur die Geschichte erzählte, ix noÖog 
ist wirklich der Erklärung bedürftig. Die Anstöfse schwinden, 
wenn Theokrit eine bildliche Darstellung vor Augen hat. Der 
Heros stemmt das eine Knie gegen einen Felsen, als wollte er 
ihm das verhaltene Nafs ausquetschen, und tritt mit dem anderen 
Fufse fest auf den Felsboden: unter dem quillt dann das Wasser 
hervor; was nicht gerade zu bedeuten braucht, dafs dieser Tritt 
das Wasser hervorlockt. Von einer Statue redet wirklich ein 
Scholiast; ich bezweifle nur, ob er das aus tatsächlicher Kenntnis 
tut Einen alten Heros stellt man nicht in einer solchen Aktion 
dar, wenn man ihm eine Statue setzt; aber für ein Relief an 
dem Brunnenhause war es durchaus angemessen. 

S. 159. Unter den metrischen Härten des Kyklopen mufste 
ich vor allem anführen, dafs 54 und 79 das i von ön elidiert 
ist. Das ist wirklich fehlerhaft und findet sich später weder bei 
ihm noch bei seinen Nachahmern. Es ist durch Homerische 
Stellen hervorgerufen, in denen in Wahrheit ö te elidiert ist. 
54 wird ort in KP ausgeschrieben. Das ist richtiger, und ich 
hätte es am liebsten befolgt, denn das i kann eben nicht un- 
gesprochen bleiben; es tritt also eine Synalöphe ein wie im 
Lateinischen, wie das von der s. g. Elision des i des Dativs im 
alten Epos auch gilt und den Grammatikern bekannt war. Ein 
vielleicht noch interessanteres Zeichen der singulären Stellung 
des Kyklopen ist 73 alx Mwv raArigcos nXexoig. Da xe un- 
möglich ist, haben wir wieder jenes alx, das an otix seine 
Parallele hat, zuerst erkannt von W. Schulze im Arkadischen, 



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256 



Berichtigungen und Nachträge. 



nun, wie Kaibels Index zeigt, im Syrakusischen des Epicharm 
mehrfach belegt. Im asiatischen Dorisch habe ich es auch auf- 
gezeigt, in dem knidischen Orakel bei Herodot I, 174. Die In- 
schriften der asiatischen Doris kennen es nicht mehr; die Schrift- 
sprache hat es eben allerorten verdrängt, und Theokrit hat sich 
auch später solcher gar zu fremdartig und falsch klingender 
Dialektfonnen enthalten wie diese und dylxevoo, das eben auch 
im Kyklopen steht. Ich würde mir auch ein Futurum fiaftevfiai 
60 ohne weiteres gefallen lassen, wenn nicht vvv aM ya velv 
ye fia&svf4,ai mit dem doppelten und dazu in verschiedener Form 
überlieferten ye dabei stünde. 

S. 209. Es ist mir begegnet, in der Betonung zwischen 
Xrjval und Xfjvai zu schwanken. Das kam davon, dafs die Byzan- 
tiner, also auch unsere Drucke schwanken. Die Überschrift des 
Gedichtes gibt Xrjvcu und so die Clemensscholien; Hesych, der 
nach Herodian accentuieren will, Xrjval; auch in Philostrats 
Bildern ist die letzte Silbe betont. Die wirkliche Regel Hero- 
dians steht bei Theognostus, Kanon 687 S. 113 tä diä tov i)vr] 
ötavXkaßa ßaqmova vö ij jiaQaXrjyevar 'Ptfvr} övofia xtigiov 
2i]vt) (ov% y 2vrivi)*)' fpr)vrj eldog ögveov nt)vri i) oeXrjvrj- 
Xtfvy, h>$ev xal xarapjvi? tö xavayiXaofia' xQtjvrf yk/jvi)*)' 
hr\vt). Folgt Ausnahme axrjvi). Arkadius gibt nur weniger. 
Davon waren zur Zeit des Herodian in der Sprache lebendig 



1 ) ov/t}ovT]vr] die Handschrift, von Lentz I 330 unterschlagen, von 
Lobeck Proll. 199 vergewaltigt; Theognost kannte Sena nicht, sprach aber 
Syene auch Smi. 

a ) Dam gibt Arkadius die Erklärung 6 $ünos; wie der Thesaurus lehrt, 
fordern andere byzantinische Glossen die Schreibung yltvij. Et. Sorb. yl(va 
xal nivu xal nfros 6 (>vno;. Ob Hesychs yXotn hergehört ist fraglich. Aber 
seine bessere Glosse yi-r^t) xÖQrj d</9aXuov, xal natyvtov, xal oiJtrbg «fror, 
xal TrjV 7it7iXaO(x(vijv xÖQtjv (d. i. das mtfyriov), 7tQoao\fjiv t xal ylqvas ia 
xrjQla t(üv ufitooiöv rj oQf) (längst getilgt; es ist xoqtj) und yXdvtj ovJevos 
«&ov, das man nicht tilgen soll, lehren, dafs das altionische yX^v^ die 
Pupille, zur Puppe ward wie xöqt) und dadurch zum ovJiid; ü^iov. Puppe 
war es schon, als Ö 163 CQot xaxij yl^n gedichtet ward. Zum Schmutz 
führt von hier kein Weg. Also hat Herodian unrecht, es sei denn, dafs sich 
y iiji'i? neben yX^urj, l i u 1, eingedrängt hatte. yXlvt\ erweckt auch wenig Ver- 
trauen. 



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Berichtigungen und Nachträge 



257 



nur xQrjvr) und axrjvrj; von prjvy und xavazy v V wird man die 
wirkliche Betonung gekannt haben. Von (prjvr) hat es sicher eine 
nagdöooig gegeben, weil das Wort bei Homer vorkam. Aber die 
Analogie reichte wahrlich nicht, um ?.r)wj zu bestimmen. Für 
unseren praktischen Gebrauch mag Herodian die Diktatur üben; 
aber die Sprachwissenschaft mufs sich daran machen, ihn zu 
kontrollieren, wenn das auch sehr oft zum Eingeständnisse des 
Nichtwissens führen wird. Nicht nur hierfür ist eine Bearbeitung 
des Theognostos ein dringendes Bedürfnis. Da steckt noch eine 
Menge wertvollen Sprachmateriales verborgen. 

Noch ein Wort zu zwei Stellen der äolischen Gedichte, die 
ich mit mehr oder weniger Zuversicht zu verbessern versucht 
habe. 30, 13 steht in C Xevxäg ovx inlatrjad'', ötti yögrjg kv 
xgord<poig vg(%ag und gefordert ist der Sinn olofta, iaiaTaoai. 
Das Überlieferte könnte man tarjio&7)oai (as) lesen, aber das hat 
selbst als Glosse keine Wahrscheinlichkeit. Ich denke, die Glosse 
war ijzlovaoai, und sie glossierte öldtjofta. Dies hatte Theokrit 
in einem lesbischen Gedichte gefunden. Et. M. = Epimer. Horn. 
I 331 ol Alokelg rö olöa oFd^u Xeyovoi xai tö devvegov otdtjg 
xai ijtexvdoEt oUrjotia xai xavä ovyxojzijv olafta. Da kann 
fraglich sein, wie viele Formen tatsächlich belegt waren; er- 
schlossen können sie nicht alle sein. Die Trennung des Diph- 
thonges bezeugt Stephanos Byz. Kagla. Dafs er auf olöa führt, 
und eine reduplizierte Form zugrunde liegen wird, also wirklich 
mit einer Länge, macht für das Aolisch des Theokrit nichts aus. 
Ein Imperfektum von jUaa/u, an das man denken könnte, ist 
nicht bezeugt, und das Verbum ist spezifisch dorisch. 

29, 18. Der Dichter sagt zu seinem Knaben "Du bist 
wetterwendisch. Wenn dir einer ein Kompliment macht, be- 
handelst du ihn wie einen alten Freund und deinen ersten Ver- 
ehrer wie eine Bekanntschaft von vorgestern, dvögöjv rcov 
VTiegavogecov doxieig nviuv. Du mufst dich zeitlebens an den 
einen halten, der zu dir pafst". vnegavögeog kann es nicht 
wohl neben ÜJieQijvcog geben; von da gelangt man auch zu 
keiner Sentenz. Daher hat Ahrens vnkg dvogiav gesetzt, was 
ich für evident halte. Nur ist das im Anschlufs an das Frühere 

Philolog. Untersuchungen. XVIII. 17 



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258 



Berichtigungen and Nachträge. 



ganz müfsig "xöv (piXovvxa xcöv dvög&v, (ov vsieg xrjv dvögeiav 
nvelg". Die Antithese vorher ist abgeschlossen; wir erwarten 
auch, dafs der Vers in sich ein Satzglied oder ein Satz ist. "Du 
hast ein aiV, einen humour, der über die dgexi) xal övvafMg 
hinausgeht" — von wem? das steckt in dvögcbv xtbv. vjtegrj- 
yavog el fiäXXov rj xaxd — xlva; Ich meine, da pafst nur 
fi xax' äv&gajiov. Also arftgcbacov vneg dvogiav. 

Und zwischen Tür und Angel noch die Frage, ob nicht 
V. 6') der Pharmakeutriai ganz richtig ist, obwohl man zu seiner 
Erklärung schon im Altertum 61 zugesetzt hat. td ftgöva xav&' 
vjtöfia^ov vag xtfvco <pXiäg, xadvnegxegov dg en xai vvv. Das 
heifst nach dem was S. 45 gesagt ist " streiche diese Zauber- 
mittel unten an seine Tür, so lange es noch mächtiger ist". 
An exi xal vvv mag man nicht rühren, vgl. Homer S 234, 
Hermeshymnus 508; an der Bedeutung von xadvjiegxegov darf 
man nicht zweifeln, vgl. 24, 100. Was aber ist mächtiger? Wenn 
es die ftgöva wären, würde man ganz sicher sein; dann läge 
darin, dafs die Kraft des Zaubers leicht verfliegt; vor dem 
Hahnenkrat, der die Hekate und ihre Gespenster scheucht, mufs 
das ylXxgov an Ort und Stelle sein. Aber xavhmigxega würde 
ich nur für zulässig halten, wenn die Interpunktion dahinter 
wäre. So frage ich: kann nicht das vji6f,ta£(u xd ftgova das 
xavS}JteQXEgov sein? mg exi £vöezexai der Scholien ist nicht 
korrekt: mg exi äyeXel sollte es heifsen. 



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Register. 



1. Theokrit und d 

Handschriften : 

Ambrosianus G 32 (A) .... 12 
75 (C) .... 86 
„ B 99 (F) . . . . 100 
„ 222 (K) . . . . 6 
Baroccianus 50 (des Erastea) . 50 
Basileensis (der Europa) . . .100 
Laurentianus 32, 16 (S) ... 10 
32, 37 (P) . . . 8 
„ conv. sopp. 15 (W) 69 

Papyrus Oxyrynch. 694 (des 



Hylas) 17 

Parisinus 2726 (D) . . . 39. 85 

2831 (L) 39 

2832 (Tr) 9 

2884 (Q) 8 

Patavinus (B) ....... 7. 85 

Vaticanus 38 (T) 8 

40 (O) 11 

„ 42 (E) 12 

913 (H) 10 

„ 915 (M) 11 

„ 1311 (X) .... 69. 96 

„ 1824 (V) 8 

„ 1S25 (U) 12 

n 84. 102 

«/» 69. 102 

Textgestalt in den Scholien . . 33 
bei Stobäus 33. 34. 44. 76 
u bei Vergil 101 



anderen Bukoliker. 
Bearbeitungen und Ausgaben: 



Ahrens 2 

Amarantos 108 

Artemidor 124 

Hiller 3 

Iuntina 7. 86 

Kallierges 7. 86 

Munatius 108 

Musuros 7 

Stephanus 1 

Tbeon 110. 124 

Triklinios 9. 70 

Ziegler 3 

Accent jation 16. 86. 251 

Bau der Gedichte 92. 160. 222. Beil. 2 
Dialekt . . . . 18. 19. 2G. 88. 252 
Eigennamen . . . 165. Beilage 1 

Illustrationen 9 

Reihenfolge der Gedichte 14. 65. 85-87 
Theokrit 1 148. 162 

- Titel 112 

- Hypothesis 14 

- V. 11 28 

- »13 229 

- «17 33 

- „ 29. 30 . . . 223. 254 

- „36 23 

- „56 36 

- „62 21 



17» 



260 



Register. 



Theokrit 1 V. 85 


.... 23 


Theokrit 






— • 






— 








„ 105—107 


. . 21. 229 


— 


„13 










— 


„35 




— 






— 


13 passim . 


. . 7. 17. 174 




„ 147 .. . 




— 


V. 23. 24 . 


178 








— 


„48 










— 


„58 










— 








1 JA 




— 












— 








1 J 

„14 ... 




— 


„55 












15 .... 






j 


1 /> /% 






. . , 48-51 




» Ol ... 


.... 20 






















c 








61-64 




On 


.... 230 




17 .... 


142. 152 




#• o 












J j| 


















passim . . 


. . . 56-61 








[Theokrit 19] KrjnwxX^nt^ . . 79' 




„ 118 .. . 




[Theokrit 20] ßovxoUoxog ... 80 




„ 146 . 






„ 


V. 5-7 78 




6 V. 24 , 








„ 26 . 74 




7 . . . . 




[Theokrit 21] 'AlieTg 


. . . 82—84 








Theokrit 22 ... 93. 94. Beil. 5 










V. 170 . . 


191 








[Theokrit 23] '^«otijs 


81 




„25 ... 






>» 


V. 22 81.254 




„59 ... 






• 

„ 


„ 30-32 75 


[Theokrit] 8 


. 122. 144 


Theokrit 24 . . . 96 


-99. 237-41 




V. 22 




[Theokrit 25] 'Hgaxlni 


. . . Beil. 9 




„49 ... 




[Theokrit 26] ^»>«i . 


. . . Beil. 8 




„ 57-60 




[Theokrit 27] 'Ottounis 


. . 90-93 


[TheokritJ 9 


n.:| m 






V. 50 . . 41 


Theokrit 10 


. 142. 167 


Theokrit 








V. 3 . 


.... 29 






137. 160 




„ 14 .... 






29 .... 


138 




„32 ... 
























„14 ... 






Epigramme . 


. . 113—121 










» 4 


. . . Beil. 6 










18 


. . 18. 252 



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Register. 



Epigramm äXloe b Xiof . . 


10. 125 


Moschos Eros . . . 


76. 77. 80 




. . 12 




. . . 99-101 






- „ 44 


-61 . . . .228 






Epitapbios Bioos 66 


-68. 146. 147. 241 






Eis vtxqbv "Adarnv 


71 


[Bion] farifrri. 'ä X 'lX(tas . 


72-74 


Tecbnopägnien . . 


89. 108. Beil. 11 



2. 





64 




. . . 183 


Accente 17. 88. 


000 








213 




138. 214 




22 




195. 252 




193 


Epigramm . . 119—121. 


199-202 




233 


„ 781 Kaibel 


. . .200 


Fgm. Anonym. 262 Schneider . 


49 






„ „ 357 „ 


253 


— Grammatiker 


. . . 107 


Antholog. Pal. 5, 83. 84 ... . 


105 


Erinna 


. . . 117 


„ „ 7, 658—664 . . . 


114 




. 128 




105 


Euhemeros 


. . . 171 






. . 209 




118 






Apollonios de pron. 105 . . . . 


48 




. . .205 


— von Rhodos 177. 193- 


■198 




19. 112 


Argonauten 175. 193. 247 


- 4,11 


. . .251 




111 








24 




157 




163 




. . 233 


Asklepiades A. P. 5, 151 . . . . 


181 


- „ 7 . . . . 




Ausonius Epist. 14, 133 . . . . 


36 








196 


„ 34 . . . . 






109 






Bukolik 111. 


165 




140 




22 


Hylas 


. . .175 




112 




. 105 




234 




9 


Demoineles von Paiania . . . . 


118 






Dialekte 26. 66 


lustin 23, 3 


... 156 




157 








112 


— Dialekt . . 


. 19. 27 




173 


- Aitia .... 


. . . 127 




197 




... 176 


Dionysosgeburt 


216 






Dionysoskult im Baume . . . . 


105 


Epinik. auf Sosibios 171 



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262 



Register. 



Kallimachos Hyran. 1, 96 . . . . 55 

— „ 4, 98 ... . 212 

— fgm. 70 172 

— „86 172 

— „ 226 .... 38 

— „ 498 3 

Knabenliebe 175 

Komparativ für Superlativ ... 50 

Kyrenäischer Dialekt 27 

Laevius 112. 113 

Leichenspiele 197 

Leonidas v. Tarent 114 

Leukippiden 188 

Lityerses 123 

Longus 2, 3 80 

Metrik 248 

Milet 22 

Nikanor v. Kos 152 

Niketes Eugenianos 105 

— „ 4,315 ... 80 
Nikias v. Milet ... 118. 160. 177 
Nonnos Bukolikerlektüre . . . .106 

- 19, 128 225 

Ovid Ibis 549 168 

Pelias 196 

Pentheus 219 

Pharos 183 

Piatontext 15 

Polydeukes 196 



Priapos 200 

Properz 2, 34. 68 112 

Ptolemaios Genealogie 153 

Pyrnos 223 

Pyrrbos v. Milet 166 

Reizianum 248 

Sappho fr. 4 121 

„ bei Iulian ep. 60 ... 179 

Schol. Apollon. 2, 159 195 

„ zu Vergil 110 

„ „ Än. 3, 394 . . 213 

„ „ „ 3, 500. . . 232 

Sextus adv. gramm. 314 .... 108 

Simias 244 

Simichidas v. Orchoraenos . . .151 

Sophokles Herakliskos 238 

Sophron 133 

Sostratos v. Knidos 183 

Stilpon 173 

Suidas QfoxQiioi 128 

Themistagoras 224 

Theognost S. 113 256 

Theokrit Person und Leben 52. 117. 

Beil. 3 

„ u. Apollonios . . . 117. 198 
„ u. Kallimachos 53. 54. 163. 170 

Timaios 156. 157. 234 

Vergil Ecl. 3, 39 223 

Vestinus 109 



3. 



'AyQoitö J35 

äyto Aorist 28 

«/x 255 

180 

]A(jittQvXXls . 134 

äfijutg v/upts 25 

CCQttTI 54 

yXrjVt} ylivt) 256 

sllvfov, dlvoq 133 

Jgaxavov . . . • 200 

(WvXhov 129 



tyao&at 19 

f(tvo S 206 

t{>an(s 133 

toxi hU 33 f 

EvfidQag 135 

tvaoos 97 

hpaaSui 111 

rjXeos TiXiuaxos 48 

!j/nnf iifttv 25 

GivuKQtfas 135 

QvßQ* 232 



IXttv 23 | »vftaQtlv 



216 



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Register. 263 



Svcivt^oi 255 

' Innoxloiv 135 

xardyQtjv 120 

xovitiv 223 

xoqo( 72 

xQetcrojLieh' 216 

KuloiMs 134 

Xtüff xore 19. 173 

Anfing 135 

l<i»QV . . . 24 

A»)r«* 209. 256 

Avxtonos, Avxutntiitts 164 

palöi, paXu7id(>auog 216 

MtXt$w 134 

/iijA« metaphorisch . . . .41. 253 

lg viov 50 

SlJ« 257 



"Olms 134 

(Uf407llatt] 216 

7i ai Ji xu {aioucua) 85 

Ktf 165 

rä TTtQioou 216 

71T) 7T(t 24 

noTi 68. 254 

nvxtiCttv 81 

aro/jaXluvt] 166 

t(qo<o 94 

i(tvyn«i 98 

rrtöf Tiife 25 

TirvQoi 165 

loaa^vog 24 

vfivoi; Epigramm 116 

üpia 21 



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Druck ton W. Pormette r in Berlin. 



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